Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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„Wir sind verdammt nochmal alle Menschen. Auch wir.“

Down-Syndrom – Trisomie 21. Ein zusätzliches Chromosom das alles verändert.

Benjamin ist sehr klein für sein Alter, isst wenig, schreit viel. Seine Mutter Elena ist 28 Jahre und manchmal, da kommt sie fast an ihre Grenzen – wie vermutlich fast jede alleinerziehende Mutter. Doch Benjamin ist kein „normaler“ Einjähriger, er hat Trisomie 21. Etwa eine Woche nach Benjamins Geburt wurde erstmals der Verdacht auf eine genetische Erkrankung geäußert – ein Gentest brachte schließlich die unumstößliche Diagnose: Down-Syndrom. Elena stand unter Schock. Down-Syndrom? Für sie sah ihr Benjamin wie ein gesundes, neugeborenes, glückliches Baby aus. Einen Test vor der Schwangerschaft hatte sie in ihrem jungen Alter nicht durchführen lassen. Heute quält sie vor allem die Angst, wie es Benjamin ergehen wird, wenn er älter wird. Wird er lesen und schreiben lernen können? In Australien hat ein Mann mit Down-Syndrom einen Universitätsabschluss erreicht. Sie wünscht sich, dass er später selbsständig leben kann – nicht nur für ihn, sondern auch für sich. Denn was wird sein, wenn sie sich einmal nicht mehr um ihn kümmern kann? Noch steht in den Sternen, wie stark das Down-Syndrom Benjamin im späteren Leben beeinflussen wird, die Spannweite des Grades der Behinderung ist riesig.

Aus den Weiten des Internets.

Direkt nach der Geburt wurde bei Lukas ein Herzfehler entdeckt, die Verdachtsdiagnose „Down-Syndrom“ folgte fast zeitgleich. Lukas weißt fast alle typischen Merkmale wie eine bestimmte Stellung der Augen und eine besondere Form der Hände und Füße auf. Auch seine geringe Muskelkraft und der Herzfehler weißen stark in diese Richtung. Die Eltern blocken vollständig ab, wollen von der möglichen Diagnose nichts hören. Erst dem später durchgeführten Gentest glauben sie schließlich, dass ihr Sohn tatsächlich an einer Trisomie 21 leidet.
Während ihren Besuchen stehen sie am anderen Ende des Zimmers. Als die Schwesternschülerin Lukas füttert, kommt zumindest der Vater etwas näher, die Mutter weigert sich jedoch, Lukas auch nur zu berühren. Nach und nach kommen sie immer seltener, irgendwann gar nicht mehr. Der Vater erkundigt sich nur noch telefonisch nach dem Zustand seines Kindes. Doch Lukas geht es immer schlechter, er muss auf die Intensivstation verlegt werden, wo er – nur wenige Wochen alt – stirbt. Ob seine Eltern ihn nochmals besucht haben, weiß ich nicht.

Mia ist der Sonnenschein unserer Station. Sie ist ein aufgewecktes, 6-jähriges Mädchen mit wunderschönen, langen, blonden Haaren, ihre pinken Glitzer-Blink-Schuhe sind ihr ganzer Stolz. Bei der Untersuchung arbeitet sie besser mit als die meisten anderen Kinder ihres Alters, sie merkt sich meinen Namen und liebt meine dunklen Haare, die sie immer wieder anfassen möchte. Auch wenn wir uns im Park unserer Klinik treffen, erkennt sie mich sofort und winkt mir freudig zu. Sie ist ein quirliges, offenes Mädchen, plappert unentwegt über ihre Katze, das Fahrrad, das sie zu Ostern geschenkt bekommen hat oder über ihre beste Freundin. Sie schwimmt gerne und spielt gerne Mensch ärgere dich nicht. Mias Mutter ist bereits 41 Jahre alt und wusste schon vor ihrer Geburt, dass Mia an Trisomie 21 leidet. Sie hat sich ganz bewusst für ihr Kind entschieden und hat diese Entscheidung noch nie bereut. Im Herbst wird Mia eingeschult, in eine Förderklasse an einer gewöhnlichen Grundschule. Darauf freut sie sich schon unheimlich. Durch Zufall liegt sie im gleichen Zimmer wie der kleine Benjamin, den sie heiß und innig liebt. Ich kann mir gut vorstellen, dass Elena nach diesem Krankenhausaufenthalt nicht nur ein gesünderes Kind, sondern auch viel Kraft und Hoffnung für die Zukunft mit nach Hause nimmt. Jedes Mal, wenn ich zu Mia komme strahlt sie mich an und umarmt mich. 10 Minuten in diesem Zimmer retten einen über so manch einen stressigen Krankenhaustag hinweg. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, dass sie mit anderen Eltern vielleicht gar nicht geboren worden wäre. 90% der Kinder mit Down-Syndrom werden abgetrieben. Aber Mia, sie wird einer der Patienten sein, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde.

Eigentlich sollte der Titel des Eintrages „Alle guten Dinge sind drei“ lauten, doch dann bin ich über das Zitat „Wir sind verdammt nochmal alle Menschen. Auch wir.“ von Sebastian Urbanski, einem Schauspieler mit Down-Syndrom, gestolpert…

Ann Arbor

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Die Qual der Wahl des Traumjobs.

Nach einer Phase in der ich Falknerin mein Berufswunsch Nummer 1 war, wurde mir eigentlich schon früh klar, dass ich Medizin studieren wollte. Hierfür gab es weder ein Schlüsselerlebnis noch elterliche Berufsvorbilder…vielleicht hatte ich in einer prägenden Phase einfach etwas viel Scrubs geschaut. Das Endziel des Studiums stand also fest: Arzt werden. Heute, wenn man dieses Ziel fast erreicht hat, müssen allerdings noch weitere Entscheidungen getroffen werden, die man 6 Jahre lang gemütlich vor sich her schieben konnte – „Es ist ja noch soo viel Zeit, bis es bei mir soweit ist“.

Da stellt sich zunächst die Grundsatz-Frage: kleines Haus oder Uniklinik? Das kleine städtische oder gar kirchliche Krankenhaus mit der Grundversorgung der Patienten, in dem sich jeder kennt – eine große Familie und nicht einer von 50 Assistenzärzten der Abteilung. Oder doch lieber die Uniklinik mit hochspezialisierter Medizin auf neustem wissenschaftlichen Stand – Engagement in Lehre und Forschung (möglichst in der „Freizeit“) sind eine Selbstverständlichkeit. Für mich persönlich hat sich spätestens während meiner Doktorarbeit herauskristallisiert, dass es mich an die Uniklinik zieht. Lehre macht mir Spaß und Forschung begeistert und fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Doch dann stellt sich unweigerlich die nächste und alles entscheidende Frage: „Welche Fachrichtung darf’s denn sein?“ Was einfach klingt ist so unglaublich schwer. Die meisten von uns wussten zu Beginn des Studiums ganz genau, welche Fachrichtung sie später einmal einschlagen wollten. Doch die wenigstens haben diesen Zukunftsplan über die 6 Jahre Studium unverändert beibehalten.

Ich persönlich wollte Gynäkologin werden. Doch obwohl ich dieser Fachrichtung im Rahmen von Blockkurs, Pflegepraktikum und Famulatur immer wieder neue Chancen einräumte, kristallisierte sich schnell heraus, dass schwangere Frauen und ich einfach nicht kompatibel sind. Im Rahmen der nächsten Famulaturen durchwanderte ich daher eine bunte Mischung an Fachrichtungen – von der Mikrobiologie über die Radiologie bis hin zur plastischen Chirurgie war fast alles dabei. Das Problem war nur: irgendwie hat mir (fast) alles immer Spaß gemacht. So hat doch jede Fachrichtung (vielleicht mit Ausnahme der Anästhesie) ihre ganz eigene Faszination: Die Gynäkologie mit ihrer Kombination aus internistischer und chirurgischer Tumorbehandlung; die Innere Medizin mit dem Dr.House/Rätselraten-Effekt; die Chirurgie mit ihrem „Heilen mit den eigenen Händen“; die Dermatologie mit dem blumigen Beschreiben der Hautveränderungen, die normale Menschen nicht voneinander unterscheiden können (um dann letzten Endes doch immer eine Kortisonsalbe zu empfehlen); die Rheumatologie mit ihren klar definierten Diagnosekriterien; die Radiologie mit ihrem Bildersuchspiel; die plastische Chirurgie mit ihrem Anspruch an Ästhetik…diese Liste könnte man vermutlich sehr lange fortführen.

Geprägt wird man zudem durch gute Lehrveranstaltungen, unfreundliche Oberärzte, begeisterte Assistenzärzte, Freunde, Familie und nicht zuletzt die Doktorarbeit, deren Themengebiet man am Ende vermutlich hasst oder liebt. Zu Beginn des PJs konnte ich mich immerhin auf 2-3 potentielle Fachrichtungen festlegen. Jetzt, zu Beginn des dritten Tertials, sieht es leider auch nicht anders aus. Noch bis Mai wollte ich mir Zeit geben, bevor ich ernsthaft mit der Zukunftsplanung und den ersten Bewerbungen beginnen wollte. Doch die Dinge kommen ja letztendlich immer anders.

Nach 5 Monaten im Ausland hatte ich ein Treffen mit meinem Doktorvater vereinbart: Hallo sagen, den neusten Labortratsch austauschen und den gerade geschriebenen Artikel diskutieren – das war mein Plan. Doch das Gespräch dreht sich sehr schnell, als die Frage aufgeworfen wird „Ann Arbor, wie sieht eigentlich deine Zukunftsplanung aus?“ Und ehe ich mich versehe erhalte ich ein Jobangebot, das fast zu gut ist um es auszuschlagen. Ein paar Wochen Bedenkzeit werden mir zwar eingeräumt, doch jetzt ist es soweit – ich stehe vor einer der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens und frage mich, woher ich weiß, was das Richtige ist. Fast stündlich ändere ich meine Meinung. Woher soll man wissen was man will und was einen glücklich machen wird – nicht nur heute oder morgen, sondern auch in 10, 20, 30 Jahren – für den Rest des Lebens?

Ann Arbor


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Pflegepraktikum.

Das Pflegepraktikum ist wohl einer der meist diskutierten Bestandteile des Medizinstudiums. Pflegepraktikum – das bedeutet 3 Monate Praktikum im Krankenhaus, nicht mit den Ärzten, sondern eben, wie der Name schon sagt, mit der Pflege. Es soll erste Einblicke in den Krankenhausalltag und in die allgemeinen Abläufe auf Station geben, Grundkenntnisse der medizinischen Versorgung vermitteln (z.B. Blutdruck, Blutzucker und Puls messen) und vor allem die Kommunikation zwischen Pflege und Ärzten verbessern. Eine schöne Idee. Pflegepraktikum, das bedeutet jedoch auch 90 Tage arbeiten vor dem Studium oder in den Semesterferien, im Schichtdienst, an Wochenenden und an Feiertagen – unbezahlt, das versteht sich von selbst.

Man kann mit Sicherheit jeden Medizinstudenten nach seinen Erlebnissen aus dem Pflegepraktikum fragen und jeder könnte stundenlang erzählen. Die ersten Eindrücke im Krankenhausalltag sind scheinbar auch die, die sich am stärksten in der Erinnerung festsetzen. Die Geschichten sind so verschieden wie die Studenten selbst, die Krankenhäuser, die Abteilungen, die Pflegekräfte und die Patienten. Schöne Erlebnisse gibt es da, einige wären sogar gerne länger als die vorgeschriebenen 3 Monate geblieben, andere sehen das alles eher weniger positiv und sind überzeugt, 30 Tage hätten voll und ganz ausgereicht.

Ich persönlich zähle mich da eher zur zweiten Hälfte. Nach dem ersten Semester startete ich voller Enthusiasmus und Vorfreude in mein Pflegepraktikum auf einer chirurgischen Station eines kleinen Krankenhauses. Nach einem halben Jahr Chemie, Physik und Anatomie endlich, endlich Krankenhausluft, Blut und echte Patienten. Dafür studiert man doch schließlich das Ganze! Auf meiner Station kam schnell die Ernüchterung. Die Pflege weigerte sich mir auch nur irgendetwas beizubringen. Es sei keine Zeit, warum ich das denn nicht könne? Ja, so etwas lernt man natürlich im Chemie-Praktikum….Es kam wie es kommen musste: Nach einer Woche bat mich die Stationsleitung einem Patienten den Blutdruck zu messen. Bevor ich auch nur einen Satz sagen konnte, erwiderte die anwesende Schwester: „Die Medizinstudentin ist sich zu gut dafür!“ Ähnliches wiederholte sich beim Blutzucker messen, diesmal mit der Argumentation, ich würde mich das doch sowieso nicht trauen. Beides Mal war Ich völlig baff und widersprach letztlich vehement. Zum Glück war die Statiosnleitung auf meiner Seite und ich bekam endlich diese grundlegenden Methoden gezeigt.

Mein Alltag auf Station bestand zum Großteil daraus Patienten zu waschen. Natürlich nicht die netten, sauberen, freundlichen, mit denen man sich gerne unterhält. Nein, mir wurden ausschließlich die Zimmer der garstigen, unsauberen, schlecht riechenden, unangenehmen Patienten zugeteilt, mit denen sich niemand aus der Pflege länger als unbedingt nötig abgeben wollte. An der Visite durfte ich nie teilnehmen, schließlich sei es für mich irrelevant, was die Patienten hätten und in dieser Zeit könne ich doch wunderbar Schränke auffüllen oder Oberflächen desinfizieren. Darüber hinaus wurde ich nicht, wie das bei einem Praktikum sein sollte, als zusätzliche Person eingeteilt sondern übernahm vollständig die Stelle einer Pflegekraft, selbstverständlich so oft es möglich war in den unbeliebten Spät-Früh-Wechseln (abends bis 22 Uhr arbeiten und am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder anfangen), an Wochenenden und an Ostern.

Nie vergessen werde ich einen alten, dementen Patienten, der die Vorstellung hatte, wir befänden uns zurzeit im Krieg und er sei bei seiner Kompanie. Im Rahmen dieser Welt konnte man sich wunderbar mit ihm unterhalten und ich mochte ihn sehr gerne. Eines Tages kam ich in sein Zimmer, er sollte eigentlich auf seinem Pflegestuhl (ein Stuhl auf Rädern mit einem Tisch vor dem Bauch) sitzen, war aber unter dem Tisch hindurch gerutscht und lag jetzt halb auf dem Stuhl, halb auf dem Boden. Als ich ihn fragte, was er denn da mache, erklärte er mir „Junge Frau, dies ist eine Truppenübung. Es ist unsere Aufgabe das Hindernis zu überwinden und ich habe es geschafft!“ Ein andermal sollte ich ihn zur Toilette bringen. Ich bat um Hilfe, denn er war fast völlig immobil, noch dazu ein großer, schwerer Mann. Ich wusste, ich könnte ihn nicht stützen, falls er stürzte. Die Hilfe bekam ich nicht, ich solle mich nicht so anstellen, sie hätten jetzt keine Zeit – es kam, wie es kommen musste: er stürzte, ich konnte ihn nicht halten und musste ihn auf dem Boden liegenlassen um Hilfe zu holen. Natürlich bekam ich Ärger: „Die unfähige Medizinstudentin mal wieder“.

Trotz allem gab es natürlich auch schöne Momente, nette Schwestern und tolle Patienten. Aber zur Verbesserung der Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Pflege und Ärzten hat dieses Praktikum mit Sicherheit nicht beigetragen. Denn dazu ist ein respektvoller Umgang notwendig- von beiden Seiten, nicht nur von Seiten der Mediziner.

Ann Arbor