Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Manchmal…

20 Kommentare

Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich den richtigen Beruf gewählt habe. Nicht, dass mir meine Arbeit keinen Spaß machen würde – ich liebe was ich tue – aber manchmal, da fehlt mir ein bisschen die Empathie. Wehleidige, uneinsichtige Menschen machen mich einfach etwas aggressiv. Vielleicht macht mich das gar zu einem schlechten Menschen?

Da liegt beispielsweise diese übergewichtige, geistig völlig zurechnungsfähige Patientin Anfang 60 bei uns auf Station. Sie hat chronische Wunden am Bein, erschwerend kam ein akuter Gefäßverschluss hinzu infolge dessen die Schicht, die die Muskeln umgibt, gespalten werden musste, da der Druck in ihrem Bein sonst zu hoch geworden wäre. Letzten Endes bedeutet das, dass sie drei große, tiefe, nicht gerade hübsche offene Stellen am Unterschenkel hat, die nun, nachdem die Gefäße alle wieder eröffnet sind und das Bein wieder abgeschwollen ist, versorgt werden müssen. Ein direkter Verschluss ist nicht möglich und bevor die plastischen Chirurgen aktiv werden können, muss die Wunde besser abheilen.

Hierfür soll eine Vakuumpumpe angebracht werden, die die Wundheilung fördert. Trotz langen Erklärungen lehnt die Patientin aber diesen kleinen Eingriff ab. Warum genau, das kann sie nicht erklären – sie wolle das einfach nicht und überhaupt, nochmal in den OP um die Pumpe anzubringen, das komme gar nicht in Frage. Der Chefarzt erklärt ihr, dass es keine Alternative zu der Pumpenbehandlung gibt – können die Wunden nicht zur Abheilung gebracht werden, dann bleibt nur noch eine Amputation des Beines. Gut, das wäre ihr lieber, dann sollen die Ärzte eben das Bein amputieren. Wir stehen alle ziemlich verwirrt im Raum und die Oberärztin versucht ihr beizubringen, dass man nicht – einfach so – ein Bein amputiert und dass das weiter reichende Konsequenzen hat, als die Patientin sich das im Moment vorstellen könnte. Doch die gute Dame bleibt stur und wir ziehen mit der Visite weiter in den nächsten Raum.

In der folgenden Woche scheint es doch irgendjemandem gelungen zu sein, der Patientin ins Gewissen zu reden und sie zieht schließlich doch den winzigen Eingriff, der zum Einbringen der Pumpe notwendig ist, der Amputation des gesamten Beines vor. Puh, gerade nochmal die Kurve gekriegt.

Aber damit hören die Anstrengungen um diese Patientin nicht auf. Sie bekommt Fieber. Für die Ursache stehen zwei Theorien im Raum – ihre: die Rückenschmerzen; unsere: der Blasenkatheter, der wahrscheinlich zu einer Harnwegsinfektion geführt hat. Wir wollen daher den Katheter ziehen, medizinisch notwendig ist er nicht mehr. Doch die Patientin sträubt sich und ist der festen Überzeugung das sie mit der Pumpe (die etwa die Größe einer Handtasche hat) auch mit Hilfe nicht zur Toilette gehen könne. Gut, dann zumindest auf den Toilettenstuhl. Nein, auch das sei unmöglich. Naja, dann bleibe eben nur noch die Bettpfanne. Nein, das sei völlig unmöglich, das wäre eine Zumutung. Ich bin mir nicht sicher, wie dieser Kampf am Ende ausgegangen ist.

Nun ist es bei Vakuumpumpen so, dass gelegentlich die Pumpen entfernt werden müssen um die Wunde zu reinigen und neue Schwämme einzusetzen. Das ist kein großer Aufwand, häufig kann man das sogar im Patientenbett durchführen. Da die Wunden unserer Patientin jedoch sehr groß und tief sind, machen wir die Reinigung lieber im OP um Sterilität zu gewährleisten. Heute ist es soweit und obwohl die Patientin Bescheid wusste, ist sie jetzt störrisch und möchte nicht. Nach langen Reden gibt sie schließlich nach. Doch schon bei der Lagerung im OP gibt es die nächsten Probleme. Um die offenen Bereiche ihres Beines gut zugänglich zu machen, soll sie sich auf die Seite drehen. Nein, das sei unmöglich, da könne sie ja von der Liege fallen und außerdem würde ihr Bein dabei bestimmt mehr wehtun. Als sie sich dann doch dreht muss sie zähneknirschend sogar zugeben, dass – wie von uns vermutet – die Schmerzen sogar weniger werden, wenn sie auf der Seite liegt. Während den Vorbereitungen beschwert sie sich in weinerlicher Stimme über alles und jeden – und überhaupt, warum würde das denn alles so lange dauern? Sie wolle jetzt zurück auf ihr Zimmer.

Kaum beginnen wir mit dem sterilen Abdecken des Beines, fängt sie an zu stöhnen und zu jammern, wie starke Schmerzen sie doch habe. Da hilft es auch nichts ihr zu erklären, dass wir eigentlich noch gar nichts gemacht haben. Sie habe heute außerdem auch noch überhaupt kein Schmerzmittel bekommen, da sei es ja kein Wunder, dass sie Schmerzen habe. Ein Blick in die Akte sagt uns, dass sie schon zwei Schmerzmittelinfusionen hatte und unsere Frage, warum sie denn den Schwestern auf Station nicht Bescheid gesagt habe, wenn sie tatsächlich nichts erhalten habe, kann sie irgendwie nicht beantworten. Die Anästhesistin hängt ihr eine Kurzinfusion Paracetamol an und wir beginnen den Eingriff, begleitet von ihren Klagen. Warum wir denn jetzt auch noch die plastischen Chirurgen hinzurufen (diese sollen die Wunden ohne Pumpe sehen, damit sie ihren späteren Eingriff zur Rekonstruktion planen können), das kann sie nicht verstehen. Außerdem, dieses Paracetamol, das helfe überhaupt nichts. Die Anästhesistin schlägt ihr vor, dass sie ihr gerne ein stärkeres Schmerzmittel geben könne, das würde allerdings bedeuten, dass sie nach dem Eingriff für kurze Zeit zur Überwachung in den Aufwachraum müsse. Aufwachraum? Nein, also da wolle sie auf keinen Fall hin. Warum? Keine Ahnung. Himmel! Ich versuche mich im Meditieren um nicht die Fassung zu verlieren. Als ich mich umschaue sehe ich, dass alle – die Ärzte, der OP-Pfleger und die Anästhesistin- die Augen verdrehen. Ich bin also wohl nicht die Einzige, die sich wünscht, dass wir ihr einfach eine Vollnarkose verpassen würden.

Vielleicht bin ich also doch kein schlechter Arzt und auch kein schlechter Mensch. Oder zumindest nicht der Einzige.

Ann Arbor

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Autor: Ann Arbor

"We're all stories in the end...just make it a good one! Because it was, you know, it was the best!" Doctor Who

20 Kommentare zu “Manchmal…

  1. „Vielleicht bin ich also doch kein schlechter Arzt und auch kein schlechter Mensch. Oder zumindest nicht der Einzige.“
    hihi, das glaube ich auch 😉
    Klingt wirklich mühsam! „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“
    Ich glaub, manche schalten dann einfach um auf gleichgültig. Verständlich ist beides…

  2. Oi. Klingt nach nem echten Härtefall, men Beileid!!
    Durch meine Arbeit in der Apotheke bin ich auch schwierige Fälle gewohnt, aber das is echt krass. Da kann man ja verstehen, wenn man schlecht gelaunt, agressiv o.ä. wird… Da bin ich auch so, und ich bin wirklich lieb und geduldig 🙂 🙂
    Ich drück die Däumchen, dass in der nächsten Zeit kein Problemfall mehr kommt 😉

    LG, Franzi

  3. Dafür gibts ne Balint-Gruppe 🙂

  4. Ich denke wenn man da die Geduld verliert, ist es verständlich.
    Man kann ja Angst haben, man kann ja auch ein bisschen Mitleid heischen wollen, aber sowas? Geht gar nicht. Klare Worte ohne jedes Mitleid wäre meine Antwort auf so etwas. Verständnis ja, mehr aber nicht. Hört sich ein bisschen wie ein unzufriedenes, verunsichertes Kind an.

  5. Jaja, die lieben Patienten!

    Ich habe neulich meiner (neuen) Zahnärztin rundheraus erklärt, dass ich mir auf keine Fall ohne Betäubung den Zahn bohren lasse, nur damit sie sehen kann, ob er noch lebt. Nein, dann solle sie den Weisheitszahn lieber rausoperieren, dafür bekäme ich dann ja eine Spritze.

    Ich konnte förmlich sehen wie sie innerlich einen großen Schritt zurückgetreten ist ;-). Danach hat sie mich dann doch recht schnell überzeugt. Die Argumente waren dann doch auf ihrer Seite, zum Glück.

    Was hilft? Klare Worte! Kein „wir würden gerne“ sondern „Sie haben einen Harnwegsinfekt und dehalb ziehen wir Ihnen jetzt den Blasenkatheter heraus.“ Es ist ein Spagat manches Sinnvolle durchzusetzen ohne zu drohen oder zu betteln, ohne den Patienten zu entmündigen aber auch, ohne sich zum Spielball machen zu lassen. Das ist (ärztliche) Kunst!

    Und das Gejammere? Jammern hilft!!! Wirklich! Ich jammere auch gerne, auch wenn ich weiß, die Anderen können es schwer aushalten, aber ich habe dann automatisch weniger Schmerzen, weniger Angst. Es ist mein Ventil. Ich empfehle es auch weiter … und auch wenn es anstrengend ist, ein bissl „ja, sie sind tapfer, es ist gleich vorbei“ im steten Singsang kann viel helfen. Irgendwann kannst Du das in Endlosschleife sagen und dabei was ganz anderes machen, deine Steuer z.B.

    • Jammern hilft? Wirklich? Vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren 😀
      Aber ja, du hast recht, es ist eben eine Gratwanderung zwischen „Das Sinnvolle/Richtige“ tun und die Selbstbestimmung des Patienten zu beachten. Zum Glück ist das ja bisher (noch nicht( meine Aufgabe 🙂

  6. Puuh, so ganz zurechnungsfähig hört sich das nicht an. Ich würde mit der Frau gar nicht mehr diskutieren – ist notwendig und damit basta! Wegturfen scheint noch keine Option zu sein (außer in die Pathologie).

    Du hast ganz sicher den richtigen Beruf gewählt. Irgendwann ist jedes noch so große Einfühlungsvermögen am Ende. Auch diese Patientin ist irgendwann mal woanders…

  7. Ich denke mal, die Patientin hat sonst kaum soziale Aufmerksamkeit, und holt sich ihre „Streicheleinheiten“ über Beschwerden und rumgemoser. Ich selbst kenne einen Menschen, der ist bei Telefonseelsorgen von Sasnitz bis Garmisch namentlich bekannt. Eine Amputation käme in diesem Fall tatsächlich gerade recht, denn anschließend könnte man nicht nur über die schlechte medizinische Betreeung klagen, die zur Amputation geführ hat – nein, man wäre, als Zugabe sozusagen, auch gleich noch körperlich behindert.

    Die wahre Frage ist, ob man nicht parallel zu all den akut anliegenden Problemen einen Psychiater bzw. eine psychiatrische Betreuung hinzuzieht, einfach um mal zu ergründen, ob das wahre Problem der Patientin eventuell ganz woanders liegt…

    • Sozial ist die Patientin eigentlich gut eingebunden, soweit man das im Trubel einer chirurgischen Station beurteilen kann. Aber du hast Rechtm der sekundäre Krankheitsgewinn (also die Vorteile, die durch eine Amputation etwa entstehen würden) ist natürlich nicht zu verachten. Ob man gleich auch einen Psychologen hinzuziehen sollte – ich weiß nicht…Ich persönlich finde das nicht ganz passend, aber darüber lässt sich mit Sicherheit streiten.

      • Ich bin fachfremd, daher ist meine Meinung nicht maßgeblich. Es war nur das erste, was mir bei „aktiven Nachdenken“ über den Fall in den Sinn gekommen ist. Und für mich ergab sch eine kausale und logische Kette. In wie weit aber im Trubel des Stationsbetriebs die wahre soziale Einbindung eines Patienten zu beurteilen ist, kann ich einfach nicht sagen. Kommt doch im Krankenhaus durchaus die Verwandtschaft vorbei, die sich sonst ein Jahr am Stück nicht blicken läßt (so als Beispiel). Und gerade die intelligenten aber rechthaberischen und opportunistischen Menschen sind – vielleicht auch etwas selbstverschuldet – nicht immer die beliebtesten.
        Allerdings – nennt mich zynisch – würde ich „passive Selbstverstümmelung“, also die Einwilligung (und die aktive Einforderung) einer offensichtlich unsinnigen Amputation, schon als Grund für ein Kreuz bei „Psychologe sollte mal ein unverbindliches Gespräch mit dem Patienten führen“ auf dem Krankenblatt sehen… 😉

        • Ach, das hat doch nichts mit fachfremd zu tun, da kann sich doch jeder seine Meinung bilden. Ich finde einfach, dass man manchmal zu schnell unerwünschte Charakterzüge gleich als psychologisches Problem abstempelt. Und amputiert wurde ja am Ende nicht 🙂 Aber natürlich ist das hier ein grenzwertiger Fall über den man, wie gesagt, mit sicherheit streiten kann.

  8. Hut ab wer dabei noch Ruhe ausstrahlen kann und alles noch 10x erklärt.
    Ich glaub ich müsste öfter mal vor die Tür um irgendwo gegen zu treten.

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