Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Eine Beratung unter Männern

Donnerstag Abend gegen 20.30:

Wir kommen gerade aus dem OP und betreten eine erfreulich leere Ambulanz. Wir, das sind die diensthabende Assistenzärztin, Hanni – unser nicht-leitender Oberarzt – und ich, die ihren zweiten Nachtdienst in der Chirurgie mitmacht. Aber dann schiebt sich plötzlich doch ein Kopf zaghaft durch die Tür zu Behandlungsraum 1. Der Kopf gehört zu einem jungen Mann, der offenbar an der Anmeldung niemanden angetroffen hat. Hanni winkt ihn und seine Freundin resolut in den Untersuchungsraum, aber sie möchte lieber draußen warten. Der junge Mann ist grade 18 Jahre als geworden und sieht mich ein bisschen unsicher an, als er sich auf die Untersuchungsliege legt. Dann fixiert er lieber Hanni und schiebt kommentarlos Hose und Unterhose zu den Knien.

Das Problem ist kaum zu übersehen. Blut rinnt aus einer Verletzung hinter der Eichel. Hanni zieht Handschuhe an und macht sich ans Untersuchen. „Wann ist das passiert? Gerade eben?“ Unser Patient nickt und dreht das Gesicht zur Wand, während Hanni ein bisschen drückt und zieht. „Hat das noch mehr geblutet?“ Wieder in Nicken.
Das Frenulum, das kleine Bändchen, das die Vorhaut mit der Eichel verbindet, ist eingerissen und aus dem gut durchbluteten Gewebe blutet es kräftig. Hanni legt dem Jungen eine Hand auf die Schulter. „Wir werden das Nähen müssen. Gibt nur einen kleinen Stich. Wir gehen gerade mal nach nebenan.“ „Okay.“ Das ist das Erste, was er seit einem leisen „Hallo.“ sagt.

Im Eingriffsraum verfrachtet Hanni den jungen Mann ohne viel Federlesen auf die Liege und zieht eine lokale Betäubung auf. Dann findet er allerdings die sterilen Handschuhe nicht und geht los um eine Schwester zu holen. Währenddessen drückt unser Patient eine Kompresse auf die Blutung und ist angesichts der Nadeln noch ein bisschen blasser geworden.
Die Ambulanzschwester schaltet eine Minute später zuerst einmal die Leuchte ein und Hanni nutzt die Gelegenheit nochmals einen Blick auf die Verletzung zu werfen. Und siehe da: die Blutung steht. Er wartet noch ein bisschen und gibt dann Entwarnung. „Sieht aus, als müssten wir da doch nichts machen. Sie können sich wieder anziehen.“ – So viel Erleichterung im Gesicht eines Menschen!

Auf dem Weg zurück fällt der Schwester die Versichertenkarte ein, aber Hanni winkt ab. „Schon gut, das verbuchen wir unter ‚Beratung unter Männern‘.“ Der junge Mann hat seine Sprache plötzlich wiedergefunden und bedankt sich ausgiebig. Hanni nickt nur. „Die nächsten Tage aber erstmal keinen Sex, okay?“ Nein, sicher nicht, meint unser Patient. Darauf hätte er jetzt gerade auch gar keine Lust. Und damit nimmt er seine Freundin fest an die Hand und weg sind sie.

20.40: Mit meinem Schmunzeln mache ich mich auf die Suche nach einem Tee.

– Spekulantin


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Neulich im Dienst – Teil 3

1:45
Wir haben Frau Frise samt Anhang mit Schmerzmitteln nach hause geschickt. Immerhin die Mutter der zukünftigen Mutter war vernünftig genug und hat es übernommen ihrer Tochter gut zuzureden.
Jetzt sitzen wir schon seit fast 15 Minuten bei Frau Sonnentaler und blicken kritisch auf das CTG. Es ist nicht schön, aber auch nicht wirklich hässlich. Die kindlichen Herztöne sind einfach ein bisschen zu ruhig, eingeengt würde man sagen. Engelchen runzelt die Stirn. Ich sehe es richtig dahinter arbeiten. Soll sie den Oberarzt im Hintergrund anrufen? Das Problem ist, dass wir nicht viel tun können, so lange sich Frau Sonnentaler jeglicher Therapie verweigert und der Muttermundsbefund weiterhin unreif ist. Wie unreif wissen wir nicht, weil die vaginale Untersuchung auch unter unerlaubte Einmischung fällt. Jetzt sitzen wir also hier und hüten das CTG bis es so schlecht wird, dass wir keine mütterliche Einwilligung mehr zum Handeln brauchen, weil das Wohl des Kindes Vorrang hat. Schönen Dank auch.

2:15
Engelchen hat ein Einsehen mit mir und meinen müden Augen und verordnet uns beiden ein bisschen Nachtruhe. Und dann muss ich tatsächlich noch fast auf der Straße schlafen. Wir haben ein PJ-Dienstzimmer mit zwei Betten und eine Doodle-Liste, um die Dienste entsprechend zu koordinieren. Aber heute hat sich noch ein Famulant dazugemogelt, der auch einmal einen Dienst machen möchte und plötzlich sind wir 3 Leute für 2 Betten. Zum Glück schläft die Laborassistentin daheim und die Dame an der Pforte war so nett ihr Zimmer an den Famulanten zu vermieten. Während die andere PJlerin, die Dienst auf der Inneren macht, bereits seit 10 Uhr selig schläft und auch nicht vor hat vor 7 Uhr wieder aufzustehen, wird es für mich nur ein kurzes Zwischenspiel in den Federn.

5:15
Das Telefon klingelt. Es dauert eine ganze Weile, bis ich weiß auf welchem Planeten ich bin und den Lichtschalter finde. Engelchen meint, es könne ganz interessant sein mal wieder in den Kreissaal zu kommen. Frau Sonnentaler steht kurz vor der Geburt. Also wieder in die Klamotten und zurück über den Hof.
Im spärlich beleuchteten Gebärzimmer ist es gar nicht so einfach nicht direkt wieder einzuschlafen. So kurz vor Geburt sind wir nämlich noch gar nicht. Das Köpfchen lässt sich in der Wehe gerade so erahnen. Und lange Zeit passiert nichts außer wilden Anweisungen zum Pressen. Ich habe eindeutig Unterzucker, Hunger, Durst und Schlafmangel und frage mich, wie Engelchen das durchhält, die schon über eine Stunde früher wieder zu Klingler gerufen wurde um eine PDA zu genehmigen. Aber sie hat voller Konzentration die Augen auf dem CTG. Das wird kaum merklich, aber stetig schlechter. Weiterlesen


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Neulich im Dienst – Teil 2

20:35
Mitten im Nähen holt mich Ludmilla aus dem Zimmer. Sie macht sich große Sorgen um Frau Sonnentaler, die inzwischen Wehen im Minutentakt hat. Ihrem Kind scheint das überhaupt nicht zu gefallen. Bei jeder Wehe, die das CTG aufzeichnet, rutschen die kindlichen Herztöne in den Keller. Immerhin zeigen sie danach eine rasche Erholung, sonst würde jetzt Engelchen das Zimmer betreten und nicht ich.
Frau Sonnentaler ist für uns ein schwieriger Fall. Sie ist inzwischen 15 Tage über den Entbindungstermin hinaus. Erst vor zwei Tagen hat sie uns erlaubt mit der Einleitung zu beginnen. Das ist fast eine Woche später, als wir das normalerweise tun würden. Aber sie möchte vor allem anderen eine natürliche Geburt. Am liebsten gar keine Medikamente und so wenig Diagnostik wie möglich. Das Zimmer, das ich betrete wird nur von einer Salzkristallleuchte erhellt. Frau Sonnentaler kniet auf dem Boden, die Arme um ihren Mann geschlungen und veratmet eine Wehe. Jetzt ist es also an mir und der Hebamme sie von der Notwendigkeit zu überzeugen ihr einen Zugang zu legen. Einfach zur Sicherheit, damit wir schnell eingreifen können, wenn das Kind sich nicht mehr so gut erholt. Frau Sonnentaler selbst scheint der Idee einer Wehenhemmung gar nicht mehr so abgeneigt. Die Wehen im Minutentakt machen sie offenbar ganz schön fertig. Aber ihr Mann ist schwer dagegen. Am Ende zieht das Argument, dass es um das Wohl des Kindes geht: Also lege ich im Halbdunkel eine Nadel, während die Patientin mittendrin aufsteht um eine weitere Wehe zu veratmen. Ludmilla schüttelt nur den Kopf als sie das Zimmer verlässt.

20:50
Mein Magen knurrt. Um mir am Buffet schnell etwas zu essen zu holen, war in dem ganzen Trubel natürlich keine Zeit. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Jetzt muss ich die Nacht mit einer Brezel und ein paar Trauben überleben. Bevor ich mich jedoch wenigstens darauf stürzen kann, ist Engelchen mit dem Nähen fertig und es geht geradewegs wieder zurück in die Höhle von Frau Sonnentaler. Die findet ihre Wehen jetzt plötzlich doch nicht mehr so schlimm und verzichtet lieber auf die Wehenhemmung. Also kann Hebamme Bernadette ihren Nachtdienst gleich einmal damit beginnen Frau Sonnentaler und das CTG im Auge zu behalten um bei größeren Problemen Alarm zu schlagen.
Engelchen und ich kümmern uns derweil endlich um die Aufnahme von Frau Klingler. Es ist das erste Mal, dass ich eine Schwangere vaginal untersuche und leider bleibt der Aha- Effekt aus. Wenn man nicht so genau weiß, was man eigentlich tasten soll, ist es gar nicht so einfach sich zurecht zu finden. Dafür fühle ich mich mit dem Ultraschall schon fast wie ein Profi. Und taste vorher sogar endlich mal den Rücken des Kindes auf der richtige Seite. Frau Klingler ist ganz entspannt und hat kein Anliegen außer vielleicht ein bisschen zu schlafen. Ihr Mann ist da deutlich unentspannter. Er ist Krankenpfleger auf der Herzintensivstation im großen Herzzentrum unserer Region, wie er uns in einem Atemzug mit seinem Namen mitteilt. Und er ist ganz aufgeregt vor Angst. Offenbar kommt er nicht damit klar, dass er nichts tun kann und nicht so genau weiß, was vor sich geht. Vielleicht hat seine Frau einen beruhigenden Einfluss auf ihn. Die verdreht allerdings ziemlich genervt die Augen, als er uns zum Abschied noch mit auf den Weg gibt: „Müssen sie denn meiner Frau auch einen Zugang legen? Ich sage Ihnen gleich, sie hat ganz schlimme Rollvenen. Da sind schon viele dran gescheitert.“ Engelchen meint leise: „Besser Rollvenen als gar keine Venen.“  Und zieht die Tür hinter uns zu.

22:15
Wir haben noch eine weitere Geburtsverletzung genäht und sind jetzt bei Frau Schnell. Sie möchte eigentlich gerne sofort wieder nach hause. Das ist grundsätzlich kein Problem, wir haben immer wieder Frauen, die ambulant entbinden. Aber bei Frau Schnell wurden in der Schwangerschaft Bakterien in der Scheide festgestellt. Das birgt natürlich die Gefahr, dass ich das Kind ansteckt. Deshalb würden wir es gerne über Nacht beobachten. Familie Schnell lässt sich nicht überzeugen und geht nach eindringlichen Hinweisen, auf Warnzeichen, wie schnelle Atmung oder Unruhe des Kindes zu achten.

23:00
Die erste wirklich große Aufregung der Nacht Weiterlesen