Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


7 Kommentare

Junkie

Ich habe es wieder getan. Wie ein Drogensüchtiger. Abhängig. Mit dem unbändigen Wunsch nach Mehr. Ständig, immer. Egal wie und wo. Hauptsache…. OP-Luft schnuppern! Das ist meine Droge (zugegeben eine von vielen, aber alle sind sie legal 😉 ).

Ich stand trotz dem beendeten Praktischen Jahr und der eigentlich begonnenen Lernzeit nach ca. 4 Wochen Pause und Lernerei wieder für einen Tag im OP. In einem Ortho-OP! Bei zwei Hüft-Prothesen. So, wie ich mein Praktisches Jahr in der Ortho mit einer Hüft-Prothese beendet habe, so geht es jetzt einfach weiter. Sozusagen. Nur: anderer Ort, andere Klinik, anderer Operateur und andere Rolle für mich. Ich bin nicht der PJ’ler (bzw. Unterassistent) und 2. Assistenz, sondern ich war 1. Assistenz auf Honorarbasis. Taschengeld fürs Hakenhalten. Sozusagen.

(c) mh-hannover.de

Ich war gespannt, wie die OPs verlaufen würden, unterscheiden sich die Operateure doch sehr stark untereinander, ihren Fähigkeiten, ihrer Übung und ihren Methoden. Dazu noch eine neue Klinik, die wieder andere OP-Tische, Abläufe und Materialien vorhält. Viele Variablen und viele Dinge, die man sich ansehen kann. Wie ein kleines Kind freute ich mich auf den Tag, an dem es endlich losgehen sollte.

Der Operateur war sehr nett und entspannt, die OP-Pflege so, wie man sich OP-Pflege vorstellt: lustig, nett und zu Scherzen aufgelegt. Da macht das Arbeiten Spaß und man wird als Neuer gleich super aufgenommen. Das sind die Momente, die mir so gefallen und auf die ich mich später freue.

Und wie war das Arbeiten? Ein Glück wurde ich dafür bezahlt. Zwischenzeitlich musste ich mir verkneifen den Kopf zu schütteln. Bei der ersten OP ging einfach alles schief, was schief gehen konnte und der Operateur glänzte nicht durch überzeugende Routine oder besondere Fähigkeiten. Kaum, dass alles anders lief, als es im optimalen Falle laufen solle, ging die OP statt der für den Arzt normalen 1,5 Stunden fast 3,5 Stunden. Für eine Hüft-Prothese (unzementiert)! Hier ging die Pfanne nicht zu fräsen, da der Hüftkopf nicht rauszunehmen und musste in kleinen Teilen rausgezobbelt werden, da stimmte das Inlay nicht, der Zugang war zu schmal, es fehlte ein Haken für die bessere Übersicht….
Ich weiß nicht, ob ich einfach aus dem großen Zentrum in der Schweiz verwöhnt bin oder ob das Gesehene eher die Regel ist…. dort haben wir im 2-Stunden-Takt am Hüft-OP-Tag Schnitt gehabt und jede Hüftprothese dauerte zwischen 45 – 60min. Man verzichtete auf Röntgenkontrollen und -ausrichtung der Implantate während der OP, wusste einfach, wie man die Komponenten setzen muss, damit sie stimmen und wusste die Kniffe, wie man was einsetzt und herausbringt. Es gab ein genaues Schema, welcher Haken wann an welcher Stelle zu sein hatte, damit die Übersicht am besten war,  man wechselte beim Fräsen der Hüftpfanne nur den Fräskopf und  baute nicht jedes Mal die Maschine neu zusammen…..  Das bringt  ganz andere Zeiten und Geschwindigkeiten hervor. Und für den Assistenten Eindrücke der Routine und der Sicherheit, die der Operateur ausstrahlt.

Ich habe mir intraoperativ kurzzeitig überlegt, wie es ankäme, wenn ich beim ersten Einsatz meine Eindrücke mitteile und z.B. anregen würde dies oder jenes zu tun. Aber habe lieber meine Klappe gehalten. Das kann auch nach hinten losgehen und ich möchte nicht als Besserwisser dastehen, wenn ich versuche die Situation zu verbessern durch das Wissen und die Eindrücke, die ich von anderen Operateuren und Kliniken habe. Das steht mir vielleicht als Student bzw. Assistenzaushilfe nicht zu. Oder erst beim nächsten Mal….

Die zweite OP lief „besser“, nur kurz verirrte sich der Operateur in der falschen Loge für den gewählten Zugang, dann aber lief es ganz gut. Und dauerte trotzdem 2 Stunden. Aber immerhin lief es besser.

Mein Fazit: auch wenn die Leute im OP super nett und die Ergebnisse (Zufriedenheit des Patienten) gut  sind – als Patient würde ich mich bei diesem Operateur nicht auf den Tisch legen wollen. Dazu zeigte er mir an diesem Tag zu wenig überzeugend sein Können. Dazu fehlte mir der Eindruck, dass er routiniert an die Sache herangehe und genau wisse, was er wann zu tun habe.

Aber vielleicht wird es ja das nächste Mal besser.

Orthopaedix


20 Kommentare

Manchmal…

Manchmal frage ich mich, ob ich wirklich den richtigen Beruf gewählt habe. Nicht, dass mir meine Arbeit keinen Spaß machen würde – ich liebe was ich tue – aber manchmal, da fehlt mir ein bisschen die Empathie. Wehleidige, uneinsichtige Menschen machen mich einfach etwas aggressiv. Vielleicht macht mich das gar zu einem schlechten Menschen?

Da liegt beispielsweise diese übergewichtige, geistig völlig zurechnungsfähige Patientin Anfang 60 bei uns auf Station. Sie hat chronische Wunden am Bein, erschwerend kam ein akuter Gefäßverschluss hinzu infolge dessen die Schicht, die die Muskeln umgibt, gespalten werden musste, da der Druck in ihrem Bein sonst zu hoch geworden wäre. Letzten Endes bedeutet das, dass sie drei große, tiefe, nicht gerade hübsche offene Stellen am Unterschenkel hat, die nun, nachdem die Gefäße alle wieder eröffnet sind und das Bein wieder abgeschwollen ist, versorgt werden müssen. Ein direkter Verschluss ist nicht möglich und bevor die plastischen Chirurgen aktiv werden können, muss die Wunde besser abheilen.

Hierfür soll eine Vakuumpumpe angebracht werden, die die Wundheilung fördert. Trotz langen Erklärungen lehnt die Patientin aber diesen kleinen Eingriff ab. Warum genau, das kann sie nicht erklären – sie wolle das einfach nicht und überhaupt, nochmal in den OP um die Pumpe anzubringen, das komme gar nicht in Frage. Der Chefarzt erklärt ihr, dass es keine Alternative zu der Pumpenbehandlung gibt – können die Wunden nicht zur Abheilung gebracht werden, dann bleibt nur noch eine Amputation des Beines. Gut, das wäre ihr lieber, dann sollen die Ärzte eben das Bein amputieren. Wir stehen alle ziemlich verwirrt im Raum und die Oberärztin versucht ihr beizubringen, dass man nicht – einfach so – ein Bein amputiert und dass das weiter reichende Konsequenzen hat, als die Patientin sich das im Moment vorstellen könnte. Doch die gute Dame bleibt stur und wir ziehen mit der Visite weiter in den nächsten Raum.

In der folgenden Woche scheint es doch irgendjemandem gelungen zu sein, der Patientin ins Gewissen zu reden und sie zieht schließlich doch den winzigen Eingriff, der zum Einbringen der Pumpe notwendig ist, der Amputation des gesamten Beines vor. Puh, gerade nochmal die Kurve gekriegt.

Aber damit hören die Anstrengungen um diese Patientin nicht auf. Sie bekommt Fieber. Für die Ursache stehen zwei Theorien im Raum – ihre: die Rückenschmerzen; unsere: der Blasenkatheter, der wahrscheinlich zu einer Harnwegsinfektion geführt hat. Wir wollen daher den Katheter ziehen, medizinisch notwendig ist er nicht mehr. Doch die Patientin sträubt sich und ist der festen Überzeugung das sie mit der Pumpe (die etwa die Größe einer Handtasche hat) auch mit Hilfe nicht zur Toilette gehen könne. Gut, dann zumindest auf den Toilettenstuhl. Nein, auch das sei unmöglich. Naja, dann bleibe eben nur noch die Bettpfanne. Nein, das sei völlig unmöglich, das wäre eine Zumutung. Ich bin mir nicht sicher, wie dieser Kampf am Ende ausgegangen ist.

Nun ist es bei Vakuumpumpen so, dass gelegentlich die Pumpen entfernt werden müssen um die Wunde zu reinigen und neue Schwämme einzusetzen. Das ist kein großer Aufwand, häufig kann man das sogar im Patientenbett durchführen. Da die Wunden unserer Patientin jedoch sehr groß und tief sind, machen wir die Reinigung lieber im OP um Sterilität zu gewährleisten. Heute ist es soweit und obwohl die Patientin Bescheid wusste, ist sie jetzt störrisch und möchte nicht. Nach langen Reden gibt sie schließlich nach. Doch schon bei der Lagerung im OP gibt es die nächsten Probleme. Um die offenen Bereiche ihres Beines gut zugänglich zu machen, soll sie sich auf die Seite drehen. Nein, das sei unmöglich, da könne sie ja von der Liege fallen und außerdem würde ihr Bein dabei bestimmt mehr wehtun. Als sie sich dann doch dreht muss sie zähneknirschend sogar zugeben, dass – wie von uns vermutet – die Schmerzen sogar weniger werden, wenn sie auf der Seite liegt. Während den Vorbereitungen beschwert sie sich in weinerlicher Stimme über alles und jeden – und überhaupt, warum würde das denn alles so lange dauern? Sie wolle jetzt zurück auf ihr Zimmer.

Kaum beginnen wir mit dem sterilen Abdecken des Beines, fängt sie an zu stöhnen und zu jammern, wie starke Schmerzen sie doch habe. Da hilft es auch nichts ihr zu erklären, dass wir eigentlich noch gar nichts gemacht haben. Sie habe heute außerdem auch noch überhaupt kein Schmerzmittel bekommen, da sei es ja kein Wunder, dass sie Schmerzen habe. Ein Blick in die Akte sagt uns, dass sie schon zwei Schmerzmittelinfusionen hatte und unsere Frage, warum sie denn den Schwestern auf Station nicht Bescheid gesagt habe, wenn sie tatsächlich nichts erhalten habe, kann sie irgendwie nicht beantworten. Die Anästhesistin hängt ihr eine Kurzinfusion Paracetamol an und wir beginnen den Eingriff, begleitet von ihren Klagen. Warum wir denn jetzt auch noch die plastischen Chirurgen hinzurufen (diese sollen die Wunden ohne Pumpe sehen, damit sie ihren späteren Eingriff zur Rekonstruktion planen können), das kann sie nicht verstehen. Außerdem, dieses Paracetamol, das helfe überhaupt nichts. Die Anästhesistin schlägt ihr vor, dass sie ihr gerne ein stärkeres Schmerzmittel geben könne, das würde allerdings bedeuten, dass sie nach dem Eingriff für kurze Zeit zur Überwachung in den Aufwachraum müsse. Aufwachraum? Nein, also da wolle sie auf keinen Fall hin. Warum? Keine Ahnung. Himmel! Ich versuche mich im Meditieren um nicht die Fassung zu verlieren. Als ich mich umschaue sehe ich, dass alle – die Ärzte, der OP-Pfleger und die Anästhesistin- die Augen verdrehen. Ich bin also wohl nicht die Einzige, die sich wünscht, dass wir ihr einfach eine Vollnarkose verpassen würden.

Vielleicht bin ich also doch kein schlechter Arzt und auch kein schlechter Mensch. Oder zumindest nicht der Einzige.

Ann Arbor


11 Kommentare

OP mit Kinderkrankheiten

Schon seit Monaten hört man es überall im Haus bohren und hämmern und klopfen. Der Umbau von Intensivstation und OP-Trakt ist ein Großprojekt. Ganz abgeschlossen wird es erst, wenn mein PJ schon lange vorbei ist. In zwei Jahren vorraussichtlich. Aber die neue, schicke und hochmoderne Intensivstation ist bereits engeweiht.

Der nächste Schritt: Die Eröffnung der beiden neu gebauten OP-Säle. Eines Montags ist es plötzlich soweit. Die Wand, die den Aufenthaltsraum von den Bauarbeiten getrennt hat, ist einfach nicht mehr da. Der Durchbruch ist gemacht und noch am selben Tag beginnt der Betrieb in den beiden neuen Sälen. Für 2 Wochen dürfen auch die Chirugen dort operieren, während im alten Trakt Vorbereitungen für den Umbau getroffen werden. Dann werden die neuen Säle zum Reich der Gynäkologen.

Die ersten 2 Stunden herrscht einfach nur Chaos. Alle, die jemals in die Verlegenheit kommen könnten, den OP zu betreten, haben sich in dem glücklichweise breiten Gang vor den Sälen versammelt. Es soll eine Einweisung geben, in was weiß keiner so genau. Durch wen auch nicht. Irgendwann taucht ein Mensch auf, der sich mit den neuen Lampen auszukennen scheint. Zu dem Zeitpunkt, hat die Hälfte der Leute aber schon keine Lust mehr gehabt zu warten und hat sich auf die Suche nach der Kaffeemaschine begeben. Die scheint spurlos verschwunden. Ein Unding, bei so viel kaffeesüchtigen Operateuren. Es kommt zu einer ersten Meuterei.

Dieses Problem lässt sich glücklicherweise leicht klären. Aus dem alten Aufenthaltsraum ist zwar ein Durchgangszimmer zwischen den OP-Trakten geworden, aber natüüüürlich hat irgendjemand daran gedacht, dass man einen neuen Aufenthaltsraum benötigt. Und da findet sich auch die verlorene Kaffeemaschine. Ein seltsames Gefühl ist es trotzdem, im ehemaligen Einleitungsraum des ehemaligen Saal 2 zu sitzen und Kaffee zu trinken. Es fehlen die Monitore, das piepsen und überhaupt das ganze OP-Feeling.

Nachdem so nach und nach, dann doch jeder etwas über hochmoderne Lampentechnik gelernt hat (verschiedene Kelvinzahlen für unterschiedlich warmes Licht, An- und Ausschalten per Druck auf den Griff und viele weitere Spielereien) geht es los. Unser jüngster Assistenzarzt darf den neuen Saal 3 einweihen und gewinnt das heimliche Rennen um die erste abgeschlossene OP gegen die Gynäkologen.

Als ich schließlich für den dritten Punkt des Tages erste neue OP-Luft schnuppern darf, zeigen sich bereits die ersten Probleme. Weiterlesen