Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Miranda – oder: Leonie Löwenherz

Ich bin beeindruckt  – und das passiert nicht oft. Aber vielleicht sollte ich die Geschichte von Anfang an erzählen.

Miranda ist 13 Jahre alt und ich erwarte einen jungen Teenager zu sehen, als ich unser Untersuchungszimmer betrete. Doch auf der Liege sitzt ein blasses, kleines, dünnes Mädchen, das ich spontan auf höchstens acht Jahre geschätzt hätte. Neben ihr liegt „Krabat“ von Otfried Preußler (der, wie ich gerade erschreckend feststellen musste, im Februar diesen Jahres verstorben ist – aber das nur als Nebeninfo) und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ihre Mutter ihr daraus bestimmt später vorlesen wird. Es fällt mir schwer mir in Erinnerung zu rufen, wie alt dieses Mädchen – oder fast schon diese junge Frau – tatsächlich ist.

Als mein Assistenzarzt ihr einen Zugang legen will, fordert sie „Ich zähle bis drei und dann können Sie zustechen“. Gesagt, getan – sie zuckt nicht einmal zurück. Zuerst kommt Blut, doch dann wird die Einstichstelle dick und blau. „Da ist wohl die Vene geplatzt“, sagt sie abgeklärt. Die nächste passende Vene wird gesucht. „Wir machen das aber wieder mit dem zählen, ok?!“ Diesmal klappt alles ohne Probleme und beim folgenden Festkleben und Blutabnehmen hilft sie gekonnt mit, hält den Tupfer, drückt die Vene selbst ab – man merkt, sie macht das alles nicht zum ersten Mal. Verband um den Zugang? Nein danke, der kratze immer so.

Die Schwester kommt ins Zimmer und fragt nach der Zeit, über die die Infusion laufen soll. „Also das Eisen läuft bei mir immer so auf 90-100ml und das Vitamin B12 wird über 20 Minuten infundiert.“ Ich bin fasziniert von dieser Selbstverständlichkeit mit der sie das sagt. Sie weiß mehr über ihre Krankheit als die meisten erwachsenen Patienten, die ich bisher behandelt habe. Ich bin beeindruckt, aber gleichzeitig erschreckt sie mich auch. Sollte sie sich nicht eigentlich Gedanken darüber machen dürfen, welcher Lippenstift zu ihrem neuen Oberteil passt?

Miranda hat einen schweren angeborenen Herzfehler. Unzählige Herzkatheteruntersuchungen und drei große Herzoperationen hat sie schon hinter sich. Eine normale Kindheit kennt sie nicht, von ihrer Geburt an hangelte sie sich von einem Krankenhaus-/Arztbesuch zum nächsten – die Wochen und Monate, die sie im Krankenhaus verbracht hat, kann sie schon nicht mehr zählen. Sport? Unmöglich. Selbst das Alltägliche ist häufig zu anstrengend für sie. Von der ersten Sekunde an war ihr Leben ein Kampf, den sie täglich neu ausfechten muss. Doch mittlerweile ist ein Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weiter geht. Seit kurzem steht sie daher auf der Hochdringlichkeitsliste für eine Herztransplantation. Sie wartet nun – ein scheinbar endloses Hoffen und Warten auf eine bessere, leichtere Zukunft. Dabei träumt sie doch eigentlich nur davon, ein normaler Teenager sein zu dürfen.

Ann Arbor

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Warten auf den Tod

Wir haben ein Zimmer auf Station, in dem ein Patient – nennen wir ihn Herr Ochs –  liegt, der seit einer Woche Komforttherapie erhält. Das heißt: keine Therapie mit kurativem Anspruch, Antibiotika wurden gestoppt, keine operativen Eingriffe mehr, nur noch Schmerztherapie und Flüssigkeit. Das haben sich Herr Ochs und seine Ehefrau gewünscht. Ursprünglich war er bei einem Darmverschluss in die Klinik gekommen, operativ versorgt worden und hätte nach Hause gehen können… wenn da nicht am achten Tag nach der OP plötzlich Bauchschmerzen aufgetreten wären, Fieber und Unwohlsein. Im CT kam freie Luft im Bauch zu Tage, die da nicht sein darf und auf ein Loch im Gedärm hindeutet – bei einem Zustand nach einer Darm-OP ist das meistens Zeichen dafür, dass die sog. Anastomose, also die Zusammennaht zwischen den beiden Stücken Darm, zwischen denen man die Engstelle entfernt hatte, nicht dicht ist und damit Luft auf dem Darm austritt. Mit der Luft können auch Bakterien und Kot in den Bauch fließen und schlimmstenfalls zu einer Bauchfellentzündung und Blutvergiftung führen. Es droht ein tödlicher Ausgang.

Im CT fand sich neben der Luft auch eine große Abszessformation, eine Flüssigkeitsgefüllte Höhle, die mit vermutlich Eiter gefüllt war – eine Abwehrreaktion des Körpers auf Austritt von Bakterien und Fremdmaterial (Kot) in den Bauchraum. Dies würde das Fieber und die Verschlechterung des Zustandes sehr gut erklären. Die Atemnot, die  Herr Ochs neuerdings verspührte, ließ sich durch  einen Erguss im Rippfell erklären. Eigentlich hätte man also den Erguss punktiert und den Bauch neu eröffnet und „geputzt“. Die Naht erneuert und die Heilung abgewartet.

Aber Herr Ochs wollte keine weitere OP, er hatte ein Alter erreicht, das für ihn alt genug zum sterben war – aber eigentlich gesund und rüstig. Mit dem Oberarzt, der betreuenden Assistenzärztin, der Ehefrau und dem Patienten gab es ein langes und ausführliches Gespräch über das weitere mögliche Vorgehen und die jeweiligen Konsequenzen. Man ließ der Familie Zeit zum Besprechen und Überdenken, sprach erneut lange Zeit mit allen und bekam am Ende das Ergebnis, dass eine weitere OP zu unterlassen sei und die Therapie konservativ fortgeführt werden solle – Ausgang ungewiss. Der Patient wurde darüber aufgeklärt, dass er sterben würde, wenn die Therapie (zu hoher Wahrscheinlichkeit) nicht ausreichen wird.  Weiterlesen