Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Unsichtbare Bedrohung.

An einem kleinen Krankenhaus wird bei Frau Maes ein Rundherd in der Lunge entdeckt – Verdachtsdiagnose: Lungenkrebs. Dieser soll nun an unserer Uniklinik chirurgisch entfernt werden. Im OP dauert es fast zwei Stunden bis das Material für den Schnellschnitt – also eine schnell gestellte, vorläufige Diagnose des Pathologen – reseziert ist. Dann heißt es erst einmal, wie so oft, warten auf die Pathologie, denn je nach Ergebnis des Schnellschnitts wird die Operation auf unterschiedliche Art und Weise fortgeführt bzw. beendet werden. Ist es wirklich Krebs? Und falls ja, ist der Tumor schon vollständig entfernt? Oder muss noch einmal nachreseziert werden?

Nach 20-30 Minuten kommt der Operateur mit etwas verwirrter Miene zurück in den Saal. „Der Pathologe sagt, er habe keine Tumorzellen gesehen, sondern Granulome. Granulome!“ Das heißt, aus der Verdachtsdiagnose Lungenkrebs wird plötzlich etwas ganz anderes: Tuberkulose! Zwar kann diese Diagnose durch einen Schnellschnitt nicht hundertprozentig gestellt werden, doch bis zum Beweis des Gegenteils muss davon ausgegangen werden. Tuberkulose ist eine hochgradig infektiöse Lungenerkrankung, die sich durch Tröpfchen in der Atemluft ausbreitet.

Mehr oder weniger entspannt oder panisch verlassen alle, selbst der Anästhesist, den OP-Saal und die Suche nach den FFP-3-Sonderschutz-Atemmasken beginnt. Als wir mit den Atemmasken bewaffnet den Saal wieder betreten, wird schnell klar, dass diese Masken zwar keine Tuberkulosebakterien durchlassen, aber scheinbar auch nicht das kleinste bisschen Sauerstoff. Und während ich fast ersticke, kommen unaufhaltsam auch die ersten Fragen: Was helfen diese Masken jetzt noch, wenn wir gerade zwei Stunden nur mit normalen Mundschutz in diesem Raum standen? Mache ich mich lächerlich, wenn ich frage, ob wir jetzt Antibiotikaprophylaxe nehmen müssen? Und sollte ich das nicht eigentlich wissen ohne zu fragen, schließlich bin ich fast Arzt? Gehen die Leute hier eigentlich davon aus, dass ich gegen Tuberkulose geimpft bin? Und wie groß ist das Risiko das sich einer von uns an der Patientin angesteckt hat? Hilfe!

Nach 10 Minuten kommt die Entwarnung durch die Krankenhaushygiene: Im Fall unserer Patientin seien trotz Tuberkulose keine besonderen Schutzmaßnahmen notwendig, eine Ansteckungsgefahr bestehe zum jetzigen Zeitpunkt der Erkrankung auch während einer Operation quasi nicht. Alle reißen sich dankbar die FFP3-Masken vom Gesicht und atmen tief durch. Sauerstoff! Trotzdem bleibt irgendwie ein ungutes Gefühl zurück und beim Mittag Essen bilde ich mir ein, ich würde schlechter Luft bekommen als sonst. Und habe ich nicht in der Umkleide vorhin kurz gehustet? Ja, wir Mediziner sind ja doch irgendwie Hypochonder, selbst wenn wir wissen, dass die Inkubationszeit von Tuberkulose definitiv mehr als drei Stunden beträgt.

Obwohl man Tuberkulose heutzutage in den meisten Fällen durch eine (zugegebener Maßen aufwendige und lang andauernde) Antibiotikatherapie gut behandeln kann und die meisten von uns diese Krankheit nur aus typischen Klausurfragen („Patient aus Osteuropa mit Husten, Nachtschweiß, Gewichtsverlust“) kennen, bleibt der Respekt und auch die unterschwellige Angst vor ihr. Vielleicht weil sie wie kaum eine andere Erkrankung unauslöschlich mit unserer Geschichte verwoben ist. Robert Koch, der Entdecker des Tuberkulose-Erregers, der hierfür 1905 den Nobelpreis erhielt, ist als eine Art Heldenfigur aus der deutschen Medizinerwelt nicht wegzudenken. Schiller und Kafka waren an Tuberkulose erkrankt und zahlreiche Schriftsteller berichten in ihren Werken über diese Erkrankung, etwa Thomas Mann im Zauberberg oder Charlotte Bronte in Jane Eyre. Doch spätestens wer Violetta in Verdis La Traviata über drei Akte hinweg langsam dahinsiechen und an Tuberkulose sterben sieht, dem wird das ganze Ausmaß dieser Erkrankung klar. So besteht der „Mythos Tuberkulose“ auch heute noch und der Name „Schwindsucht“ übt, zumindest auf mich, auch eine ungeheure Faszination aus.

Ann Arbor


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OP mit Kinderkrankheiten

Schon seit Monaten hört man es überall im Haus bohren und hämmern und klopfen. Der Umbau von Intensivstation und OP-Trakt ist ein Großprojekt. Ganz abgeschlossen wird es erst, wenn mein PJ schon lange vorbei ist. In zwei Jahren vorraussichtlich. Aber die neue, schicke und hochmoderne Intensivstation ist bereits engeweiht.

Der nächste Schritt: Die Eröffnung der beiden neu gebauten OP-Säle. Eines Montags ist es plötzlich soweit. Die Wand, die den Aufenthaltsraum von den Bauarbeiten getrennt hat, ist einfach nicht mehr da. Der Durchbruch ist gemacht und noch am selben Tag beginnt der Betrieb in den beiden neuen Sälen. Für 2 Wochen dürfen auch die Chirugen dort operieren, während im alten Trakt Vorbereitungen für den Umbau getroffen werden. Dann werden die neuen Säle zum Reich der Gynäkologen.

Die ersten 2 Stunden herrscht einfach nur Chaos. Alle, die jemals in die Verlegenheit kommen könnten, den OP zu betreten, haben sich in dem glücklichweise breiten Gang vor den Sälen versammelt. Es soll eine Einweisung geben, in was weiß keiner so genau. Durch wen auch nicht. Irgendwann taucht ein Mensch auf, der sich mit den neuen Lampen auszukennen scheint. Zu dem Zeitpunkt, hat die Hälfte der Leute aber schon keine Lust mehr gehabt zu warten und hat sich auf die Suche nach der Kaffeemaschine begeben. Die scheint spurlos verschwunden. Ein Unding, bei so viel kaffeesüchtigen Operateuren. Es kommt zu einer ersten Meuterei.

Dieses Problem lässt sich glücklicherweise leicht klären. Aus dem alten Aufenthaltsraum ist zwar ein Durchgangszimmer zwischen den OP-Trakten geworden, aber natüüüürlich hat irgendjemand daran gedacht, dass man einen neuen Aufenthaltsraum benötigt. Und da findet sich auch die verlorene Kaffeemaschine. Ein seltsames Gefühl ist es trotzdem, im ehemaligen Einleitungsraum des ehemaligen Saal 2 zu sitzen und Kaffee zu trinken. Es fehlen die Monitore, das piepsen und überhaupt das ganze OP-Feeling.

Nachdem so nach und nach, dann doch jeder etwas über hochmoderne Lampentechnik gelernt hat (verschiedene Kelvinzahlen für unterschiedlich warmes Licht, An- und Ausschalten per Druck auf den Griff und viele weitere Spielereien) geht es los. Unser jüngster Assistenzarzt darf den neuen Saal 3 einweihen und gewinnt das heimliche Rennen um die erste abgeschlossene OP gegen die Gynäkologen.

Als ich schließlich für den dritten Punkt des Tages erste neue OP-Luft schnuppern darf, zeigen sich bereits die ersten Probleme. Weiterlesen


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Die Hölle im OP.

Es ist der 31.Dezember – unser OP-Plan ist fast leer, nur ein Eingriff an einer Patienten Mitte 30 steht auf dem Programm. Geplant ist eine laparoskopische Splenektomie, d.h. die Milz soll im Rahmen einer minimalinvasiven Bauchspiegelung entfernt werden. Ein Routineeingriff.

Bei einer Bauchspiegelung wird der ersten Trokar „blind“ eingeführt. Über ihn kann die Kamera in den Bauchinnenraum gebracht werden, so dass die folgenden Trokare mit den chirurgischen Instrumenten unter Sicht inseriert werden können.  Matthias, der Assistenzarzt, führt – wie jedes Mal – den ersten Trokar ein. Es ist diesmal nicht ganz einfach, aber schließlich gelingt es doch. Die Oberärztin will die Kamera einführen doch irgendetwas stimmt nicht, sie sieht nichts durch die Kamera. Dann die Erkenntnis, da ist Blut im Bauchraum, viel Blut.

Und auf einmal geht alles ganz schnell. Während die beiden Oberärztinnen mit dem Skalpell den kompletten Bauch durch einen Längsschnitt eröffnen, rauscht der Blutdruck der Patientin in den Keller. Mit allen Händen wird nun im Bauchraum nach der Blutungsquelle gesucht und die Erkenntnis kommt wie ein Schock: die Aorta, die Hauptschlagader des Körpers, wurde durch den Trokar verletzt. Die Oberärztin packt Matthias am Arm und redet auf ihn ein. Ich kann nicht hören was sie sagt und es könnte von „Alles wird gut, das ist nicht deine Schuld“ über „Reiß dich zusammen“ bis hin zu „Was zum Teufel hast du nur getan“  alles sein. Ich hoffe es ist ersteres.

Plötzlich schlägt der Überwachungsmonitor dieses furchtbare, penetrante Alarmgeräusch an – Asystolie, Herzstillstand. Während die eine Ärztin und Matthias weiterhin versuchen, Herr über die Blutung im Bauchraum zu werden, beginnt die zweite Oberärztin mit der Herzdruckmassage. Die Anästhesistin löst den Rea-Alarm aus und innerhalb von Minuten stehen über 30 Menschen im Raum. Ein großes Durcheinander beginnt, unzählige Leute reden gleichzeitig – die pure Hektik, im Hintergrund piepst unaufhaltsam der Monitor. Ich presse mich mit dem Rücken an die Wand um möglichst wenig im Weg zu stehen.

Die Anästhesisten injizieren unsäglich viele Medikamente. Wer behält eigentlich in diesem Chaos den Gesamtüberblick? Endlich sind auch die ersten beiden chirurgischen Chefärzte da. Dann ein defibrillierbarer Rhythmus – es wird geschockt. Für diese Zeit darf niemand den Patienten berühren. Es sind nur Sekunden, aber in dieser Situation vergehen die Sekunden wie Ewigkeiten – Ewigkeiten, in denen die Patientin unaufhaltsam blutet.

Mittlerweile ist daher einfach überall Blut. Die Handschuhe, OP-Kittel und unzählige OP-Tücher sind komplett rot eingefärbt, auf dem Boden bilden sich rießige Blutlachen. Doch es geht immer weiter, im Wechsel wird reanimiert und defibrilliert, während weiterhin versucht wird die Blutung zu stoppen. Dann der Beschluss: Thorakotomie. Der thoraxchirurgische Chefarzt wird hinzugerufen und eröffnet das Brustbein. Während der ganzen Zeit steht Matthias daneben, an der Patientin selbst tut er nichts mehr, da sind jetzt die ganz Großen am Spiel: 3 Chefärzte und 2 Oberärztinnen, die mit vollem Einsatz um das Leben der Patientin kämpfen. Matthias Gesichtsausdruck ist trotz OP-Maske einfach unbeschreibbar und ich möchte nicht wissen, was ihm gerade durch den Kopf geht.

Das Brustbein ist eröffnet. Das Herz wird jetzt direkt mit beiden Händen massiert. Auch Injektionen direkt in den Herzmuskel sind nun möglich sowie Defibrillation direkt am Herzen. Dazwischen immer wieder die Zwischenrufe des Anästhesisten „Jetzt seit 23 Minuten Asystolie“. Schließlich beschließt der Thoraxchirurg einen Herzschrittmacher anzubringen und schreit cholerisch durch den Raum, da die vorhandenen Elektroden nicht die richtigen sind.

Alle paar Minuten meldet sich der Alarm des Überwachungsmonitors: Herzrythmusstörung/Asystolie. Als ob das niemand hier wüsste. Bis sich einer der Anästhesisten erbarmt und auf den Mute-Knopf drückt – etwas mehr Ruhe, zumindest für ein paar Minuten, dann wird der Alarm wieder auslösen. Wie kann man bei diesem Lärmpegel eigentlich einen klaren Kopf behalten? Das Blut wird literweiße infundiert. Zuerst Blutgruppe 0, die man im Notfall allen Patienten geben kann, später mit passendem Gruppe-A-Blut. Und langsam regen sich auch immer wieder die Diskussionen: Weitermachen?

Es wird weiter gemacht, immer weiter, weit über eine Stunde. Der Thoraxchirurg schreit nun neben der OP-Pflege auch das Herz der Patientin an. Immer wieder wird defibrilliert und nach jedem Elektroschock die bangen Sekunden des Wartens – vielleicht schlägt es ja doch wieder. Doch es schlägt nicht wieder. Und irgendwann muss das auch der Thoraxchirurg akzeptieren.

Die Chefärzte, die Anästhesisten und Matthias gehen. Die vielen Menschen, die Hektik und das panische Piepsen des Monitors hinterlassen durch ihr Fehlen eine seltsame Ruhe. Die beiden Oberärztinnen nähen die Patientin zu, das Angebot des OP-Pflegers, Klammern zu verwenden, lehnen sie ab. Vielleicht ihre Art, durch diesen letzten Zeitaufwand der Patientin die letzte Ehre zu erweisen oder sich zu entschuldigen. Ich weiß es nicht. Dann gehen auch sie und im OP-Saal bleiben nur die großen Pfützen Blut und unzähligen roten Fußspuren zurück.

Der Chefarzt sagt ein paar Tage später zu mir „So etwas habe ich noch nie erlebt. Das war die Hölle.“

Ann Arbor