Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Hahn im Korb


Ein ganzes Tertial lang habe ich den Ärger im Zaum gehalten. Bringt ja auch nix. Ich sitze eindeutig am kürzeren Hebel. Und für die mündliche Prüfung ist es sicher auch besser so… Aber jetzt reicht es!

Ich habe es kommentarlos geschluckt, dass er mich mit einem freundlichen Lächeln fragt, ob ich denn überhaupt Abitur hätte. Ich habe mich daran gewöhnt, dass er uns PJler in der Frühbesprechung einfach übersieht und sich bei der Tagesplanung einen Teufel darum schert, dass wir auch irgendwo mit ins Boot geholt werden. Ich habe es mit einem Lächeln über mich ergehen lassen, dass er mir im OP zum 10. Mal erklärt, wie ich eine Hautnaht mache. Wie soll er sich auch daran erinnern, dass ich das kann, wenn er noch nicht einmal meinen Namen weiß. Ich habe akzeptiert, dass Lehre für ihn ein Fremdwort ist und er sich als einziger Chef im Haus weigert eine Lehrvisite zu organisieren, so sehr sogar unsere PJ-Oberärztin Francesca ihn drängt.
Aber wenn aus Desinteresse auch noch Schikane wird, dann geht es wirklich zu weit.

Einmal im Monat findet hier in der Gyn ein OP-Kurs zum Thema „Inkontinezoperationen und Netzeinlage“ statt. Es sind nämlich nur wir PJler, die keine Ausbildung verdienen. Oder liegt es daran, dass wir nicht teures Geld dafür zahlen? Wie dem auch sei, an diesen Freitagen operiert der Chef mit 4 Gastärzten, die ihm abwechselnd assistieren und braucht uns deshalb nicht als Hakenhalter. Wozu er uns aber sehr wohl braucht, ist zum Lagern. Klar, für ihn als Chefarzt, ist es natürlich nicht die richtige Aufgabe schwere Beine in wackelige Halterungen zu wuchten. Und außer ihm gibt es ja auch nur noch 4 Gastärzte, zwei OP-Schwestern und eine Schwesternschülerin. Das sind mindestens 6 Paar Hände, wenn man die sterile Schwester einmal abzieht. Aber nein, wir werden trotzdem jedes Mal zwischen den OPs zum Lagern reingerufen. Heißt: Ich lasse alles, was ich gerade in der Hand habe stehen und liegen und flitze in den OP, ziehe mich um, verschraube zwei Beinhalter, schleuße mich wieder aus und suche mir wieder andere Arbeit. Und etwa 1 Stunde später geht das Spiel von vorne los.

Das ist ein völlig unverhältnismäßiger Zeitaufwand. Und das ist ärgerlich, wenn ich gerade als das Telefon klingelt endlich endlich mal die Möglichkeit gehabt hätte eine Schwangere zu schallen. Bis ich zurück komme, ist die Untersuchung bereits gelaufen und ich habe wieder nichts gelernt. Das ist aber noch viel ärgerlicher, wenn ich alles fallen lasse, um dann im Saal festzustellen, dass die Patientin bereits fertig gelagert ist und ich also unverrichteter Dinge wieder abziehen. Weil die Gastärzte nämlich überhaupt gar kein Problem damit haben Hand anzulegen. Weil die unsterile Schwester problemlos mit einem Handgriff schnell das Molltex unterschiebt. Weil der Chef sich dann am Ende die Patientin doch selbst nochmals zurechtrutscht.
Am ärgerlichsten ist allerdings, wenn ich dann den Chef im Flur treffe, nachdem ich gerade zum zweiten Mal völlig umsonst durch die Gegend gerannt bin und er mit einem superfreundlichen Lächeln meint: „Ach so schlimm war es jetzt doch gar nicht, oder?“, weil man sich beim ersten Mal erlaubt hat kritisch zu äußern, dass man gerade echt was Spannendes zu tun hatte. Ich habe auf eine Antwort verzichtet und auch freundlich gelächelt. – Und zum Glück erst am nächsten Tag von der OP-Schwester erfahren, dass der Chef den Gastärzten beim Betreten des Saals kopfschüttelnd verkündet hat: „Also wir haben ja damals unsere Aufgaben ohne zu meckern erledigt.“

Sein Glück (Mein Glück?), dass er erst einige Wochen später auf die glorreiche Idee kam, doch etwas für meine Ausbildung tun zu wollen. Seit Wochen redete jeder vom anstehenden Kurs für Brustultraschall. Und einen Tag vorher in der Frühbesprechung fällt ihm ein er hätte dabei eine ganz wichtige Aufgabe, für die PJler, ich solle doch gleich im Anschluss mal zu ihm ins Büro kommen. Ich wage es ja kaum zu glauben, dass wir vielleicht doch teilnehmen können, zumindest an einem Teil. Und es ist auch besser, dass ich es nicht geglaubt habe. In seinem Vorzimmer steht eine große Box mit Fleisch neben einem Olivenglas. Und wie er mir freundlich mitteilt, ist es also mein Job jede der 12 riesigen Putenbrüste mit je 15 Oliven zu füllen, in Folie einzuwickeln und dann wieder in die Box zu stapeln. Immerhin um das Lagern würde sich dann jemand anderes kümmern. Noch bevor ich meine Gesichtszüge wieder im Griff habe, ist er mit einem „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie die erste fertig haben, dann schaue ich mir mal an, wie sie das machen.“ in sein Büro verschwunden. Ich schwanke zwischen Tränen und Aggression während ich am Ende über 2 Stunden damit verbringe Fleisch und Oliven und Folie zu verarbeiten. Und als ihm nach seiner gönnerhaften Inspektion dann plötzlich einfällt: „Eigentlich könnten Sie ja auch an diesem Kurs teilnehmen.“, siegen die Tränen der Frustration. Ja, da hätte ich sogar sehr gerne daran teilgenommen, aber wenn es ihm 24 Stunden vorher einfällt, dann habe ich mein Wochenende doch schon andersweitig verplant.

Jetzt rotiere ich in die Chirurgie und alles was man von dort hört, ist Lob in den höchsten Tönen für den Chef. Vielleicht kann ich am Ende des nächsten Tertials mit einem Artikel da miteinstimmen. Das wäre mir auch deutlich lieber!

– Spekulantin


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HowTo: OP-Assistenz

Mediziner im PJ: „Haken und Maul halten“
– Unispiegel-Artikel 08/05

Der Spiegel-Artikel ist vielleicht nicht mehr ganz aktuell, die Philosphie aber traurigerweise doch noch ein bisschen. Die Zeiten in denen ein Schlag auf die Finger mit dem Instrument so viel hieß wie „Haken loslassen“, sind zum Glück auch vorbei, aber die wichtigeste Aufgabe des Assistenten im OP ist immer noch keinen Ärger zu machen. Das heißt so viel wie: Nicht im Weg rum stehen, aber trotzdem genau dann zur Stelle sein, wenn gerade eine zusätzliche Hand gebraucht wird. Keine dummen Fragen stellen, aber bitte genau wissen wo noch was zu tun ist. Nicht ganz einfach diesen Überblick zu entwickeln. Vielleicht kann ich allen Anfängern aus meinen Erfahrungen der letzten Wochen ein paar Tips geben, die den Einstieg erleichtern:

1. Über das Betreten eines OP-Saals: Es ist völlig unwichtig, wie viele Leute im Saal bereits am Reden sind, mit dem Betreten des Raumes sollte stets ein lautstarker Gruß in die Runde verbunden sein. So laut, dass sich auch wirklich jeder angesprochen fühlt. Und wenn ein unbekanntes Gesicht durch den Raum wuselt, dann führt dein erste Weg mit ausgestrecktem Arm darauf zu um dich vorzustellen. Wie man dabei die Arbeit des anderen nicht unterbricht und trotzdem seinen Namen vorgebracht hat, bevor einen dieser ein zweites Mal anschaut – an der Frage arbeite ich selbst noch… Wichtig jedenfalls: Der sterilen Schwester nicht die Hand schütteln, auch wenn sie sie  noch so freundlich hinhält.

2. Über das Lagern des Patienten: Je nach Operation müssen Arme oder Beine ausgelagert oder angelagert werden. Dazu gibt es dann auch irgendwo entsprechende Halterungen. Beim ersten Mal gut zuschauen, denn ab dem zweiten Tag wird erwartet, dass du das alleine hinkriegst. Und wenn die Anästhesie das für dich übernimmt, weil du zu langsam bist, dann weißt du, dass du etwas falsch machst. Falls du gar nicht weißt, was zu tun ist, solltest du andersweitig sehr beschäftigt wirken… Maske zurechtrücken zählt da nicht, vielleicht besser den Operateur anrufen, dass er sich einschleust…
Und zum Extra-Punkte sammeln: Dort wo abgewaschen wird am Ende des Lagerns ein Molltex unterschieben.

3. Über das Waschen: Bei uns im OP wäscht die sterile Schwester den Patienten ab. Wenn sie damit anfängt, ist das der Startschuss in den Waschraum zu verschwinden. Woanders habe ich erlebt, dass der erste Assistent abwäscht. Wenn er sich waschen geht, ist das auch für dich ein guter Zeitpunkt – sofern der Patient gut gelagert ist.
Wie du dich dann wäscht, darüber gibt es sehr viel Ansichten. Wenn du nicht gerade an den alteingesessenen Chefarzt gerätst, dann brauchst du die Bürste nur zu verwenden, wenn du noch den halben Garten unter den – hoffentlich kurzen – Fingernägeln. Genügend Studien beweisen inzwischen, dass standartmäßiges Bürsten die Keimzahl auf der Haut nur erhöht. Also mit viel Seife am Beginn des Tages einmal Hände und Unterarme waschen. Beim Abspülen und Abtrocknen darauf achten, dass das Wasser zu den Ellbogen hin abfließt. Dann 3 Minuten mit viiiiiiiel Desinfektionsmittel Hände und Unterarme einreiben. Dabei gegen Ende nur noch die Hände desinfizieren. Tausende Anleitungen, wie man an den Häden dafür sorgt, dass auch alles was abkriegt, gibt es überall, wahrscheinlich auch im Waschraum. Für alle weiteren Operationen des Tages reicht es nur noch zu desinfizieren ohne sich zu waschen. Die desinfizierten Hände dann außer Reichweite von Kittel, Menschen und Einrichtung halten, etwa zwischen Brustwarzen und Bauchnabel – und ab in den Saal.

4. Über das Einkleiden: Weiterlesen