Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

shit happens

4 Kommentare

OP-Tag. Wieder durfte ich im OP assistieren und mir meine (sich zu Ende neigende) freie Zeit zwischen Abschluss und Arbeitsbeginn finanzieren. Auf dem OP-Plan stand eine Hüft- und eine Knie-Prothese. Also von 8.30 Uhr bis ca. 13 Uhr, dann sind die OPs erfahrungsgemäß beendet und ein anderer Orthopäde hängt noch seine Hüft-Prothesen-OP ins Saalprogramm.

Die Hüfte beginnt ganz gut, dauert etwas länger als es sein müsste, was u.a. auch an der Art der Desinfektion liegt bzw. der Geschwindigkeit, mit der der Operateur diese auf beide Beine aufpinselt. Könnte man schneller machen, macht er aber nicht. Genussvoll auftragend – er muss derweil ja keines der schweren Männerbeine halten und darf dabei an keinen Tisch oder andere unsterile Stelle kommen. Nach knapp 2,5 Stunden ist der Patient erfolgreich desinfiziert, operiert und wieder aufgewacht, liegt im warmen Bettchen und unser Job ist done.
Bis hierhin: wenig shit happens.

(c) dr-rosenthal.de

Aber ab jetzt: viel shit happens.
Weil der Patient schwache Bänder am Knie hat, sollte er eine sogenannte „gekoppelte Prothese“ bekommen, also eine, bei der das obere Stück vom Oberschenkelknochen mit dem des Unterschenkelknochens über eine Art Gelenk fest verbunden ist (im Gegensatz zu einem künstlichen Oberflächenersatz, der bei guter Bandführung verwendet werden kann).

Das Sieb (so nennt man den „Koffer“, in dem das Werkzeug für die OPs sterilisiert und in den OP gebracht wird) für die Knie-Prothese wurde vom Hersteller nicht an die Klinik geliefert, denn die Firma tippte als Lieferadresse einen Buchstabendreher und schickte unser bestelltes Sieb fast 800 km entfernt in eine andere Klinik (ob die überhaupt Kniegelenke operieren? Das stelle ich mir lustig vor, wenn die dort ein Paket erhalten und ganz verdutzt das Sieb mit den Prothesen öffnen).

Ersatz muss her, der Patient ist schließlich „bestellt“ (also in den OP abgerufen), die Anästhesie beginnt bereits mit ihrer Vorbereitung. Wir warten 1,5h, bis das Sieb mit den richtigen Werkzeugen und Prothesen per Express vom Herstellerlager an die Klinik geliefert ist, bis wir mit der OP beginnen können – im Tagesplan viel zu spät!

Die Operation gestaltet sich aufgrund des deutlichen Befundes des Patienten ein wenig kompliziert, eine Vertreterin der Firma ist mit im OP und sollte mit Rat zur Seite stehen. Stattdessen wird sie nach der Fehlbestellung mit einem weiteren „shit happens“ den OP-Tag komplett über den Haufen werfen. Aber der Reihe nach.
Wir fräsen die Knochen nach Anleitung, wollen die Probeprothese aufsetzen – und merken, wie diese nicht passt. Auf der einen Seite zu wenig abgesägt. Trotz Sägelehre? Sonderbar. Manuell basteln wir alles an seinen richtigen Platz, feilen und sägen noch ein wenig nach, bis alles perfekt passt und sitzt. Nach der Probeprothese öffnet man dann die definitive und baut diese ein. Also verlangt der Operateur nach Größe 8, die Vertreterin packt diese auf dem Karton und hält nun eine in zwei Folien eingeschweißte Prothese in der Hand.

Vielmehr: wollte sie in der Hand halten“. Denn stattdessen lässt sie die Prothese fallen. Mit einem Plumps landet sie krachend auf dem Boden. Noch bemerken wir zwei am Tisch nichts von diesem Missgeschick und wundern uns nur über den kurzen Lärm im Saal. Aber auf Seiten der Instrumentenschwester, die die Prothese steril annehmen wollte, und der Springerin, die unsteril im OP ist, wird es hektisch und unruhig. Also drehen wir uns doch dem Geschehen zu und lassen unser schön vorbereitetes Knie Knie sein. Was denn passiert sei?

Nach dem Übergeben der Prothese (die sterile Instrumentenschwester nimmt die Prothese aus der Verschweißung), kontrolliert sie, ob die Verpackung auch wirklich keine Löcher hat, denn dann wäre die Prothese nicht mehr steril und dürfte nicht eingebaut werden, weil man Gefahr liefe, dass sich Bakterien auf der Prothese abgesiedelt hätten, die dann eine Protheseninfektion hervorrufen – weder für den Operateur noch für den Patienten eine schöne Sache. Und weil heute „shit happens“-Tag ist, entdeckt die Vertreterin, der die Prothese gerade noch auf den Boden gefallen war, ein kleines Loch in der Plastikumhüllung. Faktisch ist damit die Sterilität der Prothese nicht mehr gewährleistet, Bakterien könnten sich auf der Prothese anheften, vermehren und eine Infektion hervorrufen.

Ratlosigkeit macht sich breit, mangelt es doch an einem Ersatz in der benötigten Größe. Was nun?

Zunächst versuchen wir eine Nummer größer als Probe einzusetzen, die aber zu groß ist. Also brauchen wir zwingend eine neue Prothese der richtigen Größe – steril! Option wäre die gerade ausgepackte in die Sterilisation zu senden, ca 2-3 Stunden zu warten und dann neu sterilisiert einzubauen. Problem: die Steri der Klinik macht keine Prothesensterilisation (zu aufwändig, zu selten,…). Es bräuchte also einen Transfer in die Uniklinik und noch mehr Zeit. Schneller ginge es mit Plasma-Sterilisation, ein besonderes Verfahren, das in der Klinik aber auch nicht verfügbar ist. Option drei: neue Prothese organisieren. Es liegt nun an der Vertreterin eine neue Prothese zu suchen und diese schnellstmöglich an die Klinik zu bringen – im ca. 100 Kilometer entfernten Klinikum wird sie telefonisch fündig, dort gäbe eine gleiche Prothese auf Vorrat, die entbehrt werden könne.

Das bedeutet für uns: Blutsperre des Beines öffnen, Blutungen stillen und dann 1,5h Wartezeit, in der zunächst wir Operateure unsteril Wasserhaushalt auffüllen gehen und eine halbe Mohnschnecke gesponsort bekommen. Danach löse ich die Instrumentenschwester ab, die sich unsteril macht und trinken geht, während ich die Stellung am Tisch halte.

Bis kurz vor 16 Uhr endlich die Ersatzprothese per Taxi-Express (Berufsverkehr, Autobahnstau und dergleichen – wenn schon, denn schon) in der Klinik eintrifft und wir den Eingriff (schließlich erfolgreich) beenden können. Der geplante nächste OP-Punkt des Tages im Saal wird um 16 Uhr abgesagt; um diese Uhrzeit werden in dieser Klinik nur noch Notfälle aufgelegt. Kein Wunder ist der Doc, der die Prothese hätte operieren wollen, leicht stinkig (und ruft mich abends an, um sich zu erkundigen, was denn da so schief lief). Immerhin ist das ein elektiver Punkt, der Patient extra für die OP in die Klinik bestellt etc etc. Nervig. Aber es war von niemanden mit Absicht gemacht (hoffe ich 😀 ).

Um 16.15 Uhr ist die Wunde versorgt. Fehlt nur noch, dass der Patient aufwacht und wir ihn ins Bett umlagern können, dann wäre auch für mich Feierabend. Aber nicht zu früh freuen, der Patient schläft den Schlaf der Gerechten und lässt sich trotz minimaler Narkotika-Gabe intraoperativ erst nach 45min wecken (!). Damit verlasse ich den OP um 17.15 Uhr.

Ich mache mir inzwischen Gedanken, ob ich ein schlechtes OP-Karma habe oder einfach nur zur falschen/richtigen Zeit am falschen/richtigen Ort bin (immerhin ist sowas ein Erlebnis, von dem man immer wieder erzählen kann). Spaß hat es trotz allem gemacht, auch wenn das Erfolgserlebnis schnell und effektiv gearbeitet zu haben, sich nicht einstellen wollte. Klar, nach 9 Stunden für zwei Prothesen kein Wunder, oder?

Mal sehen, wie die nächsten laufen, Anfang Februar bin ich wieder beim anderen Doc und assistiere dessen Hüften. Bei ihm hatten wir das letzte Mal beinahe seinen Rekord geknackt und in 53min eine Prothese von Schnitt bis Naht eingebaut. Schlecht fürs Geld, gut für das Erfolgserlebnis 😉

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

4 Kommentare zu “shit happens

  1. Ist es denn nicht schaedlich fuer den patienten so lange unerwartet in narkose zu sein? Also irgendwelche nebenwirkungen.

    • eigentlich nicht, die heute verwendeten Narkosemittel sind recht unbedenklich. Ggf. dauert es bisschen länger aufzuwachen, aber Spätfolgen sind mir keine bekannt. Wobei man natürlich sagen muss, dass je kürzer die Narkose, desto besser und schonender für den Patienten.

  2. Ich finde den langen Narkosezeitraum auch krass. Ich nehme an, der Patient ist älter?
    Irgendwo hab ich letztens gesehen, dass man bei Eingriffen bei älteren Menschen – sofern möglich – keine Komplettanästhesie macht. Weil offenbar zu viele danach eine Art von Demenz entwickeln …
    Vielleicht hat ja auch die Vertreterin ein schlechtes Karma? Irgendwie erinnert mich das an die Geschichte mit dem Beatmungsgerät in dem Intensivstatipns-Film.

  3. Knie Prothese… Das war eine der 2 OP’s, an denen das kleine Oberschwesterchen in der Ausbildung auch bei war.
    (Notiz an Oberschwester Hildegard: Bericht über diese Situation schreiben.)

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