Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Gastartikel: Stellensuche für Jungärzte (Teil 2)

3 Kommentare

Nach Teil 1 des Ratgebers zur Stellensuche für Jungärzte/Jungärztinnen erklärt uns @pescum heute, worauf man achten soll, wenn der große Moment gekommen ist und man sich in der Klinik vorstellt. Viel Spaß beim Lesen!

Vorstellungsgespräch:

Nach allgemeinem Geplänkel über das Wetter, Fragen nach Anreise und Unterkunft, erklären Sie Dir oft die zahlreichen Vorteile von Stadt, Region und natürlich, was ihre Klinik Dir alles zu bieten hat. Manche sind sehr ehrlich und zählen auch Nachteile auf, damit Du weißt, worauf Du dich einlässt. Manche versuchen Dir eine heile Welt vorzugaukeln, obwohl dort das absolute Chaos herrscht. Allein in der Hoffnung, Du bleibst nach unterschriebenem Vertrag und evtl. Umzug trotzdem dort. Da kannst Du Dir schon ausrechnen, wie ehrlich der Umgang später in anderen Fragen sein wird. Ich habe die verrücktesten Typen erlebt. Vorstellungsgespräche sind so verschieden wie die Menschen. Hör einfach auf Dein Gefühl, mit dem Du aus dem Gespräch raus gehst.

Hospitation:

Auch wenn Du Dich mit dem Chef noch so gut verstehst, hospitiere auf jeden Fall!
Und zwar nicht nur einen, sondern wenn irgend möglich zwei Tage oder länger. Deinen Partner/Deine Partnerin heiratest Du auch nicht nach dem ersten Date. Oft kann man eine Nacht kostenlos im Personalwohnheim unterkommen. Für einen Tag lässt sich sehr gut steuern, wen und was Du zu sehen bekommst und wen nicht. Je länger Du da bist, desto mehr verschiedene zukünftige Kollegen lernst Du kennen. Denn mit denen musst Du klar kommen, mit dem Chef wirst Du im Alltag wenig zu tun haben. Vermutlich wirst Du von einem der erfahrensten Assistenten herum geführt. Dem läuft alles easy von der Hand, schließlich macht er den Job schon seit Jahren. Für umso wichtiger halte ich es , sich mit anderen Anfängern zu unterhalten.
Wie war die Einarbeitung (in der Regel die ersten sechs Wochen)? Bekommt man genug Zeit, sich an die Abläufe in der Klinik zu gewöhnen? Bist Du in dieser Zeit auch wirklich nur in einer Abteilung oder musst Du an allen Ecken „mal schnell“ aushelfen, weil die Leute fehlen? Hat die Klinik einen strukturierten Weiterbildungsplan aus dem Du genau nachvollziehen kannst, wann Du in welcher Abteilung sein wirst und noch viel wichtiger: wird er auch eingehalten? Keine Klinik ist perfekt und Du wirst oft Kompromisse eingehen müssen. Falls Du es noch nicht bemerkt hast, wirst Du es spätestens während der Arbeit merken: der Umgangston in der Medizin ist rau. Man wird viel von Dir verlangen, umso wichtiger ist es, dass Du am Anfang Zeit hast, die Abläufe kennen zu lernen.

Überstunden

Viele Chefs erwarten, dass Du am Anfang Überstunden machst. Begründung: als Anfänger bist Du noch nicht eingearbeitet und brauchst für alles mehr Zeit. Diese Zeit musst Du eben am Abend länger bleiben. Beliebter Spruch: „als ich in Ihrem Alter war, habe ich am Wochenende sogar Akten mit nach Hause genommen.“ In manchen Häusern sind Überstunden generell verpönt und werden per Dekret von oben nicht aufgeschrieben.
Kurz gesagt: das ist rechtlich überhaupt nicht haltbar. Du arbeitest so lange wie im Vertrag vereinbart. Punkt. Und wenn der Datenschutzbeauftragte der Klinik mitbekommt, dass Du Akten aus dem Krankenhaus trägst, kriegt der ’nen Anfall. Das ist höchst bedenklich und kann Dir ’ne
Menge Ärger einbringen. Im Zweifel wusste der Chef von nichts. Ob Du das alles allerdings Deinem Arbeitgeber vorhälst, ist wieder eine andere Frage. Man möchte vielleicht wirklich gerne dort arbeiten und muss dafür die ein oder andere Kröte schlucken. Ich verweise auf oben, Thema ehrlicher Umgang mit den Mitarbeitern.

Kleiner rechtlicher Hinweis: Dein Arbeitgeber ist die Klinik bzw. der Chef der Personalabteilung. Mit ihm allein ist alles Vertragliche zu regeln. Der Klinikchef ist Dein Vorgesetzter. Natürlich solltest Du mit ihm trotzdem alles besprechen. Das gebietet die Fairness.

Dienstplanmodell

Lass es Dir erklären. In Famulatur und PJ wirst Du immer noch geschont. Vielleicht hast Du schon mal Wochenend- und Nachtdienste mitgemacht. Wirklich verstanden, was das bedeutet habe ich allerdings erst, nachdem ich einige Dienste selbst gemacht habe. 24 Stundenam Stück als einziger Arzt Deiner Fachrichtung in einer Klinik können sehr lang sein. Du kannst zwar Deinen „Hintergrund“ (Oberarzt) anrufen, der freut sich morgens um drei aber auch eher weniger, aus dem Schlaf gerissen zu werden und kann entsprechend pampig werden.
Ich persönlich habe durch Tätigkeiten in verschiedenen Hilfsorganisationen den Eindruck gewonnen, dass kirchliche und soziale Unternehmen nach aussen gerne mit ihren Wohltaten, Nächstenliebe und ihrem guten Ruf werben, die Arbeitsverträge mit den Mitarbeitern aber genauso hart oder noch härter als in privaten Kliniken sind. Noch am besten waren die formalen Bedingungen in kommunalen und städtischen Krankenhäusern. Die findet man allerdings immer seltener.

Absage

Per Mail oder telefonisch. Bei der Sekretärin oder beim Chef. Je nachdem wie viel Dir daran liegt. Eine meiner Stellenabsagen war zum Beispiel das angenehmste Gespräch, das ich je mit einem Chefarzt hatte. Er hat sich tierisch gefreut, dass jemand überhaupt noch den Anstand hat, persönlich abzusagen und ihm die Gründe dafür mitzuteilen. Allgemein empfehle ich dringend, sich immer im Guten zu trennen. Die Welt der Medizin ist klein und man sieht sich früher oder später irgendwo, irgendwann wieder.

Weitere Hintergrundinfos zu Tarifverträgen und Arbeitgebern bieten z.B. die Ärztegewerkschaften Marburger- und Hartmannbund. Hier erhält man von Anwälten für Arbeitsrecht eine Einordnung des angebotenen Arbeitsvertrages. Auch kennen die oft ihre Pappenheimer. Also Kliniken, mit denen es z.B. öfter Ärger gibt oder die sich sehr Arbeitnehmer freundlich verhalten. Die Mitgliedschaft in den Gewerkschaften ist für Medizinstudenten kostenlos. Als Assistenzarzt kostet es je nach Landesverband einen Jahresbeitrag knapp unter Hundert Euro. Dafür gibt ’s u.a. kostenfreie Rechtsberatung. Für mich hat sich das schon mehr als bezahlt gemacht. Muss aber natürlich nicht jedem so ergehen. Einen ähnlichen Service bieten die Berufsverbände der Fachärzte.

Ein Anwalt der Gewerkschaft sagte mir mal: „verkaufen Sie sich nicht unter Wert! In Deutschland werden Ärzte wie Sie Hände ringend gesucht. Machen Sie sich nichts vor! Chefärzte nutzen Ihre Unerfahrenheit schamlos aus. Es herrscht Krieg da draussen!“ Ich lasse das mal so stehen. Mag sich jeder seine Gedanken dazu machen.

P.S.: Ja, ich verwende allgemein die maskuline Form. Mir ist bewusst, dass die Zukunft der Medizin weiblich ist und sowohl Nachwuchs als auch zukünftige Chefinnen in der Mehrheit sein werden. Es mag auch männliche Sekretäre geben (mir ist noch keiner begegnet). Ich habe Nichts gegen all das. Ich bin schlicht kein Fan von Gerundien, BinnenmajuskINNEN und wechselnden Geschlechtsforminnen, kurz allem, was den Lesefluss verkompliziert. Steinigt mich, nennt mich ein sexistisches Machoschwein. Und ja, Conchita Wurst hat zu Recht gewonnen, weil sie schlicht gut singen kann.

Mit diesem Fahrplan sollte der Bewerbung und der richtigen Stelle nichts mehr im Wege stehen, außer vielleicht der innere Schweinehund sich zu bewerben und aktiv auf die Suche zu machen. Danke an @pescum für diesen informativen Beitrag! Kommentare und Anmerkungen gerne in die Kommentare.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

3 Kommentare zu “Gastartikel: Stellensuche für Jungärzte (Teil 2)

  1. Interessanter Blog!

    Bzgl. der Anmerkung in deinem Text:
    Ich denke eh immer im generischen Maskulinum 😉

    Verwirrt sind dann nur manche Geschlechtsnazis^^, die es falsch finden, wenn ich von mir als „Student“ rede, wo ich doch eine „Studentin“ wäre ….

    Wenn man sonst keine Probleme hat.

    • Du bist Studierende 😉

      • Diese Bezeichnung hat sich unter den Student… äh Studierenden an meiner Uni noch nicht so durchgesetzt :))

        Ich finde es besonders schön, dass in meinem Bundesland der Gesetzgeber daran gedacht hat, im Kommunalrecht ständig sowohl die männliche als auch weibliche Bezeichnung zu benutzen (Bürgerinnen und Bürger); dadurch erhöht sich der Gesetzesumfang auch nur minimal und die Lesbarkeit der §§ verbessert sich enorm. *g*

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