Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Bei uns … und anderswo – Hüftprothesen

Bei Twitter las ich in den vergangenen Tagen von einer anstehenden Hüftprothesen-Operation, die jemand durchführen lassen wird. Geplant sei ein Aufenthalt in der Klinik von 10 – 14 Tage, dann eine Rehabilitation von einigen Wochen.

Einen Tag später werde ich aus dem Bekanntenkreis angesprochen – auch hier steht eine Hüftprothesen-OP an. Was ich davon halte, dass man der Patientin gesagt habe, sie müsse 6 Wochen Teilbelastung einhalten und auch bei ihr sprach man von 10 – 14 Tage in der Klinik.

Ich war sprachlos. Stimmt das wirklich, dass man heute noch 10 Tage nach einer Hüftprothese in der Klinik ist und danach in die Rehabilitation muss, weil man 6 Wochen nur teilbelasten darf?

Nein. Das muss nicht sein! Und um euch ein wenig über die Hüftprothesen aufzuklären, möchte ich diesen Artikel schreiben.

prothesePrinzipiell gibt es verschiedene Möglichkeiten, wie man eine Hüftprothese operieren kann, in der Orthopädie bedeutet das verschiedene Zugangswege zum Gelenk, das man operiert. Schon vor über 100 Jahren wurde ein vorderer Zugang beschrieben (die Historie mit all den Namen der grossen Chirurgen überspringen wir). Dieser war Jahrzehnte lang in der Hüftchirurgie (damals noch u.a. Tuberkulose im Hüftgelenk u.a. und keine Prothetik) Standard. Dann kamen jedoch andere Chirurgen und ihre Beschreibungen von Zugangswegen und man wechselte auf einen Zugang von der Seite ans Gelenk. Grund hierfür waren damals u.a. auch die vorhandenen Prothesen, die man nicht über andere Zugänge in den Knochen bauen konnte (wegen ihrer Form). Bei diesen „seitlichen“ Zugängen muss man jedoch Muskeln durchtrennen (die Gesässmuskulatur), um dann auf den grossen Rollhügel (tastbar seitlich am Oberschenkel) zu kommen und an das Hüftgelenk zu gelangen. Diese Zugänge bedeuten jedoch, dass die durchtrennten und abgelösten Muskeln nach der Operation wieder anheilen müssen. Daher wird meist eine Teilbelastung in den ersten Wochen nach der Operation nötig – Studien haben dennoch gezeigt, dass viele der Muskeln verfetten und nicht mehr die Qualität, die sie vor der Operation hatten, erreichen. Gefahr ist ein Hinken und Absinken des Beckens, da diese Muskeln für das Stabilisieren des Beckens beim Laufen zuständig sind.

In den letzten Jahren gibt es zunehmend Chirurgen, die die „alte“ Technik wieder hervorgeholt haben (die nie ganz verschwunden war) und neue Prothesenmodelle entwickelten, die mit dieser Technik implantiert werden können. Der Vorteil an dieser, inzwischen „minimal invasiv“ genannten Operationsmethode: es muss kein Muskel beschädigt werden. Man nutzt vorhandene Lücken zwischen Muskeln aus und arbeitet sich Schicht für Schicht zwischen den Muskeln bis auf das Gelenk in der Tiefe. Dazu braucht es einen bestimmten OP-Tisch, damit man ein wenig am Bein ziehen kann; es braucht die Ausbildung zu wissen wo man hindurch muss und wie man bei begrenztem OP-Gebiet die Prothese korrekt einbaut.

Der wesentliche Vorteil für die Patienten ist, dass ohne Durchtrennung eines Muskels die OP deutlich schonender verläuft. So haben Studien gezeigt, dass die Patienten nach der Operation schneller mobil sind, schneller aus der Klinik entlassen werden können und weniger Komplikationen machen. Ein wesentlicher Vorteil für den Patienten ist wohl (abgesehen von der Narbe, die nur 7 – 8 cm ist), dass er in der Mehrzahl der Fälle direkt nach der Operation voll belasten darf. Voll draufstehen und laufen – was gibt es besseres? Einige Operateure verzichten sogar ganz auf Stöcke, andere verordnen sie um einen Sturz zu verhindern (man weiss aus Studien, dass in den ersten Wochen nach der Operation das Sturzrisiko deutlich erhöht ist – egal welcher Zugang).

Vorteil für den Patienten ist zudem, dass er meist innerhalb der ersten 5 Tage aus der Klinik entlassen werden kann. Wir machen am 2. Tag nach der OP ein Kontrollröntgen und sobald der Patient mit der Physiotherapie das Laufen an Stöcken auf Treppen gelernt hat, darf er gehen – dies ist in der Mehrzahl der Fälle zwischen dem 3. und 5. Tag nach der OP problemlos möglich – egal welches Alter der Patient hat.

Eine Rehabilitation wird selten nötig (in der Schweiz auch gar nicht mehr häufig von der Kasse bewilligt), darf der Patient doch im Alltag normal belasten und sich bewegen. Je nach Operateur verbieten wir ambulante Physiotherapie für die ersten 3 bzw. 6 Wochen nach der Operation, damit die Prothese gut im Knochen einwachsen kann und nicht durch Muskeltraining und einhergehende Mikrobewegungen lockert. Nach 6 Wochen in der ersten Kontrolle laufen die Patienten meistens schon von alleine ohne Stöcke und sind in ihrem Alltag nicht mehr eingeschränkt.

Dieser Beitrag ist nicht von einer Prothesenfirma gesponsort. Ich habe die OP-Technik durch verschiedene Operateure gesehen und assistiert und bin dabei sie selbst zu lernen (die ersten 5 Prothesen habe ich operiert) – ich bin überzeugt, dass diese Technik das Beste ist, was man dem Patienten für eine Standard-Hüftprothesenoperation anbieten kann. Die rasche Erholungszeit und Zufriedenheit unserer Patienten spricht für sich. Leider jedoch ist die Technik in Deutschland noch sehr wenig vertreten (historische Gründe); in der Schweiz und Frankreich beinahe schon Standard.

Bei Fragen zur vorgestellten OP-Technik und Nachbehandlung etc dürft ihr gerne in die Kommentare schreiben.

Orthopaedix

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Chirurgische Visite – warum Vorurteile stimmen

Es gibt viele Vorurteile, was die chirurgischen Visiten anbelangt. Viel zu schnell, nicht interessiert an den Patienten, totaler Tunnelblick auf das chirurgische Problem….

Ich habe jetzt meine ersten Visiten als Verantwortlicher bzw. mit meinem Oberärzten und Chefärzten hinter mir und ich muss sagen: viele der Vorurteile treffen zu. Was aber nicht an uns liegt. Und was nicht immer das Schlechteste für den Patienten bedeuten muss. In chirurgischen Fächern, insbesondere der Orthopädie, gibt es v.a. geplante (elektive) Eingriffe. Die präoperative Abklärung erfolgt hier meist schon vorab, der Hausarzt kann EKG, Röntgen etc machen. Wir Orthopäden kümmern uns dann noch um den Eingriff, bauen das Gelenk ein (mal ganz profan gesprochen), geben dem Körper Zeit sich zu regenerieren und leiten den Patienten in der postoperativen Mobilisation an (bzw. verordnen Physiotherapie, die dann anleiten darf). Unser „Handwerk“ endet mit der OP, danach muss es der Körper richten. Was uns noch bleibt ist, den Patienten zu animieren, zu motivieren und schmerzfrei seine Therapie machen zu lassen.

Deswegen ist es wohl kein Wunder, dass wir mit unseren Visiten relativ zügig durch sind. Denn unmittelbar nach einer OP interessiert uns v.a., ob der Patient Schmerzen hat (die dann vom Schmerzdienst mittels patient-controlled-analgesia, also einer Pumpe mit Morphin, die der Patient nach Schmerz drücken darf, eingestellt werden). Ob das Gefühl und die Motorik in der Extremität nach der OP intakt und unauffällig ist – bzw. nach einer Spinalanästhesie schon zurückgekehrt ist (und dann auch ob der Patient schon Wasserlösen konnte). Ansonsten warten wir direkt nach der OP, dass der Patient seine Narkose ausschläft und sich regeneriert, damit am ersten Tag dann die Physiotherapie beginnen kann (von wegen man liegt eine Woche faul im Bett).

Ab dem ersten Tag geht es bei der Visite dann v.a. darum, ob die Wunde bzw. der Verband in Ordnung und unauffällig ist, ob alle Infusionen und Zugänge zeitnah entfernt sind (Infektionsgefahr). Ob der Patient Schmerzen hat (es geht immer nur um Schmerzen) und ob das Gefühl in der Extremität gut ist (es geht immer nur um Gefühle bei uns ^^). Zuletzt noch Schwellung, Hämatom und z.B. bei Knieprothesen die Streck- und Beugefähigkeit und der Trainingsfortschritt – fertig. Abschließend informieren wir den Patienten über den Stand der Anschlussbehandlung (Reha, Kur, nach Hause?) und wechseln vielleicht noch das ein oder andere Wort – und gut ist. Was soll man sonst noch groß diskutieren?

Sollte es Probleme geben, werden diese natürlich angegangen und mit dem Patienten besprochen – aber viele der Probleme (Medidosis etc) kann man auch am PC verordnen und in Rücksprache mit der Pflege anpassen. Als Patient sieht man sehr wenig davon, was im Hintergrund alles an Fäden gezogen werden und wer was wie lange und warum macht. Dass Austrittspapiere geschrieben werden müssen, Physioverordnungen und Rezepte ausgestellt werden, Reha koordiniert, Röntgen angeordnet, neue Eintritte abgearbeitet, Aufklärungen gemacht… uvm. Davon bekommt der Patient im Bett aber nicht viel mit, er wird eher am Ende eines langen Prozesses einbezogen. Und hat sonst tagsüber v.a. mit Physio, Pflege und anderen Mitarbeitern zu tun.

Also: Vorurteile ja, aber mit gutem Grund. Denn unsere Patienten liegen uns schon am Herzen 🙂 Natürlich!

Orthopaedix

 


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John Thomas Zeichen

Heute habe ich ein neues, zugegebenermaßen augenzwinkerndes, Zeichen aus der Klinik. Orthopäden und Unfallchirurgen (aber auch andere Fachrichtungen) lieben Zeichen, Tests, Linien, die alle nach irgendeinem Erfinder, einem Ort oder sonstwie benannt sind und somit Eigennamen tragen, die nichts mit dem zu tun haben, für was sie stehen. Rogers-Linie, Steinmann-Test, Neer-Test, Cullen Sign, … nur als kleine Auswahl aus der Klinik.

Nun aber habe ich ein Zeichen, das wir im Röntgenrapport der Traumatologie beim Betrachten einer Hüftaufnahme (vergleichbar zu oben) besprachen – der männliche Chef fragte die weibliche Assistenzärztin, ob sie das „John Thomas-Zeichen“ kenne. Nein, kannte sie (ebenso wie viele andere) nicht. Mit verschmitztem Grinsen klärte er uns dann auf. Und ich nun euch.

Was fällt am Röntgenbild oben auf?

Es handelt sich um eine Hüfte. Stimmt. Man sieht beide Oberschenkelknochen. Stimmt auch. Der linke Oberschenkelknochen (auf der Aufnahme rechts!) hat einen Bruch (erkennbar ist der schwarze Bruchspalt). Sehr richtig. Und sonst?

Genau, wir haben in der Mitte dieses weißliche „etwas“. Das ist der Penis. Und der zeigt auf die Seite der Verletzung. Das ist  das John Thomas-Zeichen. Positiv in diesem Fall, denn der Penis zeigt auf die pathologische Seite. In 50% der Fälle ist das Zeichen positiv 😀

Es gibt sogar Publikationen dazu, z.B. diese hier. Natürlich augenzwinkernd geschrieben – oder? ODER?

Wieder ein tolles neues Zeichen kennen gelernt. Wer es nochmal zusammengefasst lesen will: hier gibt es einen Wiki-Artikel dazu. Sogar das!

Orthopaedix