Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Wähle deine Worte – Krankenhaus-Insider I

Ich möchte auspacken. Wie pure Wahrheit ans Tageslicht zerren. Reinen Wein einschenken. Warnungen herausgeben. Vorwarnen. Und zum schmunzeln anregen. Deswegen, Vorhang auf und heraus mit ein paar Insidern aus dem Klinikalltag.

Doch vorweg eine kurze „Vorwarnung“: es geht hier weder darum Patienten von oben herab zu betrachten, noch darum, dass die Ärzte alle raffgierige Vollhonks sind – ich erzähle einiges absichtlich über- und zugespitzt, um es interessanter zu machen. Nehmt deshalb nicht alle Worte als bare Münze, sondern denkt euch, was wohl zwischen den Zeilen gemeint sein könnte. Anschnallen und los gehts! Heute: Wähle deine Worte!

Nehmen wir folgende Situation: ein Patient kommt in die Notaufnahme. Diese wird derzeit von einem gastroenterologischen Arzt abgedeckt. Der zuständige Arzt befragt den Patienten nach dessen Symptome, untersucht ihn und entscheidet dann, wie es mit dem Patienten weitergeht (oder in welche Richtung er den Patienten beim Oberarzt vorstellt, damit dieser „richtig“ entscheidet). Diese Entscheidung gibt dem Arzt, dem Oberarzt und ggf. dem Chef eine gewisse Macht über den Patienten bzw. wie es mit ihm weitergehen soll. Fallen im Gespräch mit dem Patienten bestimmte Stichworte, so löst der Patient umgehend sein „Ticket“ für bestimmte Untersuchungen.
In unserem Beispiel sagt der Patient: „manchmal zieht es mir von hier (er zeigt auf die Magengegend unterhalb des Brustbeines) nach oben (er deutet auf das Brustbein)“. Damit hat er bei den Gastroenterologen seine Magenspiegelung und seine Protonenpumpeninhibitoren gegen mögliches Sodbrennen (Reflux) fast schon sicher gebucht.
Lassen wir einen anderen Patienten zu einem kardiologischen Notaufnahmearzt kommen. Hört dieser die Worte: „also Herr Doktor, ab und zu, ja, da verspüre ich schon einen Druck auf der Brust und bekomme schlechter Luft“. Das war der Freifahrtschein für einen Herzkatheter!

Je nach Klinikpolitik und Einstellung der Chefs geht der Übergang von geäußertem Symptom zur Untersuchung relativ schnell über die Bühne und hastenichtgesehen liegt der Patient in der entsprechenden Diagnostik und wird durchgecheckt.

Gründe hierfür gibt es viele. Natürlich sind die Untersuchungen indiziert und berechtigt. Sonst würde es die Krankenkasse ja auch gar nicht bezahlen. Schließlich muss man abklären, ob es bei den geäußerten Beschwerden einen organisch-auffälligen Befund gibt, den man beheben und heilen kann.

Vielleicht trägt aber auch das heutige Gesundheitssystem dazu bei, dass manche Schranken und Entscheidungen zu Untersuchungen schneller fallen, weil nur durch diese der stationäre Aufenthalt und Diagnostik unter einem Dach (anstelle von Rumgerenne zwischen diversen Praxen) gegenüber der Krankenkasse gerechtfertigt werden kann. Zusätzlich wird von vielen Seiten (auch den Krankenkassen) gleichzeitig erwartet, dass bei Äußerung der Symptome diese weiter abgeklärt werden. Nicht selten kommt es sonst zu Rückfragen nach dem Motto: „wenn der Patient schon sagt, dass er ein Druckgefühl hat, warum klären Sie das dann nicht ab?“ – und hier zählt das Argument „der Patient hatte es nur ein einziges Mal, ist 83 Jahre alt und ist außerdem ganz froh, dass er schnell wieder nach Hause zu seiner Familie darf“ nicht. Und ja, man kann es nicht verschweigen: manchmal spielt auch das Geld eine Rolle. Das ist nicht zu bestreiten.

Deswegen: wähle deine Worte mit Bedacht, solltest du nicht wollen, dass eine Diagnostik-Maschinerie los rollt, die deine geäußerten Symptome sofort als gravierend auffasst und sich dazu gezwungen sieht alle möglichen Möglichkeiten abzuklären. Außer, du willst, dass du von Kopf bis Fuß durchgecheckt wirst. 🙂

– Orthopaedix


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Arzt an Bord?!

Jeder Medizinstudent kennt sie, die große Heldenstory unserer Profession. Sie handelt von einem Kugelschreiber, einem Luftballon, 38.000 Fuß Höhe über NN und einem beherzten Arzt, der ein Leben rettet. Mit einem Kugelschreiber und einem Luftballon. In 39.000 Fuß Höhe. Immer mal wieder wird sie uns in einer Vorlesung oder einem Seminar erzählt und wir sitzen da und wünschen uns heimlich auch einmal ein solcher Held zu sein – und büffeln weiter.

Und dann kam er endlich, unser großer Auftritt. Vor zwei Wochen, auf dem Flug in den Urlaub. Irgendwo auf halber Strecke zwischen Stuttgart und Antalya bricht einige Reihen hinter mir und Orthopaedix ein Mann in seinem Sitz zusammen. Es bricht ein bisschen Panik aus und die kleine Tochter des unbekannten Patienten kreischt: „Hilfe! Wir brauchen einen Arzt, wir brauchen einen Arzt!“ Keine Minute später wird der Aufruf auch über den Bordlautsprecher wiederholt.

Wir sehen uns an. Jetzt haben wir ein bisschen Panik. Was sollen wir tun? Uns melden? Immerhin haben wir jetzt 10 Semester lange Medizin studiert. Irgendwie sind wir sogar fertig, denn bis das PJ beginnt sind es nur noch zwei Wochen. Und dann ist das doch genau unser Job: Menschen zu helfen. Aber statt wagemutig einen Kugelschreiber zu greifen, sind wir fast ein bisschen gelähmt.

Der Mann scheint fraglich bei Bewusstsein zu sein, ist blass und hat Schaum vor dem Mund. Wir überlegen, was denn überhaupt die Ursache sein könnte. Herzinfarkt? Lungenembolie? Unterzucker? Eigentlich haben wir keine Ahnung. Natürlich haben wir das alles mal gelernt, Erste Hilfe Kurs und sogar ein Fach namens „Notfallmedizin“ besucht. Wir sind bestens gerüstet, können Puppen intubieren und Unfallopfer aus ihren Wagen befreien. Nur – was hilft uns das jetzt? Weiterlesen