Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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das Ende

Heute endet offiziell an unserer Uni das Praktische Jahr unseres Jahrgangs. Ab Morgen sind wir nicht mehr „PJ’ler“, sondern wieder „normale“ Studenten. Zumindest fast. Eigentlich sind wir nur noch Examenslerner, die großteils die Unterlagen für das Examen im Oktober an das Prüfungsamt abgesendet haben und nun einen Lernmarathon von knapp 100 Tagen vor sich haben.

Die neun Monate des PJs sind vorbeigeflogen, ihr habt sie hier im Blog mit uns erlebt, unsere Erfahrungen geteilt, Erlebnisse kommentiert und witzige, traurige, erstaunliche und faszinierende Einblicke erzählt bekommen. Das Blog wurde vor neun Monaten als Blog für die Zeit des PJs und genau für diese Zwecke gegründet (damals noch in der Unsicherheit, ob wir das Vorhaben wirklich während des gesamten PJs durchhalten würden). Wir hätten niemals gedacht, dass dieses Blog in so kurzer Zeit so viele Besucher anziehen wird, unsere Kommentarzahlen so in die Höhe schießen und wir so viele User haben, die unserem Blog folgen. Oder unserem Twitteraccount @arztanbord, um immer auf dem neusten Stand zu bleiben und keinen Artikel zu verpassen. Wir waren baff, als wir die 100.000er Marke der Klicks in diesem Blog erreichten und sind nun sprachlos, dass wir nach 9 Monaten die 200.000 Klicks deutlich überschritten haben.

Dafür möchten wir uns heute zum Ende des PJs bei euch bedanken! Eure Kommentare zu unseren Beiträgen haben viel Spaß gemacht, uns gezeigt, dass ihr mit uns mitfiebert, miterlebt und unsere Artikel gerne gelesen habt. Wir bedanken uns für jeden Klick in diesem Blog, jedes Abonnement unserer Artikel und bei jedem Follower via Twitter, der sich hierher verirrt oder einen unserer Tweets geteilt hat. Ihr habt uns zum Durchhalten des relativ regelmäßigen Postens gebracht und uns die Freude beim Schreiben neuer Artikel bewahrt. Es war eine faszinierende Zeit mit euch.

Und nun? Mit dem Ende des PJs ist es Zeit dieses Blog zu schließen, sein Sinn und Ziel ist erreicht worden. Die Zeit ist überstanden.

Aber: wir haben doch noch so viel, was wir mit euch teilen möchten! So viele Artikel, die unbedingt noch getippt werden wollen, Erfahrungen, die wir euch mitteilen möchten, vielleicht auch das ein oder andere Diagnoserätsel, Arzneimittel der Woche, Krankheit der Woche….. es gibt immer etwas zu berichten! Auch und gerade jetzt, wo die lernintensive Zeit vorm Examen ansteht.

Deswegen haben wir uns entschieden, dieses Blog weiterzuführen. Wahrscheinlich mit ein wenig geringerer Veröffentlichungsfrequenz (immerhin müssen wir lernen), dafür aber mit immer neuem Themenspektrum (es wird sicherlich einiges zur Lernerei geschrieben, Frust geteilt, Glücksgefühle gefeiert, Motivationslöcher gestopft werden).

Weiter gehts, denn:

das Ende ist noch nicht vorbei!
(die Ärzte)

via midloveproject.net, Original: rippenspreizer.de

Wir freuen uns, wenn ihr uns treu bleibt und auch in Zukunft hier fleißig kommentiert, mitlest, mitdiskutiert und mitratet 🙂

Orthopaedix


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in den Wald rufen

Nach dem Artikel „Funktionieren“ gab es in den Kommentaren u.a. den Hinweis, dass die von Patientenseite erwartete Höflichkeit, Freundlichkeit und Zugewandtheit gegenüber dem Arzt (und der Pflege…) natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Wahre Worte, die da geäußert wurden – und bei vielen Patienten selbstverständlich. Wie heißt das Sprichwort so treffend: „wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus„. Wenn ihr als Patienten eine gute Betreuung haben  und mit dem Arzt auf Augenhöhe kommunizieren wollt, dann bringt ihm ein wenig Respekt entgegen. Vielleicht auch ein wenig Nachsicht, dass nicht jeder Assistenzarzt (oder Student) eure Leidensgeschichte in- und auswendig kennt, dass man nicht immer sofort weiß, wer ihr seid, wenn ihr euch in der Sprechstunde vorstellt und dass es z.B. auf Notaufnahmen neben euch viele weitere Patienten gibt, die versorgt werden wollen und die nach Dringlichkeit abgearbeitet werden müssen. Der Arzt ist nicht böswillig (meistens zumindest), wenn ihr ein wenig länger warten müsst, wenn er in der Sprechstunde erst in den Unterlagen nachliest, wie eure Leidensgeschichte verlief oder er euch Dinge zum gefühlt tausendsten Mal fragt, die schon zehn andere Ärzte vor und nach ihm gefragt haben (dass dabei oftmals ganz unterschiedliche Antworten herauskommen ist eine andere Geschichte).

Und bitte liebe potentiellen Patienten, auch Studenten als angehende Ärzte haben Gefühle und ein Recht auf Respekt. In der Rolle als PJ’ler in den deutschen Kliniken haben sie meist von Grund auf kein allzu leichtes Leben (vom Honorar für ihren Einsatz ganz zu schweigen) – und trotzdem beißen sie die Zähne zusammen und sich durch ihr letztes Studienjahr, um endlich das zu tun, was sie immer schon tun wollten – mit Neugier auf euch, mit Freude an euch und dem Umgang mit Menschen und mit Einsatz für euch und eurem Wohlergehen. Denkt daran, dass vielleicht genau in diesem Moment euer Arzt von morgen vor euch sitzt, in der Sprechstunde mit euch spricht und euch untersuchen möchte. Dass dieser junge Student in seiner Lernphase ist und nicht schon jetzt alles wie ein Profi meistern wird.
Meist werden wir vorgeschickt, um die Anamnese zu erheben und euch voruntersuchen zu können. Im Anschluss stellen wir euch unserem Oberarzt vor und dieser kommt danach zu euch und bespricht die weitere Therapie. Keine Panik also, euer Weißkittel ist beinahe bei euch, ihr müsst nur noch schnell an seinem „Türsteher“ oder, wie ich es den Patienten immer sage, „der Vorhut“ vorbei. Anders funktioniert das System der Sprechstunden in den Kliniken nicht, denn kein Oberarzt hat die Zeit sich für jeden Patienten so viel Zeit zu nehmen, wie es für Anamnese, Untersuchung, Besprechung von radiologischen Aufnahmen und Prozedere sowie dem anschließenden Sprechstundendiktat benötigt.

Da kann es, gerade bei den PJlern und Studenten, die erst neu in der Klinik sind und euch zuvor niemals gesehen haben, vorkommen, dass diese sich unsicher sind, die ein oder andere Frage stellen müssen, die ihr eurem behandelnden Ober- oder Chefarzt schon beantwortet habt oder dass diese nicht alles aus eurer Vorgeschichte wissen. Seht es mit einem Augenzwinkern – aber bitte, greift sie deswegen nicht an und/oder macht ihren Einsatz und ihre Arbeit schlecht. Sie geben garantiert ihr Bestes!

(c) delsmann.de

Mir ist es ein paar Mal passiert, dass ich von Patienten „dumm angemacht“ wurde. Während einer Famulatur in einer Privatklinik meinte eine der Privatpatientinnen rundheraus zu mir, als ich zur Anamneseerhebung und Voruntersuchung ins Zimmer kam, ich „habe ja eh keine Ahnung und wisse gar nichts“ und sie „wolle nur mit dem behandelnden Arzt sprechen„.
Immer wieder gut sind auch die Gesichtsausdrücke, wenn ich als als Erster das Zimmer betrete, bevor der Arzt kommt, und die fragenden Blicke, wo der Arzt sei und was ich denn hier verloren habe.
Damit kann ich eigentlich inzwischen ganz gut umgehen und nach einem Standardspruch, dass ich nur die Vorhut sei, bin ich bisher bei vielen Patienten gut gelandet und konnte sie beruhigen.

Manchmal aber, da weht einem unterschwellige Feindlichkeit entgegen, so vor einiger Zeit geschehen. Wir hatten Sprechstunde und als Unterassistent sind wir hier in der Schweiz als Arbeitskraft dafür voll mit eingerechnet. Das bedeutet, wir arbeiten wie die Assistenzärzte fleißig mit, bekommen die Akten der Patienten und müssen dann Anamnese und Untersuchung bei ihnen machen. Anschließend schauen wir uns die Röntgenbilder an und besprechen dann mit dem Leitenden den Stand der Therapie und die geäußerten Beschwerden. Daraufhin betritt man zu zweit das Untersuchungszimmer und der Leitende bespricht die Optionen (ggf. untersucht er nochmals gezielt nach) – und am Ende händigt man Physiorezepte, Medikamentenrezepte, Röntgenüberweisungen, Arbeitsunfähigkeiten etc aus und diktiert den Sprechstundenbericht.

Ich betrete also, nachdem ich die dicke Akte entgegengenommen und den letzten Sprechstundenbericht überflogen hatte, das Untersuchungszimmer und begrüße „meinen“ Patienten zu seiner Nachkontrolle. Dieser schaut mit großen Augen auf mein Namensschild und noch bevor ich beginnen kann meine Fragen an ihn zu stellen, wirft er mir entgegen, ob ich ihn denn kenne. Natürlich kenne ich von ihm nur das, was im letzten Sprechstunden bericht als Diagnosen und Bericht steht. Und ob ich irgendwas von ihm wisse. Ich hätte doch gar keine Ahnung von seinem Fall, was denn das dann bringe und solle und dass er bitte umgehend mit dem Leitenden direkt sprechen wolle.  Weiterlesen


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An Leichen lernen

„Chirurgie ist ein Handwerk, das man lernen muss“, das sagte mir einmal ein Oberarzt. Und er hat Recht, Chirurgie ist zu weit über die Hälfte nicht nur Theorie, sondern v.a. praktische Fähigkeiten und das Wissen, wann man welchen Schnitt wo einsetzt um zur gewünschten Struktur zu gelangen, wo man auf welche Strukturen aufpassen muss und wann man welchen Nerv oder welche Arterie findet. Wie man Schritt für Schritt sich vorarbeiten muss, an was man im Vorfeld des Eingriffes alles denkt und welche Komplikationen man wie beherrscht. Chirurgie ist in manchen Zügen vergleichbar mit einem Ausbildungsberuf, vielleicht im Fachbereich der Orthopädie mit der Mischung aus Schlosser, KFZ-Mechaniker, Schreiner. Säge, Hämmern, Bohren, Verschrauben, Geräte und Instrumente richtig ein- und ansetzen,… das alles muss erst einmal gelernt sein. Aber auch schon eine kleine Naht, das Annähen einer Drainage, das Unterbinden von Gefäßen, all das hat Handgriffe, die man im Studium eher selten lernt. Denn das ist der Ort für die Theorie, die Praxis muss dann in den Kliniken folgen.

(c) thieme.de

Und so steht der Großteil der jungen und chirurgisch-interessierten Ärzte nach dem erfolgreich abgelegten Abschlussexamen in den Kliniken und in deren OPs und lernt nach 6 Jahren Theorie nun die Praxis. Wie halte ich einen Nadelhalter, wie knote ich mit einer Hand, wo darf ich nicht reinschneiden. Im Studium werden grundlegende Dinge der Anatomie im Rahmen der sog. Präpkurse vermittelt (die leider an immer mehr Unis dem Geldmangel zum Opfer fallen). An meiner Uni fand dieser Kurs im 3. Semester statt, also ziemlich weit am Anfang. Wir präparierten eine Leiche zu 8 von Haut bis Knochen, etappenweise und schichtweise und hatten alle paar Wochen mündliche Prüfungen zu den Präparationsgebieten. Es war eine sehr harte Zeit mit sehr viel Lernaufwand, aber Spaß gemacht hat es trotz allem! Man sah zum ersten Mal in einen Mensch, sah Nerven, Gefäße und Strukturen, Muskeln und Sehnen, Knochen und Bänder – konnte tasten, fühlen und begreifen (und v.a. riechen, was wohl die größte Herausforderung war).

Das dritte Semester ist lange her, die Anatomie saß für die Prüfungen perfekt, aber nach all der Zeit geht doch hier und da mal im Detailreichtum des Studiums ein wenig was verloren…. außerdem spiegelt der Präpkurs nicht die Realität, wie sie im OP stattfindet wider, denn dort wird der Patient (und schon gar keine Leiche) nicht von Kopf bis Fuß gehäutet, großflächig präpariert und die Nerven von Ursprung bis zum Auslaufen in kleinste Äste verfolgt. Stattdessen gibt es Standardzugänge, die man kennen muss, die für bestimmte Indikationen verwendet werden (und die alle Eigennamen tragen, die man dann auch noch gleich lernen darf) und die geübt werden wollen. Aber bitte nicht am Patienten im OP-Saal, dazu kann zu viel schief gehen!

Deswegen gibt es OP-Kurse an Leichen. Freiwilligen Körperspendern, die ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft vermacht haben. Und an denen Studenten die Anatomie lernen oder eben Ärzte die OP-Methoden trainieren, entwickeln und lernen können. Weiterlesen