Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


Ein Kommentar

Mysterium OP

Immer wieder hört man in den Medien, dass eine OP viele Stunden gedauert hätte. „8 Stunden lang versuchten die Ärzte das abgetrennte Bein zu retten“, „10 Stunden wurde der Patient im OP erstversorgt“…. auch ich stand bei einigen OPs schon bis zu 10 Stunden im Saal.

Wenn ich danach bei Twitter einen Tweet abgesetzt habe, dass der Tag im OP-Saal durchrauschte, kamen oftmals Fragen, wie man denn eine so lange Zeit bezüglich Toilette, Trinken und Essen überstehen kann. Deswegen möchte ich heute hier ein wenig die Mysterien der langen OPs lüften.

Toilette

Eine ganz einfache Regel, die man vor OPs befolgen sollte ist, dass man vor jeder OP noch schnell auf Toilette huscht. Ganz egal, wie lange die OP laut Plan dauern wird, man weiß nie, was dazwischen kommen wird und wie lange sich die OP-Dauer steigern wird. Oftmals stand ich am Tisch bei einer OP, die normalerweise 2-3 Stunden dauert (man könnte also vorher denken „das hält meine Blase durch“) und dann gab es Komplikationen und die Dauer wurde länger und länger…. Deswegen: vorher Blase entleeren.

Während einer langen OP hatte ich noch nie das Bedürfnis auf Toilette zu müssen und extra deswegen vom Tisch abtreten zu wollen. Denn: wenn von oben kein neues Wasser reinkommt, dann will unten auch keines raus. Zudem ist man meist auf die OP konzentriert und hat gar keine Zeit sich über einen Toilettengang Gedanken zu machen. Ihr kennt das vielleicht vom Sport: wenn man mittendrin beim sporteln ist, dann muss man selten bis gar nicht auf Toilette gehen – der Körper konzentriert sich auf andere, im Moment wichtigere Dinge.

Trinken

Auch hier habe ich mir angewöhnt vor Beginn der OP schnell noch ein paar Schluck zu trinken. Nicht zu viel, sonst wird der Toilettengang doch noch zum Problem, aber genug, dass man mind. 3-4 Stunden ohne Nachschub aushalten kann. Danach zehrt der Körper an seinen Reserven und man bemerkt eine Abnahme der Konzentration, Kopfschmerzen, vielleicht schlechteres Sehen, innerlichen Motivationsverlust… ein sonderbares Gefühl.

Das Trinken ist irgendwann der limitierende Faktor. Nach 7-8h ist man so matschig im Kopf, dass man dringend einen Schluck benötigt. Dann gibts verschiedene Möglichkeiten: entweder man bekommt von einer Schwester mit Röhrchen ein Glas Wasser unter den Mundschutz gereicht und kann so ein wenig seinen Wasserhaushalt nachfüllen. Oder aber man tritt als Operationsteam mal für 15min vom Tisch ab, nimmt schnell einen Schluck, isst einen Happen und geht auf Toilette, bevor die OP dann weitergeht. Diese Option ist natürlich auch in der Version möglich, dass nach und nach einer nach dem anderen der Operateure abtritt und die verbleibenden zwei weiter machen können.

Essen

Hunger, das ist das, was die Meisten vermuten, dass man es irgendwann hat. Und das stimmt auch, nach ein paar Stunden ohne Verpflegung beginnt der Magen in die Kniekehle zu wandern. Im normalen Alltag versuche ich bei unplanmäßigem Ruf in den OP schnell noch ein Snickers o.ä. zu verdrücken, weil ich gemerkt habe, dass das den Hunger für ca 2-3h unterdrücken kann. Ansonsten heißt die Devise: gut frühstücken, Mittagessen, wenn immer möglich und nichts nach hinten verschieben, wenn man zwischendurch essen könnte. Denn der OP ruft immer dann, wenn man grade nichts gegessen hat.
Im OP selbst gilt eigentlich das Gleiche wie oben erwähnt. Ein paar Stunden hält man durch, dann wird es flau im Magen. Aber dieses Gefühl ist weniger schlimm als das Durstgefühl. Finde ich. Man stelle sich nur mal vor, wie viele Menschen weltweit hungern und wie lange sie das durchhalten. Also darf man sich über 2-3 Stunden ohne Essen keine Sorgen machen. Das hält man durch. Im Selbstversuch könnt ihr ja mal morgens ein Müsli essen und schauen, wie lange ihr ohne Nachschub aushaltet, bis der Hunger zu stark wird. Aber auch hier gilt, dass man im OP natürlich auf andere Dinge konzentriert ist, als auf das Essen (und bei manch OP der Hunger vergeht).

Als Lösung gibts auch hier die Methode ein Bonbon oder Gummibärchen unter die Maske geschoben zu bekommen oder aber kurzzeitig abzutreten und Nachschub in den Magen zu mampfen.

Ihr seht, so schlimm ist das gar nicht, wenn man mal 5-6h steril am Tisch steht. Und auch, dass man sich nicht im Gesicht kratzen darf (weil unsteril) ist vielleicht am Anfang oder beim Gedanken daran, sonderbar – aber sobald man die sterilen Handschuhe anhat, ganz leicht durchzuhalten.

Orthopaedix

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PJ-Alltag in Belgien.

7.45 Uhr              Frühbesprechung. Alle chirurgischen Patienten der Intensivstationen werden besprochen. Da ich besagte Patienten noch nie gesehen habe, ist es leider eher weniger spannend, ob deren Hämoglobinwert gerade um 1 gefallen oder gestiegen ist. Aber es gibt Kaffee!

8.15 Uhr              Die Frühbesprechung ist vorbei, vor 9 Uhr werden die OPs nicht starten – zumindest in der Regel. Da man das aber nie genau wissen kann und uns auch niemand Bescheid sagt, gehen wir direkt in den OP und stehen ein bisschen sinnlos in der Gegend herum. Lieve (die belgische PJlerin) und ich teilen uns die beiden OP-Säle auf (heute gibt es zum Glück zwei Säle), um unsere Chancen im Kampf mit den insgesamt fünf Assistenzärzten um die OP-Assistenz zumindest etwas zu erhöhen. In der Regel ziehen wir jedoch den Kürzeren.

9.00 Uhr              Die Leberresektion in meinem Saal beginnt. Natürlich bin ich wieder nicht steril am Tisch. Auch auf dem Bildschirm ist heute nichts zu erkennen, da das OP-Feld durch den Kopf des Operateurs verdeckt ist. Sehr schön. Lieve hat ein kleines Erfolgserlebnis und darf im anderen Saal bei der Leistenbruch-OP assistieren. Leistenbruch-OPs sind zwar gänzlich unspektakulär und nähen dürfen wir nicht, aber immerhin ist sie steril. Ein kleiner Sieg für das PJler-Team.

11.30 Uhr            Lieve hat sich zu mir gesellt und wir stehen nun beide sinnlos im OP herum und sehen nichts als die Rücken der Operateure. Der Lerneffekt hierbei ist unglaublich. Trotzdem wird von uns erwartet, dass wir anwesend sind.

13.30 Uhr            Nach dem Mittagessen gehen wir wieder in den OP, vielleicht haben sie es nach einer Stunde tatsächlich geschafft, den nächsten Patienten OP-bereit zu haben. Neues Spiel, neues Glück. Manchmal dürfen wir immerhin steril sein, bis der Chefarzt an den Tisch kommt. Diesmal aber nicht. Ein 61-jähriger Patient ist von einem Baum gefallen – stumpfes Lebertrauma. Das könnte ja ausnahmsweise sogar spannend und lehrreich werden, selbst wenn wir alles nur auf dem Bildschirm verfolgen können. Aber der Anästhesist und unsere Oberärztin werfen uns unfreundlich aus dem Raum, in dem angeblich zu viele Leute wären (nicht mehr als sonst auch, aber gut). Der Anästhesie-PJler freut sich und geht nach Hause, doch wir müssen heute Abend unserem Chefarzt noch Patienten vorstellen, geplant ist 17 Uhr.

17.00 Uhr            Nach endlosem Herumsitzen ist es fünf. Aber weder Chef- noch Oberärzte tauchen auf, also warten wir weiter.

18.00 Uhr            Der Chefarzt kommt vorbei mit der Ansage „in 10 Minuten geht es los“. Wir machen uns mit dem Assistenzarzt auf den Weg, damit alles bereit ist, wenn der Chef kommt.

18.45 Uhr            Endlich. Das Warten hat mal wieder ein Ende. Zunächst werden die Patienten der Station besprochen. Da wir immer schön brav im OP bleiben sollen, weiß ich noch nicht einmal, wo überhaupt unsere Station ist. Danach stellen wir dem Chefarzt die Patienten für die OPs der nächsten Woche vor. Krankheitsgeschichte, Bildgebung, geplante OP. Auch diese Patienten haben wir noch nie gesehen, Anamnese und Untersuchungsbefunde müssen wir uns aus alten Arztbriefen zusammensuchen.

19.45 Uhr            Feierabend. Ich frage mich, was ich heute in diesen 12 Stunden eigentlich gelernt habe. Vielleicht Frustrationstoleranz.

Nachts träume ich vom Haken-/Klappe-halten-Prinzip in Deutschland und von (manchmal) schlechten Lehrveranstaltungen – immerhin würde man hierbei irgendetwas sehen und lernen…Aber das Gras ist auf der anderen Seite bekanntlich immer grüner…

Ann Arbor


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HowTo: OP-Assistenz

Mediziner im PJ: „Haken und Maul halten“
– Unispiegel-Artikel 08/05

Der Spiegel-Artikel ist vielleicht nicht mehr ganz aktuell, die Philosphie aber traurigerweise doch noch ein bisschen. Die Zeiten in denen ein Schlag auf die Finger mit dem Instrument so viel hieß wie „Haken loslassen“, sind zum Glück auch vorbei, aber die wichtigeste Aufgabe des Assistenten im OP ist immer noch keinen Ärger zu machen. Das heißt so viel wie: Nicht im Weg rum stehen, aber trotzdem genau dann zur Stelle sein, wenn gerade eine zusätzliche Hand gebraucht wird. Keine dummen Fragen stellen, aber bitte genau wissen wo noch was zu tun ist. Nicht ganz einfach diesen Überblick zu entwickeln. Vielleicht kann ich allen Anfängern aus meinen Erfahrungen der letzten Wochen ein paar Tips geben, die den Einstieg erleichtern:

1. Über das Betreten eines OP-Saals: Es ist völlig unwichtig, wie viele Leute im Saal bereits am Reden sind, mit dem Betreten des Raumes sollte stets ein lautstarker Gruß in die Runde verbunden sein. So laut, dass sich auch wirklich jeder angesprochen fühlt. Und wenn ein unbekanntes Gesicht durch den Raum wuselt, dann führt dein erste Weg mit ausgestrecktem Arm darauf zu um dich vorzustellen. Wie man dabei die Arbeit des anderen nicht unterbricht und trotzdem seinen Namen vorgebracht hat, bevor einen dieser ein zweites Mal anschaut – an der Frage arbeite ich selbst noch… Wichtig jedenfalls: Der sterilen Schwester nicht die Hand schütteln, auch wenn sie sie  noch so freundlich hinhält.

2. Über das Lagern des Patienten: Je nach Operation müssen Arme oder Beine ausgelagert oder angelagert werden. Dazu gibt es dann auch irgendwo entsprechende Halterungen. Beim ersten Mal gut zuschauen, denn ab dem zweiten Tag wird erwartet, dass du das alleine hinkriegst. Und wenn die Anästhesie das für dich übernimmt, weil du zu langsam bist, dann weißt du, dass du etwas falsch machst. Falls du gar nicht weißt, was zu tun ist, solltest du andersweitig sehr beschäftigt wirken… Maske zurechtrücken zählt da nicht, vielleicht besser den Operateur anrufen, dass er sich einschleust…
Und zum Extra-Punkte sammeln: Dort wo abgewaschen wird am Ende des Lagerns ein Molltex unterschieben.

3. Über das Waschen: Bei uns im OP wäscht die sterile Schwester den Patienten ab. Wenn sie damit anfängt, ist das der Startschuss in den Waschraum zu verschwinden. Woanders habe ich erlebt, dass der erste Assistent abwäscht. Wenn er sich waschen geht, ist das auch für dich ein guter Zeitpunkt – sofern der Patient gut gelagert ist.
Wie du dich dann wäscht, darüber gibt es sehr viel Ansichten. Wenn du nicht gerade an den alteingesessenen Chefarzt gerätst, dann brauchst du die Bürste nur zu verwenden, wenn du noch den halben Garten unter den – hoffentlich kurzen – Fingernägeln. Genügend Studien beweisen inzwischen, dass standartmäßiges Bürsten die Keimzahl auf der Haut nur erhöht. Also mit viel Seife am Beginn des Tages einmal Hände und Unterarme waschen. Beim Abspülen und Abtrocknen darauf achten, dass das Wasser zu den Ellbogen hin abfließt. Dann 3 Minuten mit viiiiiiiel Desinfektionsmittel Hände und Unterarme einreiben. Dabei gegen Ende nur noch die Hände desinfizieren. Tausende Anleitungen, wie man an den Häden dafür sorgt, dass auch alles was abkriegt, gibt es überall, wahrscheinlich auch im Waschraum. Für alle weiteren Operationen des Tages reicht es nur noch zu desinfizieren ohne sich zu waschen. Die desinfizierten Hände dann außer Reichweite von Kittel, Menschen und Einrichtung halten, etwa zwischen Brustwarzen und Bauchnabel – und ab in den Saal.

4. Über das Einkleiden: Weiterlesen