Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Die letzten Stunden

Hier sitz ich jetzt also: Neue Stadt, fremdes Zimmer. Für heute Nacht ist es noch nicht einmal mein eigenes (neues) Bett in dem ich schlafen werde. Den Schlüssel zu den eigenen vier Wänden, sofern man in einem Personalwohnheim davon sprechen kann, gibt es erst morgen.

Morgen, wenn es los geht. Wenn die neue Klinik dann plötzlich MEINE Klinik sein soll. Oder ich ihre Assistenzärztin. Wenn tausend Namen auf mich einstürmen werden, Menschen, Stationen, Zimmer, Flure, Formulare, Passwörter, Schlüssel… mich einverleiben und zum Teil dieses großen Hauses machen.

Das ist nicht wie in „Meiner kleinen Klinik“, wo ich mein PJ verbracht habe, gut behütet und nach einem Monat mit wirklich jedem bekannt. Das ist die große weite Welt. Zumindest kommt es mir so vor, während ich hier sitze und die letzten Stunden als Studentin verlebe. Und das macht mir Angst.

Versteht mich nicht falsch. Ich freue mich darauf, diese große Welt zu meiner Welt zu machen und zu sehen, wie sie dabei immer kleiner wird. Nach 4 Monaten Freizeit und Freiheit bin ich begierig endlich wieder etwas zu tun und sogar begierig etwas zu lernen. Auch wenn ich nach dem Stex beschlossen hatte, nie wieder etwas Lernen zu wollen 😉 Und dieses Mal ist es das Richtige, das, was ich mir ausgesucht habe. Frauenheilkunde und Geburtshilfe, genau das, was ich wissen und können will!

Aber jetzt gerade weiß ich nur, was ich nicht weiß und kann. Dass mein Wahltertial schon viel zu lange her ist um mich noch an das Leben im Kreissaal zu erinnern. Dass ich einfach nicht gut darin bin mir Namen zu merken. Und dass mein neuer Chef einen schwieriger Mann ist. Wie soll ich das nur alles auf die Reihe kriegen?

Ich hole eine Postkarte aus eine meiner Umzugskisten und lehne sie an meinen Wecker. „Die kochen alle nur mit Wasser“ steht darauf.

Wird schon werden. Und zumindest wird es endlich wieder Geschichten zu erzählen geben. (Obwohl die Bewerbungen vielleicht auch mal noch eine Geschichte wert sind.)

Ich freu mich drauf. Zumindest auf übermorgen. Wenn es dann nicht mehr mein erster Tag ist…

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Spekulantin

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Gastartikel – Erfahrung aus der Gyn

Der nachfolgende Text entstammt einer Mail einer deutschen Medizinstudentin, die für ihr Studium nach Rumänien ging und von dort ihre Erlebnisse schildert. Weil mich die Mail und deren Inhalt emotional sehr bewegt hat, erlaube ich mir (nach Rücksprache mit der Autorin und kleineren Kürzungen/Änderungen zur Wahrung der Anonymität), Auszüge aus ihrem Text für euch zu veröffentlichen, um euch zu zeigen, wie Medizin anderswo abläuft.
Ich weiß nicht, wie eine Abtreibung in Deutschland abläuft, ich hoffe nur inständig anders.

Hier wird die Frau in einen kleinen Raum geführt, wo schon ca. 8 Studenten, eine Krankenschwester und eine Ärztin stehen. Sie muss sich auf die Liege legen und dann starren 10 Augenpaare auf ihre „private parts“ mit Beleuchtung (traumhaft nicht wahr?!). Vorher hatte sie natürlich ihre Unterhose ausgezogen, in der nicht wie bei uns vllt eine Binde oder sowas ist, sondern  eine dicke Schicht Watte um die Blutung aufzufangen mit der Aborte in der Regel einher gehen. Das heißt wiederum, dass an der ganzen Vagina noch Wattereste kleben.

Dann wird mit der Hand vaginal untersucht. Und zwar vom Arzt, der Krankenschwester und den Studenten. Leider waren die meisten meiner Gruppe nicht so erpicht auf so eine vaginale Untersuchung, sodass die Ärztin eigentlich immer mir den Handschuh hingehalten hat. So an sich ist das ja nicht schlimm, aber diese Gerüche die ich da gerochen habe…unbeschreiblich. Manchmal waren die so intensiv, dass ich würgen musste. Ich habe mich gefragt, ob die Patienten sich nicht waschen bevor die zum Arzt gehen.

Die eigentliche Abtreibung fängt damit an, dass man mit einer langen, dünnen, spitzen Zange in die Vagina fährt und den Gebärmutterhals fixiert. Dann hat man ganz viele Stäbe, die in ihrer Dicke zunehmen, die man nacheinander einführt und so den Muttermund mechanisch auf dehnt. Das läuft hier alles ohne Betäubung oder Schmerzmittel und die Patientin fängt dann langsam an Schmerzen zu haben, zu jammern oder zu weinen. Ist der Muttermund bis zu einem gewissen Grad auf gedehnt, kann  man einen hohlen Stab einführen, der vorne eine Öffnung hat und die Gebärmutter aussaugen oder mit einer Art Schaber die Gebärmutter ausschaben. Spätestens an dieser Stelle weinen sie und sagen einem, dass sie es nicht mehr ertragen können und rufen Gott um Hilfe an (ooooh Domnezeuuuu, ajuuuuta ma, nuuuu mai pooot).

Das geht einem echt durch Mark und Bein wenn jemand so leidet. Ich kann das schlecht mit ansehen. Dazu kommen noch diese quietschenden Geräusche von dem Schaber und die Lautstärke des Absaugers. Als wir dann noch aufgefordert wurden selbst auch aus zu schaben war für mich echt das Maß aller Dinge voll. Das fühlt sich ganz rauh und hart an und du siehst wie durch dein Schaben Blut und Gewebe raus kommt.

Alles zusammen… furchtbar. Leider hatten wir das 2 Wochen fast jeden Tag im Rahmen des Gynäkologie-Praktikums. Nach ein paar Tagen bin ich schon gar nicht mehr mit in den Raum gegangen. Erstens weil man ja auch nichts neues mehr gelernt hat und zweitens weil es einfach schlimm war mitzuerleben.
Orthopaedix


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Anastasia hat nicht mehr viel Zeit

Kennengelernt habe ich Anastasia noch in der Gynäkologie. In der Frühbesprechung gab es eines Morgens schreckliche CT-Bilder. Aber noch viel schrecklicher war der Anblick des blassen 14-jährigen Mädchens, das zwischen den großen, weißen Kissen winzig wirkte. Es sah nicht gut aus für sie. Vor 3 Jahren hatte man ein Dysgerminom bei ihr diagnostiziert. Sie wurde operiert und hatte seither 3 Chemotherapien. Keine davon davon half und der Tumor breitete sich über den gesamten Körper aus. Fast fausgroße Rundherde in der Lunge, die Leber voller Metastasen, der linke Harnleiter durch Tumormasse soweit eingeengt, dass es zu einem Harnaufstau mit Infektion der linken Niere kommt. Und im kleinen Becken eine ebenfalls infizierte Raumforderung, die zur Haut hin fistelt. Anastasia läuft direkt gesagt der Eiter aus dem Bauch.

Neben ihrem Bett sitzt die Mutter und hält Anastasias Hand. Beide sprechen kein Deutsch. Sie sind aus Russland gekommen. Oxana, die russischstämmige Assistenzärztin auf der Gyn, hat das veranlasst. Doch jetzt stellt sich die Frage wozu. Wie kann man Anastasia noch ein bisschen Zeit und Lebensqualität erkaufen. In der Gyn ist die Marschrichtung ganz klar. Es wird nur das Nötigste gemacht. Keine Reanimation, keine Lebensverlängerung, aber helfen möchte man trotzdem. Jetzt geht es also ersteinmal darum die Entzündung im Bauch zu sanieren. Die Nephrologen drainieren die linke Niere, haben aber wenig Hoffnung, dass sie sich noch einmal erholt.

Den Abszess im Becken möchte der chef selbst operieren, aber schon nach kurzer Zeit muss er die Chirurgie dazurufen. Ursache des Eiters ist ein Loch im Rektum, das der einwachsende Tumor geschaffen hat. Stuhl gelangt in den Bauchraum und sorgt für die Entzündung. Der chirurgische Chefarzt entfernt das Stück Darm und ein Teil der Raumforderung, venäht die beiden Enden und lässt ein Bauchtuch zur Blutstillung drin. Postoperativ wird Anastasia auf die Intensivstation verlegt. Und plötzlich sind es 3 Fachrichtungen, die sich um die Betreuung kümmern. Das schafft Abspracheprobleme.

Zu diesem Zeitpunkt rotiere ich weiter in die Chirurgie und stehe am Tisch, als wir das Bauchtuch wieder herausholen. Die Blutung steht. Anastasia hat mittlerweile unzählige Blutkonserven und Gerinnungkonzentrate erhalten. Sie ist immer noch blass, wie sie auf dem OP-Tisch liegt und sich dieses Mal an der Hand der russisch sprechenden Anästhesiepflegerin festhält. Die Niere stellt mehr und mehr ihre Arbeit ein. Anastasia ist völlig aufgetrieben von der vielen Flüssigkeit, die sie nicht mehr ausscheiden kann. Die OP ist kurz, aber es ist die zweite Narkose in 48 Stunden. Und dann kommt die Anästhesie plötzlich mit der Idee, dass man sie bronchoskopieren könnte um vielleicht Metastasenteile zu entfernen, die die Atmung behindern.

Zum ersten Mal gibt es richtig Zoff auf der morgendlichen, interdisziplinären Intensivvisite. Auf einmal weiß jeder besser, wie Anastasia zu helfen ist. Und dann lässt sich keine Entscheidung fällen, weil jeder auf seiner Meinung beharrt.

In der folgenden Nacht verstirbt Anastasia. Viele hundert Kilometer ist sie für diese 2 Wochen gereist. 3 Narkosen, 2 Operationen, unzählige Medikamente und Blutabnahmen. Und am Ende hat die Zeit nicht gereicht.

 – Spekulantin