Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Routine-Aufnahme

5 Kommentare

Alltagsroutine der stationären Aufnahme eines Patientens auf der orthopädischen Station, wie ich sie in den letzten 15 Wochen beinahe täglich mehrfach durchlief. Die Sätze sind eingebrannt und werden jedes Mal beinahe wortwörtlich abgespult. Wie eine Schallplatte. Mit wechselnden Empfängern.

Ich suche mir das Zimmer, in dem der Patient sein Bett bezogen hat und, sollte ich Glück haben und gerade keine Pflegekraft deren Aufnahme mit ihm machen oder ihm Blut abzapfen, er bei der Prämedikation der Anästhesie oder sonstwo sitzen, mache ich mich auf den Weg zum Zimmer.

Klopf, Klopf. Eintreten.

Guten Morgen/Tag/Abend, ich suche Herrn/Frau XYZ. Ah, das sind Sie?! Orthopaedix mein Name. Ich müsste Sie noch untersuchen, auf Herz, Lunge und Bauch hören und das Gelenk* (*Hüfte, Schulter, Knie, Wirbelsäule…) untersuchen, damit Sie offiziell auf Station aufgenommen sind. Wollen Sie mir dazu bitte in das Untersuchungszimmer folgen?
Haben Sie eine Liste mit den Medikamenten, die Sie regelmäßig nehmen? Die könnten Sie mitnehmen, dann kann ich sie abschreiben… ach, die Pflege hat die bereits geklaut? Dann werde ich das von der Pflege abkopieren.

Wir marschieren los, je nach Distanz bis zum Untersuchungszimmer folgen diese Sätze incl. der ersten Musterung des Gangbildes und sonstiger Auffälligkeiten

Beim Narkosearzt waren Sie schon? Die Pflege war auch schon bei Ihnen? Ah, man siehts, Blut haben die Vampire auch schon abgezapft. Das geht hier heute Schlag auf Schlag, Langeweile wird nicht aufkommen!

Das Untersuchungszimmer betretend…

So, da sind wir. Nehmen Sie Platz, die Liege ist Ihre. Sie dürfen noch Sitzen, ich habe noch ein paar Fragen vorweg.

Ich setze mich an den PC und habe das Aufnahmeformular vorbereitet. Nach den ersten Wochen lief die „Anamneseerhebung“ dann in gekürzter Version.

Es geht bei Ihnen um (Blick auf den OP-Plan)…. das rechte Knie, die linke Hüfte, linke Schulter…?! Schonmal richtig.

Hat sich denn seit dem letzten Mal in der Sprechstunde noch irgendwas verändert an den Beschwerden? Schlimmer geworden?

Zusammenfassend aus dem kopierten Sprechstundenbericht…

Es sind also immer noch Schmerzen vor allem bei Belastung, in Ruhe weniger und Sie können im Alltag noch maximal 300m gehen? Ok, gut, das habe ich so notiert.

Dann geht es nahtlos in die Fragenrunde über, die ich im Aufnahmeformular ankreuzen muss.

Hatten Sie in den letzten 4 Wochen einen Infekt? Husten, Schnupfen, Fieber, Grippe?
Hatten Sie schon mal eine Thrombose oder Embolie?
Ist bei Ihnen eine Blutungsneigung bekannt? Also, dass Sie stark bluten, wenn Sie sich schneiden oder irgendwo anstoßen sofort große blaue Flecken entstehen?
Nehmen Sie blutverdünnende Medikamente wie Aspirin, Marcumar oder Plavix?
Haben Sie Allergien?
Haben Sie eine Infektion wie Hepatitis A, B, C oder HIV?
Wie groß sind Sie?
Wie schwer?
Rauchen Sie? Wie viele und wie lange schon? (–> siehe „pack years„)
Trinken Sie Alkohol? Wie viel?

Welche Medikamente nehmen Sie regelmäßig?

So, dann haben wir schon alle Fragen, jetzt würde ich auf Herz, Lunge und Bauch hören und dann haben wir es gleich geschafft.

Meist ließ sich das sog. „Kassendreieck“ für das Abhören des Herzens ausnutzen: einfach oben in den Ausschnitt des Shirts/Tops greifend, ohne dass der Patient sein Oberteil ausziehen musste (zugegebenermaßen ist dies nur in der Ortho erlaubt, wo sehr sehr selten Herzprobleme vorhanden sind und der Stationsinternist sowieso selbst auskultieren wollte).

(C) vtc.vt.edu

Jetzt setze ich mich neben Sie und höre auf Ihre Lungen, dazu müssten wir das Oberteil nach oben schieben und Sie atmen bitte mit offenem Mund ein und aus* (*wahlweise auf schwyzerdütsch: … und Sie schnufe bitte tüf iin und uuus).

Wenn ich hier klopfe (Ich klopfe die Wirbelsäule und Nierenbecken ab), tut da was weh?

Aus der Kitteltasche krame ich meine Leuchte und stelle mich vor den Patienten

So, jetzt leuchte ich in Ihre Augen, dazu müssten Sie bitte kurz die Brille absetzen und mir auf die Nasenspitze schauen.*
* bei schlechtem Wetter: das ist leider das einzig Leuchtende heute bei diesem tristen Wetter.

Während ich die Lampe zurückstecke…

Können Sie die Backen aufblasen wie ein Trompetenspieler? Gut, und die Stirn runzeln? Und die Zunge rausstrecken?

Nicht erschrecken, ich drücke jetzt in ihrem Gesicht, tut da was weh?

Es werden nun die Austrittspunkte der Hirnnervenäste ober- und unterhalb des Auges sowie am Kinn überprüft. Im Anschluss erfolgt die Prüfung der Halslymphknoten.

Dann schauen wir nach den Lymphknoten…..

Schließlich folgt die Prüfung der Sensibilität und Kraft, dabei streiche ich auf beiden Seite an der Oberarmaußenseite, – innenseite und gleiches auch am Unterarm.

Vom Gefühl her, sind da beide Seiten gleich? Und hier? Und da auch? Geben Sie mir mal beide Hände und drücken Sie ohne meine Hand zu brechen zu.

Nun geht es mit gleichem Prozedere am Bein weiter.

Vom Gefühl her, beide Seiten auch hier gleich? Und hier? Und hier?

Ich taste nach den Fusspulsen. Danach lasse ich die Füße gegen Widerstand anziehen.

Ziehen Sie mal die Füße nach oben. Und strecken Sie jetzt mal das Bein aus. Und hier auch. Und jetzt den Oberschenkel zur Decke. Und hier auch.

Nun folgt abhängig dem zu untersuchenden Gelenk meist das Entkleiden der Hose und das Prüfen auf Gangbild, Beckengeradstand, Einbein- und Zehen/Hakenstand,… danach muss sich der Patient auf den Rücken legen und ich kann den Bauch abhören.

Ich höre jetzt noch auf den Bauch, ob Sie das Mittagessen auch verdient haben…..oh, da schafft aber jemand fleißig.

Dann schauen wir jetzt mal nach dem Gelenk. Wenn irgendwas weh tut, sagen Sie mir bitte sofort Bescheid. Tut es weh, wenn ich hier drücke? Oder hier? Dann beugen wir mal… und strecken. Lassen Sie ganz locker….

Nach erfolgter Untersuchung darf sich der Patient wieder anziehen.

So, das wars schon. Sie dürfen sich wieder anziehen. Es geht heute noch mit einigen Punkten weiter, der Operateur kommt noch zu ihnen, ein Kollege macht noch ein Kreuz auf das richtige Bein, damit wir nichts verwechseln, die Pflege will auch noch was von Ihnen…..

Ich wünsche Ihnen für die OP alles Gute und drücke die Daumen.

Ggf., wenn ich als Assistent mit auf dem OP-Plan stand:

Wir sehen uns dann nach der OP wieder, wenn sie aufwachen und alles überstanden ist.

Ade!

Den Weg finden Sie alleine zurück?

Der Patient entschwindet. 

Dauer bei kooperativem Patient ohne große Medikamentenliste und auffälligem Untersuchungsbefund: 15 – 20 min. Gefühlt tausend Mal durchgespielt. Routine ist was Tolles.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

5 Kommentare zu “Routine-Aufnahme

  1. Bei aller Routine, die gut ist, darfst Du den Menschen, den Patienten, der dahinter steht, nie vergessen 😉

  2. „Kassendreieck“ ist ja lustig 😉
    Aber du machst nicht mit jedem Patienten die selben Witze, oder?

    • nicht immer kommen die kleinen Aufheiterungen beim patienten an und wenn man schon am Anfang merkt, dass das nicht passend ist, dann lässt man natürlich weg. Ansonsten sind die Witze relativ gleich 😀 Oder aber es gibt noch „extra“ oben drauf aus der Situation heraus. (z.B. „ich höre jetzt noch auf Lunge und Hüfte… äh ja. Das wärs ja mal“)

      • Aha. Dann muss ich mir aber noch überlegen, ob mir WLAN als Entscheidungskriterium für Deine Praxis ausreicht… 😛

        Den Artikel fand ich sehr informativ, das hatte ich fast vergessen zu erwähnen.

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