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Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Arzneimittel der Woche XVI: Morphin

Morphin
Sevredol, MST-Continus, M-Stada, Capros

Anwendungsgebiet

Morphin ist ein sogenanntes Opioid und zählt zu den stärksten bekannten Schmerzmitteln. Es wird zur Behandlung von starken und stärksten Schmerzen (z.B. Tumorpatienten) eingesetzt.
Der Wirkstoff wird in vielen Kliniken in Deutschland immer noch sehr stiefmütterlich behandelt und der Einsatz sehr lange herausgezögert. Gründe hierfür sind zum einen die bürokratische Verschreibung nach dem Betäubungsmittelgesetz als auch die Angst vor Nebenwirkungen. Zusätzlich scheint es in Deutschland generell Vorbehalte gegenüber der Verschreibung von Opiaten bei Schmerzen zu geben. In Nachbarländern greift man indes viel früher zu Opiaten wie Morphin und nutzt teilweise höheren Grenzdosen.

Wirkung & Mechanismus

Morphin wirkt im Gehirn als Aktivator an sogenannten Opioid-Rezeptoren. Durch die Interaktion mit diesen Rezeptoren wird die Schmerzweiterleitung im Nerven verhindert und das Gefühl von Schmerzen für den Patienten verringert.

Nebenwirkungen

Unerwünschten Nebenwirkungen gibt es (leider) jede Menge. Wie jedes Opiat (Morphin, Heroin, …) besitzt Morphin das Potential abhängig zu machen. Beim Absetzen kann es hier zu einer akuten Entzugssymptomatik kommen. Außerdem besteht die Gefahr der Gewöhnung und damit dem Bedarf immer höherer Dosierungen um gleiche Wirkungen zu erzielen.

Der Wirkstoff führt zu  einer gefürchteten Dämpfung der Atmung bis hin zum Atemstillstand sowie zu Blutdruckabfall. Bei Tumorpatienten mit Tumoren der Lunge oder Luftwege, die am Ende ihrer Erkrankung Atemnot verspüren, wird diese Nebenwirkung bei Verabreichung des Arzneimittels in Kauf genommen, um dem Patienten das Gefühl der Atemnot zu nehmen.

Es kann zu Bewusstseinsstörungen, Schläfrigkeit bis hin zum Koma bei höheren Dosen sowie Apathie führen (die beruhigende und betäubende Wirkung wird bei Patienten im Endstadium mit einem Tumorleiden gerne in Kauf genommen, um den Patienten zu beruhigen).

Morphin kann zu Beginn der Therapie zu Übelkeit führen, da es direkt auf das Brechzentrum im Hirnstamm wirkt. Nach einiger Zeit lässt diese Nebenwirkung jedoch nach, sodass Morphin dann sogar die Übelkeit hemmen kann. Zusätzlich führt es zur Verstopfung (Obstipation), hier gibt es im Verlauf der Therapie keine Gewöhnung, sodass meist neben Morphin Arzneimittel, die den Darm anregen sollen eingesetzt werden. Zuletzt wirkt Morphin auch gegen Hustenreiz (antitussiv) – ein Verwandter des Morphins (Codein) wird daher als Wirkstoff gegen Husten eingesetzt. Bei Kindern ist höchste Vorsicht beim Einsatz von Opiaten als antitussiv wirkende Hustenmitteln geboten (es reichen beim Säugling schon wenige Tropfen!), da bei Kindern die Unterdrückung des Atemantriebs viel schneller zu tragen kommt und die Gefahr eines Atemstillstandes sofort im Vordergrund steht.

Bei Schmerzpatienten (z.B. Tumorpatienten im Endstadium) tritt die atemdepressive Wirkung ind en Hintergrund, bei ihnen kommt es zur Atemstimulation u.a. auch durch den Schmerzreiz. Eine körperliche Abhängigkeit ist bei sachgerechter Therapie bei chronischen Schmerzpatienten eher unwahrscheinlich.

Morphin wird bei seiner Aufnahme zu großen Teilen über die Leber verstoffwechselt (sog. First-Pass-Effekt), die geringen Restmengen, die schließlich im Körper verfügbar sind, wirken rund 2 – 4 Stunden und werden über die Nieren ausgeschieden.

Bei zu hoher Dosierung von Morphin (v.a. Gefahr des Atemstillstandes) kann dem Arzneistoff mit dem Medikament Naloxon entgegengewirkt werden (sog. Antagonist). Naloxon verdrängt Morphin von den Opiatrezeptoren und hebt damit dessen Wirkung auf. Wird zu viel Naloxon auf einmal angewendet, besteht die Gefahr für den Patienten direkt von der Überdosis in den Entzug und entsprechende Entzugssymptomatik zu rutschen. Außerdem ist zu beachten, dass Naloxon kürzer als Morphin wirkt und damit der Patient nach kurzzeitiger Besserung der Symptome plötzlich wieder einen Atemstillstand durch die Opiatüberdosierung erleidet.

Gegenanzeigen

Morphin darf nicht bei bekannter Allergie gegenüber dem Wirkstoff gegeben werden. Aufgrund seiner Wirkung auf die Atmung ist es streng kontraindiziert bei bestehenden Problemen mit der Atmung, z.B. COPD, verminderte Sauerstoffsättigung im Blut…. Wegen der Wirkung auf den Magen-Darmtrakt (Verstopfung!) darf es nicht bei akuten Darmproblemen (Darmverschluss, verzögerte Magenentleerung) gegen werden. Auch bei bekannten akuten Lebererkrankungen ist Vorsicht geboten, da die Verstoffwechslung des Wirkstoffs nicht sicher ist und damit zu hohe Dosen im Körper Wirkung entfalten können. Bei Schädel-Hirn-Traumata spiet die Blutdrucksenkung eine wichtige Rolle – auch hier sollten Opiate nur sehr vorsichtig bis gar nicht verabreicht werden, da der Abfall des Blutdrucks eine erhöhte die Sterblichkeit nach sich zieht.

Vorsicht sollte geboten sein bei der Anwendung von Morphin bei Patienten mit Nierenproblemen (Niereninsuffizienz), Krampfleiden (Morphin senkt die Krampfschwelle), niedrigem Blutdruck aufgrund Volumenmangel und Schock, älteren Patienten (aufgrund verschlechterter Leber- und Nierenfunktion).

Bei gleichzeitiger Gabe von Antidepressiva und anderen zentral wirksamen Medikamenten muss besonders Acht gegeben werden.

Kindern unter 1 Jahr darf Morphin nicht gegen werden, ebenso nicht an Schwangere (da Morphin dann beim Neugeborenen zu Atemdepression sowie Entzugssymptomatik führt) und Stillende verabreicht werden.

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

Vorschläge zu weiteren Medikamenten nehmen wir sehr gerne über die Kommentarfunktion, per Twitter an @arztanbord sowie das Kontaktformular entgegen.

Orthopaedix


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Arzneimittel der Woche XI: Midazolam (LMAA-Pille)

Midazolam
Dormicum, Scheißegal-Pille, LMAA-Pille (natürlich nicht der offizielle Name im Verkauf)

Anwendungsgebiet

Midazolam (bzw. besser bekannt als „Dormicum“) gehört zur Gruppe der Benzodiazepine. Es wird in der Anästhesie und Notfallmedizin als Beruhigungsmittel eingesetzt. Meist bekommt der Patient vor der Operation eine solche „Beruhigungstablette“, die ihm die Aufregung und Angst vor der OP nehmen soll. In der Intensivmedizin wird Midazolam zur Sedierung eingesetzt (vergleichbar einer leichten Narkose während einer OP).

Midazolam eignet sich darüber hinaus zur Durchbrechung eines anhaltenden epileptischen Anfalls und gegen Unruhe- und Angstzustände in der Psychiatrie.

Wirkung

Midazolam wirkt im Gehirn, indem es die Wirkung des körpereigenen Botenstoffs GABA verstärkt. GABA wirkt hemmend auf die Nervenzellen und deren Reizübertragung. Bei Anwesenheit von Midazolam werden die entsprechenden Rezeptoren auf den Nervenzellen verstärkt auf GABA geöffnet und die Nervenzellen damit hyperpolarisiert. Dadurch wird der Nerv schwerer erregt (=hemmende Wirkung).

Benzodiazepine, zu denen Midazolam zählt, wirken generell angstlösend, beruhigend (sedierend), krampflösend, schlaffördernd, anamnestisch, teilweise euphorisierend. Anamnestische Wirkung bedeutet, dass für die Zeit des Wirkens des Arzneimittels die Erinnerung an diese Zeit beim Patienten fehlt (anterograde Amnesie) und sich der Patient damit nicht an den Eingriff erinnern wird (und wegen der teilweise euphorisierenden Wirkung der Eingriff nicht negativ im Gehirn festgehalten werden wird).

Midazolam wirkt nicht gegen Schmerzen – es muss daher mit einem Schmerzmittel kombiniert werden, wenn diese Wirkung während Operationen oder Eingriffen gewünscht wird (was sie tunlichst sollte).

Die Wirkung von Midazolam kann mit dem Wirkstoff Flumazenil aufgehoben werden – dieser wird oft nach kurzen Eingriffen, bei denen Midazolam zur Beruhigung gegeben wurde, gegeben, um die Wirkung des Beruhigungsmittels aufzuheben (z.B. nach Darmspiegelung).

Nebenwirkungen

Benzodiazepine machen süchtig und abhängig! Deswegen sollten sie nicht als Schlafmittel eingesetzt werden (was leider viel zu oft bei alten Menschen passiert). „Benzo’s“ sind die Arzneimittel mit der höchsten Missbrauchsrate weltweit.

Unter der Wirkung und mind. 3h lang nach Wirkungseintritt von Midazolam darf der Patient nicht am Straßenverkehr teilnehmen, da die Reaktion, Urteilsvermögen und Fahrtüchtigkeit eingeschränkt sind.

Nebenwirkungen sind u.a. verringerter Atemantrieb, Kopfschmerz, Verwirrtheit, Schläfrigkeit (wobei das eigentlich gewünscht ist), paradoxe Reaktionen (statt Schläfrigkeit wird der Patient wach, unruhig, bekommt Wutanfälle…),. Gelegentlich (>1%) kommt es zu Übelkeit, Erbrechen, trockener Husten. Selten (<1%) beobachtet man verlängerte Aufwachphase aus der Narkose, Schlafstörungen, Schlaflosigkeit, Albträume, Muskelzuckungen, Desorientiertheit.

Gegenanzeigen

Benzodiazepine dürfen nicht angewendet werden bei Allergien gegen diese, bekanntem Alkohol-, Medikamenten- und Drogenmissbrauch (auch in der Vorgeschichte, da hier eine besonders hohe Ruckfallgefährdung in die Abhängigkeit besteht), angeborener Muskelschwäche (Myasthenia gravis) und Engwinkelglaukom (wegen der Erhöhung des Augenbinnendrucks). Benzodiazepine dürfen nicht in der Schwangerschaft und beim Stillen eingesetzt werden, da es Auswirkungen auf den Fetus bzw. das Baby gibt (Atemdepression, Herzfrequenzveränderungen, herabgesetzter Muskeltonus („floppy infant syndrome“), Hypothermie, Entzugssymptome)

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

Auf besondere Anfrage von frittenheim beantwortet. Aus persönlicher Erfahrung möchte ich Folgendes hinzufügen:

Ich habe einmal in meinem Leben eine Tablette Dormicum genommen und es bei einigen Patienten im Einsatz erlebt. Die Wirkung trat nach ca. 20min ein. Was ab dann geschah, weiß ich nicht mehr (ich saß als Beifahrer im Auto, also kann nicht viel passiert sein). Danach hat man das Gefühl eines Blackouts für die Zeit der Wirkung und kann sich an nichts erinnern (ich weiß z.B. nicht, wie ich im Auto nach Hause kam, diese Zeitspanne fehlt mir einfach). Man weiß auch nicht, was man in der Zeit getan hat. Aufgrund der beruhigenden und einschläfernden Wirkung muss man wohl keine Angst haben „irgendeinen Quatsch“ gemacht zu haben. Die Kontrolle in der Zeit der Wirkung verliert man nur im Rahmen der Schläfrigkeit und des LMAA-Gefühls. Wenn die Tablette wirkt, dann schluckt man z.B. auch einen Magenspiegelung-Schlauch ohne großes Getöse, da man im Halbschlaf wenig Angst und Aufregung verspürt und durch die beruhigende Wirkung tatsächlich eine LMAA-Stimmung einnimmt.
Man wird mit diesen Mitteln den Patienten aber nie dazu bringen sich auf eine Weise zu verhalten, die er nach Abfall der Wirkung bereuen würde (wenn er sich denn daran erinnern könnte):  man kann den Patienten z.B. nicht einfach zum Bodenputzen überreden und er würde es tun ohne danach zu wissen, was er getan hat. Dazu stimmt die Mischung aus „Abschuss“ und Kontrollverlust nicht – also keine Angst als Zombie zu enden, wenn man eine Tablette Dormicum bekommt.

Ich hoffe die Frage damit ausreichend beantwortet zu haben? 🙂

Habt ihr auch Medikamente, die wir euch erklären sollen, dann schreibt und einen Kommentar, eine Kontaktanfrage oder einen Tweet @arztanbord!

– Orthopaedix