Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Halbzeit

Es ist Halbzeit!
Zugegeben, eigentlich ist die Halbzeit schon ein paar Tage alt (und damit vorbei).

Bergfest im Lernmarathon!
Rund 8 Wochen liegen hinter uns, noch 8 Wochen liegen noch vor uns.

Dann ist alles vorbei.
Zumindest alles Schriftliche. Aber über das Mündliche machen wir uns aktuell keine Gedanken, dazu haben wir keine Kapazitäten.

via imgbox.de

Überhaupt: Kapazität zu haben ist DAS Wort der Lerntage. Diesem Rhythmus von morgentlichem Aufstehen, Seiten in den Büchern lesen und möglichst viel davon im Hirn behalten, später am Tag das irgendwo in den hintersten Hirnwindungen Abgelegte beim Kreuzen von Altfragen wieder abrufen versuchen. Schlafen. Aufstehen und von vorne beginnen. Täglich grüßt das Murmeltier.
Man hat „keine Kapazitäten“ sich mit sonstigen Dingen herumzuärgern – sei es nur, dass ein neues Smartphone bestellt werden muss, die Familie daheim von ihrem Leben erzählen und einen daran teilhaben lassen will, dass man sich mit Behörden rumärgert, das Auto spinnt und zur Werkstatt muss, das Fahrad nach neuer Kettenschmiere schreit… irgendwie wird alles zu viel. „Ach lasst mich damit bitte grad in Ruhe, ich hab da keinen Nerv für“. Oft genug gedacht, ein paar Mal schon gesagt. Voller Tunnelblick auf das Lernen.

Gegen das Durchdrehen in diesem Hamsterrad und zur Aufrechterhaltung der Motivation wenigstens auf niedrigem Level, empfiehlt es sich Ausgleiche zu schaffen. Einer spielt abends wieder alte PC-Spiele, ein anderer geht mit Freunden regelmäßig in den Biergarten und gönnt sich dort eine Auszeit, wieder andere finden im Sport den Ausgleich, den sie vom langen Sitzen über den Büchern brauchen. Ich glaube ohne Ausgleich oder einen freien Tag in der Woche, den einige einlegen, würde man diese 100 Tage nicht durchstehen. Irgendwann wäre man so durch den Wind, dass nichts mehr ins Hirn reinginge und man keinerlei Motivation mehr zusammenkratzen könnte.

Inzwischen merke ich, wie sich mein Tag in die Nacht verschiebt – ein Phänomen, das ich immer in den Lernzeiten erlebt habe. Am Anfang stand der Wecker noch hochmotiviert auf kurz nach 8 Uhr – ich wollte früh anfangen und dafür abends rechtzeitig aufhören können. Nach und nach verschiebt sich die Weckzeit auf immer später, inzwischen schalte ich den Wecker aus und drehe mich um – völlig ungewöhnlich für mich. Weiterlesen


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Little Miss Perfect – Teil 2

Wie Little Miss Perfect nicht nur mich sondern auch die Pflege langsam in den Wahnsinn getrieben hat, gibt es hier nachzulesen.

Einen hat sie allerdings nicht in den Wahnsinn getrieben und das war der Assistenzarzt auf ihrer Station. Schon auf den ersten Blick war klar, dass der Große auf sie stand. Blond und gutaussehend, wer kanns ihm verübeln. Aber ich hätte nicht gedacht, dass das lange gut geht. Der Große ist ein wirklich netter Kerl, witzig, nett und meistens gut drauf. Aber er ist auch einfach unglaublich faul! Nun ja, Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.

Wir haben alle mit Interesse und einem kleinen bisschen Sensationsgier verfolgt, wie sie um einander herumgetanzt sind. Oder soll ich besser sagen, wie er um sie herumgetanzt ist? Miss Perfect ist natürlich auch in Liebesdingen perfekt und hat einen gar schnukeligen und ach so attraktiven Freund. Und ist ja sooooo glücklich, wie sie mir gerne unter die Nase reibt.

Das ist natürlich kein Grund, sich nicht in den Aufmerksamkeiten zu sonnen. Und wen interessiert es, dass der Große fast 15 Jahre und gut 2 Köpfe älter ist als sie. Wir haben uns das Maul zerrissen, ich gebs ja offen zu. Aber es passiert auch so wenig in Unserer Kleinen Klinik und jeder kennst sich. Und jeder weiß etwas Neues zu berichten. Sei es die Nachtschwester, die die beiden im Dienst im Arztzimmer hektisch auseinander fahren lässt, als sie unangemeldet herienplatzt. Sei es die Pflege ihrer Station, die berichtet, dass er ihr zum Geburtstag eine romantische Kutschfahrt für zwei schenkt („Da kannst du dir ja dann überlegen, wen du mitnimmst.“ „Oh, da nehm ich natürlich dich mit, ist doch klar.“). Sei es die Tatsache, dass sie freiwillig jeden Dienst mit ihm macht, auch die an den Wochenenden. Oder die, dass sie die Famulantin ziemlich unfreundlich aus dem OP mobbt, als diese bei einer OP mit dem Großen assistieren will. Das ist Miss Perfects Job. In all den Wochen habe ich genau eine OP mit dem Großen gemacht.

Und es ist ja auch nicht so, dass die beiden sich irgendwie bemühen unauffällig zu sein. Ausgiebig werden im Beisein des gesamten Teams Verabredungen zum Badminton und Ski fahren getroffen. Und dann natürlich das ganze Badminton-Spiel nochmal haarklein durchanalysiert. Als sie anfangen darüber zu streiten, ob ihre Küche jetzt zu klein oder genau richtig sei, verlasse ich den Raum. Ganz ehrlich, soll ich jetzt etwa nachfragen, woher er ihre Küche kennt? Nein, danke, ich will es nicht wissen!

Und dann komme ich auf die verrückte Idee zu IHREM Großen auf ihre Station zu wollen. Unglaublich! Weiterlesen


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Little Miss Perfect – Teil 1

Zum Abschied blinzelt sie mich treuherzig an und sagt einen wahrhaft legendären Satz: „Ich hoffe ich war nicht zu anstrengend.“ Für einen Moment bin ich einfach nur sprachlos. Hinter ihrem Rücken sitzt meine Lieblingsschwester und grinst mich sehr breit und ein bisschen herausfordernd an. Aber am Ende bin ich zu nett für die ehrliche Antwort und zu ehrlich für die nette Antwort und übergehe den Satz einfach gekonnt, indem ich meiner (Ex-)Mit-PJlerin viel Spaß in der Schweiz wünsche. Wenn sie es merkt, lässt sie es sich zumindest nicht anmerken.

Dabei hat es gar nicht so schlecht angefangen. Mein erster Eindruck von Little Miss Perfekt lässt sich in drei Worte fassen: Klein, blond, motiviert. Aber eigentlich nicht unsympathisch. Vielleicht ein bisschen zu enegriegeladen für meinen Geschmack. Und es dauert auch zwei bis drei Wochen, bevor mir das Muster zum ersten Mal auffällt.

Zuerst ist es das Blutabnehmen: Ich komme morgens auf Station und stelle fest, dass das Blutentnahme-Tablett weg ist. Zwei Minuten später stolpere ich über Little Miss Perfect, die mir einen fröhlichen guten Morgen wünscht und die Blutröhrchen im Ausgangsfach deponiert. Sie hat meine ganze Station gemacht. Und ihre wohl auch schon. „Ja, war nicht so viel bei mir heute. Ich dachte, ich helf dir.“ Nett von ihr. Nachdem wir das Spiel eine Woche lang jeden Morgen gespielt haben und ich so langsam aber sicher anfange mich überflüssig zu fühlen, versuche ich das zu klären. Dass wir doch beide später kommen können, wenn wir morgens immer so gut durchkommen. Der Vorschlag stößt auf taube Ohren. Also komme ich eben früher. Aber es ist wie in der Geschichte von Hase und Igel. Egal wann ich komme, sie ist immer schon da und lächelt und macht meine Arbeit.

Nach 2 Wochen platzt mir der Kragen und ich versuche ihr klar zu machen, dass das zwar nett von ihr ist – danke vielmals, wirklich – aber ich sehr wohl in der Lage bin, meine Aufgaben selbst zu erledigen (verdammt nochmal!). Sie lächelt und nickt und entschuldigt sich – und ist trotzdem jeden Morgen vor mir da.
Ich gebe es auf, bzw. richte mir ein zweites Tablett und kann sie immerhin dazu bewegen nicht alle Röhrchen mitzunehmen, wenn sie loszieht. Nennen wir es eine Art Waffenstillstand. Und ich habe so langsam wirklich keine Lust mehr zu streiten.

Außerdem brauche ich die Kraft gegen ihren übermotivierten Dickschädel inzwischen an anderer Front. Weiterlesen