Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Fremdgehen ist schön – Orthopädie

10 Kommentare

Ja, ich gestehe: Ich habe es auch getan. Und es war toll! Und ich werde es wieder tun.
Ann Arbor hatte davon berichtet, wie sich die Gelegenheit bot einmal in eine andere chirurgische Disziplin zu schnuppern und wieviel Spaß das gemacht hat. Also habe ich nicht lange gezögert, als sich mir die gleiche Gelegenheit geboten hat.

Nun mache ich mein PJ ja an einem kleinen Haus und die chirurgische Abteilung umfasst nichts weiter als die Standart-Bauchchirurgie. Eine Unfallchirurgie gibt es nicht. Was es aber gibt, sind Belegärzte, also niedergelassene Ärzte, die einmal die Woche einen OP-Saal mieten und dort ihre Patienten selbst operieren. Und einer davon braucht eine Assistenz. Wer wäre dafür besser geeignet als die PJler in der Chirurgie?

Die ersten Wochen habe ich mich um diesen Job gedrückt. Orthopädie – künstliche Hüftgelenke um genau zu sein – das ist nun wirklich gar nicht mein Fall. Und alle Orthopäden, die ich bisher kennen lernen durfte auch nicht. (Sorry, Orthopädix! :P) Aber gut, es gibt ein bisschen Geld dafür und vielleicht tut es mir auch ganz gut, mal etwas über Knochen zu lernen. Ich kann nicht behaupten, dass da aus der Anatomie-Zeit noch viel übrig ist.

Also stehe ich eines Dienstag nachmittags in Saal 4, den ich sonst nur vom Hören-Sagen kenne. Es ist wirklich ein Kulturschock. Das Radio läuft, alle tragen eine Röngtenschürze und eine Schutzbrille (für die ich auch selbst später noch sehr dankbar bin!) und auf den gefühlten 20 streilen Tischen tummeln sich gefühlte 200 seltsame Instrumente und Vorrichtungen, mit denen ich selbst lieber nicht gefoltert werden will.

Während ich ein bisschen verloren in der Ecke stehe, erfolgt der Auftritt des Orthopäden, der doch tatsächlich begeistert begrüßt wird. Doch kein Arschloch? Er sieht ziemlich jung aus und stellt sich mir mit Vornamen vor. Okay, guter Anfang. Seine Tochter heißt wie ich – noch besser. Und er hat keinen anderen Assistenten dabei. Ich bin ein bisschen verwundert. Normalerweise operiert man zu dritt. Das heißt, der Dritte (also ich) hat eigentlich nur die Aufgabe das Bein in die richtige Position zu bringen und zu halten.

Als der Patient in den Saal kommt, entpuppt sich eines der vielen Folterinstrumente als mein neuer bester Freund. Vonwegen Bein halten. Dafür gibt es hier eine sehr schicke Vorrichtung und ich stehe tatsächlich als einzige Assistenz am Tisch. Das heißt, ich darf so unglaublich coole Dinge tun, wie Saugen, Klemmen bei den Ligaturen öffnen (wobei ich mir zuerst fast die Finger breche), Nähen (und leider gezwungenermaßen von Hand knoten), elektrisch schneiden und natürlich ein bisschen Haken halten. Wow, Fremdgehen kann tatsächlich sowas von schön sein! 

Und damit nicht genug. Auch wenn er in seinem „Astronautenanzug“ ein bisschen zum Fürchten aussieht, erweist sich der Astronaut als ausgsprochen nett. Er erklärt und plappert, während er Schritt für Schritt die alte Hüfte aus- und die Neue einbaut. Ein bisschen fühlt sich das an, wie früher an Weihnachten, als man unter dem Baum sein neues Spielzeug zusammengebaut hat. Damit hier drehen und dann das da rein füllen, den Abstandhalter so ansetzen und dann dort bohren; aufdehnen, weiterfräsen, reinklopfen… Eine ganz andere Welt und ziemlich weit weg, von der filigranen Präparation entlang großer Bauchgefäße, die der chirurgische Chefarzt so gut beherrscht. Und trotzdem hatte ich einen superguten Nachmittag.

Seither habe ich fast jede Woche die Orthoassistenz übernommen. Was für ein Glück, dass Little Miss Perfect so überhaupt keinen Gefallen daran findet. Und mit jedem Mal darf ich ein bisschen mehr machen. Es wird mir fehlen, wenn ich die Chirurgie verlasse und die nächsten an der Reihe sind. Aber gibt es noch eine weitere Möglichkeiten: Einmal im Monat wird auch samstags orthopädisch operiert. Und dann ein bisschen bunter, inklusive Schulter und Knie. Dafür ist der Arzt nicht ganz so nett, wie der Astronaut. Aber für ein bisschen Geld, leckeres Frühstück und ein wenig Knochenlehre, werde ich wohl noch den ein oder anderen Samstag opfern. Die dunkle Seite hat halt manchmal doch die besseren Kekse und Orthopädix darf sich freuen, dass mein Bild von den Knochendocs langsam besser wird 😉

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

10 Kommentare zu “Fremdgehen ist schön – Orthopädie

  1. Klingt Interessant 🙂 bin auch aktuell noch etwas von der Orthopädie abgeneigt aber wenn man das so ließt…;)
    Vielleicht ändert sich das mit meinem OP-Praktikum ja.

    • Ja, imnteressant ist es wirklich. Ich werde wohl trotzdem nicht Orthopädin werden, aber zum Schnuppern ist es super.
      Was machst du denn für ein OP-Praktikum?

  2. Klingt echt super, besonders, dass du nicht nur als zweite Assistenz am Tisch stehen durftest und viel erklärt bekommst.
    Ich durfte im Rahmen eines Praktikums, aus der Zeit als ich noch Medizin studieren wollte, auch mal erste Assistenz sein (aber bei einer Bauch-OP) und es war echt super, auch wenn es am Anfang total ungwohnt ist, manche Dinge zu tun (Klemmen öffnen war nie meine Lieblingsaufgabe)

    • *lach* Oh je, die Klemmen. Da bin ich echt zu doof zu irgendwie! Entweder ich verdreh mir das Handgelenk, oder ich verdreh mir die Finger und dann dauert es auch noch so lange.
      Ziemlich cool, dass du bei einem Pratikum als erste Assistenz mit an den Tisch durftest! Und das könnte dich nicht von der Medizin überzeugen? 😉

      • Ich habe mir auch immer die Finger verdreht, vor allem mit der linken Hand 😉
        Die Praktika in der Chirurgie waren echt toll und ich habe dafür gerne meine Ferien geopfert, doch mir war nach 3 Jahren der Überlegungszeit das Studium zu lang und vor allem die Arbeitsbedingungen zu schlecht. Die Erfahrungen in der Chirurgie werde ich aber nie vergessen, besonders die OPs, bei denen ich steril mit am Tisch stand!

  3. Klingt sehr cool.

  4. Orthopädie ist ganz toll. Ich bin meinem Orthopäden nach 5 Jahren noch immer sehr dankbar! Lg

  5. die metzger sind echt nett. meistens jedenfalls 😉

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