Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Gratwanderung.

Gründe, als Patient in eines der größten hepatologischen Zentren Großbritanniens zu kommen, gibt es viele. Gründe, als junger Mensch eine Lebertransplantation zu benötigen, gibt es eher wenige. Unsere Patientin ist Ende 20 ohne medizinische Vorerkrankungen. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie versucht sich mit einer Überdosis Paracetamol das Leben zu nehmen. Paracetamol ist ein frei verkäufliches Schmerzmittel, das bei normaler Dosierung kaum Nebenwirkungen aufweist, bei sehr hohen Dosierungen jedoch zu schweren Leberschäden führen kann. Sie wurde damals rechtzeitig gefunden und in unser Krankenhaus gebracht. Ihre Leber war jedoch irreversibel geschädigt, die einzige Möglichkeit ihr Leben zu retten war eine Lebertransplantation.

Obwohl das Wartezimmer voll ist und wir mit der Sprechstunde schon wieder in Verzug sind, beginnen wir zu diskutieren. Darf man einem Patienten mit dieser Krankheitsgeschichte eine Leber transplantieren? Sollen Patienten, die sich doch selbst das Leben nehmen wollten, ein Organ transplantiert bekommen, das einem anderen Patienten, der leben möchte, das Leben retten könnte? Nimmt man dadurch nicht einem anderen Patienten das Recht auf ein neues Leben? Und wie ist das eigentlich mit der Zustimmung des Patienten? Ist der Patient in einem Zustand, in dem er einer lebensrettenden Operation nicht zustimmen kann, wird in der Regel von einem Lebenswillen und einer Zustimmung des Patienten zu dieser Operation ausgegangen. Aber wie ist das mit einem Patienten, der doch ganz klar keinen Lebenswillen mehr besitzt? Aber besitzt jemand, der einen Selbstmordversuch begangen hat, mit Sicherheit keinen Lebenswillen mehr? Vielleicht sieht er die Dinge mittlerweile anders. Und hat nicht jeder Mensch ein Recht auf die bestmögliche medizinische Behandlung?

Bald wird klar, dass wir diese Diskussion nicht gegen einander oder gegen ein bestehendes System führen, sondern in Wahrheit nur gegen uns selbst. Wir beide wissen selbst nicht, welche Meinung wir vertreten sollen, welcher Standpunkt der richtige ist. Wir kommen zu keinem Ergebnis.

Schließlich bitten wir die Patientin ins Sprechzimmer, sie kommt zur Routinekontrolluntersuchung. Es gehe ihr gut, ihre Medikamente nehme sie regelmäßig ein und sie plane nächstes Jahr eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen.

Während sie erzählt, geht mir durch den Kopf, dass sie heute nicht hier sitzen würde, wenn ihr Selbstmordversuch damals erfolgreich gewesen wäre, wenn sie keine Lebertransplantation erhalten hätte. Waren wir vielleicht doch zu vorschnell mit unseren Argumenten gegen eine Transplantation?

Auf einiges Nachfragen hin berichtet sie jedoch, dass sie vor wenigen Wochen wieder im Krankenhaus gewesen sei. Über 20 Tabletten Paracetamol – die genau Menge weiß sie nicht mehr. Ein zweiter Selbstmordversuch, jedoch mit geringeren Schäden an der Leber. Eine zweite Transplantation war nicht erforderlich.

Nachdem sie den Raum verlassen hat, herrscht Stille. Wir schauen uns beide etwas ratlos an, dann beginnt mein Oberarzt eine Geschichte  zu erzählen, die sich vor wenigen Jahren zugetragen hat. Ein Patient hatte ebenfalls versucht sich mit einer Überdosis Paracetamol das Leben zu nehmen. Auch er erhielt daraufhin, wie unsere Patientin, eine Lebertransplantation. Er war nur wenige Tage aus dem Krankenhaus entlassen, als er sich vor einen Zug warf. Der Abschiedsbrief enthielt nur einen Satz: „Liebes (hier der Name des Krankenhauses), versucht jetzt einmal mich wieder zusammenzuflicken!“

Dieser Satz lässt mich auch heute – Wochen später – immer noch nicht los. Alte Probleme lassen sich eben doch nicht durch eine neue Leber lösen.

– Ann Arbor

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Arzneimittel der Woche IX: Paracetamol

Paracetamol
ben-u-ron, Paracetamol, Perfalgan….

Anwendungsgebiet

Paracetamol ist ein Nichtopioid-Schmerzmittel und wird zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Schmerzen angewandt (z.B. bei Zahn-, Regel-, Kopf-, Gelenkschmerz). Die Kombination  mit  ASS  (Aspirin) und/oder Koffein hat eine erhöhte Wirksamkeit, weswegen diese Präparate (z.B. Thomapyrin) z.B. gegen Spannungskopfschmerz oder Migräne bevorzugt eingesetzt werden. In Kombination mit anderen Wirkstoffen z.B. Hustenlösern oder Vitamin C wird Paracetamol als Fieber- und Schmerzsenker gegen Erkältung und Grippe eingesetzt.

Wirkung & Mechanismus

Der genaue Wirkmechanismus für Paracetamol ist bis heute nicht bekannt. Für den Wirkstoff ist nur unter Laborbedingungen entzündungshemmende Wirkung nachgewiesen worden. Er gehört deswegen nicht zur Gruppe der „nicht-steroidalen Entzündungshemmern“, zu denen u.a. ASS und Ibuprofen zählen. Es gibt diverse Erklärungsansätze, wie Paracetamol wirken könnte, u.a. durch Wirkung im Gehirn und Rückenmark, durch Wechselwirkungen mit anderen Botenstoffen wie Serotonin oder euphorisierenden Stoffen (Cannabinoid-System des Gehirns) …

Paracetamol wirkt nicht auf die periphere Cyclooxygenase, einem Enzym, das für die Produktion von Entzündungsstoffen zuständig ist und von nicht-steroidalen Entzündungshemmern gehemmt wird (siehe Wirkung von Acetylsalicylsäure (ASS)). Daher hat Paracetamol weniger Nebenwirkungen als diese Stoffe (z.B. in Hinblick auf Magengeschwüre etc). Außerdem fehlt Paracetamol der blutverdünnende Effekt, den ASS vorweist.

Paracetamol wirkt nach oraler Einnahme nach ca. 30 – 60 Minuten. Der Abbau erfolgt über die Leber, die Ausscheidung über die Nieren. Beim Abbau entsteht ein toxisches Molekül, das normalerweise sofort von anderen Stoffen „eingefangen“ und damit für die Ausscheidung über die Nieren unschädlich gemacht wird. Bei hohen Dosen von Paracetamol ist dieses Einfangen nicht mehr ausreichend möglich und Paracetamol wird für die Leber toxisch. Dadurch gehen Leberzellen zu Grund und es kann zu Leberversagen kommen.

Nebenwirkungen

Bei langjähriger hochdosierter Anwendung von Paracetamol ist die Entstehung eines medikamenten-assoziierten Kopfschmerzes, der sich beim Absetzen der Medikamente verschlimmert, möglich.

Paracetamol hat sehr wenige Nebenwirkungen, die bei weniger als 1 von 1000 Patienten auftreten können. Dazu gehören u.a. Anstieg der Leberenzyme und in sehr seltenen Fällen eine Verringerung der Zahl der Blutplättchen (Thrombozytopenie) und der weißen Blutkörperchen (Agranulozytose). Selten kommt es zu einem juckenden Hautausschlag oder zur Beeinträchtigung der Nierenfunktion.

Paracetamol steht unter Verdacht nach langjähriger Einnahme  das Risiko für Blutkrebs zu erhöhen (Studie).

Paracetamol wird häufig in suizidaler Absicht eingenommen. Schon rund 10 Gramm können bei einem Erwachsenen zum Leberversagen führen – was jedoch nur selten zum unmittelbaren Tod führt! Vielmehr überleben die Patienten ihren Suizidversuch und leiden an den (schmerzhaften) Folgen des Leberversagens. Symptome der Paracetamol-Vergiftung treten erst nach 2 Tagen auf, erreichen nach 4-6 Tagen ihren Höhepunkt und sind u.a. Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Schmerzen als Zeichen der Leberschädigung. Ein geeignetes Gegenmittel ist N-Acetylcystein, das die toxischen Abbauprodukte in der Leber neutralisieren kann. Dessen Einnahme muss in den ersten Stunden nach Vergiftung erfolgen. Ansonsten hilft nur noch die Lebertransplantation gegen das toxische Leberversagen.

Gegenanzeigen

Paracetamol darf aufgrund der oben genannten Abbauwege nicht bei schweren Leberstörungen oder Leberversagen gegeben werden. Da die Ausscheidung über die Niere erfolgt, sollte Paracetamol nicht bei chronischem Nierenversagen gegeben werden.

Für die Wirkung auf das ungeborene Kind bzw. während der Stillzeit liegen keine sicheren Daten vor (auch wenn die Wirksubstanz über die Muttermilch nicht übertragen werden soll), sodass die Einnahme wie bei (fast) jedem Medikament grundsätzlich kritisch zu überdenken ist.

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

Gewünscht hier von squirrel1976. Eure Vorschläge und Wünsche bitte als Kommentare hier drunter 🙂 Das nächste Mal dann: die Pille

Orthopaedix