Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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An Leichen lernen

„Chirurgie ist ein Handwerk, das man lernen muss“, das sagte mir einmal ein Oberarzt. Und er hat Recht, Chirurgie ist zu weit über die Hälfte nicht nur Theorie, sondern v.a. praktische Fähigkeiten und das Wissen, wann man welchen Schnitt wo einsetzt um zur gewünschten Struktur zu gelangen, wo man auf welche Strukturen aufpassen muss und wann man welchen Nerv oder welche Arterie findet. Wie man Schritt für Schritt sich vorarbeiten muss, an was man im Vorfeld des Eingriffes alles denkt und welche Komplikationen man wie beherrscht. Chirurgie ist in manchen Zügen vergleichbar mit einem Ausbildungsberuf, vielleicht im Fachbereich der Orthopädie mit der Mischung aus Schlosser, KFZ-Mechaniker, Schreiner. Säge, Hämmern, Bohren, Verschrauben, Geräte und Instrumente richtig ein- und ansetzen,… das alles muss erst einmal gelernt sein. Aber auch schon eine kleine Naht, das Annähen einer Drainage, das Unterbinden von Gefäßen, all das hat Handgriffe, die man im Studium eher selten lernt. Denn das ist der Ort für die Theorie, die Praxis muss dann in den Kliniken folgen.

(c) thieme.de

Und so steht der Großteil der jungen und chirurgisch-interessierten Ärzte nach dem erfolgreich abgelegten Abschlussexamen in den Kliniken und in deren OPs und lernt nach 6 Jahren Theorie nun die Praxis. Wie halte ich einen Nadelhalter, wie knote ich mit einer Hand, wo darf ich nicht reinschneiden. Im Studium werden grundlegende Dinge der Anatomie im Rahmen der sog. Präpkurse vermittelt (die leider an immer mehr Unis dem Geldmangel zum Opfer fallen). An meiner Uni fand dieser Kurs im 3. Semester statt, also ziemlich weit am Anfang. Wir präparierten eine Leiche zu 8 von Haut bis Knochen, etappenweise und schichtweise und hatten alle paar Wochen mündliche Prüfungen zu den Präparationsgebieten. Es war eine sehr harte Zeit mit sehr viel Lernaufwand, aber Spaß gemacht hat es trotz allem! Man sah zum ersten Mal in einen Mensch, sah Nerven, Gefäße und Strukturen, Muskeln und Sehnen, Knochen und Bänder – konnte tasten, fühlen und begreifen (und v.a. riechen, was wohl die größte Herausforderung war).

Das dritte Semester ist lange her, die Anatomie saß für die Prüfungen perfekt, aber nach all der Zeit geht doch hier und da mal im Detailreichtum des Studiums ein wenig was verloren…. außerdem spiegelt der Präpkurs nicht die Realität, wie sie im OP stattfindet wider, denn dort wird der Patient (und schon gar keine Leiche) nicht von Kopf bis Fuß gehäutet, großflächig präpariert und die Nerven von Ursprung bis zum Auslaufen in kleinste Äste verfolgt. Stattdessen gibt es Standardzugänge, die man kennen muss, die für bestimmte Indikationen verwendet werden (und die alle Eigennamen tragen, die man dann auch noch gleich lernen darf) und die geübt werden wollen. Aber bitte nicht am Patienten im OP-Saal, dazu kann zu viel schief gehen!

Deswegen gibt es OP-Kurse an Leichen. Freiwilligen Körperspendern, die ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft vermacht haben. Und an denen Studenten die Anatomie lernen oder eben Ärzte die OP-Methoden trainieren, entwickeln und lernen können. Weiterlesen


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Eure Fragen – unsere Antworten. Heute: Leichen

Wir freuen uns über jede Frage rund um den Blog, das Medizinstudium und das PJ und versuchen eure Fragen hier zu beantworten. Sofern wir glauben, dass die gestellte Frage unsere breite Leserschaft interessieren könnte, erlauben wir uns anonymisiert eure Frage samt unserer Antwort hier zu veröffentlichen.

Heute geht es um folgende Frage:

Ich habe von meiner Freundin erfahren ( sie hat eine lange Zeit im Krankenhaus gearbeitet) das die PJtler die auch dort gearbeitet haben, gar nicht mehr praktischen Anatomieunterricht hatten. Die PJtler haben dies alles nur theoretisch gemacht. […] da wollte ich mal fragen ob das immer mehr zur Regel wird? Weil das ist doch ein super interessantes Fach indem man dank der prakt. Übung auch gut lernen kann.
T.

Orthopaedix: Hallo T., wir beantworten dir deine Frage heute zu zweit 😉

Spekulantin: Dabei ist die Antwort eigentlich ganz einfach. Doch, wir haben noch ausgiebig praktischen Anatomieunterricht genossen.

Orthopaedix: Naja, so ausführlich nun auch wieder nicht. Ein Semester war das nur und das ist jetzt auch schon wieder lange her. Das war noch vor dem Physikum.

Spekulantin: Also mir hats gereicht! 14 Wochen lang zwei Nachmittage pro Woche im Präpariersaal zu verbringen fand ich echt hart.

Orthopaedix: Ja, schon. Aber es war auch verdammt lehrreich. Es ist einfach ein großer Unterschied, ob man in der Vorlesung Zeichnungen zu sehen bekommt, oder ob man das alles selbst und in 3D nachvollziehen kann. 

Spekulantin: Okay, das stimmt schon. Aber ein Semester war genug. Hat ja auch gereicht um einmal den gesamten Körper auseinander zu nehmen. Und so wirklich auf unsere Arbeit in der Klinik war das nicht ausgelegt. Klar hilft es um sich im OP besser zurecht zu finden, aber da muss ich jetzt dann doch meistens erst nochmal in den Anatomie-Atlas schauen.

Orthopaedix: Trotzdem immer noch besser als an anderen Unis, wo sie den Präpkurs inzwischen ganz abgeschafft haben. Nur Modelle und Plastinate anzuschauen, ohne selbst Strukturen freizulegen und zu „begreifen“, schafft keine halb so gute Vorstellung. Aber leider geht der Trend immer mehr in Richtung Abschaffung…

Spekulantin: …weil es eben auch eine Kostenfrage ist. Auch bei uns an der Uni sind es inzwischen doppelt so viele Studenten pro Leiche, so das auch nicht mehr jeder die Möglichkeit hat alle Schritte der Präparation selbst zu erleben.

Orthopaedix: Da hoffe ich auf gezielte Übungen an Leichen während der Facharztausbildung um die Abläufe einer Operation zu üben.

Spekulantin: Und was machst du mit all denen, die sich jetzt nicht sooooo zur Chirurgie hingezogen fühlen wie du?

Orthopaedix: Die müssen das ja auch gar nicht wissen. Sie wenden es ja eh nicht an. Außerdem unterscheidet sich die Vorgehensweise der operativen Eingriffe von der Art der Präparation im Präpkurs radikal: Im OP arbeitet man von einem schmalen Zugang aus in die Tiefe und präpariert nicht flächenhaft Schicht für Schicht einen ganze Körperregion frei.

Spekulantin: Naja, trotzdem sollte jeder Arzt so eine grobe Vorstellung vom menschlichen Körper haben. Und so schlimm ich das dritte Semester auch fand, wichtig war der Präpkurs schon. Schade nur, dass man seit dem so vieles davon wieder vergessen hat. Vor dem Chirurgie-Praktikum wäre da eine Auffrischung ganz hilfreich gewesen. 

Wir hoffen die Frage damit ausreichend beantwortet zu haben. Wer weitere Fragen hat, schickt sie uns gerne über das Kontaktformular, einen Kommentar zu unseren Artikeln oder per Twitter an @arztanbord! Wir freuen uns!

– Spekulantin & Orthopaedix