Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Anastasia hat nicht mehr viel Zeit

Kennengelernt habe ich Anastasia noch in der Gynäkologie. In der Frühbesprechung gab es eines Morgens schreckliche CT-Bilder. Aber noch viel schrecklicher war der Anblick des blassen 14-jährigen Mädchens, das zwischen den großen, weißen Kissen winzig wirkte. Es sah nicht gut aus für sie. Vor 3 Jahren hatte man ein Dysgerminom bei ihr diagnostiziert. Sie wurde operiert und hatte seither 3 Chemotherapien. Keine davon davon half und der Tumor breitete sich über den gesamten Körper aus. Fast fausgroße Rundherde in der Lunge, die Leber voller Metastasen, der linke Harnleiter durch Tumormasse soweit eingeengt, dass es zu einem Harnaufstau mit Infektion der linken Niere kommt. Und im kleinen Becken eine ebenfalls infizierte Raumforderung, die zur Haut hin fistelt. Anastasia läuft direkt gesagt der Eiter aus dem Bauch.

Neben ihrem Bett sitzt die Mutter und hält Anastasias Hand. Beide sprechen kein Deutsch. Sie sind aus Russland gekommen. Oxana, die russischstämmige Assistenzärztin auf der Gyn, hat das veranlasst. Doch jetzt stellt sich die Frage wozu. Wie kann man Anastasia noch ein bisschen Zeit und Lebensqualität erkaufen. In der Gyn ist die Marschrichtung ganz klar. Es wird nur das Nötigste gemacht. Keine Reanimation, keine Lebensverlängerung, aber helfen möchte man trotzdem. Jetzt geht es also ersteinmal darum die Entzündung im Bauch zu sanieren. Die Nephrologen drainieren die linke Niere, haben aber wenig Hoffnung, dass sie sich noch einmal erholt.

Den Abszess im Becken möchte der chef selbst operieren, aber schon nach kurzer Zeit muss er die Chirurgie dazurufen. Ursache des Eiters ist ein Loch im Rektum, das der einwachsende Tumor geschaffen hat. Stuhl gelangt in den Bauchraum und sorgt für die Entzündung. Der chirurgische Chefarzt entfernt das Stück Darm und ein Teil der Raumforderung, venäht die beiden Enden und lässt ein Bauchtuch zur Blutstillung drin. Postoperativ wird Anastasia auf die Intensivstation verlegt. Und plötzlich sind es 3 Fachrichtungen, die sich um die Betreuung kümmern. Das schafft Abspracheprobleme.

Zu diesem Zeitpunkt rotiere ich weiter in die Chirurgie und stehe am Tisch, als wir das Bauchtuch wieder herausholen. Die Blutung steht. Anastasia hat mittlerweile unzählige Blutkonserven und Gerinnungkonzentrate erhalten. Sie ist immer noch blass, wie sie auf dem OP-Tisch liegt und sich dieses Mal an der Hand der russisch sprechenden Anästhesiepflegerin festhält. Die Niere stellt mehr und mehr ihre Arbeit ein. Anastasia ist völlig aufgetrieben von der vielen Flüssigkeit, die sie nicht mehr ausscheiden kann. Die OP ist kurz, aber es ist die zweite Narkose in 48 Stunden. Und dann kommt die Anästhesie plötzlich mit der Idee, dass man sie bronchoskopieren könnte um vielleicht Metastasenteile zu entfernen, die die Atmung behindern.

Zum ersten Mal gibt es richtig Zoff auf der morgendlichen, interdisziplinären Intensivvisite. Auf einmal weiß jeder besser, wie Anastasia zu helfen ist. Und dann lässt sich keine Entscheidung fällen, weil jeder auf seiner Meinung beharrt.

In der folgenden Nacht verstirbt Anastasia. Viele hundert Kilometer ist sie für diese 2 Wochen gereist. 3 Narkosen, 2 Operationen, unzählige Medikamente und Blutabnahmen. Und am Ende hat die Zeit nicht gereicht.

 – Spekulantin