Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Lebensretter.

Es ist 5 Uhr morgens an einem Donnerstag irgendwo in Deutschland und mein Wecker klingelt. Ich stöhne und frage mich, wie ich eigentlich auf die Idee kommen konnte, dass zwei Stunden Schlaf völlig ausreichend sind. Vielleicht hätte ich doch nicht erst um 3 Uhr nach Hause kommen sollen, mit 25 ist man ja schließlich nicht mehr die Jüngste. Aber es hilft alles nichts, aufstehen muss ich jetzt trotzdem. Meine Station im Krankenhaus wird heute und morgen ohne mich auskommen müssen, denn ich habe etwas Besonderes vor. Ich werde nach Dresden fliegen um dort Stammzellen für eine unserer Patientinnen abzuholen. Sie ist 68 Jahre alt, hat Leukämie und nur die Zellen des Spenders können ihr eine Heilung ermöglichen. Da der Spender aus Dresden kommt werden ihm die Zellen dort entnommen und müssen dann schnellstmöglich zum Empfänger gebracht werden. Und genau das ist meine Aufgabe. Ich bin aufgeregt und hoffe, dass alles glatt läuft. Werde ich meinen  Flug rechtzeitig bekommen? Habe ich alle Papiere dabei? Lässt das Flughafenpersonal mich mit meinen Zellen einfach so passieren? Hoffentlich lasse ich nicht die Box mit den Zellen irgendwo stehen….

Im Zug und am Flughafen führt alleine schon besagte Box dazu, dass alle Menschen mich neugierig anschauen und ich mich wichtig fühlen kann. Sie ist weiß und mit zahlreichen warnenden Aufschriften versehen, die sofort ins Auge stechen: „Human Organ Transplant“ „Do not X-Ray“ „Do not delay delivery“

Am Freitagmorgen schlägt dann die Stunde der Wahrheit, ich kann endlich meine Zellen in der Uniklinik abholen. Ich muss meinen Personalausweis vorzeigen, Identifikationscodes von Spender und Empfänger mehrfach überprüfen und zahlreiche Formulare unterschreiben. Und plötzlich stehe ich wieder auf der Straße mit meiner weißen Box und dem Leben eines Patienten in der Hand. Leichte Panik wallt in mir auf, jetzt bin ich verantwortlich. Ich verstärke meinen Griff und weiß, dass sich in den nächsten Stunden für mich alles nur noch um das Wohl dieser weißen Box drehen wird. Ein netter Taxifahrer mit starkem sächsischen Dialekt fährt mich an den Flughafen. Wir unterhalten uns über Weihnachtsmärkte, Kaffeefahrten und die Fußballbundesliga.

Auf die Sicherheitskontrollen am Flughafen sowie auf zahlreiche Eventualitäten bin ich mit einer Vielzahl von Papieren vorbereitet. Gleich mehrfach wird das Röntgen der Zellen untersagt, was bedeutet, dass sie nicht durch den Handgepäck-Scanner gefahren werde dürfen. Dem Flughafenpersonal wurde schon im Voraus angekündigt, dass ich komme und 3 Polizisten der Bundespolizei kontrollieren meine Box, meine Unterlagen und meinen Ausweis. Viele meiner Formulare kamen jedoch überhaupt nicht zum Einsatz, zB „Der Kurier ist bei allen möglichen Problemen unbedingt zu unterstützen und im Falle von Problemen bei der Platzvergabe im jeweiligen Verkehrsmittel unbedingt zu bevorzugen.“ Schade. „Im Falle eines Unfalls oder Erkrankung des Kuriers bitte sofort dafür sorgen, dass die Stammzellen auf dem schnellsten Wege an das Transplantationszentrum weitergeleitet werden.“ Zum Glück.

Im Flugzeug frage ich mich, was so viele Leute bewegt, Tomatensaft zu trinken, nur weil sie sich plötzlich über den Wolken befinden. Zumindest habe ich dieses merkwürdige Verhalten noch nie bei Menschen gesehen, die mit beiden Beinen auf festem Boden standen. Neben mir sitzt eine blondierte, etwa 30-jährige Bankkauffrau auf dem Weg nach Australien, die dem Taxifahrer im Sächsischen in nichts nachsteht. Wir unterhalten uns eine Weile und sie ist fasziniert von der Vorstellung, das ein bisschen Blut in der Lage ist, einen Patienten mit Krebs zu heilen. Und ehrlich gesagt bin ich das auch immer wieder.

Am Ende eines langen Tages komme ich wieder zuhause an und gebe die Zellen in unserem Transplantlabor ab. Noch heute werden sie der Patientin infundiert. Der 29-jährige Spender, der diese Frau noch nie gesehen hat, schenkt ihr ein neues Leben.

Weitere Informationen zur Stammzellspende findet man auf der Seite der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS)

http://www.dkms.de/home/de/startseite.html

-Ann Arbor


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Arzt an Bord?!

Jeder Medizinstudent kennt sie, die große Heldenstory unserer Profession. Sie handelt von einem Kugelschreiber, einem Luftballon, 38.000 Fuß Höhe über NN und einem beherzten Arzt, der ein Leben rettet. Mit einem Kugelschreiber und einem Luftballon. In 39.000 Fuß Höhe. Immer mal wieder wird sie uns in einer Vorlesung oder einem Seminar erzählt und wir sitzen da und wünschen uns heimlich auch einmal ein solcher Held zu sein – und büffeln weiter.

Und dann kam er endlich, unser großer Auftritt. Vor zwei Wochen, auf dem Flug in den Urlaub. Irgendwo auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Antalya bricht einige Reihen hinter mir und Orthopaedix ein Mann in seinem Sitz zusammen. Es bricht ein bisschen Panik aus und die kleine Tochter des unbekannten Patienten kreischt: „Hilfe! Wir brauchen einen Arzt, wir brauchen einen Arzt!“ Keine Minute später wird der Aufruf auch über den Bordlautsprecher wiederholt.

Wir sehen uns an. Jetzt haben wir ein bisschen Panik. Was sollen wir tun? Uns melden? Immerhin haben wir jetzt 10 Semester lange Medizin studiert. Irgendwie sind wir sogar fertig, denn bis das PJ beginnt sind es nur noch zwei Wochen. Und dann ist das doch genau unser Job: Menschen zu helfen. Aber statt wagemutig einen Kugelschreiber zu greifen, sind wir fast ein bisschen gelähmt.

Der Mann scheint fraglich bei Bewusstsein zu sein, ist blass und hat Schaum vor dem Mund. Wir überlegen, was denn überhaupt die Ursache sein könnte. Herzinfarkt? Lungenembolie? Unterzucker? Eigentlich haben wir keine Ahnung. Natürlich haben wir das alles mal gelernt, Erste Hilfe Kurs und sogar ein Fach namens „Notfallmedizin“ besucht. Wir sind bestens gerüstet, können Puppen intubieren und Unfallopfer aus ihren Wagen befreien. Nur – was hilft uns das jetzt? Weiterlesen