Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


5 Kommentare

es sind immer die Netten….

Es sind immer die Netten, die sterben.

Es gibt ungeschriebene „Naturgesetze“, die im Krankenhaus und in Bezug auf Gesundheit und Sterben gelten. Eines davon ist, dass es oft diejenigen Patienten am schwersten trifft, die für die Ärzte und die Pflege (und für ihr Umfeld sowieso) die „Nettesten“ sind. Gut situierte ältere Damen, rüstige Rentner-Opas, junge Familienväter, frisch verheiratete Frauen…. Nicht zu Unrecht steht in der „Bibel“ der Medizin („House of God“) folgende Regel: „GOMERs sterben nicht„. GOMER steht für „Get out of my Emergency Room“ und meint diejenigen Patienten, die multimorbid, schwer zu behandeln und schwer zu versorgen sind (und somit Nerven und Zeit kosten und die Beteiligten an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen können). Diese Patienten sind so robust und auf eine unbekannte Art so widerstandsfähig, dass ihnen nicht mal eine Diagnoseliste von einer Seite und eine ebenso lange Medikamentenliste etwas auszumachen scheint. Und sie sterben nicht. Ende. Punkt. Aus.

(c) uniklinik-ulm.de

Aber die Netten. Die sterben. So zum Beispiel auch unser Patient Herr Iktarus. Er kam eines Tages auf Station, weil er völlig gelb war. Gelb? Ja, die Haut, die Augen, alles an ihm war gelb geworden. Medizinisch vorgebildete Leser werden sofort erkennen, dass es sich hier um einen deutlichen Hinweis auf Probleme mit dem Leber-Galle-Bauchspeicheldrüsen-System handeln kann und dortige Abbaustoffe an ihrem natürlichen Abfluss in Richtung Darm behindert werden. Die nicht mehr abfließende Galle lagert sich dann in die Haut und die Gallestoffe zeigen sich als gelbe Verfärbung.

Wenn ein Patient so schnell wie unser Herr Iktarus gelb wird, dann steht sofort die Frage eines Tumors im Raum. Zunächst versuchten wir mittels Ultraschall einen ersten Eindruck gewinnen zu können. Es zeigte sich eine rundliche Raumforderung von beachtlichem Ausmaß rund um den Kopf der Bauchspeicheldrüse, der die Gallenwege abzudrücken schien.

Die Maschinerie der Diagnostik begann sich in Bewegung zu setzen: Nach dem orientierenden Ultraschall erhielt Herr Iktarus ein Oberbauch-CT, das die Raumforderung eindeutig sichtbar machte. Aber um was handelte es sich da? Um einen Tumor der Bauchspeicheldrüse? Um einen Tumor des Darms? Oder der Leber? Oder Gallenwege? Genau wissen kann man dies erst, wenn man die unnatürliche Raumforderung punktiert und dann histologisch unter dem Mikroskop und mit Spezialuntersuchungen untersucht.

Bis die weitere Diagnostik stattfand, nahmen wir Herrn Iktarus Blut ab. Im Blut kann man bei manchen Tumoren bestimmte Tumormarker nachweisen, die beim Auftreten des Tumors erhöht sind. Bei Herrn Iktarus zeigte sich eine deutliche Erhöhung der Tumormarker für Bauchspeicheldrüsenkrebs. Oh nein! Weiterlesen


Hinterlasse einen Kommentar

Herr Grevé – Teil 2

„Wissen Sie, ich lese jeden Morgen zuerst in der Zeitung den Teil mit den Todesanzeigen. Vielleicht kannte man einen der Verstorbenen“

> Teil 1 kann hier nachgelesen werden

Am dritten Tag des Zyklus begann Herr Grevé erneut sich zu übergeben und über starke Übelkeit zu klagen. Wir versuchten ihn mittels Medikamente beschwerdefrei zu bekommen, schließlich war ein Erbrechen für seinen aktuellen physischen wie psychischen Zustand absolut ungeeignet. Beim Blutabnehmen gefiel mir Herr Grevé  nicht, er reagierte nicht mehr auf meine Worte und half mir nicht mehr wie gewohnt beim Freilegen des Portanschlusses, sondern ließ alles nur noch über sich ergehen ohne aktiv dabei zu sein. Bei der Visite wenige Stunden später reagierte Herr Grevé plötzlich nicht mehr adäquat auf unser Ansprechen, auf Berührungen oder auf Schmerzreize. Er hatte die Augen nach oben verdreht und stöhnte nur leise vor sich hin. Wir begannen uns ernsthafte Sorgen zu machen.

Der Chefarzt ordnete sofortige Blutkulturen und Beginn einer antibiotischen Therapie an – auch, wenn kein Fieber feststellbar war. So lange bis Fieber nachweisbar werden würde, hatten wir keine Zeit zu warten. Das Antibiotikum lief keine 30 Minuten später als Tropf. Und wir hofften das Beste für Herrn Grevé.

Der Tag ging und der nächste Tag kam. Ich wurde am Morgen auf Station damit begrüßt, dass ich bei dem Patienten bitte die Portnadel wechseln solle, denn sie liefe nicht mehr richtig. Da es sich aber nicht um einen Notfall handelte, ließ ich die Aufgabe zunächst ans Ende meiner ToDo-Liste fallen und nahm bei den ersten 10 Patienten Blut ab. Als ich dann meine sieben Sachen für das Anstechen bzw. Wechseln der Portnadel zusammensuchte, wurde mir mitgeteilt, dass der Port jetzt doch liefe und nur eine normale Blutabnahme nötig sei.

Mit meinen Röhrchen und Spülspritzen bewaffnet, machte ich mich auf den Weg zu Herrn Grevés Zimmer. Ich betrat es mit einem Pfeifen auf den Lippen, das mir noch beim Öffnen der Tür an selbigen Hängen blieb. Die Stimmung, die mir aus dem Raum entgegen kam, ließ nichts Gutes erwarten. Über Nacht hatten die Schwestern Herr Grevé alleine im Zimmer gelassen und seinen bisherigen Nachbar in ein anderes Zimmer geschoben. Nun war die Familie um das Bett des Patienten versammelt, Ehefrau, Kinder. Die Atmosphäre gedrückt, traurig und die Tränen in den Augen. Es war klar, dass Herr Grevé nicht mehr lange zu leben hatte und wir den Kampf gegen seine eventuell bestehende Infektion bzw. seinen Krebs verloren hatten.

Trotzdem sollte ich Blut abnehmen. Da mit keine Informationen mitgegeben wurden, war ich von der Situation zunächst erschlagen. Dieser Mangel aber ließ mir keine Entscheidung über Sinn und Unsinn einer Blutabnahme zu, sodass ich versuchte über den Port schmerzfrei Blut abzuziehen. Immerhin war das bisher immer so gut gegangen – warum also nicht auch heute Morgen?

Herr Grevé lag mit nach oben gedrehten, halb geschlossenen Augen in seinem Bett und hatte nur noch Schnappatmung mit leisem Rasseln. „Präfinal“ nennt man diesen Zustand in der medizinischen Terminologie. Auf Ansprache keine Reaktion. Ich versuchte mein Blut zu bekommen und das beklemmende Zimmer schnellstmöglich zu verlassen…. aber es kam kein Blut über den Port. Mist. Was nun?

„Eigentlich müsste ich jetzt in den Arm pieksen und von dort Blut nehmen“

Ich nahm mir meinen Stauschlauch und versuchte eine Vene am Arm zu finden. Der Arm war bereits kühl und fleckig, ein Zeichen, dass der Kreislauf zentralisierte und der Körper nur noch die wichtigen Organe wie Hirn und Herz versorgen wollte und konnte. Ich fragte mich, ob diese Blutabnahme eigentlich noch Sinn hatte – aber da mir jegliche Informationen vorenthalten worden waren, für was das Blut abgenommen werden sollte (vielleicht dachen die Ärzte ja, sie könnten Herr Grevé noch helfen und hatten seinen Zustand am Morgen noch gar nicht bemerkt?), konnte ich nicht eigenständig entscheiden, die Abnahme nicht durchzuführen.

Als ich ein wenig versuchte eine Vene zu finden, in die ich stechen könnte, meinte die erwachsene Tochter zu mir:

„ist das wirklich noch nötig jetzt mit dem Blut? Ich meine, Sie sehen doch, dass er sterben wird. Warum muss man ihn dann jetzt noch stechen? Ich widerspreche jetzt einfach mal jeglicher Intervention, die man noch an ihm durchführen will“

Natürlich musste ich ihr Recht geben. Aber: mir werden die Röhrchen ja auch nur hingestellt und ich wusste ja nicht was mit ihm geplant ist bzw. in welch Verfassung er sich heute Morgen befinden würde.

„Wissen Sie was? Ich nehme kein Blut ab, sondern werde draußen Bescheid geben, dass der Zustand derart ist, dass das Blut nicht mehr sinnvoll wäre.“

Stumm verließ ich das Zimmer und gab auf dem Flur Bescheid. Natürlich musste kein Blut mehr abgenommen werden und wenig später vereinbarte der Chefarzt mit den Angehörigen die Einstellung jeglicher Versorgung außer der nötigen Schmerzmedikation.

Herr Grevé verließ uns 20 Minuten später und schlief im Kreise seiner engsten Familie für immer ein.

Ich fühlte mich betroffen, atmete auf Station mehrere Male tief durch und musste fünf Minuten im Arztzimmer abschalten versuchen. Nach der Schicht saß ich ein wenig in der Sonne, um meine Gefühlen und Gedanken in Ruhe zu ordnen. Herr Grevés  Tod hat mich, mehr als ich gedacht hätte, berührt und betroffen gemacht. Vielleicht, weil ich ihn vorher gern leiden konnte. Vielleicht, weil ich in diese pietätlose Situation gestoßen worden war. Vielleicht, weil mir bewusst wurde, dass der Tod ein täglicher Gast im Alltag in der Klinik ist.

Herr Grevé möge seinen Frieden finden.

– Orthopaedix


Hinterlasse einen Kommentar

Lebensretter.

Es ist 5 Uhr morgens an einem Donnerstag irgendwo in Deutschland und mein Wecker klingelt. Ich stöhne und frage mich, wie ich eigentlich auf die Idee kommen konnte, dass zwei Stunden Schlaf völlig ausreichend sind. Vielleicht hätte ich doch nicht erst um 3 Uhr nach Hause kommen sollen, mit 25 ist man ja schließlich nicht mehr die Jüngste. Aber es hilft alles nichts, aufstehen muss ich jetzt trotzdem. Meine Station im Krankenhaus wird heute und morgen ohne mich auskommen müssen, denn ich habe etwas Besonderes vor. Ich werde nach Dresden fliegen um dort Stammzellen für eine unserer Patientinnen abzuholen. Sie ist 68 Jahre alt, hat Leukämie und nur die Zellen des Spenders können ihr eine Heilung ermöglichen. Da der Spender aus Dresden kommt werden ihm die Zellen dort entnommen und müssen dann schnellstmöglich zum Empfänger gebracht werden. Und genau das ist meine Aufgabe. Ich bin aufgeregt und hoffe, dass alles glatt läuft. Werde ich meinen  Flug rechtzeitig bekommen? Habe ich alle Papiere dabei? Lässt das Flughafenpersonal mich mit meinen Zellen einfach so passieren? Hoffentlich lasse ich nicht die Box mit den Zellen irgendwo stehen….

Im Zug und am Flughafen führt alleine schon besagte Box dazu, dass alle Menschen mich neugierig anschauen und ich mich wichtig fühlen kann. Sie ist weiß und mit zahlreichen warnenden Aufschriften versehen, die sofort ins Auge stechen: „Human Organ Transplant“ „Do not X-Ray“ „Do not delay delivery“

Am Freitagmorgen schlägt dann die Stunde der Wahrheit, ich kann endlich meine Zellen in der Uniklinik abholen. Ich muss meinen Personalausweis vorzeigen, Identifikationscodes von Spender und Empfänger mehrfach überprüfen und zahlreiche Formulare unterschreiben. Und plötzlich stehe ich wieder auf der Straße mit meiner weißen Box und dem Leben eines Patienten in der Hand. Leichte Panik wallt in mir auf, jetzt bin ich verantwortlich. Ich verstärke meinen Griff und weiß, dass sich in den nächsten Stunden für mich alles nur noch um das Wohl dieser weißen Box drehen wird. Ein netter Taxifahrer mit starkem sächsischen Dialekt fährt mich an den Flughafen. Wir unterhalten uns über Weihnachtsmärkte, Kaffeefahrten und die Fußballbundesliga.

Auf die Sicherheitskontrollen am Flughafen sowie auf zahlreiche Eventualitäten bin ich mit einer Vielzahl von Papieren vorbereitet. Gleich mehrfach wird das Röntgen der Zellen untersagt, was bedeutet, dass sie nicht durch den Handgepäck-Scanner gefahren werde dürfen. Dem Flughafenpersonal wurde schon im Voraus angekündigt, dass ich komme und 3 Polizisten der Bundespolizei kontrollieren meine Box, meine Unterlagen und meinen Ausweis. Viele meiner Formulare kamen jedoch überhaupt nicht zum Einsatz, zB „Der Kurier ist bei allen möglichen Problemen unbedingt zu unterstützen und im Falle von Problemen bei der Platzvergabe im jeweiligen Verkehrsmittel unbedingt zu bevorzugen.“ Schade. „Im Falle eines Unfalls oder Erkrankung des Kuriers bitte sofort dafür sorgen, dass die Stammzellen auf dem schnellsten Wege an das Transplantationszentrum weitergeleitet werden.“ Zum Glück.

Im Flugzeug frage ich mich, was so viele Leute bewegt, Tomatensaft zu trinken, nur weil sie sich plötzlich über den Wolken befinden. Zumindest habe ich dieses merkwürdige Verhalten noch nie bei Menschen gesehen, die mit beiden Beinen auf festem Boden standen. Neben mir sitzt eine blondierte, etwa 30-jährige Bankkauffrau auf dem Weg nach Australien, die dem Taxifahrer im Sächsischen in nichts nachsteht. Wir unterhalten uns eine Weile und sie ist fasziniert von der Vorstellung, das ein bisschen Blut in der Lage ist, einen Patienten mit Krebs zu heilen. Und ehrlich gesagt bin ich das auch immer wieder.

Am Ende eines langen Tages komme ich wieder zuhause an und gebe die Zellen in unserem Transplantlabor ab. Noch heute werden sie der Patientin infundiert. Der 29-jährige Spender, der diese Frau noch nie gesehen hat, schenkt ihr ein neues Leben.

Weitere Informationen zur Stammzellspende findet man auf der Seite der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS)

http://www.dkms.de/home/de/startseite.html

-Ann Arbor