Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Fremdgehen ist schön – Orthopädie

Ja, ich gestehe: Ich habe es auch getan. Und es war toll! Und ich werde es wieder tun.
Ann Arbor hatte davon berichtet, wie sich die Gelegenheit bot einmal in eine andere chirurgische Disziplin zu schnuppern und wieviel Spaß das gemacht hat. Also habe ich nicht lange gezögert, als sich mir die gleiche Gelegenheit geboten hat.

Nun mache ich mein PJ ja an einem kleinen Haus und die chirurgische Abteilung umfasst nichts weiter als die Standart-Bauchchirurgie. Eine Unfallchirurgie gibt es nicht. Was es aber gibt, sind Belegärzte, also niedergelassene Ärzte, die einmal die Woche einen OP-Saal mieten und dort ihre Patienten selbst operieren. Und einer davon braucht eine Assistenz. Wer wäre dafür besser geeignet als die PJler in der Chirurgie?

Die ersten Wochen habe ich mich um diesen Job gedrückt. Orthopädie – künstliche Hüftgelenke um genau zu sein – das ist nun wirklich gar nicht mein Fall. Und alle Orthopäden, die ich bisher kennen lernen durfte auch nicht. (Sorry, Orthopädix! :P) Aber gut, es gibt ein bisschen Geld dafür und vielleicht tut es mir auch ganz gut, mal etwas über Knochen zu lernen. Ich kann nicht behaupten, dass da aus der Anatomie-Zeit noch viel übrig ist.

Also stehe ich eines Dienstag nachmittags in Saal 4, den ich sonst nur vom Hören-Sagen kenne. Es ist wirklich ein Kulturschock. Das Radio läuft, alle tragen eine Röngtenschürze und eine Schutzbrille (für die ich auch selbst später noch sehr dankbar bin!) und auf den gefühlten 20 streilen Tischen tummeln sich gefühlte 200 seltsame Instrumente und Vorrichtungen, mit denen ich selbst lieber nicht gefoltert werden will.

Während ich ein bisschen verloren in der Ecke stehe, erfolgt der Auftritt des Orthopäden, der doch tatsächlich begeistert begrüßt wird. Doch kein Arschloch? Er sieht ziemlich jung aus und stellt sich mir mit Vornamen vor. Okay, guter Anfang. Seine Tochter heißt wie ich – noch besser. Und er hat keinen anderen Assistenten dabei. Ich bin ein bisschen verwundert. Normalerweise operiert man zu dritt. Das heißt, der Dritte (also ich) hat eigentlich nur die Aufgabe das Bein in die richtige Position zu bringen und zu halten.

Als der Patient in den Saal kommt, entpuppt sich eines der vielen Folterinstrumente als mein neuer bester Freund. Vonwegen Bein halten. Dafür gibt es hier eine sehr schicke Vorrichtung und ich stehe tatsächlich als einzige Assistenz am Tisch. Das heißt, ich darf so unglaublich coole Dinge tun, wie Saugen, Klemmen bei den Ligaturen öffnen (wobei ich mir zuerst fast die Finger breche), Nähen (und leider gezwungenermaßen von Hand knoten), elektrisch schneiden und natürlich ein bisschen Haken halten. Wow, Fremdgehen kann tatsächlich sowas von schön sein! 

Und damit nicht genug. Auch wenn er in seinem „Astronautenanzug“ ein bisschen zum Fürchten aussieht, erweist sich der Astronaut als ausgsprochen nett. Er erklärt und plappert, während er Schritt für Schritt die alte Hüfte aus- und die Neue einbaut. Ein bisschen fühlt sich das an, wie früher an Weihnachten, als man unter dem Baum sein neues Spielzeug zusammengebaut hat. Damit hier drehen und dann das da rein füllen, den Abstandhalter so ansetzen und dann dort bohren; aufdehnen, weiterfräsen, reinklopfen… Eine ganz andere Welt und ziemlich weit weg, von der filigranen Präparation entlang großer Bauchgefäße, die der chirurgische Chefarzt so gut beherrscht. Und trotzdem hatte ich einen superguten Nachmittag.

Seither habe ich fast jede Woche die Orthoassistenz übernommen. Was für ein Glück, dass Little Miss Perfect so überhaupt keinen Gefallen daran findet. Und mit jedem Mal darf ich ein bisschen mehr machen. Es wird mir fehlen, wenn ich die Chirurgie verlasse und die nächsten an der Reihe sind. Aber gibt es noch eine weitere Möglichkeiten: Einmal im Monat wird auch samstags orthopädisch operiert. Und dann ein bisschen bunter, inklusive Schulter und Knie. Dafür ist der Arzt nicht ganz so nett, wie der Astronaut. Aber für ein bisschen Geld, leckeres Frühstück und ein wenig Knochenlehre, werde ich wohl noch den ein oder anderen Samstag opfern. Die dunkle Seite hat halt manchmal doch die besseren Kekse und Orthopädix darf sich freuen, dass mein Bild von den Knochendocs langsam besser wird 😉

– Spekulantin


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PJ-Alltag in Belgien.

7.45 Uhr              Frühbesprechung. Alle chirurgischen Patienten der Intensivstationen werden besprochen. Da ich besagte Patienten noch nie gesehen habe, ist es leider eher weniger spannend, ob deren Hämoglobinwert gerade um 1 gefallen oder gestiegen ist. Aber es gibt Kaffee!

8.15 Uhr              Die Frühbesprechung ist vorbei, vor 9 Uhr werden die OPs nicht starten – zumindest in der Regel. Da man das aber nie genau wissen kann und uns auch niemand Bescheid sagt, gehen wir direkt in den OP und stehen ein bisschen sinnlos in der Gegend herum. Lieve (die belgische PJlerin) und ich teilen uns die beiden OP-Säle auf (heute gibt es zum Glück zwei Säle), um unsere Chancen im Kampf mit den insgesamt fünf Assistenzärzten um die OP-Assistenz zumindest etwas zu erhöhen. In der Regel ziehen wir jedoch den Kürzeren.

9.00 Uhr              Die Leberresektion in meinem Saal beginnt. Natürlich bin ich wieder nicht steril am Tisch. Auch auf dem Bildschirm ist heute nichts zu erkennen, da das OP-Feld durch den Kopf des Operateurs verdeckt ist. Sehr schön. Lieve hat ein kleines Erfolgserlebnis und darf im anderen Saal bei der Leistenbruch-OP assistieren. Leistenbruch-OPs sind zwar gänzlich unspektakulär und nähen dürfen wir nicht, aber immerhin ist sie steril. Ein kleiner Sieg für das PJler-Team.

11.30 Uhr            Lieve hat sich zu mir gesellt und wir stehen nun beide sinnlos im OP herum und sehen nichts als die Rücken der Operateure. Der Lerneffekt hierbei ist unglaublich. Trotzdem wird von uns erwartet, dass wir anwesend sind.

13.30 Uhr            Nach dem Mittagessen gehen wir wieder in den OP, vielleicht haben sie es nach einer Stunde tatsächlich geschafft, den nächsten Patienten OP-bereit zu haben. Neues Spiel, neues Glück. Manchmal dürfen wir immerhin steril sein, bis der Chefarzt an den Tisch kommt. Diesmal aber nicht. Ein 61-jähriger Patient ist von einem Baum gefallen – stumpfes Lebertrauma. Das könnte ja ausnahmsweise sogar spannend und lehrreich werden, selbst wenn wir alles nur auf dem Bildschirm verfolgen können. Aber der Anästhesist und unsere Oberärztin werfen uns unfreundlich aus dem Raum, in dem angeblich zu viele Leute wären (nicht mehr als sonst auch, aber gut). Der Anästhesie-PJler freut sich und geht nach Hause, doch wir müssen heute Abend unserem Chefarzt noch Patienten vorstellen, geplant ist 17 Uhr.

17.00 Uhr            Nach endlosem Herumsitzen ist es fünf. Aber weder Chef- noch Oberärzte tauchen auf, also warten wir weiter.

18.00 Uhr            Der Chefarzt kommt vorbei mit der Ansage „in 10 Minuten geht es los“. Wir machen uns mit dem Assistenzarzt auf den Weg, damit alles bereit ist, wenn der Chef kommt.

18.45 Uhr            Endlich. Das Warten hat mal wieder ein Ende. Zunächst werden die Patienten der Station besprochen. Da wir immer schön brav im OP bleiben sollen, weiß ich noch nicht einmal, wo überhaupt unsere Station ist. Danach stellen wir dem Chefarzt die Patienten für die OPs der nächsten Woche vor. Krankheitsgeschichte, Bildgebung, geplante OP. Auch diese Patienten haben wir noch nie gesehen, Anamnese und Untersuchungsbefunde müssen wir uns aus alten Arztbriefen zusammensuchen.

19.45 Uhr            Feierabend. Ich frage mich, was ich heute in diesen 12 Stunden eigentlich gelernt habe. Vielleicht Frustrationstoleranz.

Nachts träume ich vom Haken-/Klappe-halten-Prinzip in Deutschland und von (manchmal) schlechten Lehrveranstaltungen – immerhin würde man hierbei irgendetwas sehen und lernen…Aber das Gras ist auf der anderen Seite bekanntlich immer grüner…

Ann Arbor


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HowTo: OP-Assistenz

Mediziner im PJ: „Haken und Maul halten“
– Unispiegel-Artikel 08/05

Der Spiegel-Artikel ist vielleicht nicht mehr ganz aktuell, die Philosphie aber traurigerweise doch noch ein bisschen. Die Zeiten in denen ein Schlag auf die Finger mit dem Instrument so viel hieß wie „Haken loslassen“, sind zum Glück auch vorbei, aber die wichtigeste Aufgabe des Assistenten im OP ist immer noch keinen Ärger zu machen. Das heißt so viel wie: Nicht im Weg rum stehen, aber trotzdem genau dann zur Stelle sein, wenn gerade eine zusätzliche Hand gebraucht wird. Keine dummen Fragen stellen, aber bitte genau wissen wo noch was zu tun ist. Nicht ganz einfach diesen Überblick zu entwickeln. Vielleicht kann ich allen Anfängern aus meinen Erfahrungen der letzten Wochen ein paar Tips geben, die den Einstieg erleichtern:

1. Über das Betreten eines OP-Saals: Es ist völlig unwichtig, wie viele Leute im Saal bereits am Reden sind, mit dem Betreten des Raumes sollte stets ein lautstarker Gruß in die Runde verbunden sein. So laut, dass sich auch wirklich jeder angesprochen fühlt. Und wenn ein unbekanntes Gesicht durch den Raum wuselt, dann führt dein erste Weg mit ausgestrecktem Arm darauf zu um dich vorzustellen. Wie man dabei die Arbeit des anderen nicht unterbricht und trotzdem seinen Namen vorgebracht hat, bevor einen dieser ein zweites Mal anschaut – an der Frage arbeite ich selbst noch… Wichtig jedenfalls: Der sterilen Schwester nicht die Hand schütteln, auch wenn sie sie  noch so freundlich hinhält.

2. Über das Lagern des Patienten: Je nach Operation müssen Arme oder Beine ausgelagert oder angelagert werden. Dazu gibt es dann auch irgendwo entsprechende Halterungen. Beim ersten Mal gut zuschauen, denn ab dem zweiten Tag wird erwartet, dass du das alleine hinkriegst. Und wenn die Anästhesie das für dich übernimmt, weil du zu langsam bist, dann weißt du, dass du etwas falsch machst. Falls du gar nicht weißt, was zu tun ist, solltest du andersweitig sehr beschäftigt wirken… Maske zurechtrücken zählt da nicht, vielleicht besser den Operateur anrufen, dass er sich einschleust…
Und zum Extra-Punkte sammeln: Dort wo abgewaschen wird am Ende des Lagerns ein Molltex unterschieben.

3. Über das Waschen: Bei uns im OP wäscht die sterile Schwester den Patienten ab. Wenn sie damit anfängt, ist das der Startschuss in den Waschraum zu verschwinden. Woanders habe ich erlebt, dass der erste Assistent abwäscht. Wenn er sich waschen geht, ist das auch für dich ein guter Zeitpunkt – sofern der Patient gut gelagert ist.
Wie du dich dann wäscht, darüber gibt es sehr viel Ansichten. Wenn du nicht gerade an den alteingesessenen Chefarzt gerätst, dann brauchst du die Bürste nur zu verwenden, wenn du noch den halben Garten unter den – hoffentlich kurzen – Fingernägeln. Genügend Studien beweisen inzwischen, dass standartmäßiges Bürsten die Keimzahl auf der Haut nur erhöht. Also mit viel Seife am Beginn des Tages einmal Hände und Unterarme waschen. Beim Abspülen und Abtrocknen darauf achten, dass das Wasser zu den Ellbogen hin abfließt. Dann 3 Minuten mit viiiiiiiel Desinfektionsmittel Hände und Unterarme einreiben. Dabei gegen Ende nur noch die Hände desinfizieren. Tausende Anleitungen, wie man an den Häden dafür sorgt, dass auch alles was abkriegt, gibt es überall, wahrscheinlich auch im Waschraum. Für alle weiteren Operationen des Tages reicht es nur noch zu desinfizieren ohne sich zu waschen. Die desinfizierten Hände dann außer Reichweite von Kittel, Menschen und Einrichtung halten, etwa zwischen Brustwarzen und Bauchnabel – und ab in den Saal.

4. Über das Einkleiden: Weiterlesen