Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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ein skeptischer Blick

Eigentlich bin ich sehr leicht und schnell von moderner Technik begeistert und finde viele Erfindungen toll, weil sie das Leben erleichtern und vieles schneller machen können. Abläufe verbessern, Prozesse optimieren. Zum Beispiel verstehe ich nicht, wie sich die Oberen der hiesigen Orthopädie so gegen die Einführung der elektronischen Röntgenanmeldung wehren und mit Händen und Füßen dagegenstellen. Wie sie immer neue Argumente dagegen finden – und seien sie noch so abstrus und manchmal auch haarsträubend. Zum Beispiel die Frage, wieso das Feld „Fragestellung“ ein Pflichtfeld sei. Der Chef der Radiologie dazu nut trocken: „wir röntgen niemanden ohne konkrete Fragestellung„. Das hat auch etwas mit dem Recht zu tun, denn man darf Patienten nur der potentiell gefährlichen Röntgenstrahlung aussetzen, wenn man eine rechtfertigende Indikation und eine Fragestellung an die Aufnahmen hat. Klar, bisher haben die Oberen einen Röntgenwisch ausgefüllt, den dann die Sekretärin eingetippt hat und bei Fragestellung etc ließen sie einfach leere Felder und gut war. Z.B. auch bei Bildern, die präoperativ zur OP-Planung angefertigt wurden. Was genau daran schwer ist, „präoperativ“ in das Feld einzugeben…. mir bleibt es schleierhaft. PCs laufen doch sowieso in jedem Zimmer, aber trotzdem wird nach wie vor von meiner Abteilung die Röntgenanmeldung auf die bisherigen Zettel gekritzelt, meist in Sauklaue, die niemand lesen kann – und nun eben neuerdings von der Sekretärin dann der Zettel ins PC-Programm übernommen und elektronisch angemeldet. Doppelte Arbeit sozusagen. Moderne Technik, wie sie nicht funktionieren sollte.

Funktionieren tut hingegen andere „neue Technik“: OP-Helme, wie sie von der Spekulantin schon in einem früheren Beitrag erwähnt wurden. Diese Helme tragen wir standardmäßig bei den Prothesen, die wir implantieren und sie bieten uns neben der Freiheit keinen Mundschutz darunter tragen zu müssen gleichzeitig einen rundum Spritzschutz, wenns mal wieder blutiger zur Sache geht oder die Knochensplitter durch den OP fliegen. Nachteil: man sieht sich und das gesamte Gesicht des Gegenübers. Manchmal ungewohnt, kann man doch unter den Mundschützen noch gähnen oder Grimassen ziehen, ohne dass es jemand sieht, aber mit offenem Helmvisier sieht das dann gleich der gesamte OP. Trotzdem, diese Erfindung ist nett und praktisch – wenn auch eindeutige Studien zur Überlegenheit in Hinblick auf Infektraten bei Prothesenimplantation etc bisher wohl zu fehlen scheinen.  Weiterlesen


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Medizinischer Blick

In den letzten Wochen ist es hier mit den täglichen Artikel ein wenig stiller geworden und wir publizieren eher in regelmäßigen Abständen. Das liegt unter anderem daran, dass wir die ganz wichtigen Dinge schon gleich zu Anfang gepostet hatten und nun nur noch die aktuell im Krankenhaus erlebten Dinge festhalten müssen, zum anderen aber auch daran, dass wir alle inzwischen in alle Himmelsrichtungen verstreut im Chirurgie-Tertial stecken und man in dessen Rahmen doch irgendwie mehr arbeitet und länger in der Klinik ist, als das im ersten Tertial in den anderen Fächern (Innere, Gyn) noch der Fall war. Seid unbesorgt, wir werden euch aber auch weiterhin mit Geschichten aus dem Alltag in der Klinik füttern und das auch oder trotz der Chirurgie, in der man bekanntlich weniger Patientenkontakt hegt (oder die Patienten schlafen bereits im Rahmen der OP).

 

Mir persönlich ist nach der Zeit in der Inneren und auch schon im Verlauf des Studiums aufgefallen: man bekommt einen „medizinischen“ Blick auf seine Mitmenschen. Das beginnt bei kleinen Dingen wie der Blick auf den Handrücken oder Unterarm des Gegenübers, um zu sehen, ob die Venen gut sind und man keine Probleme bei der Blutabnahme hätte. Immer wieder erwische ich mich, wie ich bei anderen Menschen den Venenstatus abchecke, fast, als ob es meine Patienten auf Station wären. Mir ging es, als ich in der Inneren täglich gefühlte 100 Patienten gestochen habe, tatsächlich so, dass ich sogar beim abendlichen Fernsehkonsum auf die Hände und Arme der Schauspieler und Reporter geblickt habe, um erst abzuchecken, wie schwer die Blutabnahme würde. Oder ich sitze in der Straßenbahn und anstatt, dass ich meinem gegenüber ins Gesicht schaue, blicke ich auf die Hände und bin vielleicht sofort froh, dass da nicht ein Patient mit schlechten Venen sitzt, sondern nur ein anderer Fahrgast. Und der Gipfel ist, dass ich an mir selbst die Venen taste und mir vorstelle, ob ein anderer diese wohl gut treffen könnte (ich habe sehr prominent sichtbare Venen, die leicht zu tasten und zu sehen sind).

Außerdem schweift der Blick gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit, in der viele Menschen in den Innenstädten unterwegs sind, gerne über die Menschenmassen und im Kopf rattern Differentialdiagnosen herunter, Einteilungen und mögliche Erkrankungen der gestressten Vorbeieilenden.
Geht dieser ältere Herr nicht ein wenig nach vorne gebeugt und mit kleinem Schritt? Parkinson vielleicht? Weiterlesen