Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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falsche Sorgen

Wir haben eine neue Patientin auf unsere Station aufgenommen. Knapp über 50 Jahre alt, aber vom Aussehen schon deutlich älter. Kein Wunder, wenn man mindestens eine Schachtel Zigaretten pro Tag raucht, wenig isst und deswegen stark untergewichtig ist. Auch der Kleidungsstil (worüber man natürlich immer unterschiedlicher Meinung sein kann) ist nicht gerade das, was man unter „jung geblieben“ einsortieren würde.

Eigentlich möchte die Dame nicht ins Krankenhaus und ihr erster Kontakt auf Station zu einer vorbei huschenden Schwester bestand aus dem Hinweis, dass sie doch bitte heute Abend wieder nach Hause gehen möchte. Ob das möglich sei. Die arme Schwester völlig überfordert, woher solle sie auch wissen, was eigentlich mit der Patientin los ist, warum diese stationär kommen muss und was die Ärzte mit ihr planen? Also wird die Patientin an die Ärztin verwiesen, die für sie zuständig sein wird.

Der Ärztin erklärt die Patientin noch auf dem Gang, dass sie schnellstmöglich – am besten lieber gleich als nachher – wieder nach Hause möchte und nicht vorhat im Krankenhaus zu bleiben. Auf dem Einweisungs- bzw. Überweisungsschreiben einer auswärtigen Klinik, die die Voruntersuchungen durchgeführt hatte, findet sich der Hinweis, dass die Dame nur widerwillig einer stationären Einweisung zugestimmt hatte, nachdem sowohl Bruder als auch Arzt als auch Schwägerin sie zu überzeugen versucht hatten. Zwischen Tür und Angel erklärt die Dame der jungen Ärztin, dass sie anscheinend eine Leberbiopsie erhalten solle, um die unklare Raumforderung abzuklären, die bereits auswärts entdeckt worden sei. Und dass sie danach sofort wieder nach Hause will. Ob das machbar ist? Wohl eher nicht, aber diese Antwort will sie nicht hören. Außerdem will sie noch auf dem Gang hören, ob bei einer Chemotherapie die Haare ausfallen würden. Denn das möchte sie auf keinen Fall.

Unsere Ärztin vertröstet die Patientin auf das anschließende Aufnahmegespräch und die -untersuchung; wir bereiten die Unterlagen und Aufnahmebögen vor, was einige Zeit kostet, schließlich ist die Dame bisher bei uns unbekannt und wir wissen außer den Informationen vom Schreiben der externen Klinik nichts über sie. Doch: dass sie stark raucht. Das riechen wir sofort.

Während wir die Briefe der auswärtigen Ärzte lesen, folgen unsere Unterkiefer der Schwerkraft.

Laut Brief hatte die Patientin Schmerzen in der Schulter, die vom Orthopäden nicht beherrscht werden konnten. Dieser hatte eine radiologische Diagnostik durchführen lassen, die sowohl im Schultergelenk als auch im Schulterblatt Tumoren zeigten. Des Weiteren im anschließend durchgeführten CT sichtbar: multiple Lebermetastasen, eine enorm vergrößerte Leber, Metastasen in den Nebennieren, an der Halswirbelsäule, am rechten Hüftgelenk, am rechten Oberschenkelknochen. Und zwei Weichteilmetastasen an Po und Brust.

Selbst medizinisch unbedarfte Leser werden hier stutzen. Denn das klingt absolut nicht gut. Wirklich nicht. Tumoren mit multiplen Metastasen. Weiterlesen