Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Routine-Aufnahme

Alltagsroutine der stationären Aufnahme eines Patientens auf der orthopädischen Station, wie ich sie in den letzten 15 Wochen beinahe täglich mehrfach durchlief. Die Sätze sind eingebrannt und werden jedes Mal beinahe wortwörtlich abgespult. Wie eine Schallplatte. Mit wechselnden Empfängern.

Ich suche mir das Zimmer, in dem der Patient sein Bett bezogen hat und, sollte ich Glück haben und gerade keine Pflegekraft deren Aufnahme mit ihm machen oder ihm Blut abzapfen, er bei der Prämedikation der Anästhesie oder sonstwo sitzen, mache ich mich auf den Weg zum Zimmer.

Klopf, Klopf. Eintreten.

Guten Morgen/Tag/Abend, ich suche Herrn/Frau XYZ. Ah, das sind Sie?! Orthopaedix mein Name. Ich müsste Sie noch untersuchen, auf Herz, Lunge und Bauch hören und das Gelenk* (*Hüfte, Schulter, Knie, Wirbelsäule…) untersuchen, damit Sie offiziell auf Station aufgenommen sind. Wollen Sie mir dazu bitte in das Untersuchungszimmer folgen?
Haben Sie eine Liste mit den Medikamenten, die Sie regelmäßig nehmen? Die könnten Sie mitnehmen, dann kann ich sie abschreiben… ach, die Pflege hat die bereits geklaut? Dann werde ich das von der Pflege abkopieren.

Wir marschieren los, je nach Distanz bis zum Untersuchungszimmer folgen diese Sätze incl. der ersten Musterung des Gangbildes und sonstiger Auffälligkeiten

Beim Narkosearzt waren Sie schon? Die Pflege war auch schon bei Ihnen? Ah, man siehts, Blut haben die Vampire auch schon abgezapft. Das geht hier heute Schlag auf Schlag, Langeweile wird nicht aufkommen!

Das Untersuchungszimmer betretend…

So, da sind wir. Nehmen Sie Platz, die Liege ist Ihre. Sie dürfen noch Sitzen, ich habe noch ein paar Fragen vorweg.

Ich setze mich an den PC und habe das Aufnahmeformular vorbereitet. Nach den ersten Wochen lief die „Anamneseerhebung“ dann in gekürzter Version.

Es geht bei Ihnen um (Blick auf den OP-Plan)…. das rechte Knie, die linke Hüfte, linke Schulter…?! Schonmal richtig.

Hat sich denn seit dem letzten Mal in der Sprechstunde noch irgendwas verändert an den Beschwerden? Schlimmer geworden?

Zusammenfassend aus dem kopierten Sprechstundenbericht…

Es sind also immer noch Schmerzen vor allem bei Belastung, in Ruhe weniger und Sie können im Alltag noch maximal 300m gehen? Ok, gut, das habe ich so notiert.

Dann geht es nahtlos in die Fragenrunde über, die ich im Aufnahmeformular ankreuzen muss.

Hatten Sie in den letzten 4 Wochen einen Infekt? Husten, Schnupfen, Fieber, Grippe?
Hatten Sie schon mal eine Thrombose oder Embolie?
Ist bei Ihnen eine Blutungsneigung bekannt? Also, dass Sie stark bluten, wenn Sie sich schneiden oder irgendwo anstoßen sofort große blaue Flecken entstehen?
Nehmen Sie blutverdünnende Medikamente wie Aspirin, Marcumar oder Plavix?
Haben Sie Allergien?
Haben Sie eine Infektion wie Hepatitis A, B, C oder HIV?
Wie groß sind Sie?
Wie schwer?
Rauchen Sie? Wie viele und wie lange schon? (–> siehe „pack years„)
Trinken Sie Alkohol? Wie viel?

Welche Medikamente nehmen Sie regelmäßig?

So, dann haben wir schon alle Fragen, jetzt würde ich auf Herz, Lunge und Bauch hören und dann haben wir es gleich geschafft. Weiterlesen


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Herzensangelegenheit

Ich hatte euch ja bereits von Frau Dr. Kupfer-Müllerhagen und ihrer schroffen Art mit uns Studenten berichtet. Und auch davon, dass mich ihre einfühlsame Art mit den Patientinnen beeindruckt hat. Inzwischen habe ich sie bei einer Aufklärung begleitet und muss das noch einmal unterstreichen!

Frau Wacker ist eine 86-jährige, rüstige, alte Dame, die ohne Begleitung zu uns in die Ambulanz kommt. Vor einigen Wochen war sie wegen Kontinenzproblemen in der Sprechstunde und heute soll ein kleiner Eingriff stattfinden um ihr zu helfen. Sie ist noch nicht aufgeklärt und ihr erster Weg führt zur Nakroseärztin. Diese steht eine viertel Stunde später bei uns in der Ambulanz und verkündet, dass sie Frau Wacker nicht narkotisieren wird. Die Patientin hat einen Befund ihres Kardiologen mitgebracht und auch das EKG aus unserem Haus zeigt es deutlich: Frau Wacker leidet an Herzrhythmusstörungen. Der Kardiologe hat schon vor Monaten dringend eine Schrittmacherimplantation empfohlen.

Als Frau Wacker ins Sprechzimmer kommt, ist sie verwirrt und aufgebracht. Offenbar hat ihr die Narkoseärztin bereits gesagt, dass die OP nicht stattfinden wird. „Ich habe doch schon alles daheim organisiert. Wissen Sie, ich lebe alleine und habe kaum jemanden der sich kümmert. Ist ja auch viel zu tun mit dem großen Haus und dem Garten. Und wer zahlt denn das Taxi, wenn ich jetzt wieder nach hause muss?“

Frau Dr. Kupfer-Müllerhagen findet erst einmal klare Worte: „Das Problem ist ihr Herz. Die Gefahr, dass sie nach der Narkose nicht mehr aufwachen ist zu groß. Wir können Sie so nicht operieren. Sie brauchen ganz dringend einen Schrittmacher.“

Frau Wacker schluckt. „Ist es denn wirklich so schlimm? Kann das nicht bis nach der Operation warten?

„Hat ihr Kardiologe denn nicht mit Ihnen über den Befund gesprochen?“

„Doch. Er meinte mein Herz stolpert manchmal und setzt aus.“ Frau Wacker zögert. „Wissen Sie, ich dachte, vielleicht setzt es dann irgendwann einfach aus und springt nicht mehr an. Dann würde ich einfach einschlafen. So würde ich mir das wünschen mit dem Tod.“

Es ist einen Moment still. Dann beugt sich Fr. Dr. Kupfer-Müllerhagen vor und sieht Frau Wacker fest an. „So wünschen wir uns das wohl alle mit dem Tod. Aber stellen sie sich vor, das passiert nicht zu hause bei Ihnen. Im Supermarkt zum Beispiel, oder in der Stadt. Dann kommen Sie ins Krankenhaus und keiner kann sagen, wie Sie wieder aufwachen. Vielleicht sind Sie dann nicht mehr dieselbe, die Sie waren. Das weiß man nicht. Natürlich muss das nicht passieren, aber die Gefahr besteht.“

Frau Wacker nickt langsam. „Dann meinen Sie also, das kann nicht warten mit dem Schrittmacher? Und was ist dann mit der Operation?“

„Jetzt geht es erst einmal darum, das Wichtige in Angriff zu nehmen. Die OP kann warten. Das ist nur eine kleine Sache, die kann man jederzeit nachholen. Aber das Wichtigste ist ihr Herz.“

Als Frau Wacker eine Viertelstunde später aufsteht und geht, hat sie sich viel von der Seele geredet. Über die Organisation die jetzt ansteht, über ihre Angst vor dem Schrittmacher, über ganz alltägliche Probleme. Und Frau Kupfer-Müllerhagen hat einfach zugehört. Obwohl vor der Tür noch zwei weitere Patientinnen warten. Aber wenn Frau Wacker jetzt mit festem Schritt zu Tür hinausgeht, nachdem sie sich mit eindringlichen Worten bedankt hat, dann war es das wert.

– Spekulantin


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Wähle deine Worte – Krankenhaus-Insider I

Ich möchte auspacken. Wie pure Wahrheit ans Tageslicht zerren. Reinen Wein einschenken. Warnungen herausgeben. Vorwarnen. Und zum schmunzeln anregen. Deswegen, Vorhang auf und heraus mit ein paar Insidern aus dem Klinikalltag.

Doch vorweg eine kurze „Vorwarnung“: es geht hier weder darum Patienten von oben herab zu betrachten, noch darum, dass die Ärzte alle raffgierige Vollhonks sind – ich erzähle einiges absichtlich über- und zugespitzt, um es interessanter zu machen. Nehmt deshalb nicht alle Worte als bare Münze, sondern denkt euch, was wohl zwischen den Zeilen gemeint sein könnte. Anschnallen und los gehts! Heute: Wähle deine Worte!

Nehmen wir folgende Situation: ein Patient kommt in die Notaufnahme. Diese wird derzeit von einem gastroenterologischen Arzt abgedeckt. Der zuständige Arzt befragt den Patienten nach dessen Symptome, untersucht ihn und entscheidet dann, wie es mit dem Patienten weitergeht (oder in welche Richtung er den Patienten beim Oberarzt vorstellt, damit dieser „richtig“ entscheidet). Diese Entscheidung gibt dem Arzt, dem Oberarzt und ggf. dem Chef eine gewisse Macht über den Patienten bzw. wie es mit ihm weitergehen soll. Fallen im Gespräch mit dem Patienten bestimmte Stichworte, so löst der Patient umgehend sein „Ticket“ für bestimmte Untersuchungen.
In unserem Beispiel sagt der Patient: „manchmal zieht es mir von hier (er zeigt auf die Magengegend unterhalb des Brustbeines) nach oben (er deutet auf das Brustbein)“. Damit hat er bei den Gastroenterologen seine Magenspiegelung und seine Protonenpumpeninhibitoren gegen mögliches Sodbrennen (Reflux) fast schon sicher gebucht.
Lassen wir einen anderen Patienten zu einem kardiologischen Notaufnahmearzt kommen. Hört dieser die Worte: „also Herr Doktor, ab und zu, ja, da verspüre ich schon einen Druck auf der Brust und bekomme schlechter Luft“. Das war der Freifahrtschein für einen Herzkatheter!

Je nach Klinikpolitik und Einstellung der Chefs geht der Übergang von geäußertem Symptom zur Untersuchung relativ schnell über die Bühne und hastenichtgesehen liegt der Patient in der entsprechenden Diagnostik und wird durchgecheckt.

Gründe hierfür gibt es viele. Natürlich sind die Untersuchungen indiziert und berechtigt. Sonst würde es die Krankenkasse ja auch gar nicht bezahlen. Schließlich muss man abklären, ob es bei den geäußerten Beschwerden einen organisch-auffälligen Befund gibt, den man beheben und heilen kann.

Vielleicht trägt aber auch das heutige Gesundheitssystem dazu bei, dass manche Schranken und Entscheidungen zu Untersuchungen schneller fallen, weil nur durch diese der stationäre Aufenthalt und Diagnostik unter einem Dach (anstelle von Rumgerenne zwischen diversen Praxen) gegenüber der Krankenkasse gerechtfertigt werden kann. Zusätzlich wird von vielen Seiten (auch den Krankenkassen) gleichzeitig erwartet, dass bei Äußerung der Symptome diese weiter abgeklärt werden. Nicht selten kommt es sonst zu Rückfragen nach dem Motto: „wenn der Patient schon sagt, dass er ein Druckgefühl hat, warum klären Sie das dann nicht ab?“ – und hier zählt das Argument „der Patient hatte es nur ein einziges Mal, ist 83 Jahre alt und ist außerdem ganz froh, dass er schnell wieder nach Hause zu seiner Familie darf“ nicht. Und ja, man kann es nicht verschweigen: manchmal spielt auch das Geld eine Rolle. Das ist nicht zu bestreiten.

Deswegen: wähle deine Worte mit Bedacht, solltest du nicht wollen, dass eine Diagnostik-Maschinerie los rollt, die deine geäußerten Symptome sofort als gravierend auffasst und sich dazu gezwungen sieht alle möglichen Möglichkeiten abzuklären. Außer, du willst, dass du von Kopf bis Fuß durchgecheckt wirst. 🙂

– Orthopaedix