Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Die Hölle im OP.

Es ist der 31.Dezember – unser OP-Plan ist fast leer, nur ein Eingriff an einer Patienten Mitte 30 steht auf dem Programm. Geplant ist eine laparoskopische Splenektomie, d.h. die Milz soll im Rahmen einer minimalinvasiven Bauchspiegelung entfernt werden. Ein Routineeingriff.

Bei einer Bauchspiegelung wird der ersten Trokar „blind“ eingeführt. Über ihn kann die Kamera in den Bauchinnenraum gebracht werden, so dass die folgenden Trokare mit den chirurgischen Instrumenten unter Sicht inseriert werden können.  Matthias, der Assistenzarzt, führt – wie jedes Mal – den ersten Trokar ein. Es ist diesmal nicht ganz einfach, aber schließlich gelingt es doch. Die Oberärztin will die Kamera einführen doch irgendetwas stimmt nicht, sie sieht nichts durch die Kamera. Dann die Erkenntnis, da ist Blut im Bauchraum, viel Blut.

Und auf einmal geht alles ganz schnell. Während die beiden Oberärztinnen mit dem Skalpell den kompletten Bauch durch einen Längsschnitt eröffnen, rauscht der Blutdruck der Patientin in den Keller. Mit allen Händen wird nun im Bauchraum nach der Blutungsquelle gesucht und die Erkenntnis kommt wie ein Schock: die Aorta, die Hauptschlagader des Körpers, wurde durch den Trokar verletzt. Die Oberärztin packt Matthias am Arm und redet auf ihn ein. Ich kann nicht hören was sie sagt und es könnte von „Alles wird gut, das ist nicht deine Schuld“ über „Reiß dich zusammen“ bis hin zu „Was zum Teufel hast du nur getan“  alles sein. Ich hoffe es ist ersteres.

Plötzlich schlägt der Überwachungsmonitor dieses furchtbare, penetrante Alarmgeräusch an – Asystolie, Herzstillstand. Während die eine Ärztin und Matthias weiterhin versuchen, Herr über die Blutung im Bauchraum zu werden, beginnt die zweite Oberärztin mit der Herzdruckmassage. Die Anästhesistin löst den Rea-Alarm aus und innerhalb von Minuten stehen über 30 Menschen im Raum. Ein großes Durcheinander beginnt, unzählige Leute reden gleichzeitig – die pure Hektik, im Hintergrund piepst unaufhaltsam der Monitor. Ich presse mich mit dem Rücken an die Wand um möglichst wenig im Weg zu stehen.

Die Anästhesisten injizieren unsäglich viele Medikamente. Wer behält eigentlich in diesem Chaos den Gesamtüberblick? Endlich sind auch die ersten beiden chirurgischen Chefärzte da. Dann ein defibrillierbarer Rhythmus – es wird geschockt. Für diese Zeit darf niemand den Patienten berühren. Es sind nur Sekunden, aber in dieser Situation vergehen die Sekunden wie Ewigkeiten – Ewigkeiten, in denen die Patientin unaufhaltsam blutet.

Mittlerweile ist daher einfach überall Blut. Die Handschuhe, OP-Kittel und unzählige OP-Tücher sind komplett rot eingefärbt, auf dem Boden bilden sich rießige Blutlachen. Doch es geht immer weiter, im Wechsel wird reanimiert und defibrilliert, während weiterhin versucht wird die Blutung zu stoppen. Dann der Beschluss: Thorakotomie. Der thoraxchirurgische Chefarzt wird hinzugerufen und eröffnet das Brustbein. Während der ganzen Zeit steht Matthias daneben, an der Patientin selbst tut er nichts mehr, da sind jetzt die ganz Großen am Spiel: 3 Chefärzte und 2 Oberärztinnen, die mit vollem Einsatz um das Leben der Patientin kämpfen. Matthias Gesichtsausdruck ist trotz OP-Maske einfach unbeschreibbar und ich möchte nicht wissen, was ihm gerade durch den Kopf geht.

Das Brustbein ist eröffnet. Das Herz wird jetzt direkt mit beiden Händen massiert. Auch Injektionen direkt in den Herzmuskel sind nun möglich sowie Defibrillation direkt am Herzen. Dazwischen immer wieder die Zwischenrufe des Anästhesisten „Jetzt seit 23 Minuten Asystolie“. Schließlich beschließt der Thoraxchirurg einen Herzschrittmacher anzubringen und schreit cholerisch durch den Raum, da die vorhandenen Elektroden nicht die richtigen sind.

Alle paar Minuten meldet sich der Alarm des Überwachungsmonitors: Herzrythmusstörung/Asystolie. Als ob das niemand hier wüsste. Bis sich einer der Anästhesisten erbarmt und auf den Mute-Knopf drückt – etwas mehr Ruhe, zumindest für ein paar Minuten, dann wird der Alarm wieder auslösen. Wie kann man bei diesem Lärmpegel eigentlich einen klaren Kopf behalten? Das Blut wird literweiße infundiert. Zuerst Blutgruppe 0, die man im Notfall allen Patienten geben kann, später mit passendem Gruppe-A-Blut. Und langsam regen sich auch immer wieder die Diskussionen: Weitermachen?

Es wird weiter gemacht, immer weiter, weit über eine Stunde. Der Thoraxchirurg schreit nun neben der OP-Pflege auch das Herz der Patientin an. Immer wieder wird defibrilliert und nach jedem Elektroschock die bangen Sekunden des Wartens – vielleicht schlägt es ja doch wieder. Doch es schlägt nicht wieder. Und irgendwann muss das auch der Thoraxchirurg akzeptieren.

Die Chefärzte, die Anästhesisten und Matthias gehen. Die vielen Menschen, die Hektik und das panische Piepsen des Monitors hinterlassen durch ihr Fehlen eine seltsame Ruhe. Die beiden Oberärztinnen nähen die Patientin zu, das Angebot des OP-Pflegers, Klammern zu verwenden, lehnen sie ab. Vielleicht ihre Art, durch diesen letzten Zeitaufwand der Patientin die letzte Ehre zu erweisen oder sich zu entschuldigen. Ich weiß es nicht. Dann gehen auch sie und im OP-Saal bleiben nur die großen Pfützen Blut und unzähligen roten Fußspuren zurück.

Der Chefarzt sagt ein paar Tage später zu mir „So etwas habe ich noch nie erlebt. Das war die Hölle.“

Ann Arbor


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Hahn im Korb


Ein ganzes Tertial lang habe ich den Ärger im Zaum gehalten. Bringt ja auch nix. Ich sitze eindeutig am kürzeren Hebel. Und für die mündliche Prüfung ist es sicher auch besser so… Aber jetzt reicht es!

Ich habe es kommentarlos geschluckt, dass er mich mit einem freundlichen Lächeln fragt, ob ich denn überhaupt Abitur hätte. Ich habe mich daran gewöhnt, dass er uns PJler in der Frühbesprechung einfach übersieht und sich bei der Tagesplanung einen Teufel darum schert, dass wir auch irgendwo mit ins Boot geholt werden. Ich habe es mit einem Lächeln über mich ergehen lassen, dass er mir im OP zum 10. Mal erklärt, wie ich eine Hautnaht mache. Wie soll er sich auch daran erinnern, dass ich das kann, wenn er noch nicht einmal meinen Namen weiß. Ich habe akzeptiert, dass Lehre für ihn ein Fremdwort ist und er sich als einziger Chef im Haus weigert eine Lehrvisite zu organisieren, so sehr sogar unsere PJ-Oberärztin Francesca ihn drängt.
Aber wenn aus Desinteresse auch noch Schikane wird, dann geht es wirklich zu weit.

Einmal im Monat findet hier in der Gyn ein OP-Kurs zum Thema „Inkontinezoperationen und Netzeinlage“ statt. Es sind nämlich nur wir PJler, die keine Ausbildung verdienen. Oder liegt es daran, dass wir nicht teures Geld dafür zahlen? Wie dem auch sei, an diesen Freitagen operiert der Chef mit 4 Gastärzten, die ihm abwechselnd assistieren und braucht uns deshalb nicht als Hakenhalter. Wozu er uns aber sehr wohl braucht, ist zum Lagern. Klar, für ihn als Chefarzt, ist es natürlich nicht die richtige Aufgabe schwere Beine in wackelige Halterungen zu wuchten. Und außer ihm gibt es ja auch nur noch 4 Gastärzte, zwei OP-Schwestern und eine Schwesternschülerin. Das sind mindestens 6 Paar Hände, wenn man die sterile Schwester einmal abzieht. Aber nein, wir werden trotzdem jedes Mal zwischen den OPs zum Lagern reingerufen. Heißt: Ich lasse alles, was ich gerade in der Hand habe stehen und liegen und flitze in den OP, ziehe mich um, verschraube zwei Beinhalter, schleuße mich wieder aus und suche mir wieder andere Arbeit. Und etwa 1 Stunde später geht das Spiel von vorne los.

Das ist ein völlig unverhältnismäßiger Zeitaufwand. Und das ist ärgerlich, wenn ich gerade als das Telefon klingelt endlich endlich mal die Möglichkeit gehabt hätte eine Schwangere zu schallen. Bis ich zurück komme, ist die Untersuchung bereits gelaufen und ich habe wieder nichts gelernt. Das ist aber noch viel ärgerlicher, wenn ich alles fallen lasse, um dann im Saal festzustellen, dass die Patientin bereits fertig gelagert ist und ich also unverrichteter Dinge wieder abziehen. Weil die Gastärzte nämlich überhaupt gar kein Problem damit haben Hand anzulegen. Weil die unsterile Schwester problemlos mit einem Handgriff schnell das Molltex unterschiebt. Weil der Chef sich dann am Ende die Patientin doch selbst nochmals zurechtrutscht.
Am ärgerlichsten ist allerdings, wenn ich dann den Chef im Flur treffe, nachdem ich gerade zum zweiten Mal völlig umsonst durch die Gegend gerannt bin und er mit einem superfreundlichen Lächeln meint: „Ach so schlimm war es jetzt doch gar nicht, oder?“, weil man sich beim ersten Mal erlaubt hat kritisch zu äußern, dass man gerade echt was Spannendes zu tun hatte. Ich habe auf eine Antwort verzichtet und auch freundlich gelächelt. – Und zum Glück erst am nächsten Tag von der OP-Schwester erfahren, dass der Chef den Gastärzten beim Betreten des Saals kopfschüttelnd verkündet hat: „Also wir haben ja damals unsere Aufgaben ohne zu meckern erledigt.“

Sein Glück (Mein Glück?), dass er erst einige Wochen später auf die glorreiche Idee kam, doch etwas für meine Ausbildung tun zu wollen. Seit Wochen redete jeder vom anstehenden Kurs für Brustultraschall. Und einen Tag vorher in der Frühbesprechung fällt ihm ein er hätte dabei eine ganz wichtige Aufgabe, für die PJler, ich solle doch gleich im Anschluss mal zu ihm ins Büro kommen. Ich wage es ja kaum zu glauben, dass wir vielleicht doch teilnehmen können, zumindest an einem Teil. Und es ist auch besser, dass ich es nicht geglaubt habe. In seinem Vorzimmer steht eine große Box mit Fleisch neben einem Olivenglas. Und wie er mir freundlich mitteilt, ist es also mein Job jede der 12 riesigen Putenbrüste mit je 15 Oliven zu füllen, in Folie einzuwickeln und dann wieder in die Box zu stapeln. Immerhin um das Lagern würde sich dann jemand anderes kümmern. Noch bevor ich meine Gesichtszüge wieder im Griff habe, ist er mit einem „Sagen Sie Bescheid, wenn Sie die erste fertig haben, dann schaue ich mir mal an, wie sie das machen.“ in sein Büro verschwunden. Ich schwanke zwischen Tränen und Aggression während ich am Ende über 2 Stunden damit verbringe Fleisch und Oliven und Folie zu verarbeiten. Und als ihm nach seiner gönnerhaften Inspektion dann plötzlich einfällt: „Eigentlich könnten Sie ja auch an diesem Kurs teilnehmen.“, siegen die Tränen der Frustration. Ja, da hätte ich sogar sehr gerne daran teilgenommen, aber wenn es ihm 24 Stunden vorher einfällt, dann habe ich mein Wochenende doch schon andersweitig verplant.

Jetzt rotiere ich in die Chirurgie und alles was man von dort hört, ist Lob in den höchsten Tönen für den Chef. Vielleicht kann ich am Ende des nächsten Tertials mit einem Artikel da miteinstimmen. Das wäre mir auch deutlich lieber!

– Spekulantin


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Grüße aus der Schweiz

Für mich hat bereits seit einigen Tagen das zweite Tertial begonnen – mein Chirurgie-Tertial in der Schweiz. Damit habe ich die Innere wohl für immer verlassen (auch nach 14 Wochen dort sprang der Funke nicht auf mich über) und mache nun Erfahrung in einem Land, das gegenüber den Deutschen nicht immer freundlich eingestellt ist und dass trotzdem für viele deutsche Ärzte das Auswanderungsland Nummer 1 darstellt. Warum?

Einige Gründe konnte ich bereits in den ersten Tagen am eigenen Leib erfahren: Generell arbeitet man vertraglich mehr als in Deutschland üblich, die Woche hat 48 – 50 Stunden (je  nach Vertrag), d.h. täglich ist man von 7 Uhr bis mind. 17 Uhr in der Klinik. Dafür aber wird die Zeit gestempelt und Überstunden in freie Tage umgewandelt – Unterschied Nummer 1 gegenüber deutschen Kliniken, wo im Arbeitsvertrag 42h steht und man trotzdem (unbezahlt und ohne Freizeitausgleich zu erhalten) 50 und mehr Stunden in der Klinik verbringt.

Unterschied Nummer 2: in den langen Arbeitstagen sind Pausen vorgesehen! Mittags saßen wir im Team in der Kantine (dazu gleich mehr), morgens geht es nach dem sog. „Frührapport“ zunächst gemeinsam zum Frühstück…. sofern man nicht gerade im OP steht, hat man also anscheinend auch in der Chirurgie Zeit für eine ausgedehnte Mittagspause – und schlingt nicht nur ein Snickers oder Sandwich rein (wie bspw. in vielen deutschen Kliniken).

Apropos Kantine: die ist hier super. Zwar für deutsche Gefühle super teuer (mind. 10 CHF pro Mittagessen), aber dafür auch echt gut. Auch die Ausgabe super, hell, viel Auswahl, Kühltheken für Snacks etc etc….

Grund Nummer 3: man hat eine tolle Betreuung als Assistenzarzt. Ständig ist ein Oberarzt (die Hierarchie ist hier nicht ganz mit der in Deutschland vergleichbar, wahrscheinlich werde ich dazu einen gesonderten Eintrag verfassen, wenn ich mich da mal mehr eingelebt habe) zur Hand, selbst den Chef kann man jederzeit direkt anklingeln und er hilft, beim Frühstück sitzt man alle zusammen und es gibt keine Grenzen, wer an welchem Tisch sitzen kann…. im OP fiel mir auf, dass die jungen Assistenten je nach Oberarzt schnell an die OPs herangeführt werden und dann auch immer mehr selbst machen dürfen. Man ist bemüht im Teaching und wenn Fehler passieren, dann wird das kurz angesprochen, aber dann ist es auch aus der Welt und hängt nicht ewig nach.

Apropos Fehler: einen „Anschiss“ habe ich mir leider schon abgeholt, als ich das erste Mal bei einer offenen Gallenentfernung assistieren sollte und prompt die Fäden zu knapp abgeschnitten habe, weil ich es nicht besser wusste und auch nicht nachgefragt hatte. „Was soll das?“ und eine kurze Einweisung („in Deutschland hätte das für Sie die Rote Karte vorm Spital bedeutet“) und dann ging es mit der OP weiter. Ohne Nachspiel für mich (zumindest bisher 😉 ). Am Ende darf man dann doch zunähen etc – man hat es nicht gleich vergeigt (ich hätte ja auch mal nachfragen sollen vorher… mist)

Grund Nummer 4: Weiterlesen