Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Heute im OP…

Meine Einstellung zum Operieren hat sich ja schon in den ersten Wochen deutlich gewandelt. Und seit die OP-Schwestern meinen Namen und meine Handschuhgröße kennen, ist sie sogar noch besser geworden. Trotzdem gibt es Tage, da wünscht du dir schon beim Blick auf den OP-Plan, dieser Kelch möge an dir vorüber gehen. Heute war so ein Tag: 6 Punkte geplant für einen Saal – selbst vorsichtig kalkuliert bedeutet das mindestens halb 5. Außerdem 2 Leute krank und 2 im Urlaub, das reduziert die Chancen zum Essen abgelöst zu werden deutlich.

Und dann gehts gleich seltsam los. Die erste Patientin ist Mitte 50 und war im Oktober 2011 zur Krebsvorsorge in Unserer Kleinen Klinik. Damals wurde bei ihr Brustkrebs auf der linken Seite diagnostiziert. Das vergangene Jahr über hat sie den Tumor mit einer etwas dubiosen Immuntherapie behandelt. Keiner weiß so genau was das ist und wie es funktionieren soll, aber sie sagt es würde ihre Abwehrzellen stärken für den Kampf gegen den Krebs. Der Tumor ist weitergewachsen und hat inzwischen auch die Brustwarze befallen. Jetzt kommt sie zur Amputation der linken Brust. Vor einem Jahr hätte man noch ein kleines Stück entnehmen und dann nachbestrahlen können –  eine brusterhaltende Therapie. Nun gut, jeder ist für seine Gesundheit selbst verantwortlich.

Für ein bisschen Aufregung sorgt eine kleine Styropor-Kiste, die die Patientin mitgebracht hat. Mit der Bitte ein kleines Stück des entfernten Gewebens hineinzupacken und gekühlt an ein ebenfalls etwas dubioses Institut in Hannover zu verschicken. Sie möchte dort daraus einen Impfstoff gegen den Krebs herstellen lassen. Während wir uns an die Arbeit machen, ist die Anästhesistin Fr. Dr. Ruhe-Sanft immer noch völlig von der Rolle ob dieser Ankündigung und macht sich erst einmal im Internet auf die Suche nach besagter Firma. Eine ganze Weile lang ist nur abfälliges Schnauben von ihr zu hören, während sie sich durch die Homepage klickt. Dann kommt sie an die „Blut-Hirn-Schranke“ und klärt uns auf. Weiterlesen


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Frau Jung hat Fragen und Frau Ivanova hat keine Zeit

Orthopädix letzter Artikel hat auch bei mir ein paar Gedanken losgetreten. Ich musste wieder an zwei ganz unterschiedliche Patientinnen denken, die mir in den letzten Wochen in der Sprechstunde begegnet sind:

Frau Jung ist extra aus der Schweiz angereist. Sie hat jetzt schon über eine halbe Stunde gewartet, weil der Chef noch im OP stand. Das passt ihr nicht und das teilt sie uns auch sofort mit. Alles an ihr wirkt ein bisschen forsch. Der weite Schritt mit dem sie zur Tür herein kommt, ihr fester Händedruck, der Ruck, mit dem sie den Stuhl zurück zieht. Sie sieht deutlich jünger aus als die 60 Jahre, die auf ihrer Akte stehen. Lange naturrote Haare fallen über ihre Schulter und sie streicht sie immer wieder zurück. Das wirkt wie eine Geste der Unsicherheit, die so gar nicht zu dieser selbstbewussten Frau passen mag. Ihre Augenlider sind dick grün geschminkt, die Lippen knallrot. Als der Chef das Wort ergreift, kann er noch nicht einmal den ersten Satz beenden, bevor sie ihm ins Wort fällt.

Frau Ivanova sitzt ganz klein auf ihrem Stuhl im Wartebereich. Sie ist schon gut über 60 und das sieht man ihr auch an. Eine zierliche Frau, irgendwie genauso grau wie ihre Haare. Sie kommt aus Russland, spricht aber gut Deutsch. Offenbar lebt sie schon länger hier. Sie ist alleine gekommen und genauso wirkt sie auch. Als Oberarzt Michael Schneider sie ins Sprechzimmer bittet, erschrickt sie ein bisschen. Dann nimmt sie ihr Tasche und folgt uns. Sie setzt sich auf den Stuhl am Schreibtisch und blickt uns aufmerksam an.

Frau Jung wird von ihrem Frauenarzt geschickt. Er hat bei der Vorsorge eine etwas erhöht aufgebaute Gebärmutterschleimhaut festgestellt und möchte nun, dass seine Patientin eine Ausschabung erhält. Der kleinste und wahrscheinlich am häufigsten durchgeführteste Eingriff in der Gynäkologie und absolute Routine. Frau Jung ist sich da nicht so sicher. Das sei ja schon ein Risiko. Und mit der Narkose… Zwei Sätze später ist ihr plötzlich wieder wichtiger, dass sie noch am selben Tag nach hause gehen kann. Nein, eigentlich möchte sie sogar direkt wieder in die Schweiz zurück fahren. Der Chef rät ihr sehr davon ab, aber die Nachwirkungen der Narkose, die sie gerade eben noch so kritisch gesehen hat, scheinen sie jetzt nicht mehr zu überzeugen.

Frau Ivanova ist im Haus bereits bekannt. Vor 5 Jahren wurde sie schon einmal hier behandelt. Brustkrebs lautete damals die Diagnose. Nach einem langen Marathon von OP, Bestrahlung und Hormontherapie war sie erst vor einigen Wochen zur letzten Kontrolle da. Alles in Ordnung mit der Brust. Dann kam jemand auf die Idee einen gynäkologischen Ultraschall zu machen. Irgendetwas schien mit der Gebärmutter nicht zu stimmen. Man hat eine Gewebeprobe entnommen und jetzt ist das Ergebnis der Histo da. Und das ist schlimmer als erwartet: Ein G3 Cervixkarzinom. Die Stagingbefunde sind genauso entmutigend: Der Tumor ist groß und wohl schon über längere Zeit gewachsen. Die Bildgebung lässt keine sichere Abgrenzung des Tumors zu. Frau Ivanova ist ganz still, während sie zuhört. Michael erklärt ihr, dass wir gerne wissen möchten, ob der Tumor bereits in Blase oder Darm hineingewachsen ist. Dann erst könne man über Therapiemöglichkeiten entscheiden. Deshalb würden wir eine Blasen- und eine Darmspiegelung machen. Sie nickt. Weiterlesen