Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Routine

6 Kommentare

„Alles immer auf die gleiche Weise zu tun, war für sie keine Routine – es war Perfektion.“
Tom Clancy, Die Stunde der Patrioten

In der Medizin, vor allem in chirurgischen Fächern, geht der Trend zur Spezialisierung. Zur Subspezialisierung. Zum immer weiteren Auffächern der Bereiche in kleine Abschnitte, für die bestimmte Ärzte Spezialisten sind. Ein Trend, der aus den USA über den Teich schwappt und seit einigen Jahren in Europa angekommen ist. War man früher noch „Orthopäde“, ist man heute Spezialist für eines der großen Gelenke. Z.B. Spezialist für Schulter oder Knie, für Hüft- oder Fusschirurgie. Inzwischen gibt es sogar Spezialisten, die nicht mehr für ein Gelenk, sondern nur noch einen kleinen Teilbereich des Gelenkes zuständig sind, so z.B. das vordere Kreuzband des Kniegelenkes, die Rotatorenmanschette der Schulter oder Sprunggelenke des Fusses. Man fächert das Spektrum immer weiter in Subfachrichtungen auf.

Manch einer mag das langweilig finden. Und zugegeben: ich kann mir nicht vorstellen mein komplettes Arbeitsleben nur noch z.B. vordere Kreuzbänder zu operieren. Da verkommt man zum Fachidioten, der man sowieso schon wird.
Der Vorteil an der Spezialisierung liegt andererseits auf der Hand: man wird in dem, was man tut, nahezu perfekt. Wer 20 Jahre Kreuzbänder operiert, der weiß, was er wie abschneiden muss, was wo angesetzt wird, welche Optionen er zu welchem Schritt und bei welcher Verletzung hat…. aber sobald z.B. eine Meniskus-neben der Kreuzbandverletzung vorliegt, ist er überfragt und benötigt Hilfe vom Meniskus-Kollegen. Der dann wiederum perfekt und routiniert in dem ist, was er tut. Man weiß, was man wie tun kann, kennt jeden Handgriff, hat viele Variationen, die jeder menschliche Körper bietet, gesehen und miterlebt, stand vor Problemen, die man meistern musste….

Ihr seht, diese Auffächerung hat Vor- und Nachteile.

In meiner letzten Klinik, in der ich mein Wahlfach Orthopädie ableistete, hatten wir der Spezialisierung insofern Rechnung getragen, als dass es verschiedene Teams gab. Diese hatten einen Teamchef, einen stellvertretenden Teamleiter und  Oberärzte, Oberassistenzärzte und Assistenzärzte. Wobei letztere  durch die Teams rotierten, um eine größtmögliche Ausbildung genießen zu können. Aber die Oberen blieben fix in ihrem Team. So gab es ein Schulter-Ellenbogenteam, ein Hüftteam, ein Knieteam, ein Fuss- und Tumorteam. Und jeder Teamleader war in dem, was er tat, perfekt.

Die Chefs der Hüfte hatten z.B. zwei Tage in der Woche, an denen sie operierten. Marathontage, wie ich sie nannte, denn die Tage gingen meist von 8 Uhr (erster Eingriff) bis nach 18 Uhr (letzter Eingriff) und umfassten regelmäßig 3-4 Hüftprothesen pro Saal (neben anderen Eingriffen wie Hüft-Arthroskopien…). Man sah eindrücklich, was Routine ausmachen kann: eine Hüftprothese minimalinvasiv mit Zement in 43 Minuten einbauen – das muss man erstmal hinbekommen! 15 min für die Pfannenkomponente, 15 min für die Schaftkomponente und den Rest perfekte Präparation (nicht einfach reinschneiden und gut ist) und Verschluss der Wunde. Schweißtreibend und sportlich, regelmäßig standen die Operateure mit Schweißperlen am Tisch. Im 2-Stunden-Takt wuschen wir uns steril für den nächsten Eingriff, das grenzte fast schon Fliessbandarbeit. Dafür saß jeder Handgriff. Jeder Schritt war hundertfach geübt, durchgeführt, die Winkel zum Einschlagen der Prothesenkomponenten stimmten auf Anhieb, Röntgen war intraoperativ gar nicht mehr geplant, per Blick wurden die richtigen Komponentengrößen bestimmt… irgendwie faszinierend.

Ab und an mussten die Teamleader aus den anderen Teams in ihren Diensten Hüftprothesen einbauen, wenn z.B. eine ältere Dame gestürzt war und sich eine Schenkelhalsfraktur zugezogen hatte. Bei solchen Eingriffen sah man als Assistent im Rufdienst eindrücklich, was Routine in der Medizin ausmacht. Wenn man als Assistent, der einige Hüften in den Wochen mitgemacht hatte, beim Leader, der nur selten noch Hüften einbauen muss, sofort sieht, dass der Schnitt mit der Säge nicht im richtigen Winkel angelegt ist und ewig nachgesägt werden muss. Wenn das Ausfräsen der Pfanne nicht richtig klappt, wenn der Hüftkopf nicht gut geborgen werden kann und sie ihn stattdessen versehentlich zertrümmert in Stücken herauszobbeln müssen. Wenn die Zementsperre plötzlich in den Tiefen des Oberschenkelknochens verschwindet, weil ihre Größe falsch gewählt wurde. Wenn der Operateur sich nicht sicher ist, wo er welchen Haken einsetzen muss, damit er beste Sicht aufs OP-Gebiet bekommt…
Beinahe bekommt man intraoperativ Mitleid mit dem Patienten und möchte selbst nicht in dessen Position sein. Auch, wenn danach das Ergebnis meist zufriedenstellend war. Aber ein Restrisiko, dass irgendetwas schief geht, bleibt.

In diesen Momenten wird einem klar, dass Routine  zwar langweilig sein kann, aber v.a. für den Patienten Sicherheit und ein gutes Outcome nach der Operation bedeutet. Dass Routine zu Perfektion führt.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

6 Kommentare zu “Routine

  1. Sehr anschaulich. Bei OPs ist es sicherlich schnell ersichtlich – aber auch in anderen Bereichen, wo man es vielleicht nicht auf Anhieb sieht, kommen die Vor- UND Nachteile von Spezialisierung zum Zuge. Ich finde, dass man bei aller Spezialisierung auch einen Blick für das Ganze und für die Nachbarn übrig haben sollte. Auch wenn es schwierig ist. Aber wenn man pro Woche 10x die gleiche Operation durchführt, können es dann nicht auch nur 8x sein und dafür 2 andere? So bleibt man auch dort wenigstens einigermaßen in Übung.

    Die „Schweizperlen“ wandern aber trotzdem sofort in meine Stilblüten-Sammlung. 😀

  2. Als Patient geht man ja schon irgendwie danach, wieviele Eingriffe der benötigten Sorte ein Arzt schon gemacht hat. Im Fall meiner SD-OP war ich fast ein wenig beleidigt, als ich erfuhr, dass der Operateur den jeweiligen Eingriff auch nicht ausschließlich macht bzw. möglicherweise gar nicht bei mir am Tisch zugegen war.

  3. Sehr schön die Vor- und Nachteile der Routine und der spezialisierungsbedingten Perfektion beschrieben!
    Notiz an mich: Niemals ungeplant verunfallen und wenn doch, auf jeden Fall was kaputtmachen wo der entsprechende Spezialist grade Dienst hat 😀

  4. Da bekommt man ja fast ein bisschen Angst, wenn man ein Notfall wird, an einen Spezialisten zu geraten, der ein ganz anderer Spezialist ist, als man gerade braucht.

    Aber kann Routine nicht auch, statt zur Perfektion zu führen, gefährlich werden, nach dem Motto, das haben wir schon so oft gemacht, das machen wir mal eben „huschhusch“?

    • das kann es natürlich schlimmstenfalls auch werden… aber ich glaube da ist sich jeder Professionelle bewusst genug, dass er nicht einfach mit eine mStück Holz hantiert, sondern schlimmstenfalls mit einem Menschenleben 😉 (hoffe ich doch)

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