Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


Ein Kommentar

es gibt sie… die positiven Geschichten

In meinen letzten Beiträgen im Rahmen der Onkologie hatte ich vieles geschrieben, das sehr negativ, belastend und traurig war. Aus den Artikeln herauszulesen war, dass die Onkologie ein Arbeitsumfeld zu sein scheint, in dem es niemand lange aushalten könnte oder mit gesundem Menschenverstand wolle.

Doch es gibt auch positive Erlebnisse und Patientengeschichten, die im Gedächtnis bleiben. Eine davon möchte ich im Folgenden schildern:

Herr Schmitz ist mit seinen 86 Jahren ein hochbetagter Mann. Er hat seit einigen Jahren ein bekanntes Krebsleiden und ist in chemotherapeutischer Behandlung. Bisher vetrug er diese mal schlechter mal besser, aber insgesamt hat er durch die Therapie deutlich an Gewicht abgenommen, ist abgemagert und ist (wohl auch wegen seines hohen Alters) nicht mehr allzu fit.

Eines Tages wird er auf unsere Station eingeliefert, als Notfall, denn ein Infekt hat ihm seine letzten Kräfte geraubt und ihn zur vollständigen Bettlägrigkeit gezwungen. Seine Ehefrau ist jeden Tag ab 8.15 Uhr bei ihm im Zimmer, sitzt an seinem Bett und versucht ihm irgendwie zu helfen. Auch die Tochter schaut täglich vorbei und sieht sorgenvoll zu, wie wir versuchen Herrn Schmitz aufzupäppeln und seine Infektion mit Antibiotika zu behandeln. Zunächst sieht es gar nicht so schlecht für ihn und unseren Behandlungserfolg aus, man kann sich mit ihm unterhalten, er bekommt einen ZVK, damit die Ernährung und Therapie unkompliziert parenteral laufen kann.

Dann aber trübt sich sein Zustand ein, Herr Schmitz reagiert nicht mehr auf Ansprache, das Blutabnehmen morgens aus dem ZVK tangiert ihn überhaupt nicht mehr, zeitweise schieben ihn die Schwestern nachts auf den Gang, um ihn besser unter Kontrolle zu haben, falls etwas passieren würde. Seine Frau macht sich sichtbare Sorgen, löchert den Chefarzt bei der täglichen Visite mit unzähligen (sich auch immer mehr) wiederholenden Fragen, was den Chef zunehmend nervt und ihn dazu bringt, ihr zu raten sich mit der Tochter zusammen zu setzen und mal gemeinsam die Fragen zu diskutieren, aufzuschreiben und dann nicht jeden Tag zwei Mal das Gleiche zu fragen ohne die Antwort wirklich abzuwarten oder sich diese zu merken.

Der Zustand von Herrn Schmitz wird im Verlauf immer bedrohlicher und da er zusehends verwirrt und agitiert reagiert, erhält er eine Untersuchung des Kopfes (CT). Dort findet sich eine Metastase seines Lungenkrebs, die vorher in dieser Größe nicht vorhanden war. Es geht nun um Leben oder Tod und die Entscheidung, ob man mit einer Bestrahlung beginnen sollte (was der aktuelle Zustand nicht zulässt) oder ob man alle therapeutischen Maßnahmen einstellt und eine palliative Versorgung anstrebt. Die Familie bekommt Bedenkzeit, mit dem Vater bzw. Mann können sie diese schwierige Entscheidung zu dieser Zeit nicht besprechen. Am Montag solle eine Entscheidung anhand der ausgearbeiteten Diagnostik-Ergebnisse und der Entscheidung des Familienkriegsrates erfolgen.

Am Montag betrete ich das Zimmer von Herrn Schmitz zur täglichen Blutabnahme. Und bin baff. Weiterlesen


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Alltag.

Bei uns finden sich mittlerweile viele Artikel über Tumore: Tumordiagnosen, Therapiegespräche, Todesfälle. Auch ich bin seit vier Wochen auf einer onkologischen Station, wo hochspezialisiert Leukämien (Blutkrebs) und Lymphome (Lymphknotenkrebs) behandelt werden. Dort erlebe ich tagtäglich wie nahe Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung beieinander liegen. Wir haben viele junge Patienten, viele etwa in meinem Alter oder sogar jünger: Studenten, Schüler, junge Eltern. Da stellt man sich doch immer wieder Fragen, auch wenn man weiß, dass man das eigentlich nicht tun sollte. „Was wäre wenn…“ Das ist nicht immer einfach.

Viele unserer Patienten sind schon länger hier als ich oder kommen immer wieder, so dass man ein engeres und vertrauteres Verhältnis aufbaut, als das auf einer „normalen“ Station mit zehn Neuaufnahmen pro Tag der Fall ist. Ich finde das schön und fühle ich mich sehr wohl hier, vor allem da es auch immer wieder Lichtblicke gibt: Ein Rückgang der Leukämie, ein gefundener Stammzellspender, ein Schoko-Bon weniger am „Wie-lange-geht-der-Chemotherapie-Zyklus-noch-Adventskalender“ und für mich, als Forschungs-verliebter Mensch, ist es immer auch wieder spannend zu sehen, wie sich experimentelle Forschung und Klinik verbinden können und wie sehr der Patient davon profitieren kann – das besondere Flair einer Uniklinik.

Zusammenfassend möchte ich mit diesem Artikel eigentlich nur sagen, dass auch auf einer onkologischen Station die Stimmung sehr angenehm sein kann und nicht immer negative Ereignisse wie Diagnosegespräche, Therapienebenwirkungen und Todesfälle im Mittelpunkt stehen; auf unseren Visiten wird häufig gescherzt und gelacht – und manchmal auch geweint. Und das ist beides auch gut so.

– Ann Arbor