Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Klimper Klimper

Chirurgen. Machos. „Richtige“ Männer. Hart im Nehmen, noch härter im Austeilen. Die wahren Macher. Halbgötter. Was sag ich – Götter! Titanen! Die einzig wahren Heiler der Medizin! Alle anderen tun ja bloß so und können nichts. Chirurgen – sie regieren die Welt und heilen Patienten. Sie sitzen nur zu Recht in der Nahrungskette ganz oben. Und weil sie so weit oben angesiedelt sind, die Nasen manchmal so hoch getragen werden, dass es beinahe von oben reinregnen kann und man deswegen sowieso viel cooler und toller ist als jeder andere Arzt, darf man sich auch sexistische Sprüche und Macho-Gehabe erlauben.

Und genau davon soll dieser Artikel handeln. Ein wenig Mimimi, ein wenig „so schaut’s aus“ und ein wenig „wie unfair“.

(c) be2.de

Als Frau hat man da bestimmt den ein oder anderen Vorteil, wenn man in eine Männerdomäne kommt – zumal als junge, gut aussehende Studentin in Mitten von älteren Chirurgen. Dieser Klimper-Klimper-Bonus, der dazu führt, dass die Gutaussehenden schneller mehr dürfen und beigebracht bekommen, zerrinnt dann aber wohl, wenn es um wichtige Funktionen geht und die Karriere entscheidend beeinflusst wird – denn da hilft das Aussehen nicht mehr, sondern kommt vielmehr ggf. negativ zu tragen im Sinne von „die hat sich ja nur hochgeschlafen, jemand der so aussieht hat bestimmt nichts auf dem Kasten…“. Und trotzdem, gerade vom Klimper-Klimper im Studentenstatus und die Reaktion der Ärzte soll es hier gehen:

Wir sind hier aktuell drei männliche und eine weibliche PJ’ler. Zugegeben, die PJ’lerin sieht nicht schlecht aus. Das denken viele – sogar der Chef der Chirurgie sprach es neulich im OP aus, als wir drei Männer operierten und  er plötzlich meinte, dass er sie natürlich nur „rein intellektuell“ für keine schlechte Partie halten würde. Hahaha – jedem war aus dem Verlauf des Gesprächs klar, was er wirklich meinte. Seit sie dabei ist, bemerke ich, dass die männlichen Oberärzte der Chirurgie immer wieder ihren Blick über sie wandern lassen, meist unauffällig, manchmal aber auch total auffällig. Musterung bei der Visite, Abscannen des Körpers von Kopf bis Fuß, immer wieder kurzes Hinblicken beim Mittagessen, Blicke auf das Dekoltée im weißen Poloshirt der Klinik….. Ein Oberarzt meinte in der Männer-OP-Umkleide, dass er es ja beinahe schade fände, dass sie in den anderen Saal ginge und ich zu ihm an den Tisch als Assistent käme – da habe er ja gar keine weiblichen Augen am Tisch und nichts Richtiges für die Optik beim Operieren. Gut, es war irgendwie ein Scherz, aber ab und an leicht sexistisch eingestellt sind die älteren Oberärzte in der Chirurgie trotzdem. In einer weitgehend männlichen Domäne kein Wunder, dass man sich irgendwann über jede weibliche Mitarbeiterin freut (zumal, wenn sie wirklich nicht schlecht aussieht).

Viel krasser als bei den Chirurgen und ihren heimlichen Musterungen ist mir die Differenzierung zwischen weiblich und männlich aber bei den Orthopäden aufgefallen. Sie sind allgemein nett (auch zu uns Jungs) – aber bei Frauen immer noch ein wenig mehr. Mehr Verständnis, mehr Rücksicht, weniger schroffer Umgangston, mehr, das man die Damen im OP machen lässt, mehr Vorschussbonus. Und ein paar Oberärzte machen keinen Hehl daraus, dass sie bei Frauen aufklaren und viel freundlicher rüberkommen. Ein Beispiel gefällig?

Sowohl der Kollege als auch ich haben in der Notaufnahme gearbeitet – beim gleichen Oberarzt Dr. Mutschler, der von Seiten der Orthopädie zuständig war. Mit uns wechselte er im Verlauf einer Woche bzw. eines Wochenendes keine fünf Wörter, warf irgendwelche Stichwörter hin oder diktiere irgendwas, das in den Brief musste. Und den Rest schwieg er, war extrem wortkarg und herablassend. Bis ich dann plötzlich die Woche drauf mit der Kollegin auf die Notaufnahme kam und aushelfen wollte – und Dr. Mutschler dort erneut den Oberarztdienst abdeckte. Kaum sah er sie, da zog er sie an einen Monitor, auf dem gerade ein Röntgenbild der Schulter gezeigt war und begann ein zwanzigminütiges Teaching mit ihr. Derweil machten wir zwei männlichen PJ’ler die Notaufnahme und Patientenuntersuchung/-versorgung weiter – und wunderten uns sehr. Mit nur einem Blickwechsel wusste der jeweils andere, was wir gerade dachten. Was geht hier denn ab?
Zugegeben, Dr. Mutschler fragte die Kollegin Basics ab und erklärte ihr nur wenig, was wir orthopädisch angetouchten und interessierten Männer nicht fast schon selbst gewusst hätten. Und irgendwie kam es auch so rüber, als wolle der Oberarzt sich nur (fast wie ein Pfau, der sein Rad zeigt) vor der Kollegin profilieren und ihr zeigen, wie toll er ist und was er alles weiß. Aber allein schon die Bereitschaft mehr als nur 3 Wörter zu wechseln….

Dass dies kein Einzelvorfall war, zeigte sich im weiteren Verlauf immer wieder. Insgesamt fanden die weiblichen Assistenzärztinnen Dr. Mutschler netter als die Männer, mit denen er arbeitete. Zu den Frauen war er immer nett, aufgeschlossen und machte Teaching (sozusagen Schwanzvergleich durch „schau her, wie viel ich weiß und wie toll ich bin“). Bei den männlichen Kollegen dagegen trat er immer wortkarg, knapp angehalten und leicht genervt auf.

Ein anderes Mal steigen die Kollegin und ich aus dem Aufzug, Oberarzt Mutschler kommt uns entgegen. Ich laufe vorweg, er grüßt nur mit einem fast unmerklichen Nick, sieht dann die Kollegin hinter mir, grinst und grüßt freundlich. Tja, douh.

Es ist mir eigentlich egal, wenn Männer meinen gegenüber Frauen anders drauf sein zu müssen. Ich verstehe es, wenn manchmal Machogehabe im OP herausgehängt wird. Der ein oder andere sexistische Witz muss erlaubt sein – das ist eben der Charakter dieser Spezies. Und ja, manchmal sind die Witze lustig und manch OP-Schwester stimmt da gerne mit ins bunte Treiben am Tisch. Auch bei Frauen gibt es solche, die mit Frauen nicht arbeiten können, aber gleichzeitig mit den männlichen Kollegen ein Herz und eine Seele sind.

Was mich aber ehrlich stört, ist, wenn man den Umgang im klinischen Alltag so raushängen muss und so deutliche Unterschiede zwischen den Studenten zu machen. Wir wollen vielleicht alle etwas lernen – wir Orthopädie-interessierten Männer definitiv noch mehr als unsere Kollegin. Hier läge Potential, hier liegt die Zukunft, wenn wir dann mal in seiner Fachrichtung tätig werden und ihn ersetzen/ablösen. Hier wäre der richtige Nährboden für Prahlerei, denn wir würden ihn anhimmeln, wenn er uns nur ein wenig von seinem schier „unendlichen“ Wissen, das er ja anscheinend zu haben scheint, abgeben könnte. Kein Wunder also, dass dieser Oberarzt bei uns männlichen PJ’lern irgendwie kein gutes Ansehen hat. Wir haben ihm nichts getan und über Teaching (selbst, wenn er sich dabei nur selbst darstellen möchte) würden wir uns immer freuen!

Und was erfahre ich eine Woche später? Dr. Mutschler wechselt demnächst die Klinik…. und wird gleichzeitig mit mir an der gleichen Klinik beginnen, an die ich wechseln werde. Also habe ich noch mindestens 15 Wochen die Möglichkeit sein Wohlwollen zu erarbeiten. Oder ihn und seine Masche zu ertragen.

Orthopaedix


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Grüße aus der Schweiz

Für mich hat bereits seit einigen Tagen das zweite Tertial begonnen – mein Chirurgie-Tertial in der Schweiz. Damit habe ich die Innere wohl für immer verlassen (auch nach 14 Wochen dort sprang der Funke nicht auf mich über) und mache nun Erfahrung in einem Land, das gegenüber den Deutschen nicht immer freundlich eingestellt ist und dass trotzdem für viele deutsche Ärzte das Auswanderungsland Nummer 1 darstellt. Warum?

Einige Gründe konnte ich bereits in den ersten Tagen am eigenen Leib erfahren: Generell arbeitet man vertraglich mehr als in Deutschland üblich, die Woche hat 48 – 50 Stunden (je  nach Vertrag), d.h. täglich ist man von 7 Uhr bis mind. 17 Uhr in der Klinik. Dafür aber wird die Zeit gestempelt und Überstunden in freie Tage umgewandelt – Unterschied Nummer 1 gegenüber deutschen Kliniken, wo im Arbeitsvertrag 42h steht und man trotzdem (unbezahlt und ohne Freizeitausgleich zu erhalten) 50 und mehr Stunden in der Klinik verbringt.

Unterschied Nummer 2: in den langen Arbeitstagen sind Pausen vorgesehen! Mittags saßen wir im Team in der Kantine (dazu gleich mehr), morgens geht es nach dem sog. „Frührapport“ zunächst gemeinsam zum Frühstück…. sofern man nicht gerade im OP steht, hat man also anscheinend auch in der Chirurgie Zeit für eine ausgedehnte Mittagspause – und schlingt nicht nur ein Snickers oder Sandwich rein (wie bspw. in vielen deutschen Kliniken).

Apropos Kantine: die ist hier super. Zwar für deutsche Gefühle super teuer (mind. 10 CHF pro Mittagessen), aber dafür auch echt gut. Auch die Ausgabe super, hell, viel Auswahl, Kühltheken für Snacks etc etc….

Grund Nummer 3: man hat eine tolle Betreuung als Assistenzarzt. Ständig ist ein Oberarzt (die Hierarchie ist hier nicht ganz mit der in Deutschland vergleichbar, wahrscheinlich werde ich dazu einen gesonderten Eintrag verfassen, wenn ich mich da mal mehr eingelebt habe) zur Hand, selbst den Chef kann man jederzeit direkt anklingeln und er hilft, beim Frühstück sitzt man alle zusammen und es gibt keine Grenzen, wer an welchem Tisch sitzen kann…. im OP fiel mir auf, dass die jungen Assistenten je nach Oberarzt schnell an die OPs herangeführt werden und dann auch immer mehr selbst machen dürfen. Man ist bemüht im Teaching und wenn Fehler passieren, dann wird das kurz angesprochen, aber dann ist es auch aus der Welt und hängt nicht ewig nach.

Apropos Fehler: einen „Anschiss“ habe ich mir leider schon abgeholt, als ich das erste Mal bei einer offenen Gallenentfernung assistieren sollte und prompt die Fäden zu knapp abgeschnitten habe, weil ich es nicht besser wusste und auch nicht nachgefragt hatte. „Was soll das?“ und eine kurze Einweisung („in Deutschland hätte das für Sie die Rote Karte vorm Spital bedeutet“) und dann ging es mit der OP weiter. Ohne Nachspiel für mich (zumindest bisher 😉 ). Am Ende darf man dann doch zunähen etc – man hat es nicht gleich vergeigt (ich hätte ja auch mal nachfragen sollen vorher… mist)

Grund Nummer 4: Weiterlesen


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Eine Woche in Altrosa

Es hat tatsächlich geklappt! Nach wochenlangem Organisationsaufwand konnte ich eine Woche im Kreissaal bei den Hebammen hospitieren. Zum ersten Mal seit dem Pflegepraktikum habe ich wieder Schichtdienst gearbeitet und hatte endlich mal wieder Zeit für die Betreuung der Patientinnen.

Und es fing auch gleich super an. Montag früh in der Übergabe bekam ich einen altrosa Kittel und wurde einer jungen Hebamme zugeteilt, die an diesem Tag wahrscheinlich mehr Teaching mit mir gemacht hat, als das gesamte Ärzteteam in den 2 Monaten zuvor. Ich habe meinen ersten Katheter gelegt, meine erste frischgebackene Mutter auf Station übergeben und nebenher unglaublich viel über die Versorgung von Mutter und Kind nach der Geburt gelernt. Und es ist wirklich wahr, dass ich die Geburtshilfe aus einer ganz anderen Perspektive erlebt habe.

Das fängt schon damit an, dass wir nach der Übergabe in den Kreissaal gegangen sind um uns vorzustellen und ich ab diesem Zeitpunkt den Kreissaal nicht mehr verlassen habe. Ich habe viel über Frau Sanft erfahren, die dort unter Geburt lag. Sie hat von ihren beiden großen Jungs erzählt, von ihrem Haus, davon wie es nach der Geburt weiter gehen soll. Natürlich hat man immer wieder einen Blick auf das CTG geworfen, aber der Mensch da auf dem Kreisbett stand einfach viel mehr im Vordergrund. Leider ging es nicht so voran, wie ich ihr das gewünscht hätte. Frau Sanft war bereits seit dem vergangenen Abend mit regelmäßigen Wehen im Kreissaal und hatte auch über Nacht gut eröffnet. Aber seitdem war der Kopf des Kindes nicht tiefer getreten. Man merkte ihr deutlich an, wie erschöpft sie inzwischen war. Trotzdem folgte sie ohne zu murren den Anweisungen zur Wechsellagerung um so das Kind vielleicht ins Becken zu schaukeln.

Und dann wurde es plötzlich hektisch. Innerhalb von einer halben Stunde sammelten sich 2 Assistenzärztinnen und eine Oberärztin im Kreissaal. Jeder bestand darauf vaginal zu untersuchen um sich selbst ein Bild zu machen. Ich stellte meinen Stuhl ganz ans Kopfende des Bettes um ein bisschen aus dem Getümmel zu entfliehen. Ganz offenbar machte man sich Sorgen und darüber wurde auch fleißig diskutiert – irgendwo zwischen den Beinen von Frau Sanft. Und als Francesca dann plötzlich von dort auftauchte und verkündete, dass man schnell eine Sectio machen würde, war ich fast genauso überrascht, wie die werdende Mutter. Klar, das CTG war nicht schön und es zeigte sich kein Fortschritt der Geburt. Und am Ende war es auch sicher die richtige Entscheidung. Die Kleine schwamm in dick grünem Fruchtwasser, die Nabelschnur zweimal um den Hals und einmal um die Schulter gewickelt. Natürlich wäre eine vaginale Geburt so nicht möglich gewesen, schon die Entwicklung beim Kaiserschnitt war schwierig.

Aber das ist gar nicht der Punkt. Weiterlesen