Arzt an Bord

Zu Risiken und Nebenwirkungen…..

in den Wald rufen

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Nach dem Artikel „Funktionieren“ gab es in den Kommentaren u.a. den Hinweis, dass die von Patientenseite erwartete Höflichkeit, Freundlichkeit und Zugewandtheit gegenüber dem Arzt (und der Pflege…) natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen muss. Wahre Worte, die da geäußert wurden – und bei vielen Patienten selbstverständlich. Wie heißt das Sprichwort so treffend: „wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus„. Wenn ihr als Patienten eine gute Betreuung haben  und mit dem Arzt auf Augenhöhe kommunizieren wollt, dann bringt ihm ein wenig Respekt entgegen. Vielleicht auch ein wenig Nachsicht, dass nicht jeder Assistenzarzt (oder Student) eure Leidensgeschichte in- und auswendig kennt, dass man nicht immer sofort weiß, wer ihr seid, wenn ihr euch in der Sprechstunde vorstellt und dass es z.B. auf Notaufnahmen neben euch viele weitere Patienten gibt, die versorgt werden wollen und die nach Dringlichkeit abgearbeitet werden müssen. Der Arzt ist nicht böswillig (meistens zumindest), wenn ihr ein wenig länger warten müsst, wenn er in der Sprechstunde erst in den Unterlagen nachliest, wie eure Leidensgeschichte verlief oder er euch Dinge zum gefühlt tausendsten Mal fragt, die schon zehn andere Ärzte vor und nach ihm gefragt haben (dass dabei oftmals ganz unterschiedliche Antworten herauskommen ist eine andere Geschichte).

Und bitte liebe potentiellen Patienten, auch Studenten als angehende Ärzte haben Gefühle und ein Recht auf Respekt. In der Rolle als PJ’ler in den deutschen Kliniken haben sie meist von Grund auf kein allzu leichtes Leben (vom Honorar für ihren Einsatz ganz zu schweigen) – und trotzdem beißen sie die Zähne zusammen und sich durch ihr letztes Studienjahr, um endlich das zu tun, was sie immer schon tun wollten – mit Neugier auf euch, mit Freude an euch und dem Umgang mit Menschen und mit Einsatz für euch und eurem Wohlergehen. Denkt daran, dass vielleicht genau in diesem Moment euer Arzt von morgen vor euch sitzt, in der Sprechstunde mit euch spricht und euch untersuchen möchte. Dass dieser junge Student in seiner Lernphase ist und nicht schon jetzt alles wie ein Profi meistern wird.
Meist werden wir vorgeschickt, um die Anamnese zu erheben und euch voruntersuchen zu können. Im Anschluss stellen wir euch unserem Oberarzt vor und dieser kommt danach zu euch und bespricht die weitere Therapie. Keine Panik also, euer Weißkittel ist beinahe bei euch, ihr müsst nur noch schnell an seinem „Türsteher“ oder, wie ich es den Patienten immer sage, „der Vorhut“ vorbei. Anders funktioniert das System der Sprechstunden in den Kliniken nicht, denn kein Oberarzt hat die Zeit sich für jeden Patienten so viel Zeit zu nehmen, wie es für Anamnese, Untersuchung, Besprechung von radiologischen Aufnahmen und Prozedere sowie dem anschließenden Sprechstundendiktat benötigt.

Da kann es, gerade bei den PJlern und Studenten, die erst neu in der Klinik sind und euch zuvor niemals gesehen haben, vorkommen, dass diese sich unsicher sind, die ein oder andere Frage stellen müssen, die ihr eurem behandelnden Ober- oder Chefarzt schon beantwortet habt oder dass diese nicht alles aus eurer Vorgeschichte wissen. Seht es mit einem Augenzwinkern – aber bitte, greift sie deswegen nicht an und/oder macht ihren Einsatz und ihre Arbeit schlecht. Sie geben garantiert ihr Bestes!

(c) delsmann.de

Mir ist es ein paar Mal passiert, dass ich von Patienten „dumm angemacht“ wurde. Während einer Famulatur in einer Privatklinik meinte eine der Privatpatientinnen rundheraus zu mir, als ich zur Anamneseerhebung und Voruntersuchung ins Zimmer kam, ich „habe ja eh keine Ahnung und wisse gar nichts“ und sie „wolle nur mit dem behandelnden Arzt sprechen„.
Immer wieder gut sind auch die Gesichtsausdrücke, wenn ich als als Erster das Zimmer betrete, bevor der Arzt kommt, und die fragenden Blicke, wo der Arzt sei und was ich denn hier verloren habe.
Damit kann ich eigentlich inzwischen ganz gut umgehen und nach einem Standardspruch, dass ich nur die Vorhut sei, bin ich bisher bei vielen Patienten gut gelandet und konnte sie beruhigen.

Manchmal aber, da weht einem unterschwellige Feindlichkeit entgegen, so vor einiger Zeit geschehen. Wir hatten Sprechstunde und als Unterassistent sind wir hier in der Schweiz als Arbeitskraft dafür voll mit eingerechnet. Das bedeutet, wir arbeiten wie die Assistenzärzte fleißig mit, bekommen die Akten der Patienten und müssen dann Anamnese und Untersuchung bei ihnen machen. Anschließend schauen wir uns die Röntgenbilder an und besprechen dann mit dem Leitenden den Stand der Therapie und die geäußerten Beschwerden. Daraufhin betritt man zu zweit das Untersuchungszimmer und der Leitende bespricht die Optionen (ggf. untersucht er nochmals gezielt nach) – und am Ende händigt man Physiorezepte, Medikamentenrezepte, Röntgenüberweisungen, Arbeitsunfähigkeiten etc aus und diktiert den Sprechstundenbericht.

Ich betrete also, nachdem ich die dicke Akte entgegengenommen und den letzten Sprechstundenbericht überflogen hatte, das Untersuchungszimmer und begrüße „meinen“ Patienten zu seiner Nachkontrolle. Dieser schaut mit großen Augen auf mein Namensschild und noch bevor ich beginnen kann meine Fragen an ihn zu stellen, wirft er mir entgegen, ob ich ihn denn kenne. Natürlich kenne ich von ihm nur das, was im letzten Sprechstunden bericht als Diagnosen und Bericht steht. Und ob ich irgendwas von ihm wisse. Ich hätte doch gar keine Ahnung von seinem Fall, was denn das dann bringe und solle und dass er bitte umgehend mit dem Leitenden direkt sprechen wolle. 

Zunächst versuche ich auf seine Vorwürfe und aggressiv vorgetragenen Feindlichkeiten einzugehen, indem ich beschwichtigend meine, ich habe seinen letzten Sprechstundenbericht gelesen und wisse, wo seine gesundheitlichen Probleme liegen und dass er zur Nachkontrolle hier sei – aber seine gesamte Geschichte der letzten 10 Jahre kenne ich natürlich nicht. Das besänftigt ihn aber nicht weiter – und ich versuche die Situation mit meinem Vorhut-Spruch zu entschärfen.

Ein Glück, dass dieser zumindest halb erfolgreich landet und der Patient sich ein wenig beruhigen kann. Am Ende der Anamnese entschuldigt er sich dann kleinlaut für das anfänglich aufbrausende Verhalten – „kein Ding, ich kann Sie ja verstehen“ ist alles, was mir dazu einfällt. Er lässt sich schließlich doch von mir untersuchen und antwortet auf meine Fragen, bevor ich seinen Fall und die aktuellen Leiden dann dem Leitenden vorstelle und dieser zu ihm ins Zimmer geht.

Trotzdem war in mir kurzzeitig Frust, Enttäuschung, Traurigkeit ob der Bemühen und Anstrengungen, die man für seien Patienten macht und die so quittiert werden und unterschwellige Abneigung bei so schnellem Vorurteil durch ihn gegenüber mir aufgekommen. Wald und so. Da macht das Arbeiten dann nur noch halb so viel Spaß.

Deswegen: liebe Patienten, habt Nachsicht mit uns – wir haben sie auch unzählige Male am Tag mit euch in euren Ausnahmesituationen und die meisten von uns geben ihr Bestes für euch! Und ein Lächeln, ein „Guten Morgen“ oder einfach nur „Danke“ sind unbezahlbar und machen jeden Patienten einzigartig in unserer Erinnerung! Denn an das Positive erinnern wir uns viel lieber als an das Negative.

Orthopaedix

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Autor: Orthopaedix

bones and pain

12 Kommentare zu “in den Wald rufen

  1. Ganz ehrlich: Hier im Krankenhaus würde ich mich über jeden deutschsprachigen Studenten, Famulanten, PJler… freuen! Denn die würde zumindest sprachlich erfassen können, wo mein Problem liegt. Hier laufen im KH zwar „fertige“ Ärzte herum, doch sind deren Deutschkenntnisse so mangelhaft, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass die begreifen, welche Beschwerden man äußert. Bei der Eingangsuntersuchung meines Papas wusste der nette pakistanische Arzt z.B. nicht was Durchfall bedeutet. Auch andere Frage konnte er nicht ohne Hilfe der Schwester stellen bzw. die Antworten auf Anhieb erfassen. Besonders spannend war das, als ich mit meiner Oma, die wir hier bei der älteren Generation üblich, nur Plattdeutsch spricht, nach einem Sturz in der Notfallambulanz war. Eine direkte Kommunikation von Oma und Arzt war nicht möglich, obwohl sie sich wirklich wirklich bemühte, Hochdeutsch zu sprechen. Ich habe mich dann als Dolmetscherin probiert, richtig erfolgreich war das aber erst, als ich einige englische Vokabeln einstreute. Zu diesem Arzt konnte meine Oma dann kein Vertrauen aufbauen. Auf Station wurde es dann auch kaum besser. Wenn Oma berichtete was die Ärzte bei der Visite gesagt haben, kam dabei auch nichts vernünftiges bei herum, obwohl sie geistig noch richtig fit ist. Das ist einfach die sprachliche Hürde…
    Da wünsche ich mir wirklich jemanden, der meine Sprache spricht und versteht, worunter ich leide! Der auch eine Chance hat Nuancen in der Sprache zu bemerken und richtig zu deuten (z.B. Wie ist der Schmerz? Zieht es? Ist es dumpf? usw.) Das ist mir wichtiger, als wenn der Chef persönlich nur einen oberflächlichen Blick auf mich wirft, weil er eigentlich gerade an 10 Stellen gleichzeitig sein muss oder ich einen Arzt habe, mit dem ich nicht kommunizieren kann – egal wie gut seine fachlichen Qualitäten sind.

    • die Zunahme an ausländischen Ärzten, die die deutsche Sprache nicht mehr gut beherrschen, ist leider ein großes Problem in den Kliniken. Darunter „leiden“ auch die deutschen Kollegen, weil Fremdsprachler keine Nachtdienste machen können, wenn sie am Telefon nicht kommunizieren können, wenn die Station mit Notfällen anruft etc…. also muss der deutsche Arzt mehr arbeiten.
      Grund für den verstärkten Zuzug der ausländischen Ärzte ist u.a., dass die Deutschen ins Ausland gehen oder sich den Alltag in deutschen Kliniken mit Stress und keiner angemessenen Freizeit (und Bezahlung) nicht antun wollen. Dann gehen sie z.B. lieber in die Schweiz (da sprechen sie wenigstens fast immer die Sprache 😀 ) und ihre Lücken werden mit ausländischen Ärzten aufgefüllt….

  2. Sehr faszinierend sind immer die völlig irritierten Blicke, wenn auf die Frage „Wie geht es Ihnen?“ die Antwort kommt „………. und Ihnen?“ 🙂
    Das scheint irgendwie nie jemand mit zu rechnen, dabei empfinde ich das einfach als selbstverständlich.

    • oder wie die Schweizer fragen: „Wie goads Euch?“ 😀 Meinen Blick hättest du sehen sollen… „ja, also MIR gehts gut, und Ihnen?“ 😛

      • Kenn ich 😀 komme Samstag nach einem Tauchgang aufs Boot, da liegt einer der anderen Gruppe (etwa gleichzeitig mit uns ins Wasser gegangen), in Schocklage und fragt mich, wie es mir geht…

  3. Ich werde ehrlich zu Dir sein,selbst wenn so manches nicht trostspendend ankommt.Dabei sei angemerkt,dass ich dein Engagement und Begeisterung für die Arbeit sehr bewundere.

    Als Student in einem derartigen Fach (und bei noch einigen anderen wo mehrere Staatsexamen für eine vollständige Fachkompetenz vorausgesetzt werden) wird man immer „dumm angemacht“.Es ist „normal“.:-)

    In meiner Studienzeit bekam ich erst nach 5 Jahren meine erste Akte (nur) zum Lesen.Den ersten offiziellen Kontakt mit den „eigentlichen“ Menschen,bekam ich nach dem ersten Examen,auch für wenig Geld neben schlaflosen Nächten,die ich mit dem Lernen verbrachte.

    Mein Fazit (in Anlehnung an deine Fachrichtung):
    1.Studenten bringen ihrem Fach besonderen Respekt und Enthusiasmus entgegen und erwarten auch Anerkennung,wenn sie endlich den Abschluss schaffen.Problematisch ist an dieser Stelle,dass sie zwar viel gelernt haben aber dennoch,fachlich gesehen,extrem unerfahren/ahnungslos sind.Fachliche „Anerkennung“ kommt mit dem Abschluss,oder sogar viel später.Niemand wird jemals den roten Teppich ausrollen,selbst wenn man es,gefühlt,verdient hätte.

    2.Die Kundschaft kommt meistens zu einem,weil sie ihre Probleme gelöst sehen möchte.Dabei interessiert sie sich wenig dafür,dass jetzt gerade irgendein Student etwas lernen möchte/muss.In der Regel ist man,falls problembelastet,auf sich selbst konzentriert und möchte eigentlich nur behandelt werden.Dies kann ein Student nicht gewährleisten-daher die Reaktionen.

    3.Ein noch nicht fertiger Arzt ist nun mal kein Arzt,genauso wie ein Jurastudent noch kein Anwalt ist.Dies ist das böse Erwachen-man arbeitet und studiert nicht um „Respekt zu ernten“,sondern um „dienen“ zu können.Und um dienen zu können muss man mit Menschen konfrontiert werden.Die Abweisungen gehören manchmal dazu,und zwar in allen Phasen.

    4.Erwarte keine Dankbarkeit-die gibt es nämlich nicht,und wenn sie dennoch kommt,erlebst Du vielleicht eine gewisse „Katharsis“.Der Wille einem Menschen zu helfen bringt einen gut durchs Studium,aber später arbeitet man für die Leute (und das auch unter ihren „Bedingungen“) und zwar gegen Geld.
    Es gibt nette,anstrengende,höfliche,unhöfliche und allerlei Kunden.Ich bin persönlich froh,wenn ich weiß,dass ich die Arbeit gut getan habe,oder besser gesagt,wenn ich es nicht versäumt habe , nach allen Regeln der Kunst,zu arbeiten.

    Also,mache Dir keine Sorgen,versuche Dich immer wieder aufs Neue aufzubauen und die bösen Blicke nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen.Du wirst Dein ganzes Leben lang mit immerhin kranken und genervten Leuten zu tun haben.:-)

  4. Mal aus Patientensicht gesprochen (und ich war eine von denen, die darauf hinwies, daß Freundlichkeit gegenüber Arzt und Pflegepersonal selbstverständlich sein sollte ;-)):
    Das Problem, das „wir Patienten“ haben ist doch eigentlich nicht der PJler oder der unerfahrene junge Arzt, der an uns lernt (auch wenn das mitunter schmerzlich ist, ich erinner mich da an eine zunehmend frustrierte Chirurgie-PJlerin, die nach fünf Fehlversuchen an Arm, Handrücken und Fuß nur noch auf meine beschissenen (sic!) Venen fluchte – da habe sogar ich ich mal kurz die Contenace verloren, und ich bin da sehr unempfindlich und habe mich für medizin studierende Freundinnen immer wieder freiwillig zum „Üben“ zur Verfügung gestellt. Sie hat dann zwar mein Angebot abgelehnt, den Zugang rasch selbst zu legen, aber netterweise eine andere Pjlerin geholt, die meine ohnehin schwer zu verfehlende Vene auf Anhieb fand).
    Das Problem ist das Gleiche, unter dem auch die jungen Nachwuchsärzte zu leiden haben, nämlich das System an sich. Das System im Krankenhaus bedingt ja oft, daß der PJler für den Patienten der greifbarste Ansprechpartner ist, schließlich wird er meist vorgeschickt mit dem Auftrag „guck mal was los ist“. Er ist also direkt am Patienten, wenn der ein Anliegen hat, darf da aber weder was ebtscheiden noch etwas zusagen noch eine Aussage treffen. Geht er dann mit dem Anliegen zum Assistenzarzt und der reagiert sofort darauf ist der Patient zufrieden. Ist er nett, sieht er den Pjler als den tollen Organisator, mesit vergisst er dessen Zutun aber zugegebenermaßen. Viel häufiger aber lässt doch der Assistenzarzt auf eine Reaktion warten oder muss erst noch mit dem Oberarzt Rücksprache halten oder verspricht sich zu kümmern, kriegt dann aber einen Notfall dazwischen und vergisst den Rest. Alles was der Patient davon mitbekommen hat ist aber der Pjler, der gesagt hat „ich kümmer mich darum“… Leider liegt es in der Natur des Menschen, Positives als selbstverständlich hinzunehmen, Negatives aber zu registrieren und zu erinnern. Und dann gibt es eben immer noch zwei Sorten von Menschen. Die, die sich über die Ursache der Negativerfahrung ärgern, nämlich das System, rigorose Sparprogramme, Ausbeutung der Nachwuchsärzte etc., und die, die sich über die „Vertreter“ das Systems ärgern, die genauso darunter leiden wie der Patient…
    Und zusätzlich zu alldem gibt auch vom Pjler bis zum Chefarzt auch immer noch etliche, die ihren Beruf verfehlt haben. Die gibt es nämlich in jedem Beruf, in dem man mit Menschen zu tun hat ;-). Das können sogar teilweise hervorragende Mediziner sein. Und es gibt natürlich auch die netten Ärzte, die einfach schlechte Mediziner sind *gg*. Zum Glück sind die meisten „menschenumganstauglich“ UND medizinisch fit. Aber da kommt dann wieder zum Tragen daß man sich eher an die Negativbeispiele erinnert…

    Ich habe in den letzten zwei Wochen drei Ärzte mit demselben Problem behelligt (Arbeitsunfall, also Notaufnahme und angegliederte Ambulanz).
    Arzt 1 (Sonntagsnachmittags in der Notaufnahme, also einer aus dem unteren Glied der Hierarchie) konnte sich nicht mit mir unterhalten weil er nur sehr mäßig Deutsch sprach, somit fiel auch die Anamnese dürftig aus. Die angeordneten Röntgenbilder waren von den richtigen Körperteilen aber aus falschem Winkel. Diagnose „Prellungen“. Arztbericht vom Arzt selbst geschrieben und überwiegend unverständlich formuliert (wegen des sprachlichen Defizits), nach Aussage von Arzt 2 auch medizinisch unbrauchbar. Auch nett – das kann er dem Assi bitte unter vier Augen sagen, aber nicht mir als Patientin. Finde ich zumindest…

    Arzt 2 (chirurgischer Oberarzt), reguläre Sprechstunde in der Ambulanz, nach zwei Tagen wegen zunehmender Beschwerden aufgesucht. Ordnete andere Röntgenbilder an. Diagnose AC Gelenkssprengung und vermutlich knöcherner Bandausriss in der Handwurzel

    Arzt 3 (chirurgischer Oberarzt), reguläre Sprechstunde in der Ambulanz, regulärer Kontrolltermin nach 10 Tagen. Schulterdiagnose nach Ansicht der Röntgenbilder bestätigt, Handdiagnose nach seiner Aussage (der ich Glauben schenke, weil ich das genauso sehe) nach den Röntgenbildern überhaupt nicht zu stellen. Abwarten und bei anhaltenden Beschwerden MRT machen.

    Angefasst = untersucht hat mich keiner der drei Ärzte…

    Heute trete ich aus anderem Grund eine Reha an und werde mit den Beschwerden erstmals einem Orthopäden in die Finger fallen. Bin gespannt, was dabei rauskommt.

    Ich habe ein sonniges Gemüt und keine schweren Verletzungen. Aber wundert es, daß Patienten die dieses System durchlaufen nicht wirklich glücklich sind? Und dann die Schuld bei dem suchen, den sie sehen, also dem Arzt?

    Kleine Anekdote am Rande, Arzt 3 hat die meiste Zeit die er bei mir war telefoniert. Einmal mit einem Kollegen über eine Beschwerde eines namentlich benannten stationären Patienten, wobei über ebendiesesn gut „gelästert“ wurde. Einmal mit einem anderen Kollegen über den aktuellen OP-Plan, inklusive Namen und Diagnosen und der Aussage „neee, den Ileus beim xy mach ich nicht, ich häng noch bis 18 Uhr in der Ambulaz fest, danach kann ich noch eben den Abszess be der z machen, das geht ja schnell, auf mehr hab ich heute keinen Bock mehr“. Menschlich alles verständlich und ich habe auch nichts dagegen das sich Chirurgen untereinander so unterhalten, kenne genug persönlich um zu wissen wie es da „zur Sache geht – aber bitte nicht vor Patienten. Meine persönliche Bereitschaft, in diesem Krankenhaus irgendwann nochmal eine OP machen zu lassen geht nun gegen Null 🙂

    Ich schreibe das nicht um irgendwas schlecht zu machen. Die Herren machen alle vermutlich nen guten Job. Und zwar einen, den ICH nicht machen möchte. Aber deshalb habe ich ja auch nicht Medizin studiert sondern was anderes- schließlich weiß man vorher, was einen da erwartet, auch wenn man es sich vermutlich nicht realistisch vorstellen kann bevor man selbst drinsteckt.

    Ich schreibe das, um mal das aufzuzeigen was der Patient sieht und mitbekommt. Das macht es dem jungen und motivierten Arzt nä,lich vielleicht leichter zu verstehen, warum der manchmal so mürrisch, undankbar und schwierig ist ;-). Die allermeisten haben sich nämlich über das, was da hinter den Kulissen abgeht noch nie nennensewert Gedanken gemacht.

    Ich jedenfalls werde weiterhin mein bestes geben nett zu allen zu sein, die sich um meine Gesundheit bemühen. Und ich feue mich, in diesem tollen Blog hier immer wieder weitere Einblicke zu gewinnen, die mich „den Arzt“ noch besser verstehen lassen.

    LG
    Judi

    • da hast du uns aber eine krasse Erfahrung geschrieben… 3 Ärzte und 4 Meinungen. Ein gängiger „Witz“ in der Medizin. Als Betroffene leider gar nicht mehr so lustig…. ich hoffe, der Orthopäde schaut dich und FASST dich mal an – und es kommt nachher ein sinnvolles Ergebnis raus! Danke fürs Teilen deiner Erfahrung!

      Es freut uns ,wenn dir unser Blog gefällt – Vielen dank für das Kompliment! 🙂

  5. Nun ja…. zu diesem Thema fällt mir ungemein viel ein. Ich versuch mich mal kurz zu fassen:

    Das, was du da beschreibst, dürfte jedem, aber auch wirklich jedem Berufsanfänger immer wieder passieren. Ich bin nun kein Arzt, sondern (im ersten Berufsleben) Lehrer, war jung, motiviert, voller Tatendrang und erlebte im (von mir perfekt vorbereitenen) Elternabend wenig Zuspruch von den Eltern. „Sind Sie aber jung!“, „Das ist doch hoffentlich nicht ihre erste Klasse!“ (doch, war sie!), „Haben Sie denn jemanden, der für Sie verantwortlich ist?“. Über die vorgestellten Inhalte wollte eigentlich keiner diskutieren, meine Jugend (Mitte 20) versetzte die Eltern dafür in Aufruhr. Da hilft nur Freundlichkeit und Professionalität UND der Versuch, sich in die Rolle des anderen zu versetzen (Eltern haben „Angst“ ihre Kinder könnten unter Anfängerfehlern des jungen Lehrers leiden bzw. Patienten haben Angst, dass ihnen nicht der Erfahrungsschatz des erfahrenen Arztes zur Verfügung steht). Gerade Letzteres ermöglicht eigentlich gut, mit einer professionelle Distanz auf solche Emotionen zu reagieren. Der Klient / Patient / wer auch immer, meint nicht dich persönlich, er hat Angst, in der Regel. Unfreundliche Menschen gibt es natürlich immer.

    Eltern von Kindern und auch Patienten, gerade die, sind in einer emotionalen Ausnahmesituation. Eine OP steht an, eine Krankheit bedroht das Kind, den Erwachsenen, da entfährt einem womöglich auch mal im ganzen Stress ein Satz oder eine Geste, die unfreundlich gedeutet werden könnte, ohne dass es persönlich gemeint ist. Ich hatte das zweifelhalfte Vergnügen im Mai 17 Tage mit meinem Kind in der Klinik zu verbringen und hatte ganz, ganz furchtbare Angst. Ich möchte meinen, dass ich mich dennoch höflich und freundlich verhalten habe, garantieren kann ich es nicht, zumal ICH mich als Mutter oft von den Ärzten nicht ausreichend informiert gefühlt habe. Und es gehört zum Glück nun mal nicht zu meinem Alltag, dass mein Kind mit allergischen Schocks auf Medikamente reagiert, Cortison in die Vene gepumpt bekommt und ab dann an Überwachungsgeräten hängt.
    Aber auch das gehört meiner Ansicht nach zur Professionalität von Ärzten, die emotionale Ausnahmesituation der Patienten (und deren Angehörigen) einzurechnen und eben Distanz zu wahren emotional. In meinem ersten Beruf als Lehrerin waren das einmal die Eltern, aber auch die Schüler. Wenn man jeden flapsigen und auch frechen Spruch von pubertierenden Schülern ernst nehmen würde oder gar noch die eigene emotionale Befindlichkeit einbringen würde, käme man nicht weit.

    Und drittens: im zweiten Berufsleben wurde ich Soziologin. Es gibt eine Fülle von Studien der medizinischen Soziologie, die sich mit der Kommunikation zwischen Arzt und Patienten aus den verschiedensten Blickwinkeln auseinandersetzt. Ich habe keine Ahnung, ob das zur Ausbildung von Ärzten gehört, schön wäre es.

    • auch dir vielen dank für deine Gedankenanstöße! Im Studium gibt es tatsächlich die medizinische Soziologie, die sich aber weniger mit der Kommunikation als mit viel unwichtigeren Dingen beschäftigt (aus Studentensicht unwichtig). In der Psychologie behandelt man die Patienteninteraktion und stellt diese auch mit Schauspielern nach…. und als Ärzte gibt es sog. Balint-Gruppen, in denen Ärzte über ihre Erfahrung, Frust etc im Kollegenkreis reden können.

  6. Das gleiche gilt aber auch für Ärzte. Wenn ich 4 Stunden mit Schmerzen warte, dann 4 Minuten beim Arzt bin (und trotzdem alle Höflichkeitsformen beachte, ihn freundlich Grüße, seine Fragen beantworte, etc) und mir dann gesagt wird: „Joah, da können wir nix machen, nehmen sie ne Ibuprofen und gehen sie zum Facharzt, wenn es Montag nicht weg ist!“ und einem die Schwester dann noch sagen muss, dass der Facharztbesuch wichtig ist, da sonst Folgeschäden bleiben können…ja, da könnte einem auch anders werden.
    Oder der Freund der aufgrund seiner Krankheit und der Medikamente stark zugelegt hat, und als er dann mit Knieschmerzen beim Orthopäden war, nur um sich anhören zu dürfen: „klar, mit dem Bauch muss das Knie ja auch zu viel tragen. Specken sie ein bissel ab, dann geht das wieder“….na, zum Glück war ich da nicht dabei. Da wäre mir dann der Faden gerissen. Besagter Freund war früher spindeldürr und sehr sportlich (wir waren im gleichen Verein), kann aber eben aufgrund ner chronischen Krankheit nicht mehr. Der Arzt kann das nicht wissen, klar – aber die Art ist echt das Letzte…

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