Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Ein etwas anderes PJ-Tertial.

Den zweiten Teil meines Innere-Tertials habe ich an einer sehr großen Universitätsklinik in England absolviert. Da ich in dieser Zeit eher wenig gebloggt habe, hier ein kurzes Fazit:

Etwa die Hälfte der Zeit verbrachte ich hier in der Hepatologie. Im Gegensatz zu Deutschland war ich nicht einer Station zugeteilt und hatte keine festen Aufgaben, die ich täglich erledigen musste, sondern konnte mich frei in der gesamten Abteilung bewegen. Aus diesem Grund verbrachte ich die meiste Zeit in den zahlreichen, hoch spezialisierten Ambulanzen. Hier konnte ich den Oberärzten bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und sowohl die häufigen als auch die ganz seltenen Lebererkrankungen kennen lernen. Darüber hinaus war ich bei interdisziplinären Meetings, Transplant-Besprechungen, Visiten und Endoskopien (ERCPs) dabei. Ich wurde von allen Schwestern und Ärzten, die sich über mein Interesse an der Hepatologie freuten, ausnahmslos freundlich aufgenommen. Jeder hatte Spaß an der Lehre und ich konnte tausende Fragen stellen, die ausführlich, nett und kompetent beantwortet wurden. Nie war für eine Erklärung keine Zeit.

Gab es in der Klinik nichts Spannendes zu sehen, arbeitete ich in einem experimentellen Labor, dass auf das Immunsystem der Leber spezialisiert ist. Da ich in diesem Bereich auch meine Doktorarbeit schreibe, war es einfach perfekt für mich. In einem internationalen Team konnte ich über spannende Themen diskutieren, neue experimentelle Methoden kennen lernen und an Vorträgen hochkarätiger Wissenschaftler teilnehmen. Auch hier wurde ich sofort und mit einer wunderbaren Selbstverständlichkeit integriert und neben der Arbeit auch mit ins Pub oder zu den Weihnachtsfeiern mitgenommen. So wurden die Kollegen schnell zu guten Freunden.

Es war mit Sicherheit nicht ein PJ-Tertial, wie es eigentlich gedacht ist. Ich habe nicht auf Station gearbeitet, habe kein Blut abgenommen, keine Anamnesen geführt und keine Arztbriefe geschrieben. Eine gute Vorbereitung auf das Staatsexamen sieht anders aus. Aber ich habe einen breiteren Überblick über ein Fachgebiet bekommen als das auf einer Station in Deutschland je möglich gewesen wäre. Zudem wurde in mir eine Begeisterung für einen doch recht kleinen Fachbereich geweckt, der im Studium häufig nur am Rande gestreift wird. Die Hepatologie ist mittlerweile durchaus eine mögliche Option für mich geworden. Ich erlebte schöne und traurige Geschichten, das Überbringen guter und weniger guter Nachrichten, Standardtherapien und  experimentelle Therapieansätze sowie Vor-und Nachteile des englischen Systems. Zudem hatte ich die Chance wissenschaftlich zu arbeiten und ich bin ja schon ein bisschen eine Labormaus, muss ich zugeben. Alles in allem hatte ich in England eine wunderbare Zeit, die ich nicht missen möchte, habe viel gelernt (wenn auch nicht unbedingt prüfungsrelevantes) und – etwas, was man nicht vernachlässigen sollte- ich hatte unglaublich viel Spaß dabei.

Jetzt geht es für das Chirurgie-Tertial weiter nach Belgien. Auf zu neuen Ufern!

 

Ann Arbor

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Pflegepraktikum.

Das Pflegepraktikum ist wohl einer der meist diskutierten Bestandteile des Medizinstudiums. Pflegepraktikum – das bedeutet 3 Monate Praktikum im Krankenhaus, nicht mit den Ärzten, sondern eben, wie der Name schon sagt, mit der Pflege. Es soll erste Einblicke in den Krankenhausalltag und in die allgemeinen Abläufe auf Station geben, Grundkenntnisse der medizinischen Versorgung vermitteln (z.B. Blutdruck, Blutzucker und Puls messen) und vor allem die Kommunikation zwischen Pflege und Ärzten verbessern. Eine schöne Idee. Pflegepraktikum, das bedeutet jedoch auch 90 Tage arbeiten vor dem Studium oder in den Semesterferien, im Schichtdienst, an Wochenenden und an Feiertagen – unbezahlt, das versteht sich von selbst.

Man kann mit Sicherheit jeden Medizinstudenten nach seinen Erlebnissen aus dem Pflegepraktikum fragen und jeder könnte stundenlang erzählen. Die ersten Eindrücke im Krankenhausalltag sind scheinbar auch die, die sich am stärksten in der Erinnerung festsetzen. Die Geschichten sind so verschieden wie die Studenten selbst, die Krankenhäuser, die Abteilungen, die Pflegekräfte und die Patienten. Schöne Erlebnisse gibt es da, einige wären sogar gerne länger als die vorgeschriebenen 3 Monate geblieben, andere sehen das alles eher weniger positiv und sind überzeugt, 30 Tage hätten voll und ganz ausgereicht.

Ich persönlich zähle mich da eher zur zweiten Hälfte. Nach dem ersten Semester startete ich voller Enthusiasmus und Vorfreude in mein Pflegepraktikum auf einer chirurgischen Station eines kleinen Krankenhauses. Nach einem halben Jahr Chemie, Physik und Anatomie endlich, endlich Krankenhausluft, Blut und echte Patienten. Dafür studiert man doch schließlich das Ganze! Auf meiner Station kam schnell die Ernüchterung. Die Pflege weigerte sich mir auch nur irgendetwas beizubringen. Es sei keine Zeit, warum ich das denn nicht könne? Ja, so etwas lernt man natürlich im Chemie-Praktikum….Es kam wie es kommen musste: Nach einer Woche bat mich die Stationsleitung einem Patienten den Blutdruck zu messen. Bevor ich auch nur einen Satz sagen konnte, erwiderte die anwesende Schwester: „Die Medizinstudentin ist sich zu gut dafür!“ Ähnliches wiederholte sich beim Blutzucker messen, diesmal mit der Argumentation, ich würde mich das doch sowieso nicht trauen. Beides Mal war Ich völlig baff und widersprach letztlich vehement. Zum Glück war die Statiosnleitung auf meiner Seite und ich bekam endlich diese grundlegenden Methoden gezeigt.

Mein Alltag auf Station bestand zum Großteil daraus Patienten zu waschen. Natürlich nicht die netten, sauberen, freundlichen, mit denen man sich gerne unterhält. Nein, mir wurden ausschließlich die Zimmer der garstigen, unsauberen, schlecht riechenden, unangenehmen Patienten zugeteilt, mit denen sich niemand aus der Pflege länger als unbedingt nötig abgeben wollte. An der Visite durfte ich nie teilnehmen, schließlich sei es für mich irrelevant, was die Patienten hätten und in dieser Zeit könne ich doch wunderbar Schränke auffüllen oder Oberflächen desinfizieren. Darüber hinaus wurde ich nicht, wie das bei einem Praktikum sein sollte, als zusätzliche Person eingeteilt sondern übernahm vollständig die Stelle einer Pflegekraft, selbstverständlich so oft es möglich war in den unbeliebten Spät-Früh-Wechseln (abends bis 22 Uhr arbeiten und am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder anfangen), an Wochenenden und an Ostern.

Nie vergessen werde ich einen alten, dementen Patienten, der die Vorstellung hatte, wir befänden uns zurzeit im Krieg und er sei bei seiner Kompanie. Im Rahmen dieser Welt konnte man sich wunderbar mit ihm unterhalten und ich mochte ihn sehr gerne. Eines Tages kam ich in sein Zimmer, er sollte eigentlich auf seinem Pflegestuhl (ein Stuhl auf Rädern mit einem Tisch vor dem Bauch) sitzen, war aber unter dem Tisch hindurch gerutscht und lag jetzt halb auf dem Stuhl, halb auf dem Boden. Als ich ihn fragte, was er denn da mache, erklärte er mir „Junge Frau, dies ist eine Truppenübung. Es ist unsere Aufgabe das Hindernis zu überwinden und ich habe es geschafft!“ Ein andermal sollte ich ihn zur Toilette bringen. Ich bat um Hilfe, denn er war fast völlig immobil, noch dazu ein großer, schwerer Mann. Ich wusste, ich könnte ihn nicht stützen, falls er stürzte. Die Hilfe bekam ich nicht, ich solle mich nicht so anstellen, sie hätten jetzt keine Zeit – es kam, wie es kommen musste: er stürzte, ich konnte ihn nicht halten und musste ihn auf dem Boden liegenlassen um Hilfe zu holen. Natürlich bekam ich Ärger: „Die unfähige Medizinstudentin mal wieder“.

Trotz allem gab es natürlich auch schöne Momente, nette Schwestern und tolle Patienten. Aber zur Verbesserung der Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Pflege und Ärzten hat dieses Praktikum mit Sicherheit nicht beigetragen. Denn dazu ist ein respektvoller Umgang notwendig- von beiden Seiten, nicht nur von Seiten der Mediziner.

Ann Arbor