Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Arzneimittel der Woche XVII: Alendronsäure

Bisphosphonate
Alendronsäure,  Fosamax, Tevanate, Fosavance ….

Anwendungsgebiet

Alendronsäure, oder als Salz Alendronat genannt, wird bei der postmenopausalen Osteoporose (Knochenschwund) zur Prophylaxe von Knochenbrüchen (v.a. an der Wirbelsäule und Hüfte) eingesetzt. Außerdem wird es bei der durch Cortison induzierten Osteoporose verwendet. Zugelassen sind sie auch bei Knochenerkrankungen (Osteodystrophia deformans) und Tumor-assoziierten Hyperkalziämien (zu viel Calcium im Blut) sowie bei der Behandlung von Knochenmetastasen. In einer Studie im Jahre 2009 konnte durch die Zugabe von Bisphosphonaten zur Chemotherapie eine Überlebensverbesserung bei hormonsensiblem Brustkrebs erzielt werden.

Wirkung & Mechanismus

Alendronsäure hemmt hauptsächlich Zellen, die normalerweise für den Abbau des Knochens zuständig sind. Im Knochen finden sich sog. Osteoblasten und Osteoklasten (Osteo = Knochen). Osteoblasten bauen neuen Knochen auf, Osteoklasten „knabbern“ alte Knochenstrukturen ab – somit wird jeder Knochen im Körper im Laufe des Lebens mehrfach komplett ab- und völlig unbemerkt wieder aufgebaut. Wenn vor allem die Osteoklasten von Bisphosphonaten gehemmt werden, wird vermehrt Knochen auf- und weniger gleichzeitig abgebaut und die Knochenstruktur verdichtet sich.

Der Wirkstoff wird nach der oralen Aufnahme über eine Tablette nur in geringem Maße in den Körper aufgenommen (bis max. 1 %). Von diesen 1 % werden wiederum nur gut 50% in den Knochen eingebaut, die andere Hälfte wird fast unverändert über die Niere ausgeschieden. Die in den Knochen eingebauten Bisphosphonate haben eine Halbwertszeit von ca 10 Jahren, bis sie ausgeschieden werden.

Nebenwirkungen

Bei oraler Gabe kann es zu Magen-Darm-Beschwerden kommen, die Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall umfassen. Das Medikament sollte im Sitzen (und nicht Liegen) genommen werden, da dadurch ein Rückfluss in die Speiseröhre (sog. gastroösophagealer Reflux) verhindert wird und Reizungen der Speiseröhre unterbleiben. Es sollte nicht vorm Schlafengehen oder vorm Hinlegen (mind 30min Abstand zwischen Einnahme und Hinlegen!) eingenommen werden. Als Nebenwirkungen im oberen Verdauungstrakt gelten u.a. Entzündungen, Durchbrüche (Perforation) und Einziehungen (Strikturen). Der Arzt sollte deswegen auf Anzeichen von Schluckbeschwerden, -schmerzen, Schmerzen hinter dem Brustbein, Sodbrennen etc achten.

Alendronsäure kann zu Entzündungen im gesamten Magen-Darm-Trakt führen, z.B. zu Magenschleimhautentzündung, Zwölffingerdarmentzündung, Geschwüren….Außerdem kann es zu Entzündung, Übelkeit, Durchfall führen.

Vor Beginn mit der Therapie sollte die Konzentration von Calcium im Blut bestimmt und ggf. korrigiert werden, während der Therapie ist auf eine angemessene Calciumzufuhr zu achten, da Calcium im Knochenstoffwechsel eine große Rolle spielt und durch das Medikament beeinflusst wird. Andere Störungen des Mineralstoffwechsels (z.B. ein Mangel an Vitamin D) sollten ebenfalls behandelt werden.

Am Muskel und Knochen können Bisphosphonate Schmerzen auslösen. Am Knochen ist eine sog.  bisphosphonatassoziierten Knochennekrose beschrieben worden, die rund 10 Jahre nach Einnahme des Wirkstofffs auftritt. Es kommt trotz Einnahme des Wirkstoffs zum Untergang von Knochen. Insbesondere der Kieferknochen wurde in Studien als häufiger Ort von Knochennekrosen beschrieben.

Bisphosphonate können außerdem zu Kofschmerz, Halluzinationen, Juckreiz und Sensibilität auf Licht (Photosensibilität) führen.

Gegenanzeigen

Bei Niereninsuffizienz ist Alendronat kontraindiziert, es kann zu einer massiven Speicherung von Alendronsäure kommen, da die Ausscheidung über die Nieren nicht mehr gewährleistet ist. Außerdem ist es bei akuten Infektionen im Bereich des Verdauungstraktes sowie bei vorbestehenden Problemen in diesem Bereich kontraindiziert.

Der gleichzeitige Genuss von Milchprodukten kann die Wirkung von Bisphosphonaten durch Komplexbildung mit Calcium verringern. Bei Schwangerschaft und in der Stillzeit ist die Einnahme streng kontraindiziert.

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.


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Gratwanderung.

Gründe, als Patient in eines der größten hepatologischen Zentren Großbritanniens zu kommen, gibt es viele. Gründe, als junger Mensch eine Lebertransplantation zu benötigen, gibt es eher wenige. Unsere Patientin ist Ende 20 ohne medizinische Vorerkrankungen. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie versucht sich mit einer Überdosis Paracetamol das Leben zu nehmen. Paracetamol ist ein frei verkäufliches Schmerzmittel, das bei normaler Dosierung kaum Nebenwirkungen aufweist, bei sehr hohen Dosierungen jedoch zu schweren Leberschäden führen kann. Sie wurde damals rechtzeitig gefunden und in unser Krankenhaus gebracht. Ihre Leber war jedoch irreversibel geschädigt, die einzige Möglichkeit ihr Leben zu retten war eine Lebertransplantation.

Obwohl das Wartezimmer voll ist und wir mit der Sprechstunde schon wieder in Verzug sind, beginnen wir zu diskutieren. Darf man einem Patienten mit dieser Krankheitsgeschichte eine Leber transplantieren? Sollen Patienten, die sich doch selbst das Leben nehmen wollten, ein Organ transplantiert bekommen, das einem anderen Patienten, der leben möchte, das Leben retten könnte? Nimmt man dadurch nicht einem anderen Patienten das Recht auf ein neues Leben? Und wie ist das eigentlich mit der Zustimmung des Patienten? Ist der Patient in einem Zustand, in dem er einer lebensrettenden Operation nicht zustimmen kann, wird in der Regel von einem Lebenswillen und einer Zustimmung des Patienten zu dieser Operation ausgegangen. Aber wie ist das mit einem Patienten, der doch ganz klar keinen Lebenswillen mehr besitzt? Aber besitzt jemand, der einen Selbstmordversuch begangen hat, mit Sicherheit keinen Lebenswillen mehr? Vielleicht sieht er die Dinge mittlerweile anders. Und hat nicht jeder Mensch ein Recht auf die bestmögliche medizinische Behandlung?

Bald wird klar, dass wir diese Diskussion nicht gegen einander oder gegen ein bestehendes System führen, sondern in Wahrheit nur gegen uns selbst. Wir beide wissen selbst nicht, welche Meinung wir vertreten sollen, welcher Standpunkt der richtige ist. Wir kommen zu keinem Ergebnis.

Schließlich bitten wir die Patientin ins Sprechzimmer, sie kommt zur Routinekontrolluntersuchung. Es gehe ihr gut, ihre Medikamente nehme sie regelmäßig ein und sie plane nächstes Jahr eine Ausbildung zur Krankenschwester zu beginnen.

Während sie erzählt, geht mir durch den Kopf, dass sie heute nicht hier sitzen würde, wenn ihr Selbstmordversuch damals erfolgreich gewesen wäre, wenn sie keine Lebertransplantation erhalten hätte. Waren wir vielleicht doch zu vorschnell mit unseren Argumenten gegen eine Transplantation?

Auf einiges Nachfragen hin berichtet sie jedoch, dass sie vor wenigen Wochen wieder im Krankenhaus gewesen sei. Über 20 Tabletten Paracetamol – die genau Menge weiß sie nicht mehr. Ein zweiter Selbstmordversuch, jedoch mit geringeren Schäden an der Leber. Eine zweite Transplantation war nicht erforderlich.

Nachdem sie den Raum verlassen hat, herrscht Stille. Wir schauen uns beide etwas ratlos an, dann beginnt mein Oberarzt eine Geschichte  zu erzählen, die sich vor wenigen Jahren zugetragen hat. Ein Patient hatte ebenfalls versucht sich mit einer Überdosis Paracetamol das Leben zu nehmen. Auch er erhielt daraufhin, wie unsere Patientin, eine Lebertransplantation. Er war nur wenige Tage aus dem Krankenhaus entlassen, als er sich vor einen Zug warf. Der Abschiedsbrief enthielt nur einen Satz: „Liebes (hier der Name des Krankenhauses), versucht jetzt einmal mich wieder zusammenzuflicken!“

Dieser Satz lässt mich auch heute – Wochen später – immer noch nicht los. Alte Probleme lassen sich eben doch nicht durch eine neue Leber lösen.

– Ann Arbor


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Arzneimittel der Woche VI: Ritalin

Methylphenidat
Ritalin, Medikinet

Anwendungsgebiet

Methylphenidat wird zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störungen (AD(H)S) bei Kindern ab einem Alter von 6 Jahren angewandt (Genaueres zum Krankheitsbild folgt in einer Woche als Krankheit der Woche). Außerdem findet es Anwendung bei der Behandlung der Narkolepsie (Schlummersucht) und zur Unterstützung der Therapie bei schweren Depressionen.

Unter Schülern und Studenten ist die missbräuchliche Einnahme zur Leistungssteigerung und Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, insbesondere in Lernphasen vor größeren Prüfungen, bekannt.

Wirkung & Mechanismus

Methylphenidat ist – entgegen der landläufigen Meinung – kein „dämpfendes“ Medikament, das die Kinder ruhig stellt. Vielmehr hat es stimulierende Wirkung und ähnelt Amphetaminen, wie sie u.a. auch in Form moderner Drogen missbraucht werden.

Der Arzneistoff wirkt anregend, aufregend und unterstützt kurzzeitig die körperliche Leistungsfähigkeit. Methylphenidat hemmt Müdigkeit, Appetit und Erschöpfungsgefühle (siehe auch Missbrauch zur Steigerung des Lernens).

Die beschriebenen Wirkungen werden durch die Hemmung eines Transporters für Botenstoffe (Dopamin und Noradrenalin) im Gehirn bewirkt. Wie beim Wirkstoff „Sertralin“ beschrieben, hemmt auch Methylphenidat die Wiederaufnahme der Botenstoffe in die Nervenzelle und erhöht somit deren Konzentration im sog. synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen. Durch die erhöhte Konzentration wird das vegetative Nervensystem (bestehend aus Sympathikus und Parasympathikus und zuständig für unterbewusst ablaufende Prozesse aus früheren Zeiten wie z.B. Flucht, Schwitzen, Sexualtrieb…) vermehrt stimuliert und der Sympathikotonus (der klassischerweise für Flucht, vermehrte Konzentration und Aufmerksamkeit, Unterdrückung von Schmerzen und Müdigkeit … zuständig ist) erhöht.

Nebenwirkungen

Methylphenidat kann zu einer reversiblen Verlangsamung des Längenwachstums und reduzierter Gewichtszunahme führen, die sich nach Absetzen der Therapie in den meisten Fällen bald wieder normalisieren. Durch Steigerung des erwähnten Sympathikotonus wird sowohl der Appetit vermindert (unsere Vorfahren mussten vor dem Säbelzahntiger fliehen und nicht Hunger bekommen) als auch Spannung und Schlaflosigkeit erzeugt (auf der Flucht sollte man besser nicht einschlafen). Sehr häufig kommt es zudem zu Verdauungsproblemen, Übelkeit, Mundtrockenheit  und  übermäßigem Schwitzen (bei Lampenfieber hat jeder schon einmal die Erfahrung eines trockenen Mundes, leichter Übelkeit, feuchten Händen und Magenverstimmung erlebt – alles Ursache des gesteigerten Sympathikus (der so gar nicht sympathisch scheint)). Außerdem führt der Stoff zu schnellerem Puls, erhöhtem Blutdruck und verminderter Libido (ich wiederhole mich, aber auf der Flucht… ihr wisst schon).

Zu erwähnen ist, dass Methylphenidat auch dämpfende Wirkung haben kann (in ca. 1:100 bis 1:10 Fällen), ebenso wie Verstopfung (auf der Flucht sollte man früher nicht auf Toilette müssen) und Kopfschmerzen hervorrufen kann.

Das weitere Spektrum der Nebenwirkungen ist breit und reicht in den seltensten Fällen (<1:10.000) sogar zu Halluzinationen, Psychosen und Depressionen.

Bei Überdosierung führt Methylphenidat zu Schwindel, Herzrasen, Schlafstörung, erhöhter Wachheit. Da die Wirkung nicht lange anhält, benötigt man oftmals keine Therapie der Überdosis. In starker Überdosierung drohen Herzrhythmusstörungen, Krämpfe und Koma – hier ist eine ärztliche Therapie dringend nötig!

Gegenanzeigen

Bei Schwangeren wurde das Medikament nicht getestet, sodass es während der Schwangerschaft nur bei unbedingt nötiger Indikation gegeben werden sollte.

Methylphenidat sollte nicht mit bestimmten Antidepressiva (MAO-Hemmern) kombiniert werden, da sich die beiden Wirkstoffe in ihrer stimulierenden Wirkung auf das Herz addieren und zu Blutdruckkrisen führen können. Durch die blutdrucksteigernde Wirkung wird die Wirkung von Blutdrucksenkern herabgesetzt. Bei gleichzeitiger Gabe von Marcumar, Antiepileptika und Antidepressiva muss die Dosis angepasst werden, da sich diese Wirkstoffe in ihrer Wirkung negativ beeinflussen.

Während der Einnahme von Methylphenidat sollte auf den Konsum von Alkohol verzichtet werden, da durch Alkohol die Konzentration des Botenstoffs Dopamin im Gehirn zusätzlich gesteigert wird sowie der Abbau des Alkohols durch Methylphenidat gehemmt ist.

 

Musik

Zu Risiken und Nebenwirkungen essen Sie die Packungsbeilage, oder tragen Sie Ihren Arzt zum Apotheker. Diese Information ersetzt keinen Arztbesuch und erhebt keinen Anspruch auf  Richtigkeit oder/und Vollständigkeit.

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