Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Kräuterhexen und Wunderheiler.

Letzte Woche Montag war ein merkwürdiger Tag. Wir hatten zwei Neuaufnahmen auf unsere Station: zwei Frauen, zwischen 50 und 60 Jahre alt mit der Erstdiagnose einer  akuten Leukämie. Aber beide wollten unsere Hilfe eigentlich gar nicht.

Die erste Patientin kam mit hohem Fieber zu uns. Bei einer akuten Leukämie können die weißen Blutkörperchen, die Abwehrzellen des Körpers, ihre Funktion häufig nicht mehr wie gewünscht ausüben – schwere Infektionen sind die Folge, die eine Therapie mit Antibiotika zwingend erfordern. Die Patientin verweigerte jedoch unsere Behandlung. Sie lebe in einer Gemeinschaft mit den Mikroorganismen ihres Körpers und habe nicht vor gegen diese vorzugehen. In ihrem ganzen Leben habe sie noch keine schulmedizinischen Medikamente zu sich genommen und das werde sich jetzt auch nicht ändern. Lediglich Kräutertees und Homöopathie seien akzeptabel.

Auch die zweite Patientin war mit unseren Behandlungsplänen nicht einverstanden. Eine Chemotherapie solle sie bekommen? Sie könne sich nicht vorstellen, dass dies etwas bewirke. Sie kenne einen Heiler, der mit Hilfe elektromagnetischer Schwingungen den Lippenherpes ihrer Tochter über das Telefon geheilt habe. Diesen wolle sie nun ebenfalls um Hilfe bitten. Noch am selben Tag verließ sie das Krankenhaus.

Am Ende gaben jedoch beide klein bei. Nachdem sowohl unter Kräutern als auch Globuli das Fieber weiter anstieg, durften wir mit der Antibiotikatherapie beginnen. Doch schon als die Therapie der Leukämie mit Steroiden anstand, mussten erneut stundenlange Diskussionen geführt werden. Letzten Endes durften wir dann auch das.

Die zweite Patientin kam nach einer Woche wieder. Die elektromagnetischen Wellen, die über das Telefon an sie gesendet wurden, hatten zu keiner Besserung der Symptome geführt. Als ihr schließlich auch die Ärzte einer weiteren Uniklinik bestätigten, dass die Heilungschancen einer Leukämie mittels elektromagnetischer Wellen eher sehr gering seien, kam sie wieder zu uns. Die Chemotherapie konnte begonnen werden.

Einerseits freue ich mich, dass wir beiden Patientinnen am Ende doch helfen durften, schließlich möchte man, dass es seinen Patienten gut geht. Andererseits ärgert mich das Ganze auch. Warum kommt man an eine Uniklinik, wenn man die gängigen Behandlungsmethoden dort aus Prinzip ablehnt? Und wenn ich ehrlich bin, bin ich irgendwie auch ein wenig enttäuscht, dass die Menschen ihre Prinzipien, nach denen sie sich ihr ganzes Leben lang gerichtet haben, so schnell aufgeben, wenn es hart auf hart kommt. Ein kleines bisschen inkonsequent finde ich das ja schon.

Ann Arbor


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falsche Sorgen

Wir haben eine neue Patientin auf unsere Station aufgenommen. Knapp über 50 Jahre alt, aber vom Aussehen schon deutlich älter. Kein Wunder, wenn man mindestens eine Schachtel Zigaretten pro Tag raucht, wenig isst und deswegen stark untergewichtig ist. Auch der Kleidungsstil (worüber man natürlich immer unterschiedlicher Meinung sein kann) ist nicht gerade das, was man unter „jung geblieben“ einsortieren würde.

Eigentlich möchte die Dame nicht ins Krankenhaus und ihr erster Kontakt auf Station zu einer vorbei huschenden Schwester bestand aus dem Hinweis, dass sie doch bitte heute Abend wieder nach Hause gehen möchte. Ob das möglich sei. Die arme Schwester völlig überfordert, woher solle sie auch wissen, was eigentlich mit der Patientin los ist, warum diese stationär kommen muss und was die Ärzte mit ihr planen? Also wird die Patientin an die Ärztin verwiesen, die für sie zuständig sein wird.

Der Ärztin erklärt die Patientin noch auf dem Gang, dass sie schnellstmöglich – am besten lieber gleich als nachher – wieder nach Hause möchte und nicht vorhat im Krankenhaus zu bleiben. Auf dem Einweisungs- bzw. Überweisungsschreiben einer auswärtigen Klinik, die die Voruntersuchungen durchgeführt hatte, findet sich der Hinweis, dass die Dame nur widerwillig einer stationären Einweisung zugestimmt hatte, nachdem sowohl Bruder als auch Arzt als auch Schwägerin sie zu überzeugen versucht hatten. Zwischen Tür und Angel erklärt die Dame der jungen Ärztin, dass sie anscheinend eine Leberbiopsie erhalten solle, um die unklare Raumforderung abzuklären, die bereits auswärts entdeckt worden sei. Und dass sie danach sofort wieder nach Hause will. Ob das machbar ist? Wohl eher nicht, aber diese Antwort will sie nicht hören. Außerdem will sie noch auf dem Gang hören, ob bei einer Chemotherapie die Haare ausfallen würden. Denn das möchte sie auf keinen Fall.

Unsere Ärztin vertröstet die Patientin auf das anschließende Aufnahmegespräch und die -untersuchung; wir bereiten die Unterlagen und Aufnahmebögen vor, was einige Zeit kostet, schließlich ist die Dame bisher bei uns unbekannt und wir wissen außer den Informationen vom Schreiben der externen Klinik nichts über sie. Doch: dass sie stark raucht. Das riechen wir sofort.

Während wir die Briefe der auswärtigen Ärzte lesen, folgen unsere Unterkiefer der Schwerkraft.

Laut Brief hatte die Patientin Schmerzen in der Schulter, die vom Orthopäden nicht beherrscht werden konnten. Dieser hatte eine radiologische Diagnostik durchführen lassen, die sowohl im Schultergelenk als auch im Schulterblatt Tumoren zeigten. Des Weiteren im anschließend durchgeführten CT sichtbar: multiple Lebermetastasen, eine enorm vergrößerte Leber, Metastasen in den Nebennieren, an der Halswirbelsäule, am rechten Hüftgelenk, am rechten Oberschenkelknochen. Und zwei Weichteilmetastasen an Po und Brust.

Selbst medizinisch unbedarfte Leser werden hier stutzen. Denn das klingt absolut nicht gut. Wirklich nicht. Tumoren mit multiplen Metastasen. Weiterlesen