Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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PJ-Alltag in der Schweiz (Chirurgie)

Nach dem eher frustrierend klingenden Artikel über den PJ-Alltag in Belgien von Ann Arbor möchte ich in ähnlichem Stil für die Nachwelt einen klassischen Tag hier in dieser Klinik in der Schweiz schildern. Bestimmt gibt es von Spital zu Spital Unterschiede, exemplarisch also meinen Tag in der Chirurgie, wie er in den letzten Wochen immer wieder vorkam (außer Mittwochs, da ist besonderer „Fortbildungstag“ und alles läuft ein wenig anders).

7.12 Uhr         Im Wohnheim gehts los, durch den unterirdischen Gang direkt in die Klinik und auf Station, wo schon die Assistenzärzte im Arztzimmer sitzen und auf den Ausdruck der Stationsliste durch den PJ’ler warten – auf der Liste alle Patienten, ihre Diagnosen, das weitere Vorgehen, nach Wunsch auch die OPs, Verlaufseinträge etc.

7.30 Uhr         Morgen-Rapport. Die Chirurgen versammeln sich um einen großen Tisch, der Chef mitsamt seinen Prinzen (leitende Oberärzte) am einen Ende, dann Oberärzte und Oberärzte i.V. und am anderen Ende Assistenzärzte und dahinter die PJ’ler. Bloß nicht woanders hinsetzen, zwar gibt es keine Platzkarten oder Reservierungen, aber falsch sitzen möchte man trotzdem nicht. Kommt nicht gut. Ab und an ist es Aufgabe des PJ’ler am PC Röntgenbilder zu zeigen, wenn Patienten von der Notaufnahme stationär aufgenommen wurden und es die Oberen interessiert, wie die Röntgenbilder ausgesehen haben.

7.45 Uhr        der Morgenrapport ist beendet. Entweder man geht jetzt in die Kantine und frühstückt in Ruhe (bzw. trinkt sein Glas Wasser/Kaffee, wenn man schon daheim gefrühstückt hat) oder man folgt den Oberärzten auf die Intensivstation und schaut sich dort noch die chirurgischen Patienten an. Danach kann man immer noch seinen Kaffee in der Kantine trinken gehen. Außer…..

8.00 Uhr       … man ist beim ersten Punkt im OP eingeteilt. Dann sollte man selbstständig in Richtung OP marschieren und um 8 Uhr im Saal stehen – sonst wird man kurz nach 8 Uhr ziemlich ungehalten von der Leitstelle angerufen, wo man bleibe. Wenn man nicht beim ersten Punkt eingetragen ist, folgt das Frühstück mit den Kollegen bis mind. 8.15Uhr.

8.15 Uhr       Keine 1. OP? Dann beginnt gegen 8.15 – 8.30Uhr die Visite auf Station. Man läuft mit den Assistenzärzten mit, schreibt zu jedem Patient den Verlauf auf die ausgedruckte schlaue Liste und bekommt ein wenig Einblick ins stationäre Leben. Wenn man zwischendurch in den OP gerufen wird, dann bekommt man nur die Hälfte mit… aber das ist nicht weiter tragisch, da wir in der Chirurgie sind und die meisten Patienten sowieso relativ kurz liegen, sodass man am kommenden Tag die Chance auf ganz neues Patientenkollektiv hat und nicht viel verpasst, wenn man nicht täglich alle mitbekommt.

10.00 Uhr       Weiterhin davon ausgehend, dass man bisher nicht in den OP gerufen wurde, schreibt man als PJ’ler nun die Verläufe in den PC. Die Klinik hat letztes Jahr auf elektronische Akten umgestellt (ein Segen!) und für jeden Patient notiert man nun in kurzen Worten, was bei der Visite besprochen wurde, wie es dem Patienten ging, was geplant ist (Update für das Procedere), wie die Wunden aussahen…. meist ist das ein Standard, den man individuell anpasst, bei mir heißt es öfters: „Patient gehts gut, Bauch weich, keine Abwehrspannung, keine Resistenzen, Wunde reizlos, trocken, keine Schmerzen, Stuhlgang gehabt.“ Nach ca. 20min hat man alle Patienten durch und kann dann die Austrittsberichte (Entlassbriefe) vortippen oder die aktuellen ausdrucken. Lustigerweise geht das in der Chirurgie auch bei solchen Patienten, die man persönlich nie gesehen hat, von denen man nur die Diagnose weiß und die Verläufe im PC sieht. Es gibt so viele Standardsätze, die jeder kennt und nach einer Woche drin hat, dass die Arztbriefe in der Chirurgie bei den meisten Patienten relativ rasch getippt sind. Da heißt es dann bei der Verlaufszusammenfassung:

Postoperativ komplikationsloser Verlauf, der stationäre Aufenthalt war allzeit unauffällig. Problemloser stufenweiser Kostaufbau. Schmerzfreiheit unter angepasster Analgesie. Wir können Herr/Frau X am XX.XX.XXX in subjektivem Wohlbefinden nach Hause und in Ihre ambulante Weiterbetreuung entlassen“.

Und bei dem weiteren Procedere nach der Entlassung steht meist:

„Fortführung der schmerzadaptierten Analgesie. Eine Fadenentfernung entfällt bei Verwendung von selbstresorbierbarem Fadenmaterial. Vorstellung beim Hausarzt zur ambulanten Verlaufs- und Wundkontrolle in den kommenden Tagen.“ Weiterlesen


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RFID im OP – Ansätze für die Zukunft

(c) golem.de

Nachdem wir euch in zwei Artikeln zu beinahe vergessenen Kompressen im OP einen Einblick gewährt haben (Kompresse?, Fehlende  Kompresse – Teil 2) wie schnell bei langen und aufwändigen Operationen eine Kompresse im Patienten verschwinden und nach einer OP verbleiben kann, kam eine Diskussion in den Kommentaren auf, wie man dieses Problem optimal lösen könnte. Ich habe von einem Ansatz gehört, der in einigen Kliniken derzeit getestet wird und den ich euch heute kurz vorstellen möchte: RFID-Chips.

Pro Jahr werden im Krankenhaus rund 3000 sog. „Alien Objects“ (v.a. in Form von Tüchern und Tupfern) während Operationen im Patienten vergessen. Eine sehr unschöne Sache für sowohl Patienten, wie auch beteiligte Ärzte und Pfleger. Um diese Zahl zu vermindert, führte man zunächst das Vieraugen-Prinzip (zwei OP-Schwestern müssen die Vollständigkeit bestätigen) und das zweifache Nachzählen ein. Dennoch ist die Zahl von ca. 3000 Fälle, in denen diese Sicherheitsmaßnahmen, warum auch immer, versagen, erschreckend. Mit den modernen Entwicklungen in der Industrie und Technik schwappen nun RFID-Chips in die Kliniken, die dort zu einer Verbesserung der Patientensicherheit führen könnten.

RFID steht für radio-frequency identification und wird heute in immer mehr Bereichen eingesetzt. Die kleinen Chips finden sich v.a. in der Logistik zur Kontrolle der Warenströme und der Nachvollziehbarkeit, welches Produkt an welcher Stelle zu welcher Zeit vorhanden ist oder verarbeitet wurde; Anwendung finden sich auch heute schon in der Lieferkette von Textilien und Bekleidung, zur Identifikation von Frachtcontainern und Tieren, zur Zeiterfassung in Unternehmen, zum Bestandsmanagement und in Chipkarten mit z.B. kontaktloser Bezahlfunktion.
Seit einigen Jahren gibt es Ansätze die Chips auch im Krankenhaus anzuwenden – z.B. in Form von Patientenarmbändchen, um Verwechslung der Patienten auszuschließen oder als Zutritts- und Zugriffskontrollen in sensiblen Bereichen wie dem OP und der Sterilisation.

(c) heise.de

Einige Firmen testen seit einiger Zeit in Kooperation mit großen Kliniken die Verwendung von RFID-Chips in OP-Instrumenten, Tupfern und Tüchern. Das Ziel der Feldstudien ist  zu jeder Zeit während einer OP grafisch auf einem Monitor eine Kontrolle sichtbar zu machen, wie viele Fremdkörper noch im OP-Gebiet liegen und ob am Ende der OP alles, was an den Tisch gebracht wurde, wieder von ihm entfernt ist (und damit nicht im Patienten bleibt).
Zudem bietet sich, wie in der Logistik heute schon genutzt, die Möglichkeit während der gesamten Logistikkette einer Klinik (und darüber hinaus) Utensilien im Auge zu behalten – vom Hersteller über die Wäscherei bis ins Krankenhaus und wieder zurück in die Wäscherei. Teure Instrumente (der gesamte Warenwert an Instrumenten eines Krankenhauses kann 1,5 bis 2,5 Millionen Euro betragen!) können besser überwacht, Diebstahl, Verschwinden oder Lieferung an falsche Orte (falscher OP…) unterbunden werden.
Einige Hersteller ermöglichen mit ihren Systemen eine Überwachung der Bauchtücher mittels farbiger Ampeln am Bildschirm (rot = Tücher im Situs vorhanden, grün = alle Tücher, die über eine Antenne in den Operations-Bereich eingebracht wurden, sind auch wieder über diese Antenne nach draußen entfernt worden). Andere versprechen die Ortung von vergessenen Kompressen im Patienten mittels Detektoren, wie man sie am Flughafen bei der Sicherheitskontrolle kennt (siehe Herstellervideo auf Golem). Wieder andere Systeme, die z.B. in den USA schon eingesetzt werden, bestehen aus Klebern, die der Patient vor der OP auf z.B. das zu operierende Bein geklebt bekommt und der persönliche Daten des Patienten und den geplanten Eingriff enthält. Vor der Narkose und unmittelbar vor dem Schnitt wird das Funkkabel dann ausgelesen und abschließend vom Anästhesisten und dem Chirurgen kontrolliert – Patientenverwechslung adé. Weiterlesen


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Herr Grevé – Teil 1

Der Begriff Schnappatmung bezeichnet eine präfinale Atemstörung, die in Folge mangelnden zentralen Atemantriebes auftritt. Sie ist durch lange Atempausen und kurze „schnappende“ Atemzüge gekennzeichnet.
Doccheck Flexikon

Herr Grevé ist ein bei Insidern bekannter Käsehändler vom Wochenmarkt der Stadt. Jeden Morgen fährt er seinen Käsewagen auf den Marktplatz, schlägt seine Zelte auf und verkauft allerlei Käseköstlichkeiten aus der weiten Welt. Aber die heile Welt wird durch die Krebserkrankung, an der Herr Grevé leidet, getrübt. Krebs im fortgeschrittenen Stadium. Alles begann damit, dass ihm beim Toilettengang plötzlich Blut im Stuhl aufgefallen war. Nach einer ganzen Reihe an Untersuchungen, Ärzten und Gesprächen stand die Diagnose: Dickdarmkrebs in fortgeschrittenem Stadium.

Schnell entschloss man sich eine OP durchzuführen, den Tumor zu entfernen und mit einer Chemotherapie zu starten. Herr Grevé steckte die OP gut weg, eine kleine Restenge (sog. Subileus) im Darm blieb, aber diese sollte nicht mehr allzu große Probleme darstellen. Die Chemo konnte beginnen.

In seinem 4. Zyklus lernte ich Herr Grevé das erste Mal auf unserer Station kennen, er war inzwischen ziemlich abgemagert, hatte viele Kilo seiner einst stattlichen Körpermasse verloren, aber war immer noch ein meist gut gelaunter und netter Kerl. Ich war gerne bei ihm um Blut abzunehmen (vielleicht auch, weil er einen gut gehenden Port hatte und das Blut abnehmen daraus angenehmer war als das Venensuchspiel an manch anderem Patientenarm). Während einer Visite schrieb Herr Grevé für seinen Käsestand neue Preisschilder – der Laden musste schließlich weiterlaufen, auch wenn er ab und an aufgrund seiner Chemo nicht persönlich nach dem Rechten schauen konnte.

Nach ein paar Tagen durfte Herr Grevé unsere Station verlassen, der Zyklus war beendet, die Schmerzen, die er gegen Ende seines Aufenthaltes im Bauch angegeben hatte, mittels Schmerzpflaster und Bedarfsmedikation soweit gut eingestellt, Stuhlgang normal.

Keine Woche später war Herr Grevé zurück auf unserer Station. Notfallmäßig hatte man ihn eingeliefert. Es ging ihm sichtlich übel. Er lag schwach und mit weißem Gesicht zusammengekugelt im Bett. Seit zwei Tagen hatte er starke Übelkeit und sich übergeben müssen, was angesichts seines schon sehr geringen Gewichts keine gute Kombination darstellte. Die Lebenslust von vor wenigen Tagen war bei seiner erneuten stationären Aufnahme aus ihm gewichen und die Schmerzpflaster halfen nicht ausreichend.

Unser erstes Ziel war ihn wieder auf die Beine zu bekommen – er erhielt Medikamente gegen die Übelkeit, neue Schmerzmittel und zwei Mal eine neue Portnadel, die ich ihm stechen durfte. Am dritten Tag schien es ihm besser zu gehen, beim morgentlichen Vampir spielen (Blutabnehmen) konnte man sich mit ihm unterhalten und trotz einiger tageszeitabhängiger Schwankungen seines (Gemüt-) Zustands schien er erst einmal über den Berg zu sein.

Gemeinsam beschloss man die Chemotherapie wie geplant weiterzuführen und somit nach einigen Tagen des Aufpäppels den neuen Zyklus zu starten. Chemotherapeutikum und Antikörper flossen durch seinen Port in seinen Körper und begannen ihren Kampf gegen die Tumorzellen. Herr Grevé vertrug die Chemo auch in diesem Zyklus erstaunlich gut. Übelkeit, Erbrechen waren verschwunden, das Gewicht konnte er dank Ernährung über den Tropf und kleine Mengen Toast, um die er gebeten hatte („Kann ich hier auch was anderes als nur Suppe bekommen? Wie wäre es mit Nudeln und Schnitzel oder so?„), stabil halten.

Am dritten Tag des Zyklus wurde Herr Grevé plötzlich still und reagierte nicht mehr adäquat auf unsere Visite und die Blutabnahmen. Sorgen machten sich breit …..

Fortsetzung folgt.

– Orthopaedix