Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

Leise Töne

12 Kommentare

Mein erstes Tertial endete voller Frust über die Chefetage, aber aus der Gyn ging es ja in die Chirurgie und damit ins gelobte Land. Was hatte ich nicht alles Gutes gehört über den neuen Chefarzt der Chirurgen. Selbst erst seit wenigen Monaten im Haus hatte er es geschafft alle zu begeistern. Schwestern, OP-Pflege, Ärzte, meine Vor-PJler waren voll des Lobs.

Und dass für ihn die Lehre nicht irgendwo nach der Sauberkeit der Station kam, hatte ich selbst schon erlebt. Während meiner gesamten Zeit im Haus, hatte er fast jeden Freitag geschafft sich eine halbe Stunde bis Stunde Zeit zu nehmen und mit uns PJlern eine Lehrvisiste zu machen. So richtig mit Patienten vorstellen, anschauen und dann drüber reden – eigentlich jeden Freitag wieder eine kleine Generalprobe für den mündlichen Teil des Staatsexamen.

Wo der Chef der Gyn noch meinte „Bei uns ist kein Platz für Lehre“, hieß es in der Chirurgie „Wir schaffen Platz für Lehre“. Und wenn diese Einstellung von ganz oben kommt, dann wirkt das im ganzen Team. Die chirurgischen Seminare fanden zuverlässig statt, die Ärzte werden dafür aus Ambulanz, OP oder von Station freigestellt und auch für uns PJler fand sich immer eine Ablösung, damit wir pünktlich waren. Ich war wirklich beeindruckt.

Ihr seht, ich bin auch schon mitten drin im Loben, aber es ist einfach eines der wenigen Male in meinem Studium gewesen, dass jemand all die Versprechungen über Lehre auch wahr gemacht hat. Schon bei so „Kleinigkeiten“ wie Fragen im OP. Wie oft stand ich mit dem Chef am Tisch, eigentlich nur als zweite Assistenz bei einem großen Baucheingriff und er hat immer wieder seine Arbeit unterbrochen, hochgesehen und mich einbezogen: „Schauen Sie mal hier, da sieht man jetzt dieses Gefäß.“ „Fassen Sie mal da hinein, spüren sie den Pulsschlag der Aorta.“ „Jetzt präpariere ich hier entlang dieser Schicht, das ist die besagte mesorektale Faszie.“ und so weiter. Er hat nie wirklich am Tisch geprüft und uns Fragen gestellt, aber er hat alle Fragen geduldig beantwortet.

Kein Wunder, dass die OPs mit ihm heiß begehrt waren. Und dabei hatte ich wirklich ein bisschen Angst vor der Chirurgie. Chirurgische Chefärzte habe ich in verschiedenen Famulaturen als gestresste Choleriker kennen gelernt. In meinem PJ-Tertial durfte ich lernen, dass man da mal wieder nicht verallgemeinern kann. Nicht einmal habe ich erlebt, dass der Chef laut geworden wäre am Tisch der in Besprechungen. Er hat durchaus deutliche Worte gefunden, wenn ihm etwas nicht gepasst hat, aber ohne dabei laut zu werden oder irgendjemanden bloß zu stellen.

Ich glaube, er hat einfach so ein unglaubliche Selbstvertrauen in sich und seine Fähigkeiten, dass er das vielleicht nicht nötig hat. Und dass ihm auch nicht der Schweiß ausbricht, wenn im OP einmal etwas schief läuft. Meine lebendigste Erinnerung ist eine Whipple-OP, bei der wir derbe veränderte Lymphknoten bis tief in den Bauch getastet haben. Und während er ganz entspannt verbackenes Gewebe von der Aorta schält, meint er ohne den Kopf zu heben ganz ruhig: „Haben wir einen dünnen Faden am Tisch. Könnte sein, dass wir den gleich brauchen.“ und macht weiter, während unter den OP-Schwestern kurzfristig Panik ausbricht den passenden Faden zu besorgen. Er hat ihm am Ende nicht gebraucht, aber ich wette er wäre auch locker geblieben, wenn er plötzlich spritzend aus der Aorta geblutet hätte.

So viel Selbstbewusstsein hat aber auch seine Problemseiten. Anders als sein Vorgänger hat er viel mehr Patienten operiert, kränkere Patienten in fortgeschritteneren Krankheitsstadien oder mit schlimmeren Nebenerkrankungen. Und nach und nach begannen sich die Komplikationen zu häufen. Platzbäuche, Wundheilungsstörungen, Nachblutungen, Anastomoseninsuffizienz… Und man hat richtig gemerkt, wie die Stimmung kippt. Das war keiner von den Oberärzten und Assistenten gewohnt, man war sich manchmal nichteinmal ganz klar, wie solche Probleme zu handhaben sind – und der Chef bleibt ruhig.

Plötzlich haben sich die Stimmen gehäuft, die kritisch fragten, ob er sich vielleicht nicht doch ein bisschen überschätzt. Und überhaupt, man würde ja nicht aus ihm schlau werden. Immer nur leise Töne und nie wüsste man, woran man ist. Ist er jetzt wirklich unzufrieden, oder war das vielleicht sogar ironisch gemeint? Der alte Chef, klar, der hat gerne Leute vor versammelter Mannschaft heruntergeputzt, aber hey, dann war wenigstens klar, was los war…

Aus Sicht von uns PJlern habe ich ihn bis zum Schluss geschätzt, sogar darüber hinaus. Bis zur mündlichen Prüfung unserer Vorgänger vor einigen Wochen um genau zu sein. Da hat sich nämlich herausgestellt, dass seine Lehrvisiten eine wirklich nette Sache sind, aber die Fragen, die er da mit uns bespricht leider so gar nicht dem entsprechen, was er später in der Prüfung wissen möchte.
Zu den Kritikern gehöre ich noch nicht, aber zumindest zu den Zweiflern.

– Spekulantin

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Autor: Spekulantin

Die kochen alle nur mit Wasser

12 Kommentare zu “Leise Töne

  1. und nach dem ersten teil wollte ich schon sagen, dass ich auch mal so nen arzt erleben will 😀 aber auf der anderen seite hab ich hammerexamen ja vor dem pj und damit ist das mit den lehrvisiten vllt auch nicht so schlimm 😀

    • 🙂 Alles ist dann doch nicht Gold was glänzt, aber es war schon wirklich wirklich das beste Tertial was Lehre betrifft.
      Habt ihr das gesamte Examen vor dem PJ? Ich dachte der mündliche Teil ist für euch auch danach. Dann wären Lehrvisiten nämlich doch sehr interessant für dich.

      • hm stimmt, das kann auch sein 😀 ich hab mich damit noch nicht so sehr beschaeftigt, erst mal muss ich das physikum schaffen 😀

        • Oh, na bis dahin ändern sie da die Regelung bestimmt noch 2 Mal 😉 Wann ist es denn so weit mit dem Physikum?

          • in einem jahr, wenn jetzt mal alles laeuft wie geplant 😀 und ja, wahrscheinlich, aber irgendwie bin ich ja noch hoffnungsfroh.

          • Oh, na dann hast du das beste ja noch vor dir 😉 Und ich brauch erstmal keine Daumen drücken. 🙂

  2. Erinnert mich an zwei Profs aus meinem Fach. Das Äquivalent zu Deinem Oberarzt in der Physik – der eine Theoretiker, der andere experimenteller Kernphysiker, beide sehr lieb zu den Untergebenen (natürlich!) und als Dozenten super, aber als Prüfer hochgradig gefürchtet und das zu Recht.

    • Manchmal sind mir dann doch die lieber, bei denen du dich wenigstens darauf eingestellt hast, dass es schwer wird. Aber ich frage mich schon immer wieder warum manche Menschen beim lehren so ganz anders drauf sind als dann beim prüfen…

      • Naja, bei uns gab’s Prüfungsprotokolle und ansonsten Flurfunk, welcher Prof wie drauf ist – das wurde einfach in der Fachschaft von Generation zu Generation weitergetragen. Dementsprechend war der Prüfungsaufwand für einige Profs höher als für andere.

        • 🙂 Ich hoffe auch sehr, dass uns unsere Vorgänger ein paar Tipps geben könne, aber ich weiß auch noch gar nicht sicher, ob ich ihn wirklich als Prüfer kriege. Also mal sehen…

  3. Ich finde es gut, dass es auch solche Leute gibt. Ob die Skepsis bzgl. seiner Kompetenz (worauf es jahinausläuft?) berechtigt ist, weiß ich natürlich nciht. Wer schwerere Fällle operiert, hat auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass ihm die Leute sterben.

    Vielleicht ist er ja privat alles andere als gelassen und lässt nach Feierabend die Sau raus. 😉

    Ich kenne auch den umgekehrten Fall: Dass Dozenten in der Lehre echt fies sind, aber in den Prüfungen absolut fair. Alles Menschen, eben. 🙂

    • 🙂 Irgendwie ist es total interessant, dass sich alle auf die letzten Zeilen des Artikels stürzen… Eigentlich besteht der nämlich zum größten Teil aus Lob. Ich bin sehr froh, dass es jemanden gibt, dem die Lehre wichtig ist. WIr haben dadurch alle sehr sehr viel gelernt. Das war ein großes Plus für die Chirurgie!

      😀 Wenn ich mir allerdings vorstelle, wie er Abends Krawatte gegen Tshirt tauscht und einen drauf macht 😀 Da muss ich echt schmunzeln!

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