Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Warten auf den Tod

Wir haben ein Zimmer auf Station, in dem ein Patient – nennen wir ihn Herr Ochs –  liegt, der seit einer Woche Komforttherapie erhält. Das heißt: keine Therapie mit kurativem Anspruch, Antibiotika wurden gestoppt, keine operativen Eingriffe mehr, nur noch Schmerztherapie und Flüssigkeit. Das haben sich Herr Ochs und seine Ehefrau gewünscht. Ursprünglich war er bei einem Darmverschluss in die Klinik gekommen, operativ versorgt worden und hätte nach Hause gehen können… wenn da nicht am achten Tag nach der OP plötzlich Bauchschmerzen aufgetreten wären, Fieber und Unwohlsein. Im CT kam freie Luft im Bauch zu Tage, die da nicht sein darf und auf ein Loch im Gedärm hindeutet – bei einem Zustand nach einer Darm-OP ist das meistens Zeichen dafür, dass die sog. Anastomose, also die Zusammennaht zwischen den beiden Stücken Darm, zwischen denen man die Engstelle entfernt hatte, nicht dicht ist und damit Luft auf dem Darm austritt. Mit der Luft können auch Bakterien und Kot in den Bauch fließen und schlimmstenfalls zu einer Bauchfellentzündung und Blutvergiftung führen. Es droht ein tödlicher Ausgang.

Im CT fand sich neben der Luft auch eine große Abszessformation, eine Flüssigkeitsgefüllte Höhle, die mit vermutlich Eiter gefüllt war – eine Abwehrreaktion des Körpers auf Austritt von Bakterien und Fremdmaterial (Kot) in den Bauchraum. Dies würde das Fieber und die Verschlechterung des Zustandes sehr gut erklären. Die Atemnot, die  Herr Ochs neuerdings verspührte, ließ sich durch  einen Erguss im Rippfell erklären. Eigentlich hätte man also den Erguss punktiert und den Bauch neu eröffnet und „geputzt“. Die Naht erneuert und die Heilung abgewartet.

Aber Herr Ochs wollte keine weitere OP, er hatte ein Alter erreicht, das für ihn alt genug zum sterben war – aber eigentlich gesund und rüstig. Mit dem Oberarzt, der betreuenden Assistenzärztin, der Ehefrau und dem Patienten gab es ein langes und ausführliches Gespräch über das weitere mögliche Vorgehen und die jeweiligen Konsequenzen. Man ließ der Familie Zeit zum Besprechen und Überdenken, sprach erneut lange Zeit mit allen und bekam am Ende das Ergebnis, dass eine weitere OP zu unterlassen sei und die Therapie konservativ fortgeführt werden solle – Ausgang ungewiss. Der Patient wurde darüber aufgeklärt, dass er sterben würde, wenn die Therapie (zu hoher Wahrscheinlichkeit) nicht ausreichen wird.  Weiterlesen


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Herr Grevé – Teil 2

„Wissen Sie, ich lese jeden Morgen zuerst in der Zeitung den Teil mit den Todesanzeigen. Vielleicht kannte man einen der Verstorbenen“

> Teil 1 kann hier nachgelesen werden

Am dritten Tag des Zyklus begann Herr Grevé erneut sich zu übergeben und über starke Übelkeit zu klagen. Wir versuchten ihn mittels Medikamente beschwerdefrei zu bekommen, schließlich war ein Erbrechen für seinen aktuellen physischen wie psychischen Zustand absolut ungeeignet. Beim Blutabnehmen gefiel mir Herr Grevé  nicht, er reagierte nicht mehr auf meine Worte und half mir nicht mehr wie gewohnt beim Freilegen des Portanschlusses, sondern ließ alles nur noch über sich ergehen ohne aktiv dabei zu sein. Bei der Visite wenige Stunden später reagierte Herr Grevé plötzlich nicht mehr adäquat auf unser Ansprechen, auf Berührungen oder auf Schmerzreize. Er hatte die Augen nach oben verdreht und stöhnte nur leise vor sich hin. Wir begannen uns ernsthafte Sorgen zu machen.

Der Chefarzt ordnete sofortige Blutkulturen und Beginn einer antibiotischen Therapie an – auch, wenn kein Fieber feststellbar war. So lange bis Fieber nachweisbar werden würde, hatten wir keine Zeit zu warten. Das Antibiotikum lief keine 30 Minuten später als Tropf. Und wir hofften das Beste für Herrn Grevé.

Der Tag ging und der nächste Tag kam. Ich wurde am Morgen auf Station damit begrüßt, dass ich bei dem Patienten bitte die Portnadel wechseln solle, denn sie liefe nicht mehr richtig. Da es sich aber nicht um einen Notfall handelte, ließ ich die Aufgabe zunächst ans Ende meiner ToDo-Liste fallen und nahm bei den ersten 10 Patienten Blut ab. Als ich dann meine sieben Sachen für das Anstechen bzw. Wechseln der Portnadel zusammensuchte, wurde mir mitgeteilt, dass der Port jetzt doch liefe und nur eine normale Blutabnahme nötig sei.

Mit meinen Röhrchen und Spülspritzen bewaffnet, machte ich mich auf den Weg zu Herrn Grevés Zimmer. Ich betrat es mit einem Pfeifen auf den Lippen, das mir noch beim Öffnen der Tür an selbigen Hängen blieb. Die Stimmung, die mir aus dem Raum entgegen kam, ließ nichts Gutes erwarten. Über Nacht hatten die Schwestern Herr Grevé alleine im Zimmer gelassen und seinen bisherigen Nachbar in ein anderes Zimmer geschoben. Nun war die Familie um das Bett des Patienten versammelt, Ehefrau, Kinder. Die Atmosphäre gedrückt, traurig und die Tränen in den Augen. Es war klar, dass Herr Grevé nicht mehr lange zu leben hatte und wir den Kampf gegen seine eventuell bestehende Infektion bzw. seinen Krebs verloren hatten.

Trotzdem sollte ich Blut abnehmen. Da mit keine Informationen mitgegeben wurden, war ich von der Situation zunächst erschlagen. Dieser Mangel aber ließ mir keine Entscheidung über Sinn und Unsinn einer Blutabnahme zu, sodass ich versuchte über den Port schmerzfrei Blut abzuziehen. Immerhin war das bisher immer so gut gegangen – warum also nicht auch heute Morgen?

Herr Grevé lag mit nach oben gedrehten, halb geschlossenen Augen in seinem Bett und hatte nur noch Schnappatmung mit leisem Rasseln. „Präfinal“ nennt man diesen Zustand in der medizinischen Terminologie. Auf Ansprache keine Reaktion. Ich versuchte mein Blut zu bekommen und das beklemmende Zimmer schnellstmöglich zu verlassen…. aber es kam kein Blut über den Port. Mist. Was nun?

„Eigentlich müsste ich jetzt in den Arm pieksen und von dort Blut nehmen“

Ich nahm mir meinen Stauschlauch und versuchte eine Vene am Arm zu finden. Der Arm war bereits kühl und fleckig, ein Zeichen, dass der Kreislauf zentralisierte und der Körper nur noch die wichtigen Organe wie Hirn und Herz versorgen wollte und konnte. Ich fragte mich, ob diese Blutabnahme eigentlich noch Sinn hatte – aber da mir jegliche Informationen vorenthalten worden waren, für was das Blut abgenommen werden sollte (vielleicht dachen die Ärzte ja, sie könnten Herr Grevé noch helfen und hatten seinen Zustand am Morgen noch gar nicht bemerkt?), konnte ich nicht eigenständig entscheiden, die Abnahme nicht durchzuführen.

Als ich ein wenig versuchte eine Vene zu finden, in die ich stechen könnte, meinte die erwachsene Tochter zu mir:

„ist das wirklich noch nötig jetzt mit dem Blut? Ich meine, Sie sehen doch, dass er sterben wird. Warum muss man ihn dann jetzt noch stechen? Ich widerspreche jetzt einfach mal jeglicher Intervention, die man noch an ihm durchführen will“

Natürlich musste ich ihr Recht geben. Aber: mir werden die Röhrchen ja auch nur hingestellt und ich wusste ja nicht was mit ihm geplant ist bzw. in welch Verfassung er sich heute Morgen befinden würde.

„Wissen Sie was? Ich nehme kein Blut ab, sondern werde draußen Bescheid geben, dass der Zustand derart ist, dass das Blut nicht mehr sinnvoll wäre.“

Stumm verließ ich das Zimmer und gab auf dem Flur Bescheid. Natürlich musste kein Blut mehr abgenommen werden und wenig später vereinbarte der Chefarzt mit den Angehörigen die Einstellung jeglicher Versorgung außer der nötigen Schmerzmedikation.

Herr Grevé verließ uns 20 Minuten später und schlief im Kreise seiner engsten Familie für immer ein.

Ich fühlte mich betroffen, atmete auf Station mehrere Male tief durch und musste fünf Minuten im Arztzimmer abschalten versuchen. Nach der Schicht saß ich ein wenig in der Sonne, um meine Gefühlen und Gedanken in Ruhe zu ordnen. Herr Grevés  Tod hat mich, mehr als ich gedacht hätte, berührt und betroffen gemacht. Vielleicht, weil ich ihn vorher gern leiden konnte. Vielleicht, weil ich in diese pietätlose Situation gestoßen worden war. Vielleicht, weil mir bewusst wurde, dass der Tod ein täglicher Gast im Alltag in der Klinik ist.

Herr Grevé möge seinen Frieden finden.

– Orthopaedix