Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Frau Ivanova hat Pech

Vor 2 Wochen habe ich euch von einer Patientin aus der Sprechstunde berichtet. Frau Ivanova kam damals zur Befundbesprechung. Man hatte bei ihr einen Tumor des Gebärmutterhalses in weit fortgeschrittenem und aggressivem Stadium diagnostiziert. Die Ausbreitung des Tumors ließ sich in der Bildgebung nicht sicher beurteilen. Also haben wir weiter geforscht und alle Befunde schließlich in der Tumorkonferenz zusammengetragen, um über eine Behandlung zu entscheiden. Was dabei herauskam, möchte ich nun mit euch teilen.

Zuerst einmal stand eine Blasen- und eine Enddarmspiegelung an, um sicher festzustellen, ob der Tumor bereits in eines dieser Organe hineingewachsen war. Um die Patientin nicht unnötig zu quälen, bekam sie dafür eine Vollnarkose. Die gute Nachricht war: Weder Blase noch Enddarm waren vom Krebs befallen. Aber in Narkose, wenn die Patienten entspannt sind, ist eine sehr viel genauere gynäkologische Tastuntersuchung möglich. Und hierbei zeigte sich sogar für meine ungeübten Finger deutlich: Der Tumor war auf einer Seite in die Haltbänder der Gebärmutter in Richtung Eierstock und Eileiter eingewachsen. Also doch nicht lokal begrenzt.

Damit ist eine Operation erstmal vom Tisch. Die Therapie im lokal fortgeschrittenen Stadium beginnt mit einer Bestrahlung. Wenn der Tumor dabei kleiner wird, kann man wieder über eine OP nachdenken. Ein wichtiger Baustein für die weitere Planung ist nun noch die Situation in den Lymphknoten. Hat der Tumor bereits Zellen auf diesem Weg gestreut? Dazu entnimmt man normalerweise mindestens 12 Lymphknoten aus dem entsprechenden Abflussgebiet zur Untersuchung.

Normalerweise. Nun, Frau Ivanova ist kein Normalfall. Sie lebt alleine hier in Deutschland und ihr Visum läuft im Dezember ab, dann muss sie zurück nach Russland. Bis dahin möchte sie die Therapie gerne hinter sich haben, denn die ist in Deutschland deutlich besser als in ihrer Heimat, sagt sie. Aber: Sie ist in Deutschland nicht krankenversichert. Das bedeutet, dass sie die Kosten für alle Behandlungen und Untersuchungen selbst trägt. Eine solche Operation zur Lymphknotenentnahme kostet über 1.000 Euro und damit ist noch überhaupt nichts therapiert. Frau Ivanova sagt, dass sie sich das nicht leisten kann. Eine Operation um die Gebärmutter zu entfernen, wie sie bei einem lokal begrenzten Tumor möglich gewesen wäre, das ist etwas anderes. Das wäre Behandlung und nicht nur Informationsgewinn.

Jetzt bleibt also nur noch die Option der Strahlentherapie, in der Hoffnung, dass der Tumor gut darauf reagiert. Ob sie sich danach eine mögliche Operation noch leisten kann, das weiß sie nicht. Aber irgendetwas muss man ja tun. Jetzt hat sie also erst einmal einen Termin bei den Strahlentherapeuten um dort die Möglichkeiten und vor allem die Kosten zu erfragen. Außerdem steht zur Debatte, ob man die Lymphknoten einfach mitbestrahlen soll, ohne zu wissen, ob sie befallen sind. Das kann aber natürlich auch unangenehme Nebenwirkungen haben. Wir würden ihr wahrscheinlich nicht dazu raten.

Aber am Ende wird die Entscheidung nicht davon abhängen, was am besten ist, sondern davon, was bezahlbar und schnell genug machbar ist. Traurig. OA Michael meint am Ende der Tumorkonferenz: „In den meisten Fällen haben wir so ein großes Angebot an Therapiemöglichkeiten für unsere Patienten. Ich bin es gar nicht gewohnt, dass ich fast nichts anbieten kann. Und dann muss ich bei dem Wenigen auch noch Abstriche machen. Ich weiß gar nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll.“ Und wenn das ihm schon so geht…
Mich hat das Schicksal von Frau Ivanova die letzten zwei Wochen nicht losgelassen. Ich hoffe so, dass das mit der Bestrahlung klappt. Und wenn nicht…?

– Spekulantin


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Frau Jung hat Fragen und Frau Ivanova hat keine Zeit

Orthopädix letzter Artikel hat auch bei mir ein paar Gedanken losgetreten. Ich musste wieder an zwei ganz unterschiedliche Patientinnen denken, die mir in den letzten Wochen in der Sprechstunde begegnet sind:

Frau Jung ist extra aus der Schweiz angereist. Sie hat jetzt schon über eine halbe Stunde gewartet, weil der Chef noch im OP stand. Das passt ihr nicht und das teilt sie uns auch sofort mit. Alles an ihr wirkt ein bisschen forsch. Der weite Schritt mit dem sie zur Tür herein kommt, ihr fester Händedruck, der Ruck, mit dem sie den Stuhl zurück zieht. Sie sieht deutlich jünger aus als die 60 Jahre, die auf ihrer Akte stehen. Lange naturrote Haare fallen über ihre Schulter und sie streicht sie immer wieder zurück. Das wirkt wie eine Geste der Unsicherheit, die so gar nicht zu dieser selbstbewussten Frau passen mag. Ihre Augenlider sind dick grün geschminkt, die Lippen knallrot. Als der Chef das Wort ergreift, kann er noch nicht einmal den ersten Satz beenden, bevor sie ihm ins Wort fällt.

Frau Ivanova sitzt ganz klein auf ihrem Stuhl im Wartebereich. Sie ist schon gut über 60 und das sieht man ihr auch an. Eine zierliche Frau, irgendwie genauso grau wie ihre Haare. Sie kommt aus Russland, spricht aber gut Deutsch. Offenbar lebt sie schon länger hier. Sie ist alleine gekommen und genauso wirkt sie auch. Als Oberarzt Michael Schneider sie ins Sprechzimmer bittet, erschrickt sie ein bisschen. Dann nimmt sie ihr Tasche und folgt uns. Sie setzt sich auf den Stuhl am Schreibtisch und blickt uns aufmerksam an.

Frau Jung wird von ihrem Frauenarzt geschickt. Er hat bei der Vorsorge eine etwas erhöht aufgebaute Gebärmutterschleimhaut festgestellt und möchte nun, dass seine Patientin eine Ausschabung erhält. Der kleinste und wahrscheinlich am häufigsten durchgeführteste Eingriff in der Gynäkologie und absolute Routine. Frau Jung ist sich da nicht so sicher. Das sei ja schon ein Risiko. Und mit der Narkose… Zwei Sätze später ist ihr plötzlich wieder wichtiger, dass sie noch am selben Tag nach hause gehen kann. Nein, eigentlich möchte sie sogar direkt wieder in die Schweiz zurück fahren. Der Chef rät ihr sehr davon ab, aber die Nachwirkungen der Narkose, die sie gerade eben noch so kritisch gesehen hat, scheinen sie jetzt nicht mehr zu überzeugen.

Frau Ivanova ist im Haus bereits bekannt. Vor 5 Jahren wurde sie schon einmal hier behandelt. Brustkrebs lautete damals die Diagnose. Nach einem langen Marathon von OP, Bestrahlung und Hormontherapie war sie erst vor einigen Wochen zur letzten Kontrolle da. Alles in Ordnung mit der Brust. Dann kam jemand auf die Idee einen gynäkologischen Ultraschall zu machen. Irgendetwas schien mit der Gebärmutter nicht zu stimmen. Man hat eine Gewebeprobe entnommen und jetzt ist das Ergebnis der Histo da. Und das ist schlimmer als erwartet: Ein G3 Cervixkarzinom. Die Stagingbefunde sind genauso entmutigend: Der Tumor ist groß und wohl schon über längere Zeit gewachsen. Die Bildgebung lässt keine sichere Abgrenzung des Tumors zu. Frau Ivanova ist ganz still, während sie zuhört. Michael erklärt ihr, dass wir gerne wissen möchten, ob der Tumor bereits in Blase oder Darm hineingewachsen ist. Dann erst könne man über Therapiemöglichkeiten entscheiden. Deshalb würden wir eine Blasen- und eine Darmspiegelung machen. Sie nickt. Weiterlesen