Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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wenn der Pathologe warten lässt

OP. Entfernung einer Gallenblase. Offen, also mit einem ca. 10cm langen Schnitt unterhalb des Rippenbogens rechtsseitig. In der Voruntersuchung wurde eine Wucherung der Schleimhaut in der Gallenblase gesehen (ein sog. Polyp) – diese können auch mal bösartig sein. Es ist also Vorsicht geboten. Ich werde als zweite Assistenz dazu gerufen, kam gerade aus dem Nachbarsaal, wo ich vier Stunden bei einer Entfernung des Krummdarms (Sigma) assistiert hatte und nun eigentlich mit knurrendem Magen in Richtung Kantine wollte, um mir wenigstens noch ein Sandwich zu sichern – warme Mittagessen gibt es um die Uhrzeit nicht mehr. Aber noch in der Umkleide zurückgerufen und nun also bei einer offenen Galle dabei. Interessiert mich eigentlich auch – aber viel zu sehen gibt es da nicht. Bis ich mit meiner schlauen Frage „ist das das Calot-Dreieck“ ankomme, ist das schon eröffnet und die Gallenblase halb draußen. Nach nicht mal einer Stunde haben wir sie in der Hand und die Blutstillung ist beendet. Und damit eigentlich auch die normale OP. Wenn da nicht die Restunsicherheit mit der Einstellung des Polypens wäre – ists ein gut- oder doch ein bösartiger? Also greifen wir zum Äußersten und rufen den Pathologen hinzugerufen.

Die Beziehung Chirurgen – Pathologen kann man wohl am Besten mit einem bekannten Witz beschreiben:

Ein Internist, ein Chirurg und ein Pathologe gehen zusammen auf Entenjagd. In einiger Entfernung ist lautes Geschnatter zu hören und mehrere Vögel flattern gen Himmel.
Der Internist legt also an, ist schussbereit und fängt dann an zu denken: “Hmm, sind das wirklich Enten? Könnten auch Rebhühner sein. Oder Haubentaucher. Die Warscheinlich ist Enten > Rebhühner > Haubentaucher. In seltenen Fällen sehen aber auch…” “Schieß endlich! Schieß doch!” brüllt der Chirurg.
Leider sind die Vögel in diesem Moment ausserhalb der Schussweite, das Jagdglück bleibt den dreien vorerst versagt.

Der völlig entnervte Chirurg reißt dem Internisten das Gewehr aus der Hand: “Ich zeig Dir jetzt, wie das geht!”
Anschließend hocken die Drei mehrere Stunden im Schilf und warten….

Schließlich gibt es wieder Geschnatter und Vögel steigen auf. Der Chirurg schnappt sich die Flinte und ballert wie ein Verrückter in den Vogelschwarm, einige der Tiere fallen getroffen ins Schilf. Meint der Chirurg zum Pathologen: “Pathologe geh da jetzt hin und guck nach, ob wir Enten getroffen haben oder was wir sonst da haben.”

Pathologen haben bei den Chirurgen also einen Stand im Sinne eines Dienstleisters, der das, was der Chirurg geschnitten hat, in hauchdünne Scheibchen zu schneiden, einzufärben und zu untersuchen bekomm und dann dem Chirurgen sein Urteil mitteile, damit jener frohen Mutes ggf. sein OP-Gebiet erweitern oder die Hoffnung für den Patienten aufgeben kann.

(c) pathologie-uniklinikum-mannheim.de

Nur manchmal, da rächen sich die Pathologen. Da „vergessen“ sie die Anzahl der befallenen Lymphknoten (die Auswirkung auf die Radikalität der OP hat) zu nennen, schreiben nur Normalbefunde, aber diese dafür über Seiten, lassen auf ihren schriftlichen Befund gerne mal so lange warten, dass der Patient in der Zwischenzeit das Krankenhaus längst in bester Gesundheit verlassen hat, bis endlich die pathologische Bestätigung seiner Gesundheit kommt. Oder aber sie lassen den OP warten.

So wie bei uns. Nachdem wir also in knapp 60 Minuten die Galle entfernt, die Blutungen gestoppt und damit die OP beendet hatten, ging das Präparat zur Pathologie im Haus, um so mittels eines sog. Schnellschnittes einen ersten Eindruck zu bekommen, ob die OP vergrößert und Teile der angrenzenden Leber und Strukturen entfernt werden müssten. Schnellschnitt. Das bedeutet in meiner Uniklinik eine maximale Wartezeit von höchstens 25min. Zeit ist Geld, OP-Zeit ist viel Geld und lange mit offenen Wunden zu warten, ist trotz steriler Luft etc nicht das Gelbe vom Ei. Nicht umsonst sind wir als Mensch mit geschlossener Hautdecke geboren.

Und so schickten wir unsere Galle dem Pathologen. Der Chef trat vom Tisch ab, wir konnten bereits zunähen, sollten aber auf das Ergebnis warten, denn ggf. würde der Chef dann zurückkommen und die OP ginge weiter. Innerlich betete ich, dass dem nicht so sei und ich endlich etwas zwischen die Zähne bekäme. Aber noch mussten wir warten. Nachdem ich die Naht fertig hatte, standen also die Anästhesistin, die OP-Schwester, der Oberarzt und ich noch am Tisch. Der Oberarzt begann einen Schwenk aus seinem Leben zu erzählen, die OP-Schwester unterhielt sich zwischendurch mal mit ihrer unsterilen OP-Schwester im Saal, die Anästhesie ist warten ja sowieso gewohnt und las in ihrem Paper….. und die Zeit verging und verging. Weiterlesen


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Unsichtbare Bedrohung.

An einem kleinen Krankenhaus wird bei Frau Maes ein Rundherd in der Lunge entdeckt – Verdachtsdiagnose: Lungenkrebs. Dieser soll nun an unserer Uniklinik chirurgisch entfernt werden. Im OP dauert es fast zwei Stunden bis das Material für den Schnellschnitt – also eine schnell gestellte, vorläufige Diagnose des Pathologen – reseziert ist. Dann heißt es erst einmal, wie so oft, warten auf die Pathologie, denn je nach Ergebnis des Schnellschnitts wird die Operation auf unterschiedliche Art und Weise fortgeführt bzw. beendet werden. Ist es wirklich Krebs? Und falls ja, ist der Tumor schon vollständig entfernt? Oder muss noch einmal nachreseziert werden?

Nach 20-30 Minuten kommt der Operateur mit etwas verwirrter Miene zurück in den Saal. „Der Pathologe sagt, er habe keine Tumorzellen gesehen, sondern Granulome. Granulome!“ Das heißt, aus der Verdachtsdiagnose Lungenkrebs wird plötzlich etwas ganz anderes: Tuberkulose! Zwar kann diese Diagnose durch einen Schnellschnitt nicht hundertprozentig gestellt werden, doch bis zum Beweis des Gegenteils muss davon ausgegangen werden. Tuberkulose ist eine hochgradig infektiöse Lungenerkrankung, die sich durch Tröpfchen in der Atemluft ausbreitet.

Mehr oder weniger entspannt oder panisch verlassen alle, selbst der Anästhesist, den OP-Saal und die Suche nach den FFP-3-Sonderschutz-Atemmasken beginnt. Als wir mit den Atemmasken bewaffnet den Saal wieder betreten, wird schnell klar, dass diese Masken zwar keine Tuberkulosebakterien durchlassen, aber scheinbar auch nicht das kleinste bisschen Sauerstoff. Und während ich fast ersticke, kommen unaufhaltsam auch die ersten Fragen: Was helfen diese Masken jetzt noch, wenn wir gerade zwei Stunden nur mit normalen Mundschutz in diesem Raum standen? Mache ich mich lächerlich, wenn ich frage, ob wir jetzt Antibiotikaprophylaxe nehmen müssen? Und sollte ich das nicht eigentlich wissen ohne zu fragen, schließlich bin ich fast Arzt? Gehen die Leute hier eigentlich davon aus, dass ich gegen Tuberkulose geimpft bin? Und wie groß ist das Risiko das sich einer von uns an der Patientin angesteckt hat? Hilfe!

Nach 10 Minuten kommt die Entwarnung durch die Krankenhaushygiene: Im Fall unserer Patientin seien trotz Tuberkulose keine besonderen Schutzmaßnahmen notwendig, eine Ansteckungsgefahr bestehe zum jetzigen Zeitpunkt der Erkrankung auch während einer Operation quasi nicht. Alle reißen sich dankbar die FFP3-Masken vom Gesicht und atmen tief durch. Sauerstoff! Trotzdem bleibt irgendwie ein ungutes Gefühl zurück und beim Mittag Essen bilde ich mir ein, ich würde schlechter Luft bekommen als sonst. Und habe ich nicht in der Umkleide vorhin kurz gehustet? Ja, wir Mediziner sind ja doch irgendwie Hypochonder, selbst wenn wir wissen, dass die Inkubationszeit von Tuberkulose definitiv mehr als drei Stunden beträgt.

Obwohl man Tuberkulose heutzutage in den meisten Fällen durch eine (zugegebener Maßen aufwendige und lang andauernde) Antibiotikatherapie gut behandeln kann und die meisten von uns diese Krankheit nur aus typischen Klausurfragen („Patient aus Osteuropa mit Husten, Nachtschweiß, Gewichtsverlust“) kennen, bleibt der Respekt und auch die unterschwellige Angst vor ihr. Vielleicht weil sie wie kaum eine andere Erkrankung unauslöschlich mit unserer Geschichte verwoben ist. Robert Koch, der Entdecker des Tuberkulose-Erregers, der hierfür 1905 den Nobelpreis erhielt, ist als eine Art Heldenfigur aus der deutschen Medizinerwelt nicht wegzudenken. Schiller und Kafka waren an Tuberkulose erkrankt und zahlreiche Schriftsteller berichten in ihren Werken über diese Erkrankung, etwa Thomas Mann im Zauberberg oder Charlotte Bronte in Jane Eyre. Doch spätestens wer Violetta in Verdis La Traviata über drei Akte hinweg langsam dahinsiechen und an Tuberkulose sterben sieht, dem wird das ganze Ausmaß dieser Erkrankung klar. So besteht der „Mythos Tuberkulose“ auch heute noch und der Name „Schwindsucht“ übt, zumindest auf mich, auch eine ungeheure Faszination aus.

Ann Arbor