Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Pflegepraktikum.

Das Pflegepraktikum ist wohl einer der meist diskutierten Bestandteile des Medizinstudiums. Pflegepraktikum – das bedeutet 3 Monate Praktikum im Krankenhaus, nicht mit den Ärzten, sondern eben, wie der Name schon sagt, mit der Pflege. Es soll erste Einblicke in den Krankenhausalltag und in die allgemeinen Abläufe auf Station geben, Grundkenntnisse der medizinischen Versorgung vermitteln (z.B. Blutdruck, Blutzucker und Puls messen) und vor allem die Kommunikation zwischen Pflege und Ärzten verbessern. Eine schöne Idee. Pflegepraktikum, das bedeutet jedoch auch 90 Tage arbeiten vor dem Studium oder in den Semesterferien, im Schichtdienst, an Wochenenden und an Feiertagen – unbezahlt, das versteht sich von selbst.

Man kann mit Sicherheit jeden Medizinstudenten nach seinen Erlebnissen aus dem Pflegepraktikum fragen und jeder könnte stundenlang erzählen. Die ersten Eindrücke im Krankenhausalltag sind scheinbar auch die, die sich am stärksten in der Erinnerung festsetzen. Die Geschichten sind so verschieden wie die Studenten selbst, die Krankenhäuser, die Abteilungen, die Pflegekräfte und die Patienten. Schöne Erlebnisse gibt es da, einige wären sogar gerne länger als die vorgeschriebenen 3 Monate geblieben, andere sehen das alles eher weniger positiv und sind überzeugt, 30 Tage hätten voll und ganz ausgereicht.

Ich persönlich zähle mich da eher zur zweiten Hälfte. Nach dem ersten Semester startete ich voller Enthusiasmus und Vorfreude in mein Pflegepraktikum auf einer chirurgischen Station eines kleinen Krankenhauses. Nach einem halben Jahr Chemie, Physik und Anatomie endlich, endlich Krankenhausluft, Blut und echte Patienten. Dafür studiert man doch schließlich das Ganze! Auf meiner Station kam schnell die Ernüchterung. Die Pflege weigerte sich mir auch nur irgendetwas beizubringen. Es sei keine Zeit, warum ich das denn nicht könne? Ja, so etwas lernt man natürlich im Chemie-Praktikum….Es kam wie es kommen musste: Nach einer Woche bat mich die Stationsleitung einem Patienten den Blutdruck zu messen. Bevor ich auch nur einen Satz sagen konnte, erwiderte die anwesende Schwester: „Die Medizinstudentin ist sich zu gut dafür!“ Ähnliches wiederholte sich beim Blutzucker messen, diesmal mit der Argumentation, ich würde mich das doch sowieso nicht trauen. Beides Mal war Ich völlig baff und widersprach letztlich vehement. Zum Glück war die Statiosnleitung auf meiner Seite und ich bekam endlich diese grundlegenden Methoden gezeigt.

Mein Alltag auf Station bestand zum Großteil daraus Patienten zu waschen. Natürlich nicht die netten, sauberen, freundlichen, mit denen man sich gerne unterhält. Nein, mir wurden ausschließlich die Zimmer der garstigen, unsauberen, schlecht riechenden, unangenehmen Patienten zugeteilt, mit denen sich niemand aus der Pflege länger als unbedingt nötig abgeben wollte. An der Visite durfte ich nie teilnehmen, schließlich sei es für mich irrelevant, was die Patienten hätten und in dieser Zeit könne ich doch wunderbar Schränke auffüllen oder Oberflächen desinfizieren. Darüber hinaus wurde ich nicht, wie das bei einem Praktikum sein sollte, als zusätzliche Person eingeteilt sondern übernahm vollständig die Stelle einer Pflegekraft, selbstverständlich so oft es möglich war in den unbeliebten Spät-Früh-Wechseln (abends bis 22 Uhr arbeiten und am nächsten Morgen um 6 Uhr wieder anfangen), an Wochenenden und an Ostern.

Nie vergessen werde ich einen alten, dementen Patienten, der die Vorstellung hatte, wir befänden uns zurzeit im Krieg und er sei bei seiner Kompanie. Im Rahmen dieser Welt konnte man sich wunderbar mit ihm unterhalten und ich mochte ihn sehr gerne. Eines Tages kam ich in sein Zimmer, er sollte eigentlich auf seinem Pflegestuhl (ein Stuhl auf Rädern mit einem Tisch vor dem Bauch) sitzen, war aber unter dem Tisch hindurch gerutscht und lag jetzt halb auf dem Stuhl, halb auf dem Boden. Als ich ihn fragte, was er denn da mache, erklärte er mir „Junge Frau, dies ist eine Truppenübung. Es ist unsere Aufgabe das Hindernis zu überwinden und ich habe es geschafft!“ Ein andermal sollte ich ihn zur Toilette bringen. Ich bat um Hilfe, denn er war fast völlig immobil, noch dazu ein großer, schwerer Mann. Ich wusste, ich könnte ihn nicht stützen, falls er stürzte. Die Hilfe bekam ich nicht, ich solle mich nicht so anstellen, sie hätten jetzt keine Zeit – es kam, wie es kommen musste: er stürzte, ich konnte ihn nicht halten und musste ihn auf dem Boden liegenlassen um Hilfe zu holen. Natürlich bekam ich Ärger: „Die unfähige Medizinstudentin mal wieder“.

Trotz allem gab es natürlich auch schöne Momente, nette Schwestern und tolle Patienten. Aber zur Verbesserung der Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Pflege und Ärzten hat dieses Praktikum mit Sicherheit nicht beigetragen. Denn dazu ist ein respektvoller Umgang notwendig- von beiden Seiten, nicht nur von Seiten der Mediziner.

Ann Arbor


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Finanzen

Wir müssen neben all den heroischen Einsätzen, die wir hier festhalten und die vielen tollen, eindrucksvollen, nachdenklichen und weniger schönen Erlebnisse, die wir mit euch teilen wollen, jetzt mal Butter bei die Fische machen und über Finanzen schreiben. Eigentlich ein Thema, das in der Gesellschaft nicht an die große Glocke gehängt wird und über das man sich lieber ausschweigt (es soll sogar vorkommen, dass Ehepartner nicht über das Gehalt des Partners Bescheid wissen).

Wir sind im letzten Jahr unseres Studiums. Im Praktischen Jahr. Also: mindestens 40 Stunden pro Woche aktiv in einer Klinik beschäftigt. Als Arbeitskraft, teilweise ausgebeutet zum Blutabnehmen, einfache Aufgaben erfüllen – oder auch mehr und zur Betreuung eigener Patienten, Unterstützung der Ärzte in Operationen und Ambulanzen…. daneben hoffen wir (manchmal stirbt selbst diese Hoffnung) auf ein wenig Unterricht am Krankenbett oder darüber hinaus, der uns auf das Staatsexamen und v.a. auf unseren beruflichen Weg in wenigen Monaten vorbereiten soll. Viele haben auch nach 5 Jahren Studium noch den Anspruch des „ich möchte einmal Menschen helfen und heilen„. Aber darüber hinaus möchten wir auch unser Leben finanzieren können mit dem Lohn, den wir für unsere tägliche Arbeit erhalten.

Wer uns in der Klinik über die Gänge hetzen sieht, der denkt sich im ersten Moment: hier sind junge Ärzte unterwegs. Nicht selten werden wir mit „Herr Doktor“ oder „Frau Doktor“ angesprochen (wenn „Frau Doktor“ nicht für eine Krankenschwester gehalten wird, was leider immer noch viel zu oft vorkommt). Mit den Aufgaben, in die wir hineinwachsen und die wir Schritt für Schritt übertragen bekommen, sind wir nicht mehr so weit von dem, was approbierte Ärzten tun, entfernt – Einschränkungen gibt es nur bei der Übernahme von besonderer (juristischer) Verantwortung (z.B. Chemotherapie, Blutkonserven, OPs alleine durchführen etc).

Was dabei ärgerlich ist, ist der Umstand, dass wir für unseren Fulltime-Job nicht ausreichend entlohnt werden. Es geht nicht um fürstliche Gehälter, die wir einstreichen möchten. Reich wird man mit einem Klinikalltag als Assistenzarzt schon lange nicht mehr. Man kann geteilter Meinung sein, ob Ärzte zu viel oder zu wenig verdienen. Darum soll es hier nicht gehen. Aber, dass wir als billige Arbeitskräfte „missbraucht“ werden – das drückt auf die Dauer auch auf die Stimmung.

Im gesamten Studium sind wir die billigen Arbeitskräfte, die mit dem Argument „ihr wollt ja schließlich was lernen“ abgespeist wurden: im Pflegepraktikum in den ersten vier Semestern gibt es kein Gehalt. In Famulaturen (Pflichtpraktika) verdienen wir zumeist nichts, müssen uns ggf. um eigene Unterkünfte vor Ort kümmern und freuen uns, wenn wir wenigstens ein Mittagessen von der Klinik gestellt bekommen (was auch eher die Ausnahme als die Regel darstellt). Begründung oftmals: es gehört ja schließlich zum Studium und zur Ausbildung dazu.

Nun sind wir im Praktischen Jahr und welche Begründung hören wir? „Das gehört ja schließlich zum Studium und zur Ausbildung„. Damit lässt sich unser aktueller Monatslohn (Aufwandsentschädigung) von 200 Euro kurz und bündig erklären. Bei einer 40h-Woche (ganz zu schweigen von Überstunden) errechnet sich daraus ein Stundenlohn von 1,25 Euro! Zum Vergleich: ein Zivildienstleitender hat früher mehr verdient. Ach halt: der war ja schließlich „auch nicht um was zu lernen“ in der Klinik.

Je nach Klinik ist es möglich einen kleinen Zusatzbonus zu verdienen, der durch Nachtdienste erworben werden kann. Auch hier gilt: einige Kliniken zahlen pauschal 30 Euro, andere vergüten ein wenig besser nach Stunden. Dafür aber schränkt man seine „Freizeit“ ein und bleibt 24 bis 30 Stunden non-stop in der Klinik.  Life-Work-Balance und so.

Einige von uns bekommen mit den 200 Euro Monatsentschädigung nicht einmal genug Geld, um ihre Miete zu bezahlen und müssen neben den 40 Stunden in der Klinik noch einem Nebenjob nachgehen, damit sie wenigstens die Miete bezahlen können (weil die Kliniken nicht generell einen Wohnheimplatz anbieten bzw. dieser nicht immer kostenlos ist).

Ich frage (bewusst provokant): wird bei Auszubildenden auch gesagt „ihr wollt ja schließlich was lernen„, wenn man ihnen ein Ausbildungsgehalt bezahlt? Und bei uns fallen bis zu > 50% der Lehrveranstaltungen aus…. das ließe sich ein Azubi wohl auch nicht bieten. Bekommen Absolventen der sog. Dualen Hochschule (früher Berufsakademie) auch monatlich nur 200 Euro? Definitiv nicht! Bekommen Studenten in ihren Praxissemestern 200 Euro und müssen sich mit „das ist ja schließlich zum Lernen gedacht“ abspeisen lassen? Auch hier: nein! Welcher Absolvent würde nach 5 Jahren Studium mit 200 Euro eine 40h-Woche antreten wollen?

Schlimm: mit der Änderung der Approbationsordnung hat die Politik nun beschlossen, dass sie Bezüge generell auf knapp über 300 Euro gedeckelt werden – inclusive aller Extrazuschläge für Nachtarbeit etc. Nicht einmal dieser Anreiz bleibt bestehen – aber von den Kliniken weiterhin erwartet, dass die PJ’ler Dienste übernehmen. Welche andere Berufsgruppe würde sich damit zufrieden geben?

Es geht mir nicht nur um das Geld und die Höhe. Aber es geht darum, dass durch die angemessene Bezahlung der geleisteten Arbeit auch ein gewisser Wert und eine Wertschätzung zuteil wird. Wer für 1,25 Euro durch die Gänge huscht und sich durch teilweise lange und stressige Arbeitstage kämpfen muss, der verliert schnell den Glauben an das Gesundheitssystem, an seine Berufung und an die Lust auf das spätere Leben in der Klinik.

Wo bleibt dieses Gefühl von „ich leiste etwas, also werde ich auch angemessen entlohnt„? Oder zumindest, um die Miete mit dem Lohn für unsere Arbeit bezahlen zu können? Wie wäre es mit 7 bis 8 Euro Stundenlohn als ein schönes Zeichen an uns Studenten und die Arbeit, die wir jeden Tag aufs Neue erbringen. Oder?

 – Orthopaedix