Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..


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Wie ein richtiger Arzt

Bevor ich es überhaupt richtig mitbekommen habe, ist plötzlich das letzte Tertial über mich hereingebrochen. Und das gleich richtig! Ihr habt es daran gemerkt, dass in den letzten Wochen nichts von mir zu lesen war. Wofür ich mich hiermit auch herzlich entschuldigen möchte.

Die Innere ist einfach anders. Manche sagen, sie wäre die einzig wahre Form der Medizin. So weit würde ich nicht gehen, aber zumindest während des PJs habe ich in der Inneren zum ersten Mal das Gefühl richtig Medizin zu machen.

Das fängt schon damit an, dass ich am ersten Tag meines Innere-Tertials nach fast 30 langen Wochen endlich mein Stethoskop aus den dunklen Tiefen meines Spinds befreien konnte. In der Gyn beschränkte sich die Untersuchung auf die Geschlechtsorgane und damit für mich vornehmlich aufs Zuschauen. Und selbst wenn, bei der Untersuchung der Brustdrüse hilft ein Stethoskop nicht sonderlich weiter. In der Chirurgie hatte ich tatsächlich 2 oder 3 Mal einen Bauch abgehört. Irgendwo im Stationsstützpunkt hing dafür auch Stethoskop, an dem sich jeder bediente, wenn es denn tatsächlich von Nöten war.

Jetzt aber, jetzt ringelt sich schick der blaue Schlauch auf der stolzgeschwellten Brust und ich mache so aufregende Dinge wie Herzgeräusche bis in die Achselhöhle zu verfolgen. Ich verzweifle fast am Unterschied von Rasselgeräuschen und Knistern über der Lunge und trotzdem ist es toll. Mit dem Stethoskop um den Hals fühlt man sich schon fast kompetent. Und wird tatsächlich auch anders wahrgenommen.

Letzteres mag vielleicht auch am langen weißen Kittel liegen, der in der Inneren effektvoll hinter mit herflattert. Wenn du dreimal am Tag in den OP und wieder zurück musst, ist jedes zusätzliche Kleidungsstück in der Umkleide nur lästig. Aber jetzt stehe ich vor dem Problem, wohin mit den ganzen tollen Utensilien, wenn nicht in die Kitteltaschen. Dank Stauschlauch, EKG-Lineal, Lampe, Stationsliste(n), Arzneimittelpocket und tausend anderen Kleinigkeiten quellen die Taschen beinahe über. Und wie gesagt, wenn ich mit Kittel und Stethoskop das Patientenzimmer betrete, dann werde ich immerhin nur noch von der Hälfte der Patienten mit „Ah, Schwester, gut, dass Sie kommen!“ begrüßt. Kleider machen nunmal Leute.

Aber es ist nicht nur das Äußere. Innere-PJ in Unserer Kleinen Klinik bedeutet tatsächlich fast vollwertige Mitarbeit. Das reicht von der Aufnahme und Untersuchung der Patienten, über die Anmeldung von Untersuchungen, die Visisten bis hin zum Briefe schreiben. Ich tue genau das, was die Stationsärzte auch tun, ich habe sogar meine eigenen Patienten, für die ich verantwortlich bin. Natürlich ist stets ein Assistent in der Nähe, den man fragen kann und der das Ganze nochmals absegnet, aber genau so soll es ja auch sein. Und genau so lernt man ja auch überhaupt etwas.

Es ist etwas völlig anderes zu wissen, womit man einen Bluthochdruck so alles theoretisch behandeln könnte. Aber wenn du dir mal ganz gezielt und praktisch überlegen musst, was du denn in welcher Dosierung bei den patienteneigenen Nebenerkrankungen tatsächlich als erste Wahl verschreibst… Sagen wir mal, ich bin froh, dass mir da jemand auf die Finger schaut. Und dann macht es Spaß, sehr viel sogar.

Aber mit den Rechten kommen auch die Pflichten und so endet der Tag eben erst, wenn die Entlassungen für den kommenden Tag vorbereitet sind und die Röntgenbilder besprochen und nicht, wenn der Zeiger auf die 4 rückt. Aber auch die Überstunden gehören zum „richtigen Arzt-Sein“ wohl dazu.

– Spekulantin


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Asterix und Obelix

Ein ganzes Tertial lang habe ich sie „Hanni und Nanni“ genannt. Weil sie am liebsten immer alles zusammen machen und im OP irgendwie nur glücklich wirken, wenn der eine dem anderen die Haken hält. Und dann kommt die neue PJlerin und trifft mit ihrer Einschätzung den Nagel noch tausendmal mehr auf den Kopf: „Mein Gott, die beiden sind wie Asterix und Obelix.“

Das ist es! Ganz genau! Auch wenn sie stets zusammenstecken, sind sie doch zwei ganz unterschiedliche Charaktere. Und auch rein optisch hat sie damit irgendwie den Nagel auf den Kopf getroffen.
Von wem ich rede? Von den beiden Oberärzten in der Chirurgie.

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Da wäre also zum einen Asterix, der leitende Oberarzt:
Klein, drahtig, fehlt nur noch der passende Helm. Und er hat diese leicht nervöse, übersprudelnde Energie und Begeisterung, wenn es um seine Arbeit geht.

So taucht er eines Morgens plötzlich hüpfend auf dem Stationsflur auf. Ich denke, ich sehe nicht recht, als er sich nach ein paar großen Sprüngen auf dem rechten Bein ein bisschen außer Atem am Türrahmen festhält und einfach zur Tagesordnung übergeht. Erst als ihm die etwas entgeisterten Blicke auffallen, unterbricht er sich und winkt ab. „Ach, das sind nur wieder die Schmerzen im Fuß. Hatte ich schon einmal. Bone Bruise. Es geht schon. Ich habe nachher gleich einen Termin unten in der Radiologie.“ Sprichts, wirft einen letzten Blick auf den Stationsplan und hüpft los zur Intensivvisite. Wir schauen uns nur kopfschüttelnd an.

In der Ambulnaz treibt er ein paar Krücken auf, der radiologische Befund ist nicht eindeutig, den Fuß kann er nicht belasten. Aber das alles hält ihn nicht davon ab sein Tagwerk zu tun. Und so steht er 2 Stunden später im OP zu einer Struma-OP. Einbeinig. Trotz Trittstufe, die er bei seiner Größe braucht. Und jedes Mal wenn er das Gewicht verlagert, verzieht er vor Schmerzen das Gesicht und sagt im selben Moment: „Alles gut, alles gut.“ Und macht weiter.

Die Visite in diesen Tagen ist ein echtes Erlebnis. Vorweg die Schwester, die die Türen öffnet. Geht ja schlecht mit Krücken. Dann Asterix hinterher, humpelnd und hüpfend, weil er sich mit den Krücken nicht so recht anfreunden kann. Der Assistenzarzt mit den Kurven und ich mit der Stationstafel. Die trägt Asterix sonst selbst stolz vor sich her, aber er hat ja keine Hand frei. Gleich die erste Patientin, die ihn so sieht schlägt buchstäblich die Hände über dem Kopf zusammen. Offenbar macht ein Arzt auf Krücken keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck, wenn es um die eigene Heilung geht. Überhaupt dreht sich die Visite deutlich mehr um sein Befinden, als um das der Patienten.
Eine Woche hält er das tapfer durch – operiert, visitiert, macht Hintergrund-Dienste – bis es plötzlich besser wird. Die Hingabe und Begeisterung für seine Arbeit sind ihm nicht zu nehmen. Auch nicht durch so Kleinigkeiten wie 39°C Fieber samt Atemwegsinfekt. Er funktioniert ein bisschen wie ein Stehaufmännchen.

Seine wahre Leidenschaft ist der OP. Und auch da scheut er wirklich keine Mühen. So operiert er die transanale Vollwandresektion auf Grund schlechter Sichtverhältnisse am Ende kniend auf dem Boden. Die OP-Schwester bietet ihm etwa 3 mal an, den Tisch nach oben zu fahren, damit er sich wieder setzen kann, aber er lehnt ab. Am Ende zwinkert er mir zu und meint: „Qualität kommt schließlich von Qual.“ Amen.

Aber er hat auch noch eine andere Seite. Weiterlesen


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Little Miss Perfect – Teil 1

Zum Abschied blinzelt sie mich treuherzig an und sagt einen wahrhaft legendären Satz: „Ich hoffe ich war nicht zu anstrengend.“ Für einen Moment bin ich einfach nur sprachlos. Hinter ihrem Rücken sitzt meine Lieblingsschwester und grinst mich sehr breit und ein bisschen herausfordernd an. Aber am Ende bin ich zu nett für die ehrliche Antwort und zu ehrlich für die nette Antwort und übergehe den Satz einfach gekonnt, indem ich meiner (Ex-)Mit-PJlerin viel Spaß in der Schweiz wünsche. Wenn sie es merkt, lässt sie es sich zumindest nicht anmerken.

Dabei hat es gar nicht so schlecht angefangen. Mein erster Eindruck von Little Miss Perfekt lässt sich in drei Worte fassen: Klein, blond, motiviert. Aber eigentlich nicht unsympathisch. Vielleicht ein bisschen zu enegriegeladen für meinen Geschmack. Und es dauert auch zwei bis drei Wochen, bevor mir das Muster zum ersten Mal auffällt.

Zuerst ist es das Blutabnehmen: Ich komme morgens auf Station und stelle fest, dass das Blutentnahme-Tablett weg ist. Zwei Minuten später stolpere ich über Little Miss Perfect, die mir einen fröhlichen guten Morgen wünscht und die Blutröhrchen im Ausgangsfach deponiert. Sie hat meine ganze Station gemacht. Und ihre wohl auch schon. „Ja, war nicht so viel bei mir heute. Ich dachte, ich helf dir.“ Nett von ihr. Nachdem wir das Spiel eine Woche lang jeden Morgen gespielt haben und ich so langsam aber sicher anfange mich überflüssig zu fühlen, versuche ich das zu klären. Dass wir doch beide später kommen können, wenn wir morgens immer so gut durchkommen. Der Vorschlag stößt auf taube Ohren. Also komme ich eben früher. Aber es ist wie in der Geschichte von Hase und Igel. Egal wann ich komme, sie ist immer schon da und lächelt und macht meine Arbeit.

Nach 2 Wochen platzt mir der Kragen und ich versuche ihr klar zu machen, dass das zwar nett von ihr ist – danke vielmals, wirklich – aber ich sehr wohl in der Lage bin, meine Aufgaben selbst zu erledigen (verdammt nochmal!). Sie lächelt und nickt und entschuldigt sich – und ist trotzdem jeden Morgen vor mir da.
Ich gebe es auf, bzw. richte mir ein zweites Tablett und kann sie immerhin dazu bewegen nicht alle Röhrchen mitzunehmen, wenn sie loszieht. Nennen wir es eine Art Waffenstillstand. Und ich habe so langsam wirklich keine Lust mehr zu streiten.

Außerdem brauche ich die Kraft gegen ihren übermotivierten Dickschädel inzwischen an anderer Front. Weiterlesen