Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Diagnoserätsel: schiefgelaufen

9 Kommentare

Das heutige Diagnoserätsel beschäftigt sich mit einem sehr unguten Verlauf nach einer medizinischen Behandlung. Die Patientin stellt sich zur Verlaufskontrolle in unserer Sprechstunde im Rollstuhl vor und präsentiert folgendes Röntgenbild:

Was war geschehen?

Erst deine Stimme abgeben, danach auf Weiterlesen klicken und den Rest der Geschichte der Patientin erfahren! 

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Die Patientin erscheint im Rollstuhl in der Sprechstunde. Sie kann seit einiger Zeit nicht mehr laufen. Bei Blick auf das Röntgenbild kein Wunder. Ihre Leidensgeschichte begann mit dem Einbau einer Hüftprothese bei Arthrose im Hüftgelenk. Ein Eingriff, der in unzähligen Klinik routinemäßig mehrmals täglich durchgeführt wird, neben dem Kniegelenk eines der am meisten eingesetzten Prothesen. Und meist mit zufriedeneren Patienten als bei Knieprothesen. Geübte Orthopäden bauen eine Prothese in unter einer Stunde Schnitt-Naht-Zeit ein. Fast schon industrielle Abfertigung!

Bei unserer Patientin jedoch lief im Verlauf irgendetwas schief, denn auf dem Röntgenbild sieht man keine Prothese mehr. Und keinen Oberschenkelknochen, wie man es eigentlich gewohnt ist. Die (animierte) 3D-Rekonstruktion angefertigter CT-Aufnahmen sieht so aus:

 

Man erkennt die deutlichen Unterschiede zwischen rechter und linker Seite, oder?

Nach dem Einbau der Prothese kam es zu einer Infektion derselben. Eine gefürchtete Komplikation in der Prothetik, die wie ein Damoklesschwert über jedem Eingriff und jedem Patienten schwebt. Bei einer Infektion muss die Prothese ausgebaut, der Infekt behandelt und eine neue Prothese eingesetzt werden. Es ist einleuchtend, dass eine zweite Prothese nie so leicht einzubauen ist wie die primäre. Der Knochen ist geschwächt, bereits zurechtgesägt, es entstehen große Knochendefekte etc etc etc…. wahrlich keine Freude!

Nach dem Neueinbau einer „sauberen“ Prothese wuchs der Oberschenkelknochen, der dabei wie ein Buch aufgeklappt wird, um die alte Prothese herauszuholen und die neue einzulegen, nicht richtig zusammen. Pseudoarthrose nennt man das medizinisch – eine solche droht bei jedem Knochenbruch, insofern, dass die beiden Knochenteile nicht mehr richtig zusammenwachsen. Bei unserer Patienten musste deswegen die Prothese erneut entfernt werden – inclusive des Pfannenteils im Becken und aufgrund des immer schlechten Knochens konnte man keine neue Prothese einbauen. Deswegen sieht der Oberschenkel und die Hüfte der Patientin nun aus wie auf den Bildern sichtbar wird. Zerstückelt und mit einem riesigen Loch im Becken, wo einst die Gelenkspfanne vorzufinden war. Auf einem solchen Bein kann man nicht mehr stehen.

Nun stellt sich die Frage, was die Ärzte der Patienten anbieten sollen. Ein erneuter Eingriff mit dem Versuch der Wiederherstellung eines Gelenkes ist ein sehr großer und komplizierter Eingriff mit ungewissem Ausgang. Ob die Patientin danach laufen kann, ist ungewiss. Zudem handelt es sich um einen großen Eingriff incl. aller Risiken intraoperativ und in der Nachbehandlung. Oder soll man der Patientin lieber die letzten Jahre im Rollstuhl „zumuten“/“gönnen“, wenn sie damit aktuell ganz gut zurecht kommt?

Was meint ihr?

– Orthopaedix

 

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

9 Kommentare zu “Diagnoserätsel: schiefgelaufen

  1. Wow, das ist echt ein krasses Bild. Puuh. Heftig. Das sieht doch bestimmt auch von draußen richtig seltsam aus, oder?
    Ob OP oder nicht, kommt natürlich ein bisschen auf das Alter der Patientin an und wie sie selber so zurecht kommt.

  2. Also heute war es echt schwer. Den Rollstuhl habe ich als „falschen Hinweis“ untergebracht (sauschlechter Allgemeinzustand -> Rollstuhl), und da ich weder eine Hüfte (mit oder ohne Prothese) richtig ausmachen konnte, noch eine Kniescheibe gefunden habe, habe ich mich falsch für den Arm entschieden. (Ein schnelles Bilderchecken mittels „Oberarmknochen“ hat mich eher bestärkt, obwohl mir die Knochenfragmente für einen Oberarm eigendlich „zu dick“ vorkamen). Fachfremd halt 😀

    Zu dem Problem selber kan ich auch kaum etwas sinnvolles beitragen. Dazu müßte man eine komplette Anamnese kennen, und dann (mit dem Patienten zusammen) das weitere Vorgehen ausarbeiten. Besteht eine halbwegs sinnvolle Aussicht auf Wiederherstellung, wäre es natürlich vermessen, diese dem Patienten zu verweigern. Ist das Risiko aber höher als der Nutzen, und hat der Patient aufgrund Alter und Allgemeinzustand (und auch Wille) wenig Interesse an so einem OP- und Reha-Marathon, sollte man ihn wohl auch nicht dazu zwingen. Fakt ist, ein SPaziergang wird die Wiederherstellung des Oberschenkel-Hüftsystems wohl kaum werden…

  3. Puh, das war schwer!
    Das Kniegelenk hab ich ohne weiteres erkannt; dass es zu weit oben sitzen könnte, auf die Idee kam ich nicht. Sieht echt bös aus auf dem CT. 😦
    Die Frage, was weiter getan werden könnte, überlasse ich lieber mitlesenden angehenden Ärzten. 😉

  4. Wie alt ist denn die Patientin?

  5. Hm – schwierig. Bei sonst altersentsprechendem Zustand hätte sie ja gut und gerne noch 10 Jahre Lebenserwartung. Aber eine so große OP in dem Alter ist auch bei einem Mädel im guten AZ risky… – wie war sie denn vor OP unterwegs? Und was sag sie zum aktuellen Zustand? Gibt es schon eine Entscheidung seitens der Kollegen?
    Spannende Geschichte, allerdings ziemlich unschön für die arme Frau..

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