Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Neulich im Dienst – Teil 3

1:45
Wir haben Frau Frise samt Anhang mit Schmerzmitteln nach hause geschickt. Immerhin die Mutter der zukünftigen Mutter war vernünftig genug und hat es übernommen ihrer Tochter gut zuzureden.
Jetzt sitzen wir schon seit fast 15 Minuten bei Frau Sonnentaler und blicken kritisch auf das CTG. Es ist nicht schön, aber auch nicht wirklich hässlich. Die kindlichen Herztöne sind einfach ein bisschen zu ruhig, eingeengt würde man sagen. Engelchen runzelt die Stirn. Ich sehe es richtig dahinter arbeiten. Soll sie den Oberarzt im Hintergrund anrufen? Das Problem ist, dass wir nicht viel tun können, so lange sich Frau Sonnentaler jeglicher Therapie verweigert und der Muttermundsbefund weiterhin unreif ist. Wie unreif wissen wir nicht, weil die vaginale Untersuchung auch unter unerlaubte Einmischung fällt. Jetzt sitzen wir also hier und hüten das CTG bis es so schlecht wird, dass wir keine mütterliche Einwilligung mehr zum Handeln brauchen, weil das Wohl des Kindes Vorrang hat. Schönen Dank auch.

2:15
Engelchen hat ein Einsehen mit mir und meinen müden Augen und verordnet uns beiden ein bisschen Nachtruhe. Und dann muss ich tatsächlich noch fast auf der Straße schlafen. Wir haben ein PJ-Dienstzimmer mit zwei Betten und eine Doodle-Liste, um die Dienste entsprechend zu koordinieren. Aber heute hat sich noch ein Famulant dazugemogelt, der auch einmal einen Dienst machen möchte und plötzlich sind wir 3 Leute für 2 Betten. Zum Glück schläft die Laborassistentin daheim und die Dame an der Pforte war so nett ihr Zimmer an den Famulanten zu vermieten. Während die andere PJlerin, die Dienst auf der Inneren macht, bereits seit 10 Uhr selig schläft und auch nicht vor hat vor 7 Uhr wieder aufzustehen, wird es für mich nur ein kurzes Zwischenspiel in den Federn.

5:15
Das Telefon klingelt. Es dauert eine ganze Weile, bis ich weiß auf welchem Planeten ich bin und den Lichtschalter finde. Engelchen meint, es könne ganz interessant sein mal wieder in den Kreissaal zu kommen. Frau Sonnentaler steht kurz vor der Geburt. Also wieder in die Klamotten und zurück über den Hof.
Im spärlich beleuchteten Gebärzimmer ist es gar nicht so einfach nicht direkt wieder einzuschlafen. So kurz vor Geburt sind wir nämlich noch gar nicht. Das Köpfchen lässt sich in der Wehe gerade so erahnen. Und lange Zeit passiert nichts außer wilden Anweisungen zum Pressen. Ich habe eindeutig Unterzucker, Hunger, Durst und Schlafmangel und frage mich, wie Engelchen das durchhält, die schon über eine Stunde früher wieder zu Klingler gerufen wurde um eine PDA zu genehmigen. Aber sie hat voller Konzentration die Augen auf dem CTG. Das wird kaum merklich, aber stetig schlechter. Weiterlesen


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Neulich im Dienst – Teil 1

14:45
Es ist ein seltsam unvertrautes Gefühl Unsere Kleine Klinik bei Tageslicht zu betreten. Um 15 Uhr fängt mein erster Dienst an. Naja, es ist nicht wirklich MEIN Dienst. Ich bin nur der Mitläufer. Und voller Hoffnung nach fast 6 Wochen Gyn endlich mal eine Geburt zu erleben.

15:05
Von der Ärztin, mit der ich Dienst machen will keine Spur. Ich habe mir extra SIE ausgesucht, weil sie sich in den letzten Wochen als wahrer Engel entpuppt hat, was das Lehren angeht. – „Hast du schon einmal einen Ultraschall bei einer Schwangeren gemacht? Nein? Schonmal gesehen? Gut, dann machst du das jetzt. Wenn du Fragen hast, stehe ich neben dir.“ – Aber Engelchen ist noch nicht aufgetaucht, also mache ich mich mit dem PJler-Telefon bewaffnet erst einmal auf ein bisschen Blut abzunehmen.

16:30
Mittlerweile sitze ich im Stützpunkt des Kreissaals, warte immer noch und habe mich schon einmal den diensthabenden Hebammen vorgestellt. Das wird auch gleich belohnt, denn für alle ist es vollkommen okay, wenn ich bei den Geburten dabei bin. Und es sieht ganz so aus als würde ich da einiges erleben. Der Kreissaal brummt. Alle drei Gebärzimmer sind belegt, zwei Frauen unter Geburt, eine frischgebackene Mami. Und im Ruheraum und im Aufnahmezimmer warten zwei weitere Frauen, bei denen wir die Geburt einleiten. Wenn Engelchen endlich auftaucht kriegen wir hoffentlich eine Übergabe und können uns überall einmal vorstellen gehen.

17:15
Im Stützpunkt reden alle durcheinander. Der Tagdienst versucht seine Übergabe loszuwerden, die eine Hebamme würden gerne wissen, wie es mit den Einleitungen weitergeht. Eine der beiden Patientinnen, Frau Sonnentaler, gibt ein zunehmendes Ziehen im Bauch an. Bekommt sie noch eine Tablette? Die andere Hebamme wedelt mit einem CTG, das sie gerne abgezeichnet hätte. Die dritte gibt ihrer Schülerin ein paar Anweisungen. Dann meldet sich auch noch die Klingel an der Kreissaaltür. Eine weitere Patientin mit regelmäßigen Wehen alle 5-7 Minuten. Weiterlesen


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Anonyme Geburt

Große Augen in der Frühbeprechung: Heute Nacht hat eine junge Frau in Unserer Kleinen Klinik anonym entbunden. Glücklicherweise bin ich nicht die Einzige, die diese Neuigkeit zu verwirren scheint. Das ist für alle am Tisch ein erstes Mal. Entsprechend groß sind die Anlaufschwierigkeiten. Es gibt keinen Standart, keine Leitlinie, oder zumindest sind sie nicht aufzufinden. Keiner weiß so recht, wie mit der Patientin zu verfahren ist. Normalerweise wird jeder im Computer geführt, aber wie soll das gehen ohne Namen? Wie rechnet man eine Patientin ab, die nicht im System auftaucht? Welche Information geht ans Standesamt und wer kümmert sich denn um das Baby?

Es dauert bis zum frühen Nachmittag bis erste Informationen auftauchen. Man hat sich schließlich an die Konkurrenz gewendet und dort war man so freundlich mit der eigenen Leitlinie auszuhelfen. Etwa zeitgleich taucht eine Beraterin des Moses-Projekt auf und der Nebel lichtet sich.
Das Moses-Projekt ist ein Angebot für Schwangere in schwierigen Sitauionen, die anonyme Hilfe suchen. Es bietet Beratung und die Möglichkeit sein Kind anonym zur Welt zu bringen und zur Adoption frei zu geben. Die meisten bürokratischen und rechtlichen Schritte werden von den Beraterinnen des Vereins übernommen.

Und dann ist es plötzlich ganz leicht. Die Mutter erhält einen Decknamen unter dem sie als Selbstzahlerin im System geführt wird. Der gleiche Name wird in Zukunft auch für jede weitere Patientin verwendet werden. Sie sind dann nur noch durch die Geburtsdaten zu unterscheiden. Die werden einfach aufsteigend vergeben, beginnend beim 01.01. irgendeines Jahres. Für die nächste Patientin wäre es dann der 02.01., usw. Alle Kosten übernimmt das Moses-Projekt. Das Kind wird von der Wochenbettstation direkt an Pflegeeltern übergeben. Die Mutter kann das Kind jederzeit sehen, solange beide im Krankenhaus sind. Sie kann auch den Namen aussuchen, wenn sie das möchte. Und nach der Entlassung hat sie einige Wochen Zeit sich alles noch einmal zu überlegen. Wenn sie sich nicht mehr anders entscheidet, werden die Pflegeeltern zu den Adoptiveltern des Kindes.

Als ich die Patientin bei Visite kennen lerne, tut sie mir leid. Sie wirkt selbst noch wie ein Kind, ist vielleicht 16 Jahre. Um das Bett ist eine italienische Großfamilie versammelt. Der Vater des Babys scheint nicht dabei zu sein. Es ist laut und chaotisch und viel zu voll im Zimmer. Die Frau vom Moses-Projekt ist ebenfalls da, aber die Verständigung gestaltet sich schwierig. Die anonyme Mutter klammert sich fest an die Hand ihrer eigenen Mutter und hat Tränen in den Augen. Sie sagt nicht viel als wir sie untersuchen und befragen. Nur, dass sie so schnell wie möglich nach hause möchte. Sie ist noch schwach auf den Beinen und beim Aufstehen am Morgen zweimal kollabiert. Also muss sie erst einmal bleiben.

Immerhin findet sich für das Gespräch Platz im Aufenthaltsraum der Station. Hier haben wenigstens alle einen Sitzplatz und ein bisschen Ruhe. Als ich 3 Stunden später aus dem OP wieder auf Station komme, sitzen sie noch immer dort. Was da drin gesprochen und beschlossen wird, werden wir nicht erfahren. Das Moses-Projekt schirmt seine Schützlinge ab. Außer den zuständigen Ärzten und Pflegekräften erfährt auch niemand, dass es sich um eine anonyme Geburt gehandelt hat. Falls sie bereits entlassen wurde, wenn ich morgen früh wieder komme, hat sich ihre Spur schon verwischt. Mir wird sie im Gedächnis bleiben. Und auch das restliche Team wird sie wohl erstmal nicht so schnell vergessen. Es war heute nicht ganz klar, wer eigentlich am meisten überfordert war mit dieser Situation: Wir Mediziner oder die Patientin und ihre Familie.

– Spekulantin