Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Wirklich das Beste? Niedergelassene Fachärzte

5 Kommentare

Hier in der Schweiz gibt es wenige niedergelassene Fachärzte; insbesondere in meinem Fachgebiet (Orthopädie) sind die Kollegen nicht so häufig in einer Praxis niedergelassen wie es in Deutschland der Fall ist. Vielmehr sind wir in den Spitälern angestellt und haben dort unsere Sprechstunden, OPs, stationären und ambulanten Patienten. In Deutschland ist es häufig so, dass man sich nach der Facharztausbildung aus der Klinik verabschiedet und in einer Praxis (zumeist Gemeinschaftspraxen) niederlässt. Die Vorteile liegen auf der Hand: keine Dienste mehr, kein stressiger Klinikalltag, man ist sein eigener Herr und kann in der Praxis tun und lassen, was man möchte, keine vorgeschriebenen Fallzahlen, etc etc. Nachteil: viele der niedergelassenen Kollegen sind nur noch rein konservativ – sprich: ohne Operationen durchzuführen – tätig und überweisen für nötige Operationen an nahegelegene Kliniken und deren dort tätige chirurgisch tätigen Orthopäden.

Genau hier finde ich beginnt es kritisch zu werden. Für den Patienten, der plötzlich von einem anderen Orthopäden operiert werden soll als er vorher und nach der Operation betreut wird. Schon stehen zwei Ärzte auf der Matte – und wie sagt das Sprichwort meist so treffend: „zwei Ärzte, drei Meinungen“. Zudem besteht prinzipiell eine ökonomisch getriggerte Gefahr: stellt euch vor ihr seid (vielleicht sogar Privat-) Patient bei einem rein konservativ tätigen niedergelassenen Orthopäden. Dieser verdient mit eurer Behandlung Geld (aussenvorgelassen, dass es Pauschalbeträge pro Quartal gibt und die Abrechnung ein Thema für sich ist). D.h. je regelmässiger er euch einbestellt (z.B. einmal im Quartal) um den Verlauf zu kontrollieren oder je öfter ihr um einen Termin verlangt, weil die Beschwerden mit den verordneten konservativen Methoden (Krankengymnastik, Massagen, Stosswellen…) nicht besser wurden, desto einträglicher für den Arzt. Versteht mich nicht falsch, aber auch ein Arzt muss in seiner Praxis finanziell gewinnbringend arbeiten – selbst wenn er nach bestem Wissen und Gewissen eure Behandlung durchführt.
Welchen Anreiz hat ein Niedergelassener also euch schnellstmöglich an ein Krankenhaus zur operativen Versorgung zu schicken? Eigentlich keines. Denn dann behandelt euch der Kollege und wenn es euch nach der OP gut geht, müsst ihr nicht mehr zu weiteren Kontrollen in der Praxis vorbeikommen. Überspitzt gesagt wäre es also am Sinnvollsten die Überweisung zur definitiven Therapie möglichst spät zu schreiben und vorher alle konservativen Möglichkeiten auszutesten. Vielleicht auch, weil der niedergelassene Kollege die modernen OP-Möglichkeiten gar nicht mehr kennt oder weiss, was man mit kleinen Eingriffen heute erreichen kann. Klar haben alle Ärzte eine Fortbildungspflicht – aber es ist etwas anderes, ob man auf Fortbildungen Vorträge hört oder selbst operiert und die Nachbetreuung und -behandlung mitverfolgt.

Meiner Meinung nach ist da ein System von im Spital angestellten Ärzten, die sowohl operativ als auch konservativ tätig sind, kein schlechtes System. Zu bedenken gibt es, dass der ökonomische Druck der Spitäler mehr auf ihnen lastet und möglicherweise die ein oder andere OP nicht aus medizinischen Überlegungen sondern aus ökonomischer Sicht durchgeführt werden könnte.

Der Spitalarzt bekommt sein Gehalt, unabhängig ob er den Patienten zwei, fünf oder zehnmal in seiner Sprechstunde sieht (bei Privatpatienten gibt es noch ein Honorar zusätzlich). Das heisst er muss sich prinzipiell nicht darum kümmern den Patienten an sich zu  binden und ist damit möglicherweise freier in der Wahl der möglichen Therapie. Er kann sowohl konservative Möglichkeiten ausnutzen als auch operative Lösungen vorschlagen, die der Patient dann aus einer  (nämlich seiner) Hand erhält. Zudem überblickt er das operative Spektrum und weiss mit welchen Ergebnissen er rechnen kann. Und da die Nachbehandlung und -betreuung wieder durch ihn erfolgt, hat er auch Erfahrung, was im Rahmen des Normalen ist und wo die Heilung unplanmässig verläuft (und kann dann auch wieder einschreiten ohne an einen Kollegen woanders verweisen zu müssen, der die Vorgeschichte nicht kennt und miterlebt hat). Somit bekommt der Patient die gesamte Therapie aus einer Hand und hat seinen fixen Ansprechpartner, bei dem er davon ausgehen kann, dass es dem Arzt egal ist, ob der Patient zunächst Krankengymnastik und dann doch die empfohlene OP durchführen lassen will oder sich direkt zur empfohlenen OP entschliesst.

(Geschrieben aus der Erfahrung einer privatversicherten Bekannten heraus, die von  niedergelassenem Arzt zu niedergelassenem Arzt geschickt wurde und alle konservativen Therapien ohne Erfolg durchführen liess – bis endlich ein Arzt an einer Klinik die OP als einzig mögliche Behandlung mit Erfolgsaussicht ansprach und sie mit einem Eingriff schmerzfrei wurde)

Orthopaedix

 

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

5 Kommentare zu “Wirklich das Beste? Niedergelassene Fachärzte

  1. Andererseits ist es ja auch oft gut und erwünscht, erst nach Ausschöpfen angebrachter konservativer Möglichkeiten eine Operation anzugehen, die ja auch Risiken mit sich bringt. Eigentlich ist ja in Deutschland zumindest gerade das Problem sehr aktuell, dass aus monetären Beweggründen wahrscheinlich mehr operiert wird, als nötig wäre.
    ich habe in mehreren Kliniken orthopädische Belegärzte kennengelernt (übrigens auch in der Schweiz), die dann ihre Patienten im Krankenhaus operieren und dann teilweise weiter betreuen. Das ist dann wohl der Mittelweg…

    • Natürlich müssen erst konservative Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden. Nur leider wird wohl der Zeitpunkt, an dem man sich eingestehen muss, dass es ohne OP nicht mehr geht, oftmals verpasst (aus welchen Gründen auch immer, oben sind ja einige angeführt). Und um ein praktisches Alltagsbeispiel zu nennen: wenn das Profil eines Autoreifens abgefahren ist, dann bringt es nichts, wenn der Mechaniker neue Luft reinpumpt. Irgendwann muss der Reifen einfach gewechselt werden.

      Belegärzte ist ein guter Mittelweg – wobei hier natürlich die ökonomischen Beweggründe ganz besonders beachtet werden müssen. Ein Belegarzt, der einen Tag die Woche einen OP-Saal angemietet hat, wird diesen finanzieren müssen und wenn man weiss, was man mit den Eingriffen verdienen kann…. uiui. Aber ja, diese Möglichkeit ist wohl eine sinnvolle Lösung zwischen rein konservativ tätigen Kollegen und denen in der Klinik.

  2. Konservative Möglichkeiten ausschöpfen… mein persönlicher Albtraum als Patient mit kaputtem Knie. Alle Befunde liegen vor, von Röntgen über CT, MRT und Arthroskopie… Ergebnis der Klinik eindeutig: es steht eine TEP an. Mein behandelnder (niedergelassener) Orthopäde möchte jedoch lieber noch hier ein wenig Ultraschall anwenden und dort ein bisschen nadeln. Da hier im Raum gute Orthopäden für Kassenpatienten rar sind, halte ich durch, verlege mich auf Betteln und zweifele an meinem Verstand 😦

    • Ein Reifen ohne Profil wird nicht mehr Profil bekommen, wenn man immer wieder versucht Luft reinzupumpen! Ab zum anderen Arzt. Arthrose kann man nicht „heilen“. Man kann nur den Leidensdruck (Symptome) reduzieren. Aber es läuft zwangsläufig auf eine OP hinaus. Die Frage ist nur, wann und wie sehr du bisher einegschränkt bist und leidest. Zu lange warten sollte man auch nicht, denn dann wird die OP nur schwerer. Toitoitoi dir!

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