Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Abschied.

Meine zwei Monate auf der Leukämiestation sind vorüber und es heißt Abschied nehmen.  Ich habe mit einem netten Team an Ärzten und Pflegern zusammen gearbeitet und auch der Kontakt zu meinen Patienten war enger, als dies auf einer „normalen“ Station der Fall ist. Manche waren länger auf Station als ich, andere wurden während meiner Zeit dort entlassen und wieder aufgenommen.  Man hat sich dann fast wie alte Bekannte begrüßt und sich über den Aufenthalt zuhause fast so unterhalten, als ginge es um eine Urlaubsreise. Wie war das Wetter, das Essen und wie geht es der Familie? Es ist ein merkwürdiges Gefühl, nicht zu wissen, wie es allen weiterhin ergehen wird und was das Schicksal für sie vorgesehen hat.

In Zimmer 1 die Kinderkrankenschwester Mitte 30 mit unerfülltem Kinderwunsch, deren Fall ich in der Lehrvisite meinem Oberarzt vorgestellt hatte und die an meinem letzten Tag unerwartet ein akutes Nierenversagen bekommen hat.

In Zimmer 2 eine weitere junge Patientin, die in den letzten acht Wochen nur einen einzigen Tag zuhause war. An ihrem Nachttisch hängen Bilder ihrer zwei kleine Kinder, die sie in dieser ganzen Zeit nie besucht haben.

In Zimmer 3 die nette ältere Dame, die an einem Rezidiv ihrer Leukämie leidet, das bisher noch auf keine der Therapien angesprochen hat und der es zunehmend immer schlechter geht.

In Zimmer 4 meine Lieblingspatientin, die immer für ein nettes Schwätzchen zu haben und  mit ihrer „Ich habe jetzt Leukämie, ändern kann ich es nicht, also mache ich das Beste daraus“-Einstellung fast immer gut gelaunt war, selbst nachdem die Friseuse ihre Haare abrasiert hatte.

In Zimmer 5 der 18-jährige Patient, der schon so oft hier war, dass er sich mit der Pflege duzt und den Infusiomaten besser bedienen kann als ich. Jedes Mal wenn er zuhause ist, geht er auch zur Schule. Er wollte in diesem Sommer sein Abitur machen, auf Grund der Leukämie musste alles nun um ein Jahr verschoben werden.

In Zimmer 7 mein Lieblingspatient, der sich während seines letzten Aufenthaltes auf Station frühzeitig entlassen ließ, da er die Beerdigung seines Vaters organisieren musste.  Seine Frau und die fast einjährige Tochter kommen täglich zu Besuch.

In Zimmer 9 der 23-jährige, schwule Patient, der soziale Arbeit studiert und mit dem ich einen gemeinsamen Bekannten habe. Er hat eine so seltene Leukämieform, dass er mit einem Therapieprotokoll behandelt wird, das bisher nur an vereinzelten Patienten erprobt wurde. Bisher spricht er gut an.

Wenn ich zurückschaue war es eine sehr schöne Zeit, die mir klar vor Augen geführt hat, wie unwichtig manche Probleme und Dinge im Leben sind und wie wichtig manch andere. Eine Tatsache, die zumindest ich im Studium bisweilen vergessen habe. Es fällt mir schwer, einfach zu gehen und diese Station mit all ihren Menschen, Schicksalen und Geschichten zurückzulassen. Manche werden mir mit Sicherheit für immer in Erinnerung bleiben.

Ann Arbor


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Alltag.

Bei uns finden sich mittlerweile viele Artikel über Tumore: Tumordiagnosen, Therapiegespräche, Todesfälle. Auch ich bin seit vier Wochen auf einer onkologischen Station, wo hochspezialisiert Leukämien (Blutkrebs) und Lymphome (Lymphknotenkrebs) behandelt werden. Dort erlebe ich tagtäglich wie nahe Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung beieinander liegen. Wir haben viele junge Patienten, viele etwa in meinem Alter oder sogar jünger: Studenten, Schüler, junge Eltern. Da stellt man sich doch immer wieder Fragen, auch wenn man weiß, dass man das eigentlich nicht tun sollte. „Was wäre wenn…“ Das ist nicht immer einfach.

Viele unserer Patienten sind schon länger hier als ich oder kommen immer wieder, so dass man ein engeres und vertrauteres Verhältnis aufbaut, als das auf einer „normalen“ Station mit zehn Neuaufnahmen pro Tag der Fall ist. Ich finde das schön und fühle ich mich sehr wohl hier, vor allem da es auch immer wieder Lichtblicke gibt: Ein Rückgang der Leukämie, ein gefundener Stammzellspender, ein Schoko-Bon weniger am „Wie-lange-geht-der-Chemotherapie-Zyklus-noch-Adventskalender“ und für mich, als Forschungs-verliebter Mensch, ist es immer auch wieder spannend zu sehen, wie sich experimentelle Forschung und Klinik verbinden können und wie sehr der Patient davon profitieren kann – das besondere Flair einer Uniklinik.

Zusammenfassend möchte ich mit diesem Artikel eigentlich nur sagen, dass auch auf einer onkologischen Station die Stimmung sehr angenehm sein kann und nicht immer negative Ereignisse wie Diagnosegespräche, Therapienebenwirkungen und Todesfälle im Mittelpunkt stehen; auf unseren Visiten wird häufig gescherzt und gelacht – und manchmal auch geweint. Und das ist beides auch gut so.

– Ann Arbor