Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Kompresse?

Im OP liegt es in der Verantwortung und Zuständigkeitsbereich der anreichenden OTA (OperationstechnischeR AssistentIn) am Ende einer jeden OP genau so viele Kompressen, Bauchtücher, Nadeln für Fäden, Klammern, Haken etc wieder auf ihren Tischen zu haben, wie sie vor der OP gestartet war. Deswegen sind die meisten OTAs sehr darauf bedacht, möglichst oft genug alles penibel nachzuzählen, zu sortieren, zu ordnen und im Blick zu haben (ich würde ja gerne mal eine private Wohnung einer OTA sehen und ob dort auch so tolle Ordnung herrscht, selbst wenn ein furioser Chirurg sie ins schwitzen bringt).

Ab und zu dachte ich mir gegen Ende der OPs, dass man es mit dem Nachzählen auch übertreiben kann – es gilt das Vieraugenprinzip und deswegen schaut eine nicht sterile OTA (sog. Springer) auch nochmal alles durch.

Es entsteht gegen Ende der OP folgende Situation:

(c) fr-online.de

Der Springer hängt alle Kompressen und Tücher, die aus dem OP-Gebiet kommen und verbraucht sind schön säuberlich über den „Müll“ auf, damit die sterile OTA aus der Ferne zählen kann, wie viele Tücher sie dort hängen sieht. Die OTA am Tisch beginnt zu zählen und reicht nebenbei weiterhin Instrumente an die Chirurgen und die operierende Meute. Sie muss sowohl verbrauchte, als auch aktuell am Tisch befindliche, als auch noch unverbrauchte Kompressen (gleiches gilt u.a. auch für die Nadeln) mitzählen. Am Ende muss sie auf eine Zahl kommen, die derjenigen entspricht, die der anreichende Springer notierte, als er alles ins sterile Feld anreichte. Danach zählt der Springer nochmals alles nach bzw. schaut gleichzeitig beim Zählen mit drauf und bestätigt das korrekte Zählen. Diese Prozedur wiederholt sich mindestens zweifach, gerne auch mal drei, vier, fünf…. die OP dauert ja noch, also kann man doch mal zählen. Ab und an fehlt beim ersten Zählen eine Kompresse, die sich einer der schneidenden Vermummten heimlich stibitzt und noch nicht wieder herausgerückt hat. Meist aber klärt sich diese ausgebüchste Kompresse schnell auf und alle sind glücklich.

Wenn aber zu oft gezählt wird, wundert es nicht, dass da manchmal ein  schnippischer Kommentar von den Vermummten kommt, ob das Zählen denn nicht bis nachher warten könne und man jetzt sein Instrument angereicht bekommen könne. Übertrieben vorsichtig, was? Falsch gedacht!

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Im Dunkeln ist gut Munkeln – oder: Die Wunder der Technik

Alle sind bereit. Die Anästhesistin hat es sich auf ihrem Stuhl bequem gemacht, die OP-Schwester hat die Instrumente gerichtet, Oberarzt und Assistenzärztin sind steril, der Monitor für die Bauchspiegelung ist zurecht gerückt und die Patientin hat süße Träume. Wenn da nur nicht das Problem mit der OP-Türe wäre: Kaum schließt man sie, öffnet sie sich von alleine wieder. Die Technik ist informiert, doch da unser Saal leider keine Auskunft geben konnte, warum genau sich die Türe wieder öffnet, müssen wir vermutlich noch eine Weile auf Hilfe warten. Daher wird mit vereinten Kräften die Tür gebändigt und provisorisch von innen mit einem Rollbrett verkeilt. Die OP kann beginnen.

Nach zwei Stunden entscheidet die zweite OP-Tür, sich ihrer Partnerin anzuschließen, und öffnet sich wie von Geisterhand mehrmals hintereinander. Der Oberarzt beschließt diese Türrevolte geflissentlich zu ignorieren und siehe da, nach sechsmal Öffnen hat der Spuk von selbst ein Ende.

Die OP nimmt ihren Lauf, bis der Chirurg irgendwann in den Raum wirft „Wie viel Grad hat es hier eigentlich?“ Ein Blick auf das Thermometer bestätigt seine Befürchtung,  im OP-Saal hat es, aus welchem Grund auch immer, 6 Grad mehr als normalerweise. Ich freue mich, mir ist sowieso immer zu kalt im OP, wenn ich nicht steril am Tisch bin – aber die beiden Operateure müssen nun schwitzen.

Als ob das nicht genug technische Probleme für eine Operation wären, beginnt das Deckenlicht plötzlich zu flackern. Da der Operateur für die OP nur den Bildschirm benötigt ist der Plan simpel: Das Deckenlicht wird ausgeschaltet und die OP-Lampe soll dem Raum die nötige Helligkeit verleihen. Simpel, aber trotzdem nicht störungsfrei, denn auch die OP-Lampe funktioniert nicht. So wird, bis der Techniker kommt, in gemütlicher Dunkelheit weiteroperiert, während die Anästhesistin ihre Medikamente nun mit dem Licht ihres Handys aus den Schubladen suchen muss.

Unter diesen Umständen kann  man sich leicht einreden, dass draußen das Inferno tobt, Krieg, der Weltuntergang – während wir mutig hinter verrammelten Türen bei Hitze und in Dunkelheit um das Leben der Patientin kämpfen. Zwar ist draußen ein sonniger Tag und die Patientin erhält einen Magenbypass, also eine OP zur Gewichtsreduktion, aber man wird ja noch träumen dürfen.

Ann Arbor


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Die Hölle im OP.

Es ist der 31.Dezember – unser OP-Plan ist fast leer, nur ein Eingriff an einer Patienten Mitte 30 steht auf dem Programm. Geplant ist eine laparoskopische Splenektomie, d.h. die Milz soll im Rahmen einer minimalinvasiven Bauchspiegelung entfernt werden. Ein Routineeingriff.

Bei einer Bauchspiegelung wird der ersten Trokar „blind“ eingeführt. Über ihn kann die Kamera in den Bauchinnenraum gebracht werden, so dass die folgenden Trokare mit den chirurgischen Instrumenten unter Sicht inseriert werden können.  Matthias, der Assistenzarzt, führt – wie jedes Mal – den ersten Trokar ein. Es ist diesmal nicht ganz einfach, aber schließlich gelingt es doch. Die Oberärztin will die Kamera einführen doch irgendetwas stimmt nicht, sie sieht nichts durch die Kamera. Dann die Erkenntnis, da ist Blut im Bauchraum, viel Blut.

Und auf einmal geht alles ganz schnell. Während die beiden Oberärztinnen mit dem Skalpell den kompletten Bauch durch einen Längsschnitt eröffnen, rauscht der Blutdruck der Patientin in den Keller. Mit allen Händen wird nun im Bauchraum nach der Blutungsquelle gesucht und die Erkenntnis kommt wie ein Schock: die Aorta, die Hauptschlagader des Körpers, wurde durch den Trokar verletzt. Die Oberärztin packt Matthias am Arm und redet auf ihn ein. Ich kann nicht hören was sie sagt und es könnte von „Alles wird gut, das ist nicht deine Schuld“ über „Reiß dich zusammen“ bis hin zu „Was zum Teufel hast du nur getan“  alles sein. Ich hoffe es ist ersteres.

Plötzlich schlägt der Überwachungsmonitor dieses furchtbare, penetrante Alarmgeräusch an – Asystolie, Herzstillstand. Während die eine Ärztin und Matthias weiterhin versuchen, Herr über die Blutung im Bauchraum zu werden, beginnt die zweite Oberärztin mit der Herzdruckmassage. Die Anästhesistin löst den Rea-Alarm aus und innerhalb von Minuten stehen über 30 Menschen im Raum. Ein großes Durcheinander beginnt, unzählige Leute reden gleichzeitig – die pure Hektik, im Hintergrund piepst unaufhaltsam der Monitor. Ich presse mich mit dem Rücken an die Wand um möglichst wenig im Weg zu stehen.

Die Anästhesisten injizieren unsäglich viele Medikamente. Wer behält eigentlich in diesem Chaos den Gesamtüberblick? Endlich sind auch die ersten beiden chirurgischen Chefärzte da. Dann ein defibrillierbarer Rhythmus – es wird geschockt. Für diese Zeit darf niemand den Patienten berühren. Es sind nur Sekunden, aber in dieser Situation vergehen die Sekunden wie Ewigkeiten – Ewigkeiten, in denen die Patientin unaufhaltsam blutet.

Mittlerweile ist daher einfach überall Blut. Die Handschuhe, OP-Kittel und unzählige OP-Tücher sind komplett rot eingefärbt, auf dem Boden bilden sich rießige Blutlachen. Doch es geht immer weiter, im Wechsel wird reanimiert und defibrilliert, während weiterhin versucht wird die Blutung zu stoppen. Dann der Beschluss: Thorakotomie. Der thoraxchirurgische Chefarzt wird hinzugerufen und eröffnet das Brustbein. Während der ganzen Zeit steht Matthias daneben, an der Patientin selbst tut er nichts mehr, da sind jetzt die ganz Großen am Spiel: 3 Chefärzte und 2 Oberärztinnen, die mit vollem Einsatz um das Leben der Patientin kämpfen. Matthias Gesichtsausdruck ist trotz OP-Maske einfach unbeschreibbar und ich möchte nicht wissen, was ihm gerade durch den Kopf geht.

Das Brustbein ist eröffnet. Das Herz wird jetzt direkt mit beiden Händen massiert. Auch Injektionen direkt in den Herzmuskel sind nun möglich sowie Defibrillation direkt am Herzen. Dazwischen immer wieder die Zwischenrufe des Anästhesisten „Jetzt seit 23 Minuten Asystolie“. Schließlich beschließt der Thoraxchirurg einen Herzschrittmacher anzubringen und schreit cholerisch durch den Raum, da die vorhandenen Elektroden nicht die richtigen sind.

Alle paar Minuten meldet sich der Alarm des Überwachungsmonitors: Herzrythmusstörung/Asystolie. Als ob das niemand hier wüsste. Bis sich einer der Anästhesisten erbarmt und auf den Mute-Knopf drückt – etwas mehr Ruhe, zumindest für ein paar Minuten, dann wird der Alarm wieder auslösen. Wie kann man bei diesem Lärmpegel eigentlich einen klaren Kopf behalten? Das Blut wird literweiße infundiert. Zuerst Blutgruppe 0, die man im Notfall allen Patienten geben kann, später mit passendem Gruppe-A-Blut. Und langsam regen sich auch immer wieder die Diskussionen: Weitermachen?

Es wird weiter gemacht, immer weiter, weit über eine Stunde. Der Thoraxchirurg schreit nun neben der OP-Pflege auch das Herz der Patientin an. Immer wieder wird defibrilliert und nach jedem Elektroschock die bangen Sekunden des Wartens – vielleicht schlägt es ja doch wieder. Doch es schlägt nicht wieder. Und irgendwann muss das auch der Thoraxchirurg akzeptieren.

Die Chefärzte, die Anästhesisten und Matthias gehen. Die vielen Menschen, die Hektik und das panische Piepsen des Monitors hinterlassen durch ihr Fehlen eine seltsame Ruhe. Die beiden Oberärztinnen nähen die Patientin zu, das Angebot des OP-Pflegers, Klammern zu verwenden, lehnen sie ab. Vielleicht ihre Art, durch diesen letzten Zeitaufwand der Patientin die letzte Ehre zu erweisen oder sich zu entschuldigen. Ich weiß es nicht. Dann gehen auch sie und im OP-Saal bleiben nur die großen Pfützen Blut und unzähligen roten Fußspuren zurück.

Der Chefarzt sagt ein paar Tage später zu mir „So etwas habe ich noch nie erlebt. Das war die Hölle.“

Ann Arbor