Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


Hinterlasse einen Kommentar

Das Gute im Schlechten

(c) lymphome.de/

Manchmal kann eine eigentlich schlechte Nachricht auch eine gute Nachricht sein. So kann im eigentlichen Übel – je nach Situation, persönlicher Empfindung und aktuellen Umständen – das zusätzlich Negative positiv bewertet werden.

Einen solchen Fall hatten wir vor einiger Zeit auf Station. Eine 96 Jahre alte, rüstige Dame, der eigentlich außer ein wenig Schwerhörigkeit und altersbedingten Problemchen nichts zu fehlen schien. Wäre da nicht dieser komische Knubbel am Hals, der seit wenigen Tagen wucherte und beinahe beim Zusehen immer größer wurde. Beunruhigt kam die Dame in Begleitung ihrer Tochter und Enkelin (die selbst inzwischen in den besten Jahren steht) zu uns, um diese Wucherung abklären zu lassen.

Zunächst wurde vermutet, dass es sich um einen Prozess der Schilddrüse handeln könnte – im schlimmsten Fall um einen Schilddrüsentumor. Im Ultraschall fand man eine Raumforderung – natürlich, denn diese war schon augenscheinlich von außen nicht zu übersehen! Unklar blieb, ob es sich wirklich um einen Schilddrüsen-Prozess handelte oder doch eher ein Lymphknoten-Problem vorlag. Deswegen musste dieser Tumor mit einer feinen Nadel unter Ultraschallkontrolle punktiert und ein wenig Gewebe daraus gewonnen werden.

Nachdem Oberarzt Appel 30min mit dem Punktionsgerät hantierte, bis er verstanden hatte, wie es funktioniert, war die eigentliche sog. Feinnadelaspiration eine Sache von 20 sec und für die Patientin relativ schmerzfrei (vergleichbar mit einem Mückenstich).

Nach 3 Tagen, in denen die Pathologen das Gewebe untersuchten und wir vorsorglich eine CT-Aufnahme der Patientin von Hals bis Hüfte durchführten (mit einigem Zittern, da ihre Nieren nicht die Besten waren und das Kontrastmittel des CTs Nieren schädigen kann), kam das Ergebnis.

Prinzipiell hatte unsere Patientin zwei Chancen, was diese Raumforderung sein könnte – gutartig oder bösartig. Da es sich um einen so rasch wachsenden Prozess handelte, lag es auf der Hand an einen bösartigen Tumor zu denken. Der Tumor konnte seinerseits nun zwei Ursprünge haben: Schilddrüse oder Lymphknoten. Diverse Schilddrüsen-Tumore existieren, von denen einige mit einer sehr sehr schlechten Prognose einhergehen (durchschnittliches Überleben: 6 Monate). Auch bei den Lymphomen gibt es diverse Typen, mal mehr, mal weniger bösartig.

Unsere Patientin, so diagnostizierten es die Pathologen, litt an einem hochmalignen B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphom. Das klingt zunächst sehr schlecht. Und trotzdem: Oberarzt Appel und die behandelnde Ärztin „freuten“ sich für die Patientin und auch deren Angehörige waren einigermaßen erleichtert, als man ihnen mitteilte, um welche Art des Tumors/Krebs es sich handelte. Denn: die Alternative wäre bei einem so schnellen Wachstum ein sehr bösartiger Schilddrüsenkrebs mit der oben genannten Überlebenszeit. Und einer beinahe unmöglichen Therapie.

Da hatte unsere Patientin Glück im Unglück, denn ein B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphom spricht sehr gut auf eine Chemotherapie an. Man frägt sich natürlich, ob eine so hoch betagte Dame noch eine Chemotherapie benötigt. Aber: da die Chemotherapie sehr gut verträglich ist und ambulant durchgeführt werden wird, sollte auf jeden Fall ein Versuch gestartet werden (wie unser Onkologe es formulierte: „auch mit 120 Jahren würde ich diese Therapie noch angehen„). Mit einem Cocktail aus drei bis vier Medikamenten kann man erreichen, dass der Tumor in wenigen Tagen zusammenfällt und nach einigen Behandlungen erreicht man beinahe Tumorfreiheit bzw. je nachdem, wie lange die Chemo durchgeführt werden wird, kann man die Patienten auch „heilen“.

Deswegen war die Diagnose bei unserer Patientin eine „gute“ – wenn die gleiche Diagnose auch bei anderen Patienten, bei denen ein B-NHL festgestellt wird, eine schlechte Diagnose sein kann – weil die Alternative des hochmalignen Schilddrüsen-Krebs bei diesen nicht im Raum steht.

Die rüstige Dame wurde einige Tage später den Onkologen vorgestellt und beginnt in wenigen Tagen ihre Chemotherapie. Ich drücke ihr die Daumen, dass sie diese wie vermutet sehr gut durchsteht und trotz ihres hohen Alters noch viele tolle Monate ihres Lebens genießen kann.

Orthopaedix


2 Kommentare

Krankheit der Woche V: Hypothyreose

Krankheit der WocheHYPOTHYREOSE
Schilddrüsenunterfunktion

Was ist das?

Unsere Schilddrüse produziert zwei verschiedene Hormone: Das T3 (Trijodthyronin) und das T4 (Thyroxin). Im Blut wird auch das T4 in T3 umgewandelt, denn das ist die Form in der das Hormon an den Köperzellen wirksam ist. Angeregt wird die Schilddrüse von einem weiteren Hormon, dem TSH (Thyroidea stimulierendes Hormon), das in der Hypophyse gebildet wird. Bei der Hypothyreose kommt aufgrund eines Fehlers in diesem System am Ende zu wenig T3 bei den Körperzellen an.

Wie entsteht es?

Typischerweise liegt die Ursache der Unterfunktion in der Schilddrüse selbst. Nur in sehr seltenen Fällen sind übergeordnete Zentren wie der Hypophysenvorderlappen oder gar der Hypothalamus defekt.
Es gibt angeborene Formen der Hypothyreose, bei denen entweder nicht genügend Schilddrüsengewebe entwickelt ist, oder die notwendigen Mechanismen zur Herstellung von T3 und T4 in der Schilddrüse defekt sind. Eine weitere frühe Form entsteht durch sehr extremen Jodmangel. Das Jod ist Bestandteil der Schilddrüsenhormone und muss dem Körper von außen zugeführt werden, damit die Schilddrüse arbeiten kann.
Im Erwachsenenalter sind die häufigsten Ursachen entweder ein Fehlen von Schilddrüsengewebe nach Operation oder Radiojodtherapie, sowie die sog. Hashimoto-Thyreoiditis. Das ist eine Autoimmunerkrankung, bei der die körpereigenen Abwehrzellen die Schilddrüse angreifen und das Gewebe zerstören. Im Blut sind sog. Autoantikörper gegen typsiche Bestandteile der Schilddrüsenzellen nachweisbar und es kommt zu einer anhaltenden Entzündung und zunehmenden Zerstörung der Schilddrüse.

Was merkt man?

Die Schilddrüsenhormone wirken an vielen Stellen im Körper. Entsprechend ist auch die Menge an Symptomen sehr breit. Insgesamt könnte man wohl sagen, dass sich der Stoffwechsel vermindert, den das T3 sonst stimuliert. Das führt zu Müdigkeit und Leistungsabfall, einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Kälte, Verstopfung und einem verlangsamten Herzschlag. Bei Frauen ist der Zyklus verändert, bei Männern die Bildung der Spermien, was beides zu Unfruchtbarkeit führen kann. Die Gewebe, die wachsen und sich oft erneuern sind besonders deutlich betroffen. Das bedeutet trockene, teigige, schuppige Haut und trockenes, brüchiges Haar. Ein weiteres sehr chrakteristisches Symptom ist das sog. Myxödem, das auch dem schwersten klinischen Bild der Hypothyreose seinen Namen gegeben hat: Das Myxödemkoma, bei dem alle Körperfunktionen stark reduziert sind (verringerte Körpertemperatur, reduzierte Atemfrequenz mit Sauerstoffmangel, verminderte Herzfrequenz und gesenkter Blutdruck).

Wie stelle ich es fest?

Die Grundlage der Diagnostik ist die Bestimmung von TSH, weil sie einfacher und günstiger ist als die Bestimmung der eigentlichen Schilddrüsenhormone. Da die TSH-Produktion jedoch von der Menge an T3 und T4 abhängt, liefert das bereits eine erste Aussage. Bei zu wenig Hormonproduktion wird die Schilddrüse verstärkt angeregt, das TSH ist also erhöht (mindestens > 2,6mU/l). Ob die Unterfunktion auch tatsächlich Auswirkung auf den Stoffwechsel (manifeste Hypothyreose) oder ob durch die vermehrte TSH-Stimulation das Problem noch überdeckt wird (latente Hypothyreose), lässt sich nur durch eine Bestimmung von T3 und T4 feststellen.
Bei Verdacht auf eine Hashimoto-Thyreoiditis kann man zusätzlich die typischen Antikörper (gegen die thyreoidale Peroxidase = TPO-Ak oder gegen Thyreoglobulin) im Blut nachweisen oder mit einer Nadel Gewebe aus der Schilddrüse gewinnen um unter dem Mikroskop die Abwehrzellen darzustellen.
Weitere Untersuchungsmethoden für die Schilddrüse sind der Ultraschall, der z.B. eine Verkleinerung des Schilddrüsengewebes zeigt, sowie die Szintigraphie, bei der sich die Funktion darstellen lässt. Bei einer Unterfunktion wird der für die Untersuchung verabreichte, radioaktive Jodersatz kaum von der Schilddrüse aufgenommen und gespeichert, genau wie das echte Jod eben auch.

Was kann man tun?

Die einzige Möglichkeit zur Behandlung ist ein lebenslanger Ersatz der Schilddrüsenhormone, genauer des T4. Das dafür verwendete L-Thyroxin, war unser letztes Arzneimittel der Woche. Je ausgepräger die Unterfunktion und somit der Mangel an Hormonen ist, umso langsamer muss man mit der Therapie beginnen, damit sich der Körper wieder an die Stoffwechsel-Stimulation gewöhnen kann.

Schmankerl: Low T3-/Low T4-Syndrom

Eine Erniedrigung von T3 und T4 kann es auch ohne eine Schilddrüsenunterfunktion geben. Bei schwerkranken Patienten, die eine Intensivtherapie benötigen sind beide Hormone oft vermindert. Allerdings ist das Reverse-T3 erhöht, ein biologisch unwirksames Stoffwechselprodukt das ebenfalls aus T4 entsteht. Das für die Bildung verantwortliche Enzym ist im Zustand schwerer Allgemeinerkrankung verstärkt aktiv. Obwohl das Reverse-T3 nicht wirksam ist, zeigen die Patienten nicht das Bild einer Hypothyreose und werden sehr selten mit L-Thyroxin behandelt.

Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

-Spekulantin


7 Kommentare

Arzneimittel der Woche IV: L-Thyroxin

L-Thyroxin
L-Thyroxin

Anwendungsgebiet

L-Thyroxin wird bei einer Schilddrüsen-Unterfunktion (Hypothyreose) verschrieben. Anwendung findet es zudem gemeinsam mit Iod bei der Behandlung eines Kropfes (Struma). Auch bei Schilddrüsen-Tumoren wird L-Thyroxin nach einer OP mit Schilddrüsen-Entfernung zur Substitution und Suppressionstherapie von Rezidiven eingesetzt.

Die Anwendung als Schlankheitspille (aufgrund der künstlich erzeugten Schilddrüsenüberfunktion und einhergehender erhöhter Verbrennung von Nahrung und Energie) ist nicht empfohlen; hierfür besteht weder eine Zulassung noch ein Wirknachweis.

Wirkung & Mechanismus

Von der Schilddrüsen werden zwei Hormone auf den Stimulus durch das Schilddrüsen-stimulierendes-Hormon (TSH) aus der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) gebildet: Trijodthyronin (T3) und Tetrajodthyronin (T4). Diese unterscheiden sich in einem Jod-Molekül (deswegen 3 bzw. 4). Trijodthyronin ist das wirksamere Schilddrüsenhormon, hat dafür aber eine kürzere Halbwertszeit im Blut (ca. 1 Tag versus ca. 7 Tage bei Thyroxin). Beide Hormone werden in der Schilddrüse gebildet, gespeichert und bei Bedarf ins Blut abgegeben (zu 90  – 95% in Form von Thyroxin). Im Blut schwimmen die Hormone entweder frei (der wesentlich kleinere, dafür aber wirksamere Teil) bzw. an drei möglichen Träger-Molekülen gebunden: an Thyroxin-bindendes-Globulin bzw. an Thyroxin bindendes Präalbumin und an Albumin. In die Zellen gelangen die Hormone mittels Transporter.

Schilddrüsenhormone regulieren primär den Energiestoffwechsel des Körpers. Dies beinhaltet im Kindesalter auch die Regulation von Wachstum und die Anregung der Tätigkeit der Körperzellen aller Organe. Im Erwachsenenalter verlieren Schilddrüsenhormone den Einfluss auf das Gehirn, die Milz, die Hoden – in allen anderen Geweben steigern sie den Energieumsatz (was zu erhöhter Verwertung von Nahrung und Energiereserven führt (–> angeblich schlank machend)). Zudem beeinflussen Schilddrüsenhormone andere Hormone: sie steigern die Abgabe von Wachstumshormonen (wichtig für das richtige Wachstum im Kindesalter), die Freisetzung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse und die Abgabe von Hormonen aus Nebennierenrinde und Nebenniere.

L-Thyroxin entspricht – von extern als Medikament zugeführt – dem regulären Hormon der Schilddrüse und wirkt im Körper wie eigenes freigesetztes Hormon; somit hat das Medikament die identischen Wirkungen (lediglich der Schritt der Regulation durch die Hirnanhangsdrüse als auch der Bildung durch die Schilddrüse wird übersprungen)

Nebenwirkungen

Überempfindlichkeitsreaktionen (Hautausschlag, Juckreiz), Herzklopfen, Herzrhythmusstörungen, erhöhter Blutdruck, Schlaflosigkeit, Unruhe, Durchfall, Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen, Haarausfall, Muskelschmerzen oder -krämpfe sind möglich. Ebenso kann es zu Krampfanfällen, Verminderung der Knochendichte mit erhöhtem Osteoporoserisiko, gesteigertem Appetit (aufgrund des erhöhten Energieverbrauchs), Hitzegefühl und Müdigkeit kommen.

Gegenanzeigen

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) ist die Gabe von L-Thyroxin kontraindiziert (da die Schilddrüse von sich aus schon viel zu viele Hormone produziert und nicht noch weitere von außen zugeführt werden sollen). Ebenso sollte bei einem frischen Herzinfarkt und einer akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse auf die Gabe verzichtet werden, denn L-Thyroxin kann sowohl das Herz (u.a. Steigerung der Herzfrequenz und somit erhöhter Sauerstoffbedarf und vermehrte Herzmuskelarbeit) als auch die Bauchspeicheldrüse (siehe Wirkung: Freisetzung von Insulin) stimulieren und unnötig unter Stress setzen.

Bei bekanntem Bluthochdruck, „Herzschmerz“ (Angina pectoris), Herzerkrankungen, Diabetes, erhöhtem Osteoporose-Risiko sollte die Anwendung gut überlegt und überwacht werden.

In der Schwangerschaft sollte L-Thyroxin konsequent gegeben werden (um Nebenwirkungen bei Schilddrüsenutnerfunktion, die sich auf das ungeborene Kind auswirken zu verhindern).

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

Waren diese Ausführungen verständlich? Fremdwörter, die erklärt werden müssen? Wünsche für das nächste Arzneimittel?

– Orthopaedix