Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

OP mit Kinderkrankheiten

11 Kommentare

Schon seit Monaten hört man es überall im Haus bohren und hämmern und klopfen. Der Umbau von Intensivstation und OP-Trakt ist ein Großprojekt. Ganz abgeschlossen wird es erst, wenn mein PJ schon lange vorbei ist. In zwei Jahren vorraussichtlich. Aber die neue, schicke und hochmoderne Intensivstation ist bereits engeweiht.

Der nächste Schritt: Die Eröffnung der beiden neu gebauten OP-Säle. Eines Montags ist es plötzlich soweit. Die Wand, die den Aufenthaltsraum von den Bauarbeiten getrennt hat, ist einfach nicht mehr da. Der Durchbruch ist gemacht und noch am selben Tag beginnt der Betrieb in den beiden neuen Sälen. Für 2 Wochen dürfen auch die Chirugen dort operieren, während im alten Trakt Vorbereitungen für den Umbau getroffen werden. Dann werden die neuen Säle zum Reich der Gynäkologen.

Die ersten 2 Stunden herrscht einfach nur Chaos. Alle, die jemals in die Verlegenheit kommen könnten, den OP zu betreten, haben sich in dem glücklichweise breiten Gang vor den Sälen versammelt. Es soll eine Einweisung geben, in was weiß keiner so genau. Durch wen auch nicht. Irgendwann taucht ein Mensch auf, der sich mit den neuen Lampen auszukennen scheint. Zu dem Zeitpunkt, hat die Hälfte der Leute aber schon keine Lust mehr gehabt zu warten und hat sich auf die Suche nach der Kaffeemaschine begeben. Die scheint spurlos verschwunden. Ein Unding, bei so viel kaffeesüchtigen Operateuren. Es kommt zu einer ersten Meuterei.

Dieses Problem lässt sich glücklicherweise leicht klären. Aus dem alten Aufenthaltsraum ist zwar ein Durchgangszimmer zwischen den OP-Trakten geworden, aber natüüüürlich hat irgendjemand daran gedacht, dass man einen neuen Aufenthaltsraum benötigt. Und da findet sich auch die verlorene Kaffeemaschine. Ein seltsames Gefühl ist es trotzdem, im ehemaligen Einleitungsraum des ehemaligen Saal 2 zu sitzen und Kaffee zu trinken. Es fehlen die Monitore, das piepsen und überhaupt das ganze OP-Feeling.

Nachdem so nach und nach, dann doch jeder etwas über hochmoderne Lampentechnik gelernt hat (verschiedene Kelvinzahlen für unterschiedlich warmes Licht, An- und Ausschalten per Druck auf den Griff und viele weitere Spielereien) geht es los. Unser jüngster Assistenzarzt darf den neuen Saal 3 einweihen und gewinnt das heimliche Rennen um die erste abgeschlossene OP gegen die Gynäkologen.

Als ich schließlich für den dritten Punkt des Tages erste neue OP-Luft schnuppern darf, zeigen sich bereits die ersten Probleme. Die etwas gewöhnungsbedürftige Farbgestaltung in einer Explosion von sehr unschön harmonierenden blautönen ist das kleinste davon. Viel ungünstiger ist, dass der Einleitungsraum kein Fenster mehr in der Tür hat. Um zu sehen, wie weit die Anästhesie ist, muss man jedes Mal die Tür öffnen. Frau Dr. Ruhe-Sanft springt bereits im Viereck, weil ihre Arbeit dadurch ständig unterbrochen wird, während Hanni, unser zweiter Oberarzt davon philosophiert nach Feierabend mit der Kreissäge die fehlenden Löcher anzubringen.

Überhaupt ist die ganze räumliche Aufteilung nicht mehr halb so konfortabel, wie in den alten Sälen. Die neuen sind kleiner und es gibt auch nur noch einen Raum für Ein- und Ausleitung. Das macht sich ganz deutlich bei den Wechselzeiten bemerkbar. Der nächste Patient kann immer erst eingeschleust werden, wenn der vorherige wieder in seinem Bett liegt. Aus 20 Minuten werden so locker 40 Minuten. Auch das trägt nicht unbedingt zu Hannis Gemütsruhe bei.

Ich selbst stehe vor dem ersten Problem, als ich mich waschen will. Es gibt nur noch zwei Waschbecken für den gesamten OP-Trakt, wohingegen vorher für jeden Saal zwei zur Verfügung standen. Schon bei 3 chriurgischen Operateuern wird das eng, wenn aber gleichzeitig auch noch zwei Gynäkologen den Platz brauchen… ungünstig. Und es geht gerade so weiter. Effektiv gibt es nur zwei Desinfektionsspender. Der dritte ist in einer Höhe angebracht, dass selbst ich mit meinen 1,80m eine Stufe bräuchte um ihn mit dem Ellenbogen zu erreichen. Wer denkt sich denn sowas aus?! Eine Ablage für Schlüssel, Telefone, Schutzbrillen, usw. gibt es auch nicht. Dieser Teil des OPs ist eine absolute Fehlkonstruktion.

Und dann stehe ich da, mit meinen steril desinfizierten Händen. Und vor mir die geschlossene, automatische Tür zum Saal. Den Knopf kann ich jetzt nicht mehr drücken. Intelligenterweise gibt es einen Bewegungsensor. Unintelligenterweise befindet er sich auf Hüfthöhe und reagiert erst wenn man sich ihm auf mindestens 2cm nähert. Das wird zur richtigen Herausforderung, als ich bei einer intraoperativen Röntgenaufnahme steril im Flur warte. Um wieder hinein zu gelangen, bleibt jetzt nur noch der Fuß als Türöffner. Der Tritt fällt angesichts der Akrobatik dieser Übung ein bisschen heftig aus. Darauf reagiert die Türe beleidigt und verweigert die nächste halbe Stunde, sich wieder zu schließen.

Was zum Glück noch bei den Trockenübungen passiert, ist, dass Hanni plötzlich den Lampengriff in der Hand hat. Bevor man daran dreht um das Lichtfeld zu verändern, muss man die Funktion durch ein spezielles Manöver aktivieren. Tut man das nicht, schraubt man ganz einfach nur den Griff ab und der Aufsatz fällt ganz einfach herunter. Ich hätte nicht erleben wollen, dass das über dem sterilen OP-Feld geschieht.

Hinter jedem Handgriff an diesem ersten Tag steckt ein bisschen „Jugend forscht“ und wenn die DInge funktionieren, ist die Begeisterung groß. Trotzdem sind sich am Ende wohl alle Chirurgen einig darin, dass sich sich darauf freuen, in zwei Wochen wieder in das vertraute Revier zurückzukehren. Und sei es nur, weil dort die OP-Säle Fenster haben.

– Spekulantin

Advertisements

Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

11 Kommentare zu “OP mit Kinderkrankheiten

  1. Irgendwie scheint es nicht möglich zu sein, solche Projekte so zu realisieren, dass danach wirklich vieles besser ist… Der Umzug unseres Musiklehrstuhls hat vor kurzem auch dazu geführt, dass wir zwar jetzt mehr Proberäume mit schönerer Aussicht haben – die Akustik dafür aber mehr als bescheiden ist….

    • Musik ohne Akustik. Das ist aber auch ein bisschen sehr kurzsichtig! Irgendwie sollte man meinen, dass gerade solche Erwägungen im Planungsprozess eine Rolle spielen! Und jetzt? Gewöhnt ihr euch halt dran?

  2. Das scheint wohl nirgendwo so richtig zu klappen.
    Vor 3 Wochen wurde bei uns im Klinikum der neue OP Trakt eingeweiht und auch er hat seine „vielen“ Macken.
    Da fragt man sich ob diejenigen, die die Planung mit-erstellt haben überhaupt je in einem OP gestanden und gearbeitet haben.
    Liebe Grüße
    Jule

    • Ja, das fragt man sich manchmal wirklich, wer da so völlig an der Realität vorbei rumplant! Und bei uns war das wohl tatsächlich eine Firma, die auf die Planung von Operationsräumen spezialisiert ist… Unglaublich!

  3. Bei uns haben sie beim Bau der Räumlichkeiten die Wand zu weit Richtung Tür gezogen, jetzt haben wir zwar ne tolle Abstellkammer aber man muss die Stühle wegnehmen wenn jemand mit Rollstuhl in den Flur möchte.

    • Da hat ja auch jemand ganz schlau mitgedacht! Das Traurige ist, dass man sowas wie eine Wand, dann auch nicht mal spontan noch ändern kann.

  4. Standardproblem:
    Diejenigen, die damit arbeiten müssen werden natürlich nicht mal befragt…

  5. „Dier ersten zwei Stunden herrscht nur Chaos“… ja was erwartest Du denn von einen Gyn-OP? Frag‘ doch mal Josephine: da *muss* Chaos herrschen 🙂

    • *lach* Aber ich bin doch gar nicht mehr in der Gyn. Wobei ich manchmal das Gefühl habe die Chirurgen sind noch viel chaotischer. Zumindest sind sie deutlich unentspannter! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s